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Bücherschau

Rapp, Christian / Leidinger, Hannes - Hitler – prägende Jahre

Kindheit und Jugend 1889-1914
Man sollte meinen, dass Adolfs Hitlers Lebens- und Charakterbild bis in den letzten Winkel seiner Seele bereits erforscht und dargestellt ist. Dem ist aber nicht so. Es gibt vor allem in der Kinder- und Jugendzeit des Diktators noch einige Lücken, die das Autorenduo nach emsiger Forschungsarbeit mit Erfolg schließt. Jeder Mensch ist, grob gesprochen, ein Produkt aus genetischer Veranlagung und prägenden Erziehungs- und Umwelteinflüssen. 
Die wichtigste Bezugsperson des kleinen Adolf, der am 20. April 1889 unehelich zur Welt kam, war selbstverständlich die Mutter. Klara Hitler (geb. Pölzl) stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Sie war eine wenig gebildete, herzensgute, frühzeitig verhärmte Frau. Mit ihren Kindern hielt sie sich längere Zeit in einem kleinen Bauernhof in Spital bei Weitra im oberen Waldviertel bei ihren Vorfahren und Verwandten auf und war als Erziehungsperson fürsorglich, nachsichtig und verständnisvoll. Die Kinder liebten sie. 
Der Vater, von Beruf Zollamtsoffizial, war charakterlich das genaue Gegenteil. Rechthaberisch, schroff, jähzornig, streng und tyrannisch war er das unumschränkte Familienoberhaupt, das keinen Widerspruch duldete. Er verlieh seinen erzieherischen Maßnahmen oft auch mit Prügeln Nachdruck. Die Kinder hassten ihn. Die Volksschule absolvierte Adolf Hitler ohne Schwierigkeiten, es gab so gut wie keine Lernprobleme. Einige Mitschüler beklagten später allerdings seine Überheblichkeit, sein Besserwissen und seinen Führungsanspruch. Aus dem „Musterknaben“ wird in der Realschule ein Problemschüler. Hitler muss Klassen wiederholen und gibt schließlich auf. Durch seinen Geschichtslehrer wird er in Linz mit völkisch-deutschem Gedankengut infiziert. 
Nach dem frühen Tod seiner Eltern (der Vater stirbt 1903, die Mutter 1907) geht der Vollwaise nach Wien und träumt von einer künstlerischen Karriere als Maler und später als Architekt. Bei seinen Bemühungen um Aufnahme in der Akademie der Bildenden Künste scheiterte er jedoch. Von dieser Zeit an beschäftigte er sich mit städtebaulichen Projekten. Der mehrjährige Aufenthalt in der k.u.k. Residenzstadt Wien prägt das Denken Hitlers nachhaltig. Wien wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Persönlichkeit und dem Gedankengut seines Bürgermeisters Dr. Karl Lueger beherrscht. 
Lueger war ein charismatischer Volkstribun, der die Metropole des Kaiserreiches durch zahlreiche Reformen zur modernen Großstadt machte. Für die Durchsetzung dieses Vorhabens war ihm jedes Mittel recht. Er wetterte bei den Massenveranstaltungen der Christlichsozialen Partei, der er vorstand, gegen die Juden. Sein verbaler Antisemitismus fand begeisterte Zustimmung. Der damals politisch noch unerfahrene junge Hitler bewunderte ihn. Der von ihm lange Zeit verehrte antikirchliche und antihabsburgische Judenhasser Georg Ritter von Schönerer musste geistig dem neuen Idol Platz machen. Der Dritte im Bunde der antisemitischen Vorbilder Hitlers war der Komponist Richard Wagner, dessen pangermanistische Musikwelt der Opernfan aus Oberösterreich buchstäblich in sich aufsaugte. 
Seinen Lebensunterhalt bestritt der einzelgängerische Sonderling aus den Resten seines finanziellen Erbes und durch Gelegenheitsarbeiten in verschiedenen Quartieren, unter anderem in einem Männerheim der Wiener Stadtverwaltung. Im Mai 1913 verließ Hitler die ihm verhasste, multinationale Großstadt und schlug in München das nächste Kapitel seines gespenstigen Lebens auf. 
Christian Rapp und Hannes Leidinger haben ein sehr interessantes, meisterhaft in die politische und gesellschaftliche Umwelt eingebettetes Buch geschrieben. 
Friedrich Weissensteiner
 
Rapp, Christian / Leidinger, Hannes - Hitler – prägende Jahre
Kindheit und Jugend 1889-1914. Salzburg: Residenz 2020. 254 S. - fest geb. : € 24,00 (BI)
ISBN 978-3-7017-3500-6

 

 

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