Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Bücherschau

Hecht, Dieter J. / Raggam-Blesch, Michaela / Uhl, Heidemarie (Hg.) - Letzte Orte

Die lokale Dimension der Schoah
Ausgangspunkt des im Herbst 2019 erschienenen Sammelbandes war die Ausstellung „Letzte Orte vor der Deportation. Kleine Sperlgasse, Castellezgasse, Malzgasse“, die am 8. November 2016 in der Krypta des Äußeren Burgtores eröffnet wurde. Einem, so das kurze Nachwort, „symbolträchtigen Ort“, „dem sogenannten ,Heldendenkmal‘, am Wiener Heldenplatz“. Bis 2017 wurde die von den beiden Historikerinnen Heidemarie Uhl und Monika Sommer kuratorisch-wissenschaftlich geleitete Schau hier von über 11.000 Besucher*innen gesehen, im Mai 2018 zog sie in das Amtshaus des Bezirks Leopoldstadt weiter, wo sie noch bis Mai 2020 zu besuchen ist. 
Der vom langjährigen Verlagsleiter des Mandelbaum Verlages, Michael Baiculescu, persönlich aufwändig gestaltete Begleitband mit seinen zahlreichen, zu einem großen Teil tief berührenden Abbildungen privater Zeitdokumente, darunter Kindergedichte und -postkarten, Bilder vom „Alltagsleben“ im Ghetto, aber etwa auch einem Plan des einstigen Nordbahnhofes, von dem aus, nach den großen Deportationen vom Aspangbahnhof, von 1943 an sukzessive tausende weitere „als Jüdinnen und Juden definierte Menschen“ deportiert wurden, vereint neben einem Vorwort der Kuratorinnen und den das Buch durchziehenden kurzen Zeitzeug*innen-Berichten 12 profunde wissenschaftliche Beiträge, die vom jüdischen Leben in Wien „am Vorabend der großen Deportation“ über die präzise Nachzeichnung des NS-„Weges in die Vernichtung“, der nicht an den Rändern, sondern „mitten in der Stadt“ begann, vom „Alltag“ in den Wiener Sammellagern, den Deportationen und den Mitarbeitern der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ erzählen. Aber auch vom Überleben, von „U-Booten“ und von Helferinnen und Helfern.
Heidemarie Uhl widmet den vorletzten Beitrag der „Wiederentdeckung der vergessenen Orte der Deportation in Wien“ und geht dabei auch auf die Tatsache ein, dass bis in die 1980er-Jahre hinein, als Überlebende und Angehörige von Opfern erstmals begannen, „die ersten Gedenkzeichen an die vergessenen ,Letzten Orte‘“ zu initiieren, der Holocaust selbst „eine Leerstelle im Wien-Gedächtnis“ gewesen war. Einzig die Israelitische Kultusgemeinde trug das Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus weiter; sichtbare oder gar begehbare Gedenkorte blieben dennoch bis weit in die jüngste Vergangenheit rar, und viele ehemalige Zentren jüdischen Lebens in Wien sind bis heute kaum noch einer Mehrheit bekannt. 
Auch wenn Projekte wie „erinnern.at“ oder „Steine der Erinnerung“ seit vielen Jahren der vertriebenen und ermordeten Bewohner*innen Wiens gedenken, so sind gerade Sammelwohnungen und Sammellager, die sich fast unscheinbar in die Wohnzeilen der Stadt reihen, noch immer so etwas wie Tabuthemen, denen sich erst Projekte wie dieses mit hochwissenschaftlicher Sorgfalt, zugleich aber auch im Bewusstsein, dass es hier eine weit größere Leser*innenschaft anzusprechen gilt, widmen. Das Buch ist so auf der einen Seite sicherlich auf dem besten Wege, zu einem Standardwerk zu diesem Themenfeld zu werden. Zugleich sind die Texte aber auch für eine breitere Leser*innenschaft gut zugänglich. 
