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Bücherschau

Philipp, Norbert - Die Adern Wiens

Den Wiener Straßen auf der Spur
Nicht immer in der Geraden: So manche Wiener Straßen schlängeln, winden, biegen und krümmen sich auch. Eine Entdeckungsreise.
Norbert Philipp, Germanist, Sprachwissenschaftler und einige Zeit lang erfolgreicher Werbetexte, ehe er seine journalistische Laufbahn begann und heute als Redakteur der Tageszeitung „Die Presse“ unter anderem im freitägigen „Schaufenster“-Magazin über Architektur, Design und Trends des aktuellen Lifestyles schreibt, ist ein erfahrener Autor, wenn es um das rasche Erfassen von Inhalten und Bezügen, den sichtbaren wie den verborgenen, geht. Das beweist er auch in seinem Buch Die Adern Wiens. 
„Den Wiener Straßen auf der Spur“, so auch er Untertitel, ist der Autor hier auf mehreren Ebenen: Im ersten Teil des 220-seitigen mit großteils historischen Schwarz-weiß-Abbildungen ergänzten langen kulturhistorischen Spazierganges durch die Straßen der Stadt erweist sich Philipp als vielbelesener Kenner der Historie Wiens. Von den ersten Schritten des „Homo sapiens“ im künftigen „Vindobona“ 7.600 v. Chr., der hier auf seinen Wegen durch Europa sesshaft wurde, über die Römerzeit und ihren stadtprägenden „Limes“, die verschiedenen Phasen der Gründerzeit bis in die jüngste Vergangenheit und ins Heute führen die ersten Kapitel. Rasch wird deutlich: Hier geht es wirklich um die Straßen der Stadt selbst, um ihre Form, ihre Beschaffenheit, ihre Veränderungen – und ihre Konstanten durch „Raum und Zeit“. Die einen bleiben ihrer ursprünglichen, auf den ersten Blick undurchschaubaren Strecke treu, die anderen mussten städtebaulichen, monarchischen, wirtschaftlichen oder anderen Interessen folgen. So wie sich etwa die Ringstraße dem „Ich will“ des Kaisers verdankte, so wurde die Höhenstraße zwar bereits um 1905 geplant, doch erst ab 1934 gebaut – und, zitiert Philipp, zum „wichtigsten Monument des Dollfuß-Schuschnigg-Regimes in Wien“. Der 1971 in Wels geborene Journalist bleibt dabei konsequent essayistisch, entscheidet sich – trotz zweiseitigen Literaturnachweisen am Ende des Buchs, die bei Weitem nicht alle Quellen des daten- und faktenstarken Bandes darstellen – gegen Fußnoten oder Bildnachweise. 
Im zweiten Teil, in dem sich der Autor zehn für ihn für den Charakter Wiens typische Straßen entscheidet, an denen er entlang flaniert und deren je typische Charakteristik zu fassen versucht, holt sich Philipp zudem Verstärkung durch je einen oder eine lokale Kennerin der besuchten Straße. Da ist der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer, der die Josefstädter Straße – „die unregelmäßige, die überraschende, die unerwartete, die undurchschaubare“ – seit 50 Jahren bewohnt und in all ihren Eigenheiten wohl kennt wie nur wenige. Da ist der Zeitgeist-Architekt an der einstigen „Vedutenstraße“, dieser der „Logik der Macht“ folgenden idealtypischen Geraden, die vom Ring schnurstracks in den Prater führt. Und da ist die Buchhändlerin in der Währinger Straße, die „Universalistin“, die entlang ihrer zahlreichen Windungen alles bietet, was eine Straße von der Innenstadt bis in das „Dorf“ hinaus bieten kann. 
Philipp beschreibt die von ihm gewählten Straßen – neben Ring-, Prater- und Höhenstraße, Josefstädter und Währinger Straße sind es Kärntner Straße, Margaretenstraße, Mariahilfer Straße, Porzellangasse und Liechtensteinstraße – entlang eines je gewählten persönlichen Weges, der meist ganz nah am Autor bleibt, der hie und da aber auch populärkulturelles Wissen einschließt. 
„Es ist wie mit der Liebe“, verrät er an einer Stelle, wenn er durch die Margaretenstraße spaziert. „Atmosphäre lässt sich auch nicht ganz so leicht erzwingen. Und Straßen, in denen das Nichterzwingbare mitschwingt, auch nicht. Die Margaretenstraße ist so eine, eine ungezwungene.“ Norbert Philipp lässt sich ebenfalls auf keine Systematik ein. Was er sieht, was ihn interessiert, das findet in diesem grundsätzlich überaus lesefreundlichen, da und dort leider auch dank unnötiger Allgemeinplätze zu seicht gewordenen persönlichen Wien-Führer Platz. So auch im letzten, dritten Teil, in denen Philipp seine liebsten Verweilorte entlang der begangenen Straßenzüge vorstellt – viele davon touristisch, kaum einer wirklich überraschend. Der Freude am Mitflanieren sollte der wenig spannende abschließende Teil jedoch keinen Abbruch tun. 
Angela Heide
 
Philipp, Norbert - Die Adern Wiens
Den Wiener Straßen auf der Spur. Wien: Braumüller 2019. 222 S. - fest geb. : € 21,00 (EH)
ISBN 978-3-9910-0278-9

 

 

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