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Bücherschau

Jonathan Franzen - The Great American Novelist

Simon Berger über Jonathan Franzen, einen Magier des Wortes

(C) Beowulf Sheehan
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(C) Beowulf Sheehan
Jonathan Franzen ist wohl einer der einflussreichsten amerikanischen Autoren der Gegenwart. Nach seinem internationalen Durchbruch mit dem Roman „Die Korrekturen“ destillierte er literarisch so etwas wie das Lebensgefühl unserer Zeit in seinen folgenden großen Romanen. Die Romane sind, so wie auch seine Essays, stets politisch und ökologisch radikal und kritisch und rechnen mit dem kapitalistischen Gesellschafts- und Wertesystem ab. „Der Mann, der hier schreibt, ist allein und versucht, im Gewirr von Politik, Medien und Literatur seinen Standort zu bestimmen“, meinte er einmal. Philip Roth hielt ihn für den wichtigsten Autor der Generation nach ihm. Franzen ist auch einer der wenigen Autoren, der es auf das Cover des Time-Magazin geschafft hat. 
Im Jahr 1999 war im „New Yorker“ eine Erzählung erschienen, die ausgerechnet „Der Versager“ hieß, von einem bis anhin eher unbekannten Autor namens Jonathan Franzen, geboren im 1959 in Chicago, aufgewachsen in einem Städtchen nahe St. Louis, der 1988 einen ersten Roman veröffentlicht („Die 27ste Stadt hatte, 1992 einen zweiten („Schweres Beben“) und seitdem einen Essay in einem weit unbedeutenderen Blatt als dem „New Yorker“. Es war das Zeugnis einer schweren Depression. „Einem ehrgeizigen Jungautor kann nicht entgehen“, stand etwa darin, „dass in einer kürzlich von ‚USA Today’ veröffentlichten Umfrage zum Thema ‚Vierundzwanzig Stunden im kulturellen Leben eines Amerikaners’ einundzwanzigmal das Fernsehen genannt wurde … und einmal die Literatur.“ Doch zur Jahrtausendwende, zum Millennium war die depressive Phase vorbei. Jetzt „flogen“ die Seiten, wie Franzens Lebensgefährtin Kathryn Chetkovich in einem wunderbaren Essay mit dem schönen Titel „Neid“ später schrieb, „beinahe sofort in Druck“. Und als der Roman fertig im Verlagshaus lag – es war Franzens dritter, er heißt „Die Korrekturen“ –, rief der Lektor „alle hundert Seiten an, um zu sagen, wie toll er ihn fand.“ Es wurde ein Weltbestseller. So geht die Legende, die angeblich auch wahr sein soll. 
 
Jonathan Franzen wurde am 17. August 1959 in Western Springs (Illinois) als jüngster von drei Brüdern geboren. Sein Vater Earl war Bauingenieur, seine Mutter Irene Hausfrau. 1965 zog die Familie nach Webster Groves (Missouri), einem Vorort von St. Louis, wo Jonathan seit 1977 am Swarthmore College studierte und 1981 mit Auszeichnung einen Bachelor of Arts in Germanistik erwarb. Nach seinem Abschluss studierte er in München, dann im Rahmen des Fulbright-Programms in Berlin, er spricht also sehr gut Deutsch. 
1982 ging er in die USA zurück, heiratete die Schriftstellerin Valerie Cornell, mit der er bei Cambridge (Massachusetts) in einer winzigen Wohnung lebte, und nahm einen Wochenendjob am seismologischen Labor des Department of Earth and Planetary Sciences der Harvard University an, um den gemeinsamen Lebensunterhalt zu bestreiten. 1994 trennten sich die beiden und sind inzwischen geschieden. 
