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Bücherschau

Hahn, Friedrich - Niemand wird es je erfahren

Die Geschichte eines knapp 60-jährigen Mannes
Stefan Linninger hat auf dem elterlichen Bauernhof in Niederösterreich eine unbeschwerte Kindheit verlebt. Er ist ein schüchterner Bursche, der ungern im Mittelpunkt steht, verlässt in der 6. Klasse das Gymnasium und beginnt bei den Österreichischen Bundesbahnen zu arbeiten. Auf einem Eisenbahnerball lernt er irgendwann Hilde kennen, die er später heiratet. Für Kinder sind die beiden dann schon zu alt. 
Mit 54 geht er als „Verschubaufseher“ frühzeitig in Pension. Ein halbes Jahr danach stirbt seine Frau. Diese Zeit ist für den Einzelgänger die Schlimmste seines Lebens. Es ziehen „schwarze Schatten in sein Gemüt“. Trotz einer Vielzahl an Möglichkeiten kann er sich zu nichts aufraffen, sehnt sich aber nach jemandem, mit dem er reden kann. Schließlich hat er nicht einmal mehr mit seinem älteren Bruder Kontakt, der auf einer Alm in der Schweiz lebt. Er sieht sich bloß noch als Niemand, schreibt „Dinge, die er nicht mag, auf kleine Zettel, zerreißt sie auf seinen Spaziergängen zu kleinen Schnipseln und verstreut sie im nahgelegenen Park“. Seine Sehnsucht nach Abwechslung lässt sich damit aber nicht vertreiben. 
Als ihm während des Bundespräsidenten-Wahlkampfes Hofer gegen Van der Bellen (da ist er fünf Jahre in Pension) sein ehemaliger Schulkollege Karl Ebner über den Weg läuft, nimmt sein Leben plötzlich unerwartet Fahrt auf, schlägt ihm doch dieser „geistige Dickhäuter“, der bei der Polizei gewesen ist, einen Job vor. Er müsse dafür nur in „das Gebäude“ kommen, ein leerstehendes, ungenütztes Haus, das ihn, als er sich zwei Tage später dort mit Karl trifft, sofort an Kafkas Schloss denken lässt. Schließlich haftet dem Ganzen etwas Unheimliches, ja Gespenstisches an. Denn in dem dunklen Raum, in dem er sich aufhalten soll und der in seiner Sterilität an eine Intensivstation erinnert, sind Schwarzweißmonitore in zwei Fünferreihen übereinander angeordnet. 
Hier überkommt ihn sogleich ein „Gefühl des Eingesperrtseins“. Doch schon bittet Karl, er möge ihn für zwei Stunden vertreten, damit er seinen Reisepass verlängern gehen könne. Dann ist er auch schon weg und die unerhörte Begebenheit, die als typisches Merkmal der Prosaform Novelle gilt, der dieser Text folgt, kann sich entfalten: Eine Klofrau verwandelt sich durch das kurze Antippen mit dem Finger in „ein Häufchen Asche“ und über die Monitore flimmern seltsame Bilder in Endlosschleife. Außerdem saugen sich in der Stille Stefans Gedanken mit dem Thema „Selbsttötung“ voll, die in Hermann Burgers „Tractatus logico suicidalis“ als „ultimatives Kunstwerk“ gepriesen wird. Und natürlich kommt Karl nach der vereinbarten Zeit nicht wieder zurück. Das stundenlange Warten mündet in Empfindungsleere, Selbstmitleid, blankes Entsetzen und Panikattacken. Stefan verbeißt sich in den Fall Kampusch und das Grubenunglück von Lassnig, stellt sich vor, wie er in diesem Verlies „am Hungertod“ stirbt. Schließlich weiß niemand, dass er hier festsitzt. 
Diese Geschichte eines knapp 60-jährigen Mannes, der in „die totale Verzweiflung“ kippt, weil sich sein ganzes Leben plötzlich in „eine einzige Farce“ verwandelt, erzählt Friedrich Hahn mit großer Empathie, sehr detailreich und nachvollziehbar. Sein Held Stefan Linninger ist nicht bloß eingesperrt, er hat auch Schmerzen im Unterbauch, weder Handy noch Internet zur Verfügung, und auch sein blutdrucksenkendes Medikament nicht dabei. Er fühlt sich, als hätte man ihn in alle Einzelteile zerlegt und nur schlecht wieder zusammengesetzt, weshalb er sein letztes Stündchen nahen sieht. Dem mit Rückblenden in die Vergangenheit erzählten, aus sechs Teilen bestehenden Text gelingt es, über die Erzählmittel und seine Hauptperson, in dessen Kopf die Dämonen Karussell fahren und der sich deshalb nach nichts mehr als „nach Ruhe und Beschaulichkeit“ sehnt, eine ziemliche Sogwirkung zu erzeugen. Zu guter Letzt sieht sich Stefan schon „in einem Sarg liegen“. Aber auch das ist nur „eine Spielart (…), sich aus der Geisterhaftigkeit unserer Existenz in die Manifeste einer Fantasie zu retten“. Die Überraschung bleibt am Ende daher nicht aus. 
Andreas Tiefenbacher
 
Hahn, Friedrich - Niemand wird es je erfahren
Novelle. Oberwart: edition lex liszt 2019. 98S. - br. : € 18,00 (DR)
ISBN 978-3-99016-140-1

 

 

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