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Bücherschau

Paterno, Wolfgang - „So ich noch lebe …“

Meine Annäherung an den Großvater
Wolfgang Paterno ist seit 2005 Redakteur des Nachrichtenmagazins profil und hier vor allem als Literaturrezensent bekannt. Doch auch als Autor konnte sich Paterno in den letzten Jahren einen Namen machen, etwa mit der aus seiner Dissertation hervorragenden Studie „Faust und Geist. Literatur und Boxen zwischen den Weltkriegen“ (2017), aber auch mit vielbeachteten Anthologien wie „Ein Jahrhundert Leben. Hundertjährige erzählen“ (2018) und „Das erste Mal. Autorinnen und Autoren über ihr erstes Buch“ (2019). Mit der Anfang 2020 im Haymon Verlag erschienen 300-seitigen Aufarbeitung der Geschichte seines Großvaters Hugo Paterno ist die bislang persönlichste Publikation des 1971 in Vorarlberg geborenen renommierten Journalisten erschienen. 
Wolfgang Paterno gelingt in „So ich noch lebe …“ der Spagat zwischen beeindruckend akribischer zeithistorischer Forschungsarbeit – die Arbeit an dem Buch dauerte über zehn Jahre – und auch für eine auch breitere Leser*innenschaft zugänglichen bewegend persönlicher Biografie. Paterno geht in seiner schonungslosen Chronik eines ideologisch motivierten Mordes zu Beginn auf die familiäre Vorgeschichte des heute als „NS-Opfer“ anerkannten Vorarlberger Großvaters ein. Hugo Paterno wurde 1896 in Bludenz als eines von acht Kindern italienischstämmiger Eltern in ärmlichste Verhältnisse hineingeboren, besuchte die Volks- und Bürgerschule und diente nach ersten beruflichen Schritten als Soldat im Ersten Weltkrieg. 
1920 wurde er in die Vorarlberger Finanzwache aufgenommen, arbeitete vorerst als Zöllner in Höchst, dann im Lustenauer Zollamt Rheindorf, von 1934 bis 1938 in Gaißau, wo er, „erzkonservativer Katholik“, als „so genannter Schwarzer“ galt, zum ersten Mal verleumdet wurde. Es folgten die Rückversetzung des Zollwachebeamten nach Lustenau sowie zwei weitere Denunziationen, zuletzt von der damals 40-jährigen Trafikantin „Rosa R.“, die im Spätsommer 1943 zu Inhaftierung, mehrmonatiger Haft in Innsbruck und danach im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee, Verurteilung und schließlich zur Enthauptung wegen „Wehrkraftzersetzung“ im Zuchthaus München-Stadelheim am 7. Juli 1944 führten. Kein Kreuz durfte in den folgenden Jahren an den Ermordeten erinnern, dessen Leiche nie von der Familie empfangen werden konnte, dessen Erinnerung für Jahrzehnte zwischen Schweigen und österreichischer Vergessenskultur unterzugehen schien. Diesem „Großvater ohne Kopf“ ist Wolfgang Paternos langjährige autobiografische Familienrecherche gewidmet.
Über mehrere Jahre forschte der Journalist in Österreich und international, schrieb tausende von Briefen, Anträge, Mails, besuchte – zumeist schweigende – Nachfahren, saß monatelang in Archiven und fügte Baustein um Baustein einer Chronologie eines Mordes zusammen, die in der Nachlese so unfasslich wie „hautnah“ erscheint. Heute umfasst der angesammelte Datenbestand zwei überdimensionale Aluminiumkisten und hunderte von Dokumenten.
Deutlich wird, nicht zum ersten Mal, wie zäh sich das nicht selten bewusst gesteuerte Vergessen Österreichs bis heute hält: Kontaktierte Zeitzeugen und Nachfahren sprachen ebenso wenig über die Ereignisse, wie sie bislang auch die regionale Erinnerungspolitik nur ungern ins „rechte Licht“ gerückt hat. So findet sich der Name des ermordeten österreichischen Beamten auf einem „Kriegerdenkmal“ der Stadt Bludenz ebenso wie er seit 1979 auf der Ostseite des Befreiungsdenkmals in Innsbruck eingraviert ist: zwei „Mahnmäler“, die diametraler nicht über Geschichte und Vergessen in Österreich erzählen könnten.
Dass der Name seines Großvaters nicht auf ein Heldendenkmal des Zweiten Weltkriegs gehört, macht der Enkel spätestens mit seiner „Annäherung an den Großvater“ deutlich. Denn „Hugo“, der gottgläubige, stille, ernste und zurückgezogene mehrfache Familienvater, der bis zuletzt seinen tiefen Glauben an Gott nicht ablegen wollte und noch am Tag seiner Hinrichtung in einem letzten Brief an das Gaißauer Kloster schrieb, „Ich ergebe mich in den hl. Willen Gottes. Dass der Herr mir gnädig sei, hoffe ich sicher!“, war eben nicht, so sein Enkel, „für Führer, Volk und Vaterland gefallen, sondern von ebendiesen ermordet worden“.
Wolfgang Paterno beginnt seine Familiengeschichte mit einem „Prolog“, im dem der Autor offen über seine persönliche Nicht-Beziehung, über die durch Schweigen und Verdrängung unmöglich gemachte Nähe zu einem „Opa“ schreibt, der „Hugo“ nie gewesen war. „Hugo war der Fremde“, ist so auch der erste starke Satz eines Buches, das so eindrücklich wie schonungslos zwischen dem unverschuldeten eigenen familiären Verlust und der weltgeschichtlichen Einbettung eines, so eines der Leseerkenntnisse, nur vordergründig „kleinen“, unscheinbaren Lebens changiert. „Wie ihn also nennen? Vielleicht einfach nur Hugo.“
 