 
Die 27ste Stadt
1988 erschien sein erster Roman „The Twenty-Seventh City“ („Die 27ste Stadt“), der sich noch sehr an seinem Vorbild Thomas Pynchon orientiert. Der Wirtschafts-Politthriller spielt, durchaus auf George Orwells „1984“ verweisend, im Jahr 1984 in St. Louis im Mittleren Westen. Die Stadt, einst eine der bedeutenden der USA, rutschte am Ende des 20. Jahrhunderts auf Platz 27 in den USA ab. Durch die hohe Kriminalität in einzelnen Elendsvierteln sind die Bürger verängstigt und wandern ins Umland ab. Als Hauptstilmittel setzt Franzen ständige Perspektivwechsel ein, die ein überaus desillusionierendes Bild der amerikanischen Gesellschaft auf persönlicher Ebene sowie der von wenigen eng verflochtenen Familien der Pionierzeit beherrschten Strukturen liefern.
Die Romanhandlung setzt ein mit der Rückkehr der Halb-Amerikanerin Susan Jammu aus Indien. Sie will in St. Louis ihre kommunistische revolutionäre Überzeugung verwirklichen, indem sie sich die Geldaristokratie unterwirft. Nachdem sie zur neuen Polizeichefin gewählt wird, verliert sie diese Zielsetzung aber immer mehr aus dem Auge und verfolgt, getrieben von ihrem Machtwillen, ihre private Mission. Mit ihren indischen Agenten inszeniert sie Bombenanschläge und schiebt sie einer angeblichen Indianer-Terrororganisation, den Osage-Kriegern, in die Schuhe, um sich dann mit Polizeiaktionen als Retterin der Ordnung feiern zu lassen und ein Referendum für den Zusammenschluss der Stadt mit dem Umland zu gewinnen. Zugleich nutzt sie ihre Position für Überwachungen zum Aufbau mafioser Strukturen aus. So zwingt sie einerseits durch Verführungen bis zur sexuellen Abhängigkeit, andererseits durch Intrigen, Erpressungen und Psychoterror die Schlüsselfiguren der Stadt zur Zusammenarbeit, um mit dem Geld ihrer Mutter durch Bodenspekulation und verdichtete Neubebauung der heruntergekommenen Stadtviertel große Gewinne zu erzielen. Der Abriss alter Häuser wird als soziales Sanierungskonzept (Slogan: „Hoffnung Stadt“) für die mehrheitlich schwarzen Bewohner getarnt. Ihre Gegenspieler sind der konservative Unternehmer Samuel Norris und der erfolgreiche Bauunternehmer Martin Probst, der Vorsitzende des „Wachstumsvereins“. Bei ihm setzt sie mit ihrem raffinierten Kampf an. Sie lässt seine in ihrer Ehe unglückliche Frau Barbara von ihrem Geheimdienstchef Singh entführen und will sie spurlos verschwinden lassen, dann verführt sie Martin, um mit ihm gemeinsam die Stadt zu beherrschen. Letztlich bricht ihre Intrige effektvoll zusammen. Norris hat ihre Machenschaften durchschaut, Barbara kommt auf der Flucht bei einer Schießerei ums Leben und Probsts Haus wird von einer wahnsinnig gewordenen Agentin in Brand gesteckt. Jammu tötet sich, nachdem der entwurzelte und demoralisierte Probst sich von ihr getrennt hat, das Referendum verlorengegangen ist und sie die Aufdeckung ihrer Aktionen befürchten muss.
In diesem fulminanten Debüt werden Gier und Anstand, Verschlagenheit und Aufrichtigkeit in einer höllischen Figurenkonstellation vorgeführt. Der Roman erhielt zwar einige wohlwollende Kritiken, fand jedoch keine breite Leserschaft. 
 
Schweres Beben
Sein zweiter Roman „Strong Motion“ (deutsch: „Schweres Beben“) erschien 1992 und schildert eine zerrüttete amerikanische Familie in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts, die Hollands. Der Rundfunktechniker Louis Holland zieht nach Boston, wo seine Familie lebt: Seine Mutter, eine frustrierte Aufsteigerin, sein Vater, ein linker Geschichtsprofessor, und seine Schwester, eine ganz und gar verwöhnte, ichsüchtige Frau. Kaum ist er eingetroffen, passiert Merkwürdiges – ungewöhnliche Erdbeben erschüttern die Stadt, und gleich das erste tötet seine Großmutter. Während eines erbitterten Streits um das große Vermögen, das sie hinterlässt, verliebt sich Louis in Renee Seitchek, eine leidenschaftliche, kluge Seismologin. Sie ist die zweite Hauptfigur des Buchs. Sie versucht, die Ursache hinter den rätselhaften Erdbeben aufzudecken, deren Gründe dann vieles durcheinander bringen. 
Die Beben dienen als Metapher für die Verwerfungen im Familienleben der Hollands, die in großen Teilen durch die Augen des Sohns Louis erzählt werden. Franzen sagte zum Entstehungsprozess des Romans: „Ich stellte mir statische Leben vor, die dann von außen gestört würden – im wahrsten Sinne des Wortes durchgeschüttelt. Ich stellte mir gewaltsame Szenen vor, welche die Fassaden herunterreißen würden und Menschen dazu brächte, sich wütende moralische Wahrheiten an den Kopf zu werfen. Der Titel „Schweres Beben“ war mir schon sehr früh klar“ Das Buch ist als „systemische Erzählung“ aufgebaut. Die Kernsysteme des Romans sind dabei laut Franzen „die Systeme von Wissenschaft und Religion – zwei sich gewaltsam widersprechende Systeme, sich die Welt zu erklären“. Das Buch wurde weder von der Kritik noch vom Publikum begeistert aufgenommen. 
 
Die Korrekturen
Dennoch gelang es Franzen aufgrund eines 200-seitigen Entwurfs, die Rechte 1996 an seinem neuen Roman „The Corrections“ („Die Korrekturen“) an den Verlag Farrar, Straus and Giroux zu verkaufen. Als 2001 das Werk, an dem er sieben Jahre lang schrieb und das von einem konservativen Erzählstil geprägt ist, unmittelbar vor den Anschlägen am 11. September schließlich erschien, brachte es bei Publikum und Kritik gleichermaßen seinen Durchbruch. 
Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Lambert aus einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Nach fünfzig Jahren als Ehefrau und Mutter hat Enid Lambert den Wunsch, ein letztes Weihnachtsfest mit ihrem schwer an Parkinson erkrankten Mann Alfred und den drei Kindern zu verbringen. Gary, Chip und Denise führen längst ihr eigenes Leben, in dem es naturgemäß jeweils eigene Probleme und Krisen zu bewältigen gibt.
Der älteste Sohn Gary ist ein erfolgreicher Banker in Philadelphia. Seine Ehe steckt in einer tiefen Krise und er leidet unter Depressionen, die er vehement leugnet. Chip verliert seine Stelle als Literaturdozent, als seine Affäre mit einer Studentin bekannt wird. Nachdem er auch als Drehbuchautor gescheitert ist, zieht es ihn unter rätselhaften Umständen nach Litauen, wo er in einen groß angelegten Internetbetrug verwickelt wird. Denise, die jüngste der drei Geschwister, verliert wegen einer Affäre mit ihrem Chef und dessen Frau ihren Job als Gourmetköchin.
Das Scheitern aller Figuren steht im Mittelpunkt des Romans. Die Kinder versuchen dabei jedoch die Lebensmodelle der Eltern zu „korrigieren“, um eigenen Krisen vorzubeugen oder aus dem Weg zu gehen. Letztlich alles erfolglos. Am Ende bleibt ein bewegendes Bild einer Familie zurück, die nicht nur geprägt ist durch die Schicksale ihrer einzelnen Mitglieder, sondern auch durch die vielschichtigen Beziehungen zueinander.