Auch wenn die historischen Informationen und Bezüge dicht und komplex, die Fußnoten zahlreich sind und sicher eine gute Portion vorbereitender Begleitung, etwa für die Nutzung des Bandes im Schulbetrieb, notwendig ist, bietet „Die Wiener Sammellager“ einen faszinierenden Einblick in die grausame Systematik der NS-Vernichtung, die im Stadtraum Wien von Beginn an stets für alle sichtbar war. So erzählt der im Herbst 2018 verstorbene Schoah-Überlebende Rudi Gelbhard an einer Stelle, dass der Wagen, der die Jüdinnen und Juden durch die Innenstadt hinaus zum Aspangbahnhof brachte, auch am Schwedenplatz vorbeifuhr. Da, wo heute der beliebte gleichnamige Eissalon steht, standen damals Wienerinnen und Wiener, die beim Anblick der für die Deportation bestimmten Mitbürger*innen riefen: „Ah, die Jüdelach! Jetzt führen’s es.“ Es waren, erinnerte sich Gelbhard zwei Jahre vor seinem Tod, „alte Leute, Kinder und so“, und sie waren „ohne Mitleid“. „Das war im Oktober 1942.“ Die großen Deportationen hatten bereits im Februar 1941 begonnen. Insgesamt rund 66.000 Österreicherinnen und Österreicher sollten letzten Endes durch das NS-Regime, das, so macht es auch dieses Buch auf bedrückende Weise deutlich, auch in Wien keine anonyme Masse war, sondern ebenfalls Österreicher und Österreicherinnen, grausam getötet werden.
Der abschließende Beitrag von Dieter J. Hecht und Michaela Raggam-Blesch widmet sich den „Haus-Geschichten“ der Wiener Sammellager, die sich in der Kleinen Sperlgasse 2a, Castellezgasse 35, Malzgasse 7 und Malzgasse 16 befanden. Heidemarie Uhl bietet zudem im Beitrag davor einen detailgenauen Überblick über die Entstehung und Entwicklung der Gedenk- und Erinnerungsorte, die es heute im Stadtraum Wien zu besuchen gibt und die zu einem großen Teil an jenen Sammelorten zu finden sind, von denen die Vernichtungszüge ausgingen: eine Gedenktafel in der Kleinen Sperlgasse 2a, eine Gedenktafel an der heutigen Zwi-Perez-Chajes-Schule in der Castellezgasse 34, eine Gedenktafel an Theodor Herzl in der Malzgasse 7, der zwei weitere Tafeln folgten, von denen sich die letzte der Geschichte des Ortes selbst widmete, und ein Stein der Erinnerung im Boden vor der Malzgasse 16, dem einzigen ehemaligen Sammellager, das seit 1955 wieder von einer jüdischen Organisation, der Talmud-Thora-Privatschule des Schulvereins Machsike Hadass, genutzt wird. 2018 wurde hier zudem ein „Licht-Zeichen“ errichtet, eines von 25 Licht-Objekten auf den ehemaligen Standorten der beim Novemberpogrom 1938 zerstörten Wiener Synagogen.
Das Zentrum des Buches bilden, so die Herausgeberinnen, die teils eingestreuten, zu einem großen Teil auch hervorragend in den Gesamtkomplex eingearbeiteten Erfahrungen und Lebenszeugnisse von Opfern, Überlebenden – aber auch Tätern. Einer Abbildung aus dem Fotoalbum „Meine Dienstzeit“ des für seine Brutalität bekannten „Bluthundes“ Josef Weiszl (von Ende 1941 bis August 1942 in Wien vor allem für „Aushebungen“ für das „Sperllager“ zuständig) folgt dann auch eine Seite mit Bildern aus dem Kinderstammbuch von Rosa Ringler – ein Geschenk ihres „arischen Vaters“, dass das Mädchen, Jahrgang 1929, in das Sammellager in der Kleinen Sperlgasse mitnahm. Ihrem Überleben ist auch dieses Zeitdokument zu verdanken.
Angela Heide
 
Hecht, Dieter J. / Raggam-Blesch, Michaela / Uhl, Heidemarie (Hg.) - Letzte Orte
Die Wiener Sammellager und die Deportationen 1941/42. Wien: Mandelbaum 2019. 264 S. - br. : € 20,00 (GE)
ISBN 978-3-8547-6592-9

 

 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur