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Bücherschau

Welsh, Renate - Kieselsteine

Lektionen einer Kindheit im Krieg
Renate Welsh gehört zu den profiliertesten und meistgelesenen österreichischen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Geboren Ende 1937 in Wien, verbrachte die mehrfach (zuletzt mit dem Theodor-Kramer-Preis) ausgezeichnete Bestsellerautorin während des Krieges zwei Jahre in Aussee. Über ihre Kindheit hat die 82-Jährige nun im Czernin Verlag einen zwar kleinformatigen, schmalen und dennoch ungemein dichten Band herausgebracht. 
In „Kieselsteine“ erinnert sich Welsh an die frühesten Jahre ihres Lebens, vor allem, und gleich zu Beginn, an den Tod des geliebten „Opapas“, des Vaters ihrer Mutter Elisabeth, die Welsh, geborene Redtenbacher, wenige Jahre zuvor ebenfalls viel zu früh verloren hatte. „Die Trauer um ihn begann erst viel später“, schreibt die späte Autobiografin über ihre Sehnsucht nach der verlorenen engsten Bezugsperson ihrer Kindheit. „Das gibt es doch nicht, denke ich, das kann doch nicht sein, ich hab’ ihn doch so lieb“, erinnert sich die Autorin an ihre ersten Gedanken, nachdem dem Kind beim Anblick des Verstorbenen klar wird, dass der „Opapa“ tot ist – „wirklich tot, und dass mein Vater nichts tun konnte, um ihn zu wecken“. 
Doch auch die Beschreibungen all der anderen Begegnungen mit vor allem älteren Menschen wie der Hausbesorgerin, der „Meisterin des Hauses“, an deren markante Züge sich Welsh wie an so vieles andere in der Rückschau mit großer Genauigkeit erinnert und deren bittere Armut der Heranwachsenden erst Jahre später bewusst werden sollte, dem „Fräulein Scheuch“ im Altersheim von Bad Aussee oder dem Fräulein Emma, deren kleine, fast alltägliche persönliche Kriegstragödie zu den stärksten und aufwühlendsten Episoden des Buch zählt, zeugen von einer frühen Beobachtungs- und herausragenden Erzählbegabung des Mädchens, das seine ersten Geschichten schon mit fünf Jahren auf zusammengenähten Zetteln „veröffentlicht“. Am schwierigsten bleibt ein Leben lang, und das ganze Buch einem roten Faden gleich begleitend, die komplexe Beziehung zum eigenen Vater und dem strengen, oft fernen anderen „Großvater“: „Ich werde auch später nichts über seine Kindheit erfahren“, verrät Welsh. 
„Inzwischen glaube ich zu wissen, dass ihm im Umgang mit seiner Familie genau das fehlte, was ihn im Umgang mit seinen Patientinnen und Patienten auszeichnete: die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzufühlen“, heißt es gegen Ende des Buches über den eigenen Vater, den erfolgreichen Arzt, wenn Welsh fast so etwas wie eine nachträgliche, berührende Abbitte für ihr so viele Jahre gelebtes Unverständnis gegenüber dessen verstorbener zweiter Frau leistet. „Je mehr ich versuchte, dich zu verstehen, musste ich meinen Vater anklagen, das hat meine Liebe zu ihm nicht verändert. Liebe ist nicht abhängig davon, ob der andere dem Bild entspricht, das man sich von ihm gemacht hat, nicht abhängig von den Verletzungen, die man von ihm erfahren hat. Ob er mich geliebt hat, weiß ich nicht, aber das ist nicht mehr wichtig. Ich musste sehr alt werden, bevor ich diese vielleicht wichtigste aller Lektionen lernen konnte.“
Renate Welsh erzählt nicht chronologisch und lässt vieles offen. Manches erklärt sich erst beim nochmaligen Lesen der trotz aller Knappheit an rahmenden Informationen dichten Geschichten ihrer Kindheit, an die sich Welsh erinnert, ohne sich auf eine stringente Erklärungslogik aus der zeitlichen wie örtlichen Entfernung zu reduzieren. Über ihre „Methode“ für das Buch verrät die Autorin selbst, beiläufig und doch von zentraler Bedeutung: „Es ist seltsam, wie das Schreiben Erinnerungen freilegt, die vorher nicht einmal einen Herzschlag lang ein unbestimmtes Gefühl waren, weil eine Berührung, ein Ton, ein Wort, ein Geruch, ein Geschmack eine Saite in uns zum Schwingen brachte, die wir gar nicht kannten. Plötzlich steht etwas da und ist gegenwärtiger als das, was wir jeden Tag halb bewusst erleben. Wobei die Zeit verrückte Rösselsprünge aufführt, die Frage nach vorher und nachher, die wir so gern stellen, bleibt so gut wie immer ungelöst. Ich bin überzeugt, dass sich Erinnerung gerade dort als echt erweist, wo sie voller Widersprüche ist.“ 
Kleine, alltäglich scheinende und doch ganz besondere „Kieselsteine“ sind diese Erinnerungen tatsächlich an eine Zeit des Krieges und des Schutts, über den diese Kindheit führte, der nachhaltig prägenden Verluste und der in all der Traurigkeit doch immer wieder neuen, lebensbejahenden Begegnungen. 
Angela Heide
 
Welsh, Renate - Kieselsteine
Geschichten einer Kindheit. Wien: Czernin 2019. 120 S. - fest geb. : € 19,00 (BB)
ISBN 978-3-7076-0671-3
 

 

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