Als der Roman erschien, wurde er als der große, erwartete Roman empfangen. Hier ist er endlich, der große Roman, jubelten die Kritiker, hier ist sie, die große Erzählung, das Ende der Ironie, der neue Ernst, die Rückkehr zum Erzählen, die alte, ehrwürdige Form, war wieder im Spiel. Franzen, so entwaffnend einfach beschrieb es Kathryn Chetkovich, wurde eines dieser „seltenen Exemplare“: ein Schriftsteller, von dem „die Leute (und nicht nur andere Schriftsteller) gehört hatten“. Und Franzens Figuren (Alfred und Enid Lambert und ihre drei Kinder, Gary, Chip und Denise) zogen in das vom kollektiven Gedächtnis errichtete Haus der Fiktion, das, anders als befürchtet, doch noch kein Museum war. Neben Anna Karenina, Hans Castorp und Josef K. war also überraschenderweise noch ein Zimmer frei.
Dass der Einzug dort gelang, verdankte sich gleichermaßen Anspruch wie Beschränkung. Der junge Franzen kam ja eben nicht von den großen Realisten des 19. Jahrhunderts her. Als er 1979 nach Deutschland reiste, um erst in München, dann in Berlin Germanistik zu studieren, hatte er tatsächlich nur einen einzigen Roman im Gepäck: Thomas Pynchons postmodernes Ungeheuer „Die Enden der Parabel“. Noch in Deutschland begann er, seinen ersten Roman zu entwerfen. „Die 27ste Stadt“ wollte (Pynchon ließ grüßen) nicht weniger als die komplexe Kritik einer komplexen Kultur sein, aber das schien niemand zu bemerken. „Ich hatte provozieren wollen“, schrieb Franzen später, „stattdessen bekam ich sechzig ins Leere gehende Rezensionen.“ 
Es brauchte die Beschränkung, um den Anspruch einzulösen – das war die Korrektur der „Korrekturen“. Irgendwann im jahrelangen Schaffensprozess strich Franzen einen gewissen Andy Aberant einfach aus dem Manuskript. Diese Quasi-Detektivfigur mit dem Finger am Puls der Zeit, ein „Anwalt der US-Regierung, der gegen Insidergeschäfte mit Aktien“ ermittelte, musste weichen: „In meinen Notizen malte ich ihm einen kleinen Grabstein.“ Übrig blieb eine Familie wie die Karenins oder die Buddenbrooks; übrig blieben wir, die Bewohner der Gegenwart, die wir alle irgendwie Lambert heißen. 
„Great American Novelist“, schrieb das „Time Magazine“ auf sein Cover, als neun lange Jahre nach den „Korrekturen“ Franzens vierter Roman „Freiheit“ erschien – „Great American Novelist“ wie „Great American Novel“, denn so heißt ein sportlich formuliertes Ideal der amerikanischen Literatur.
Oprah Winfrey wählte den Roman für Oprah’s Book Club aus, was in der Regel einen starken Anstieg der Verkaufszahlen nach sich zieht. Nachdem Franzen sich in einem Interview zu dieser Nominierung zwiespältig geäußert hatte, da viele Bücher des Buchclubs „schmaltzy“ und „one-dimensional“ seien, zog Winfrey die Einladung in ihre Fernsehshow wieder zurück und besprach stattdessen ein anderes Buch. Die Kontroverse zog ein breites Medienecho nach sich, in dessen Rahmen Franzen teils heftig für seine „arrogante“ Kommentierung kritisiert wurde. 2010 trat er immerhin selbst in der Show auf. 