„Gestorben als Opfer seiner christlichen Überzeugung“
„Hugo“ wird das Synonym für diese literarisch-historische Suchbewegung. Aber auch für das ungebrochene Verdrängen nach 1945 auf allen Seiten. „Erst 1968 erwirbt Maria [Hugos Frau] ein eigenes Familiengrab. Ein Vierteljahrhundert nach Hugos Hinrichtung lässt sie in dem schwarzen Stein gleich beim Eingang des Rheindorfer Friedhofs in Lustenau schreiben, dass ihr Mann hier ruhe. Weshalb ließ sie Hugos Geschichte 25 Jahre lang ruhen? Warum gab auch sie ihn dem Vergessen preis?“ 
Wolfgang Paterno erzählt keine konsistente Geschichte darüber, wie es „wirklich“ war. Ungereimtheiten, seien es solche innerhalb der eigenen Familie, seien es solche der Verhandlungsprotokolle von 1943/44, aber auch die schier unglaublichen Variationen, mit denen noch lange nach Kriegsende über den Vorfall berichtet wurde, lässt er, klug arrangiert, stehen und für die Leser*innen als solche offen. Etwa, wenn die Verurteilung der einstigen Denunziantin im Jahr 1947 von so mancher Seite scharf kritisiert und als Justizfehler bewertet wurde. „Bei dieser Sachlage versuchte Denunziation anzunehmen, ist nur der imstand, der sich über jede Rechtssprechung und Gesetz willenlos hinwegsetzt“, heißt es etwa in einer anonymen Postkarte aus dem Juni 1947. Wer im NS-Regime verriet, galt nach Kriegsende eben nicht unbedingt für alle als Verräter*in. 
Neben einem Gnadengesuch der einstigen Scharnitzer Trafikantin finden sich im Anhang zahlreiche zeithistorische Dokumente, Zeitungsartikel, Vernehmungsprotokolle. „Ich kann mich an die ganze Angelegenheit nicht mehr genau erinnern, da ich seither zu viel mitgemacht habe“, heißt es in Mitschriften von Vernehmungen mit Rosa R. aus den Jahren 1946 und 1947, an anderer Stelle: „Über seine [Paternos] Äußerungen kann ich heute nichts mehr aussagen.“ Und wieder an anderer Stelle in denselben Dokumenten: „Ich hätte über die Äußerungen des Paterno geschwiegen, wenn ich nicht vom Finanzbeamten Rheinhold S. aufgefordert worden wäre, die staatsfeindlichen Äußerungen des Paterno zu Protokoll zu geben.“ Ganz anders schilderte im Februar 1947 ein weiterer Zeitzeuge das Verhalten Rosa Rs., der Gendarmerie-Beamte des Ortes, Romed K.: „Aufgefallen ist mir aber, dass Rosa R. ohne näheres Befragen oder Zwischenfragen den Vorfall schilderte und es machte mir dabei den Eindruck, dass sie dadurch ihre fanatische NS-Gesinnung klar und deutlich zum Ausdruck bringen wollte.“
Ob Rosa R., ihr Mann, ihre Schwägerin, ob „Hugos“ Kollegen oder Vorgesetzten – und vermutlich, so lässt sich zwischen all den widersprüchlichen Zeilen der zahlreichen Originaldokumente herauslesen, schlichtweg alle zusammen – am Verrat und Tod des „Opas ohne Kopf“ beteiligt waren, ist eine der vielen Fragen, die „So ich noch lebe …“ nicht beantwortet, sondern vielmehr zum ersten Mal in dieser Dimension überhaupt stellt. 
Mit seinem aktuellen Buch ist Wolfgang Paterno eine faszinierende und erschütternde Familien-, Regional- und Erinnerungsgeschichte gelungen. Auch wenn man das Buch angesichts der teils aus heutiger Sicht nur schwer fasslichen Dimension an ideologiegetriebenem Hass, Neid und Verrat, aber auch der immensen Dichte an Material immer wieder beiseitelegen muss, so lohnt es sich, Wolfgang Paternos Spurensuche bis zur letzten Zeile zu begleiten, denn: „Geschichte kennt kein Ende.“ 
Angela Heide
 
Paterno, Wolfgang - „So ich noch lebe …“
Meine Annäherung an den Großvater. Eine Geschichte von Mut und Denunziation. Haymon 2020. 303 S. - fest geb. : € 24,90 (BI)
ISBN 978-3-7099-7289-2

 

 

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