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Bücherschau

Rizy, Helmut - Herbstzeitlose

Ein abwechslungsreicher Roman übers Älterwerden
Die titelgebende Blume ist die bekannteste Pflanze aus der Familie der Zeitlosengewächse. Sie ist stark giftig und wird auch zu Zierzwecken genutzt. Edgar, der bei den Städtischen Gärtnereien gearbeitet hat, hält daher Herbstzeitlosen in einem Blumentopf und versucht sie dazu zu bringen, im Frühjahr zu blühen, während sein ältester Freund Richard, der Mathematik und Physik unterrichtet hat, mit seinem Uhrmachermeister gewesenen Bruder Alfred beim jährlichen Treffen am Grab der Eltern zu Allerheiligen ihretwegen in Streit gerät. Zumal „nichts weniger zeitlos als Blumen ist“, wirkt es irritierend, dass gerade ein Gewächs so heißt. Außerdem scheint heute, wo alles kurzfristigen Moden unterworfen ist (mit Ausnahme eines Schweinsbratens oder Schnitzels vielleicht) sowieso nichts mehr zeitlos. Im Gegenteil: Alles hat ein Ablaufdatum. 
Alfred und Richard, die Pensionisten sind, ist das bewusst. Ersterer findet es deshalb auch an der Zeit, darüber nachzudenken, „was man vom Leben gehabt hat und was nicht“. Die Weisheit, dass ein Mann ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und einen Sohn zeugen muss, um sagen zu können: „Ich habe ein erfülltes Leben gelebt“, genügt ihm nicht. Er sieht nur, dass er sich immer den Umständen angepasst hat. Als er 10-jährig beim Reparieren einer alten Uhr Geschick beweist und der Vater ihm daraufhin zu Weihnachten und zum Geburtstag „passendes Werkzeug“ schenkt, damit er „gut gerüstet seinem Nebenerwerb (...) nachgehen“ kann, fügt er sich genauso, wie sich sein eher talentloser, aber schulisch begabter Bruder Richard, der laut Volksschullehrer aufs Gymnasium gehört, mütterlicherseits den Weg zum Buch ebnen lässt. 
Die beiden sind von Charakter und Lebensart „weit voneinander entfernt“. Jeder geht seiner eigenen Wege, die „in entgegengesetzte Richtungen“ führen. Ähnlich unharmonisch stehen sich auch deren Ehefrauen gegenüber: Obwohl sie das Uhrengeschäft ihres Mannes geleitet hat, ist sich Alfreds Gattin Hilde gegenüber Sigrid, die vor ihrer Osteomalazie-Erkrankung eine erfolgreiche Architektin gewesen ist, immer wie ein Hausmütterchen vorgekommen. Alfreds Sohn Tobias zeigt weniger Ressentiments. Er hat sich von seinem Onkel „ernstgenommen gefühlt“. Umgekehrt ist Tobias für Richard immer ein wenig Ersatz für den nicht greifbaren eigenen Sohn aus erster Ehe gewesen. Mit Sigrids Erkrankung hat er seine Kontakte reduziert, auf vieles verzichtet und sich mehr um sie gekümmert, die in ihrer Freude auf den bevorstehenden Besuch des Neffen und seiner Familie erkennt, dass sie noch zu Einigem fähig ist. Erst dann rückt Richard von seiner ihr ohnehin auf die Nerven gehenden Bemutterung ab und trifft sich wieder mit Edgar, der, weil ihm durch das viele Alleinsein die Einsamkeit auf den Kopf gefallen ist, einer obdachlos gewordenen Physiotherapeutin ein Zimmer überlassen hat. 
Je älter man wird, umso mehr rücken die oft wenig beeinflussbar gewesenen Bedingungen, unter denen man gelebt hat, in den Fokus. Man fängt an, mit den falschen und nie getroffenen Entscheidungen zu hadern; eine Problematik, die Helmut Rizy in seiner verzweigten Familiengeschichte mit großer Liebe zum Detail eindringlich vor Augen führt. 
Im Mittelpunkt stehen Alfred und Richard. Ihr von einer Wiese mit Herbstzeitlosen animierter Streit am Beginn führt dazu, dass sie in Erfahrung bringen wollen, ob es nicht „genetisch bedingt vielleicht doch mehr Gemeinsamkeiten“ zwischen ihnen gibt als bloß das Grab der Eltern. Um das herauszufinden, fassen sie am Ende sogar eine kleine gemeinsame Reise ins Auge. Schließlich haben sie sich nie überlegt, „was man an einem Bruder hat oder nicht hat“. Indem sie ihre familiäre Umgebung unter anderen Gesichtspunkten betrachten, gelingt es ihnen, dieselbe wohlwollender wahrzunehmen, so dass sie geneigt sind, mit dem Leben und ihren Angehörigen Frieden zu schließen. 
Helmut Rizy lässt dabei einige, großteils verwandtschaftlich miteinander verbundene Personen zu Wort kommen, aus deren Sicht der Dinge ein abwechslungsreicher Roman entsteht. „Herbstzeitlose“ beeindruckt vor allem durch seinen ruhigen Erzählton und seine Modernismen meidende, klare, schnörkellose Sprache, die das Beiläufige und die unspektakulären, jedem Zusammenleben in familiärer Struktur immanenten Konflikte, um die sich die Handlung dreht, sehr schön zur Geltung bringt. Und dieser die gesellschaftliche Realität von in normalen Verhältnissen lebenden Menschen stark widerspiegelnde Text verschließt sich auch dem Oblomowismus nicht. Doch lustloses Vorsichhinträumen will gelernt sein. Denn es benötigt mehr als nur Zeit. 
Andreas Tiefenbacher
 
Rizy, Helmut - Herbstzeitlose
Roman. Klagenfurt: Wieser 2019. 295 S. - fest geb. : € 21,00 (DR)
ISBN 978-3-99029-291-4

 

 

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