 
Freiheit
Auch „Freedom“ („Freiheit“, 2010) ist ein Familienroman, auch für die Berglunds und ihren Freund Richard Katz war ein Zimmer frei im Haus der Fiktion, doch „Freiheit“ ist auch ein komplexes, an der Moderne orientiertes Kunstwerk, das allein schon durch seine fast unmerklich aufwändige Konstruktion die menschliche Liebe bei der Arbeit zeigt. Wie sein Vorgänger ist es ebenfalls im täglichen Leben einer Mittelklasse-Familie der heutigen USA angesiedelt. Orte der Handlung sind das Verwaltungszentrum des Bundesstaats Minnesota, St. Paul, sowie die Städte Washington und New York. Im Zentrum der Handlung steht das bitter-süße, dramatische Schicksal der Ehe von Walter und Patty Berglund. Von der Mitte der 1980er Jahre bis zur Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der USA im Jahr 2009 wird das gegensätzliche Paar nacheinander aus der Sicht verschiedener Figuren geschildert, vor allem aus der von Patty Berglund selbst. In ihren heimlichen, intimen Konflikten entfaltet sich höchst dramatisch ein ethisches Dilemma, das mit dem Titel „Freiheit“ angedeutet wird. Wie weit kann Freiheit ausgelebt und anderen zugemutet werden?
Die schonungslos, aber höchst respektvoll gezeichneten Figuren decken in ihrer Gesamtheit ein breites Spektrum sozialer Herkunft und politischer Ansichten ab. Patty ist eine begnadete Basketballerin, Tochter einer bekannten Politikerin der Demokratischen Partei und das schwarze Schaf ihrer angesehenen jüdischen Familie mit Beziehungen zum Kennedy-Clan. Ein zentraler Kontrapunkt zum romantischen Liberalismus der Hauptfigur, des Juristen und Umweltschützers Walter Berglund, sind die illusionslosen Schilderungen seines besten Freundes, des Rockmusikers und Frauenhelden Richard Katz. Spannungsvolle Einblicke in das Denken konservativer weißer Amerikaner gewähren die ungewollten Verstrickungen Walters und seines Sohnes Joey in Geschäfte mit dem Rüstungskonzern LBI. Hier wirft der Roman zeitaktuelle ethisch-politische Fragen im Zusammenhang mit dem Einmarsch in den Irak im Jahr 2003 und mit dubiosen Regierungsaufträgen auf. 
Das Subjekt, das von der Gegenwart belagerte Individuum, ist wieder ins Zentrum des Romans gerückt, das System aber, das negative Kraftzentrum des postmodernen Romans, ist nicht aus dem Blick geraten. Nicht wenige Leser sind einer Bergbaumethode namens Fracking zuerst in „Freiheit“ und erst viel später in den Nachrichten begegnet. Die Frage nach den Grenzen industriellen Wachstums, die Walter sein ganzes Lebens umtreibt, bleibt auch in diesem umfangreichen Zeit- und Gesellschaftsroman ungelöst. In diesem Roman einer Familie, der zugleich ein großes Epos der letzten dreißig Jahre amerikanischer Geschichte ist, erzählt Jonathan Franzen von Freiheit – dem Lebensnerv der westlichen Kulturen – und auch dem Gegenteil von ihr, zeigt die tragikomischen Verwerfungen von Liebe und Ehe, Freundschaft und Sexualität. „Freiheit“ beschreibt das Leben in einer immer unübersichtlicher und fragiler werdenden Welt. 
