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Bücherschau

Lexer, Elisabeth / Boulanger, Robert - Maiandacht

Kriminalroman
Ungeachtet dessen, dass Kriminalkommissar Rudolf Kovac jeglichen Auflauf um seine Person als unangenehm empfindet, sich zwischenmenschlicher Kommunikation lieber entzieht und die Geburtstage ihm näherstehender Personen grundsätzlich vergisst, richtet die Kollegenschaft zu seinem 66. Geburtstag und 40jährigen Dienstjubiläum eine kleine Feier aus. Als Geschenk gibt es einen Gutschein für eine Woche Urlaub in einem Wellness Hotel mit Römerbad „irgendwo im Gebirge“ für zwei Personen. 
Begleiten soll ihn Tierärztin Maria Burger, die (wie er) in Klosterneuburg lebt und seine Begeisterung für Schach teilt, denn mit ihr unterhält er in Sorge um seinen Hund, Frau Pospischil, ein Naheverhältnis. Was sportliche Bewegung und gesunde Ernährung anbelangt, sind sie sich jedoch viel weniger nah. Die Aussicht, auf Berge zu wandern, löst bei Kovac nämlich alles andere als Begeisterung aus, sieht er doch darin mehr ein „zwanghaftes Nach-oben-Streben“, hinter dem nur ein „humangenetischer Defekt“ stecken kann. 
Doch dann verweist ein Buchungsfehler seine Reisebegleitung und ihn in ein nettes kleines Landhotel im Nachbarort. Dort korrespondiert die Speisekarte mit seiner Geschmacksrichtung und auch sein Wunsch, durch einen dringenden Fall vom „Scheiß Wellnessen“ befreit und „in den Status absoluter Unabkömmlichkeit“ versetzt zu werden, findet Gehör, sind doch während der abendlichen Prozessionen zwei Kinder verschwunden. Mit Einverständnis seines Chefs, der sich auf das Bundesgesetzblatt Nr. 266/1993 1. §1 Abs. 3 bezieht, darf sich Kovac in die zögerlich laufenden Ermittlungen einschalten. Wegen der ausgeprägten Tourismuswirtschaft im Ort herrscht über den Vorfall nämlich Redeverbot. Schließlich lebt man in der Gegend von der Marienwallfahrt. 
Auslöser dieser profitablen Einnahmequelle ist ein für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgewiesenes Wunder. Den damals um die gesunde Heimkehr ihrer Männer und Söhne aus dem Krieg betenden Frauen ist auf der Brust der gotischen Mater Dolorosa, die sich in der Nische neben dem Altar befindet, „ein flammendes Herz“ erschienen, dem man später die reiche Ernte zugeschrieben hat, die den notleidenden Gemeinden im Umland hilft, den Hunger einzudämmen. Und weil es in der Folge immer wieder Anfang Mai und um Maria Himmelfahrt zu dieser Erscheinung gekommen ist, hat es der Vatikan offiziell anerkannt und Maria Schmerz sich sukzessive vom „kleinen ärmlichen Kuhdorf“ in eine Tourismushochburg verwandelt, in der alle Einwohner von den Wallfahrtsgästen profitieren. Denn nicht nur gibt es im Ort fünf Hotels und Fremdenzimmer in jedem Haus, man hat in der Kirche sogar Opferstöcke angebracht, „die mit Bankomatkarte funktionieren“. 
Umsonst gibt es hier nicht einmal ein Körnchen Weihrauch. Und wer das Wunder und damit den wirtschaftlichen Erfolg in Frage stellt, den sortiert man aus: Sophie Manzinger ertrinkt im Teich; Trude, die bei ihrer in „Furcht vor Gott und dem Teufel“ lebenden Ziehmutter Cilli aufwächst, erklärt man zur Verrückten und Maia, die eine gefragte Kunstexpertin gewesen ist und jetzt Führungskräfteseminare anbietet, zieht als Zugezogene den ganzen Hass des Dorfes auf sich. Dabei ist sie, die mit ihren Kameradinnen „uralte Rituale“ praktiziert, bloß Anhängerin einer Naturreligion. Doch als „stumpfe, dumme Menschen“ sehen die Einheimischen in dem harmlosen Hokuspokus „Hexerei“. So wird sie, die eigentlich hierher gezogen ist, um dem täglichen Wahnsinn im Job, der zu grobem Umgang mit anderen Lebewesen zwingt, „bis man Gefühllosigkeit, Macht und Kontrolle für normal hält“, zu entfliehen und ein besseres Leben zu finden, zur Schuldigen stilisiert, die man verdächtigt, den Brand ihres Stadels selbst gelegt und die beiden kleinen abgängigen Mädchen entführt zu haben. 
In diesen spannenden Handlungsverlauf integriert sind in Ich-Perspektive gehaltene Stimmungsberichte von Trude, Cilli und Maia, die in ergänzender Weise offenlegen, was die Ermittlungstätigkeit des innerhalb der ihm zur Verfügung stehenden Zeit von vier Tagen zu kriminalistischer Hochform auflaufenden Kommissar Kovac nicht aufzuklären vermag. Die Redesequenzen sind mundartlich eingefärbt. Ein gewissenhaft angelegtes Glossar gibt diesbezüglich profunde Auskunft. Überhaupt basiert „Maiandacht“ auf genauen Recherchen, die das Duo Lexer/Boulanger ins Weinviertel, Südburgenland und nach Mariazell geführt hat. Der aus ihnen hervorgehende, stimmige, gehaltvolle Roman, in dem es stark „um Lebenslügen und -wahrheiten“ geht und der durch seine wechselnde Erzählperspektive, seine Fülle an Ideen und seinen Witz besticht, verdeutlicht sehr schön, wie kurz der Weg vom Glauben zu Aberglauben und Geschäftemacherei ist, ja wie schnell der Mensch dazu neigt, alles zu glauben, wenn nur der Umsatz für den Moment gerettet scheint. 
Andreas Tiefenbacher
 
Lexer, Elisabeth / Boulanger, Robert - Maiandacht
Kriminalroman. Klagenfurt: Sisyphus 2019. 332S. - kt. : € 18,00 (DR)
ISBN 978-3-903125-32-2

 

 

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