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Bücherschau

Borbély, Szilárd - Berlin Hamlet

Gedichte
Bevor Szilárd Borbély 2013 seinen großen Roman „Die Mittellosen“ veröffentlichte und sich kurz darauf das Leben nahm, hat er neben seinen literaturwissenschaftlichen Arbeiten einige Gedichtbände herausgebracht. Die beiden beeindruckendsten sind nun in der Bibliothek Suhrkamp, von Heike Flemming großartig übersetzt und zusammengestellt, herausgekommen. In dieser Reihe moderner Weltliteratur ist er naturgemäß gut aufgehoben. 
In den Gedichten von „Berlin Hamlet“ (2003) streift er auf den Spuren Franz Kafkas, aber auch Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“ durch Berlin. Die Gedichte sind komplexe literarische Konstrukt, mit etlichen Zitaten und Verweisen nicht nur von und auf Kafka und Benjamin. Unverkennbar ist der literaturwissenschaftliche Hintergrund des Dichters: "Ich glaube nicht an Dichtung. [...] Meine Poetik ist, falls ich eine habe, die Gereiztheit; Geister und Taugenichtse im Gespräch. Ein wirres Gemisch aus Rätsel und Stumpfsinn. Das wird mein Verhängnis. Ohne sie könnte ich nicht einmal mehr lügen."
Die 2006 bis 2008 entstandenen Texte mit dem Titel „Leichenprunk“ geht es um den brutalen Raubmord an Borbélys Eltern am Heiligabend 2000, in dem seine Mutter getötet und sein Vater schwer verletzt wurde. Die Täter wurden nach schlampigen Ermittlungen aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Hilfreich ist dabei das kenntnisreiche Nachwort von Heike Flemming. Borbély fügte den eindrucksvollen Texten ein weiteres Kapitel hinzu, das den Titel „Chassidische Sequenzen"“ trägt und bringt Ideen der mystischen Tradition der Kabbala mit Materialien über den Holocaust in Ungarn zusammen.
In dem Prosatext „Nebenstränge eines Verbrechens“ (dankenswerterweise in das Buch aufgenommen) versucht Borbély die Geschehnisse des Überfalls auf seine Eltern zu rekonstruieren und untersucht auch die bewussten Fehlleitungen der Ermittlungen in einer nüchternen, detailgenauen Sprache, die der „fremden, teilnahmslosen“ Sprache von Obduktionsberichten entspricht, beschreibt er etwa die grausigen Fotos seiner massakrierten Eltern in den Ermittlungsakten und beobachtet, wie sein eigener Körper reagiert. Diese Texte gehören zum Grandiosesten und Beklemmendsten, das man heute lesen kann. 
Georg Pichler
 
Borbély, Szilárd - Berlin Hamlet
Gedichte. Berlin: Suhrkamp 2019. 201 S. - fest geb. : € 24,70 (DL)
ISBN 978-3-518-22511-0

 

 

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