 
Unschuld
„Purity“ („Unschuld“, 2015) heißt der fünfte, bislang letzte Roman von Jonathan Franzen. Im Mittelpunkt des Romans stehen neben der titelgebenden Figur Purity "Pip" Tyler die beiden Männer Andreas Wolf und Tom Aberant. Wolf stammt aus einer ostdeutschen Nomenklatura-Familie und entwickelt sich nach dem Fall der Mauer zu einem Internet-Aktivisten. Tyler ist eine hochverschuldete Universitäts-Absolventin auf der Suche nach ihrem Vater, die sich Wolfs Projekt anschließt. Die junge Pip Tyler weiß nicht, wer ihr Vater ist, sie hat Studienschulden, ihr Bürojob in Oakland ist eine Sackgasse, sie liebt einen verheirateten Mann, und ihre Mutter erdrückt sie mit Liebe und Geheimniskrämerei. Pip weiß weder, wo und wann sie geboren wurde, noch kennt sie den wirklichen Namen und Geburtstag ihrer Mutter. Als ihr eines Tages eine Deutsche beim „Sunlight Project“ des Whistleblowers Andreas Wolf ein Praktikum anbietet, hofft sie, dass er ihr mit seinem Internet-Journalismus bei der Vatersuche helfen kann. Sie stellt ihre Mutter vor die Wahl: Entweder sie lüftet das Geheimnis ihrer Herkunft, oder Pip macht sich auf nach Bolivien, wo Andreas Wolf im Schutz einer paradiesischen Bergwelt sein Enthüllungswerk vollbringt. Und tatsächlich bricht sie wenig später auf. 
Andreas Wolf, in Ost-Berlin als Sohn eines hochrangigen DDR-Politfunktionärs geboren, hat aus Liebe zu einer Frau vor Jahren ein Verbrechen begangen. Er ist mittlerweile so berühmt wie Julian Assange oder Edward Snowden. Aberant ist ein amerikanischer Journalist, der eine Enthüllungsgeschichte über Wolf schreibt. Ihre Wege kreuzen sich über einen Zeitraum von dreißig Jahre. 
Thematisch stehen Geheimnisse, Verrat und Überwachung im Mittelpunkt. Parallelen zwischen dem Überwachungsstaat in der DDR und dem Internet werden dabei sehr deutlich. Der Roman gipfelt letztlich in einem Gedankenspiel: Die sozialistischen Staaten mit ihren Spitzelwesen waren vom Wunsch beseelt, noch über die feinsten Geheimnisse ihrer Bürger, und seien es Belanglosigkeiten, informiert zu sein. Von dieser Wissbegierde, so legt es Franzen nahe, seien auch die Netzaktivisten dieser Welt erfüllt – auch sie glaubten, Enthüllungen seien der Schlüssel für eine bessere Welt. Das Netz wie die DDR seien totalitär – mit jeweils starkem Anspruch, den Glauben an das Individuum durch den Glauben an das Kollektiv zu ersetzen: "Die Antwort auf jede Frage, ob groß oder klein, hieß Sozialismus. Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet." In beiden sozialistischen Träumen würde das Kollektiv von wenigen Individuen manipuliert. Man misstraut dieser im Roman entfalteten Analogie dann doch sehr, so Adam Soboczynski in der „Zeit“: „Schon deshalb, weil die Diktatur über ein Gewaltmonopol verfügt, von der ein Netzaktivist nur träumen kann: Sie hat die Möglichkeit zur physischen Gewalt und zum Zugriff auf den Körper. Gewiss sind auch die Internetkonzerne und Netzwerke mit ihrem Datendurst vom Drang beseelt, "unsere Existenz zu definieren", wie es in „Purity“ heißt. In welcher Weise und in welchem Ausmaß sie agieren können, regelt aber noch immer der demokratische Rechtsstaat. Das Netz ist kein Exportschlager der DDR, das haben die braven, ehrlichen, sauberen "boys" schon alleine geschafft. Und es grenzt an eine Verharmlosung der Diktatur, sie als Vorspiel des bösen Internets zu begreifen. Franzens Roman entfaltet seine Wucht durch die Charaktere, die einen im besten Sinne anrühren und denen wir bis in ihre Abgründe hinein mit Lust folgen. Ein Roman, wie Franzen jüngst in einem Interview sagte, löst schließlich keine Probleme. Er verkörpert sie.“ 
Der Roman wurde von der internationalen Kritik überwiegend positiv aufgenommen.
 
Kraus-Projekt
Jonathan Franzen, der in München und Berlin Germanistik studierte, hat schon öfter gezeigt, wie viel ihm deutsche Sprache und Literatur bedeuten. In einem eigenen Buch, einem eigenen Projekt, dem „Kraus-Projekt“ (2013) beschäftigt er sich mit einem seiner Lieblingsautoren, dem Wiener Sprach- und Kulturkritiker Karl Kraus (1874-1936). Karl Kraus prangerte vor etwa 100 Jahren vor allem in seiner Zeitschrift "Die Fackel" den Einfluss der Massenmedien an, kritisierte die entmenschlichenden Folgen von Technik und Konsumkapitalismus sowie die chauvinistische Rhetorik in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis in die Weimarer Republik. 
In seinem «Kraus-Projekt» versammelt Jonathan Franzen die aus seiner Sicht bedeutsamsten zwei Aufsätze des Wiener Polemikers und hat sie (unterstützt von Daniel Kehlmann und dem Kraus-Experten Paul Reitter) auf Aufsehen erregende Weise, nämlich sehr persönlich kommentiert. So erfährt der Leser nicht nur Wesentliches über den literaturhistorischen Hintergrund, sondern erhält auch Hinweise zum Verständnis der komplexen Texte und durchaus neue Einblicke in Franzens Denken und Werk.
In einem Essay mit dem Titel „Weiter weg“ (2012) hat Franzen anlässlich einer Reise nach Masafuera (der Insel, die für den „Robinson Crusoe“ Pate stand) seine Poetik in ein Bild gefasst: Der moderne Roman, dessen früher Zeuge der radikal isolierte Robinson Crusoe war, hat dem Subjekt den Weg in die Welt bereitet. Der nachmoderne Roman hingegen muss den radikal isolierten Subjekten nun den Weg zurück zum Festland gemeinsamer Erfahrung weisen. 
 
Vögel und Klimawandel
Ein Essayist, so meinte Jonathan Franzen einmal, sei ein Feuerwehrmann, „dessen Aufgabe es ist, direkt in die Flammen der Schande hineinzulaufen, wenn alle anderen vor ihnen fliehen“. Jetzt, da der technologische Fortschritt die Menschen gegeneinander aufbringt, ja Hass zwischen ihnen schürt und der Planet von widernatürlichen Katastrophen heimgesucht wird, will er mit seinen Essays humanere Wege aufzeigen, in dieser Welt zu leben. 
Seine große Liebe gilt der Literatur und den Vögeln, und die großartigen Essays in „Das Ende vom Ende der Welt“ (2018) ist ein leidenschaftliches Plädoyer für beides. Während in den neuen Medien eigene Vorurteile eher noch untermauert würden, so Franzen, lade die Literatur dazu ein, „sich zu fragen, ob man selbst vielleicht ein bisschen oder sogar vollkommen falschliegt, und sich vor Augen zu führen, warum jemand anders einen wohl hassen könnte“. 
Die meisten Essays sind nach Reisen entstanden, Reisen nach Ghana, Jamaika, Albanien, Ägypten, Costa Rica, die Antarktis und einige andere Orte, an denen er einerseits Vögel beobachtet und andererseits eine eigene Naturphilosophie entwickelt. Er porträtiert Umweltschützer, die in Costa Rica einen Nationalpark vor Plünderern gerettet haben, indem sie die Nachbarn mit der Pflege betrauten, woraufhin diese ein Gefühl dafür entwickelten, dass der Nationalpark nicht der Regierung gehört, sondern ihnen. Er porträtiert Jäger in Albanien und Ägypten, die Zugvögel, für die in der EU millionenschwere Schutzprogramme aufgelegt wurden, zu Hunderttausenden vom Himmel holen. Ein Essay handelt von den Lummen, die auf kalifornischen Inseln brüten und nur knapp vor der Ausrottung bewahrt wurden, ein anderer von endemischen Vogelarten in der Karibik. Trotzdem ist keiner dieser Texte reine Reportage, weil sie sich letztlich immer um die Frage drehen, was eigentlich genau vor sich geht, wenn sich der Mensch seiner selbst bewusst wird, indem er die Natur betrachtet.
Das Anliegen dieser Essays besteht darin, den apokalyptischen Klimaaktivisten einen milderen Ton zur Seite zu stellen, weniger melodramatisch, weniger abgesichert, dafür subjektiver und nachdenklicher. Immer wieder kommt er auf das Schuldbewusstsein zurück, das ihn plagt, weil er eine Liste der Vögel führt, die er schon gesehen hat. Am Ende des Jahres zieht er Bilanz. In der Welt der Vogelbeobachter gilt er damit als „Lister“ und den anderen Vogelbeobachtern, die der Leidenschaft aus reinem Vergnügen nachgehen, moralisch unterlegen, was ihn einigermaßen fertigmacht. Das ist genau die Art von beharrlicher Selbstbespiegelung im Angesicht des Infernos, die man, wenn einem daran gelegen ist, leicht als dekadente Luxusneurose missverstehen kann. 
Seine Reportagen und Reflexionen sind sowohl Hymnen auf die Schönheit der Vögel und ihre Anpassungsfähigkeit als auch ein Aufruf zur Rettung all dessen, woran uns etwas liegt.
Sein Lieblingsvogel, meint er einmal, ist die Rohrdommel: „Ich sehe mich selbst in ihnen“, sagt er und nennt sie „meine Nonkonformisten-Freunde“. Sie passten in ihrer absoluten Armut nirgendwo rein. Deshalb müsse man sie beschützen. Das versucht übrigens auch Walter Berglund, der Protagonist in seinm Roman "Freiheit". Um den Pappelwaldsänger zu retten, muss er sich mit der korrupten Kohleindustrie einlassen. Doch wie weit darf man sich mit den Bösen einlassen? Franzen, der für einen Beitrag im „New Yorker“ sechs Wochen lang italienischen Wilderern auf der Spur war, die Millionen Singvögel töten, glaubt: „Die meisten Naturfreunde sind Menschenfeinde. Das ist ihr Problem.“ Man müsse sich auch der Gegenseite nähern, auch hier genau beobachten. 
im September 2019 veröffentlichte er im „New Yorker“ den Essay „What if We Stopped Pretending? („Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?“), der auf Deutsch als Buch erschienen ist. Darin macht er klar, dass wir den Klimawandel nicht mehr kontrollieren, die Katastrophe nicht mehr verhindern werden können. Das Pariser Abkommen, das Zwei-Grad-Ziel, „Fridays for Future“, die Bepreisung von CO₂ – das komme alles zu spät, nachdem 30 Jahre lang vergeblich versucht wurde, die globale Erwärmung zu reduzieren. Doch dies sei kein Grund zum Aufhören und schon gar nicht das Ende. Wir sollten uns vielmehr neu darauf besinnen, was uns wichtig ist. Deshalb, so Franzen, wird es Zeit, sich auf die Folgen vorzubereiten, etwa auf Brände, Überschwemmungen und Flüchtlingsströme. Es gehe aber auch darum, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um unsere Gesellschaften, unsere Demokratien zu festigen. Der Essay ist ein kämpferisches Plädoyer dafür, die Grenzen unserer Möglichkeiten nicht zu Lasten dessen zu leugnen, was sich erfolgreich verändern lässt: „Wenn unser Planet uns am Herzen liegt, und mit ihm die Menschen und Tiere, die darauf leben, können wir zwei Haltungen dazu einnehmen. Entweder wir hoffen weiter, dass sich die Katastrophe verhindern lässt, und werden angesichts der Trägheit der Welt nur immer frustrierter oder wütender. Oder wir akzeptieren, dass das Unheil eintreten wird, und denken neu darüber nach, was es heißt, Hoffnung zu haben.“ 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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