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Bücherschau

Welsh, Renate - In die Waagschale geworfen

Tränen auf trockenem Brot
Bereits in den 1980er-Jahren hatte Renate Welsh, die vielfach ausgezeichnete österreichische Kinder- und Jugendbuchautorin, ihren schmalen, ungebrochen starken Band „In die Waagschale geworfen“ geschrieben. 1988 erschien er zum ersten Mal und wurde damals rasch zum „Jugendbuchklassiker“. Über 30 Jahre später wurden die acht kurzen Erzählungen über Mut, Widerstand, aber auch Liebe und die Kraft, gegen die (eigene) Angst in Zeiten der Unmenschlichkeit anzugehen, aus Anlass des Gedenk- und Erinnerungsjahres 2018 neu aufgelegt. Sie sind heute wieder weit mehr als ein Buch für den Schulunterricht: Welshs berührende Hommage an Menschen, die mit ihren je eigenen Möglichkeiten Widerstand leisteten, versammelt stille, unscheinbare biografische Situationen von menschlicher Allgemeingültigkeit. 
Da ist die Schauspielerin, die gerade den Koffer packt, mit dem ihre jüdische Freundin in eine Wiener Sammelwohnung ziehen soll. Und die plötzlich entscheidet: „Du bleibst bei mir.“ Eine Entscheidung, die ein Leben retten wird – auch wenn das eigene dafür für Jahre gefährdet ist. Da ist der keine 40 Jahre alte Kaplan, dessen Menschenliebe in den Widerstand und schließlich in den Tod wegen „Hochverrats“ führt. „Es war der letzte Hinrichtungstag im Wiener Landesgericht vor der Befreiung Wiens“, heißt es in den kurzen biografischen Anmerkungen, die der Erzählung Hochverrat folgen. Da ist das kleine Mädchen Annerl, so auch die gleichnamige Erzählung, auf dem Weg nach Altaussee, um eine Widerstandsgruppe zu warnen. Da ist die harte, todbringende Arbeit in den Steinbrüchen (Steine) und ein Stück Brot, das Agnes in ihren Malzkaffee tunkt, während sie das Foto ihres von den Nationalsozialisten ermordeten Mannes betrachtet. Und da ist Elisabeth, die einfache Hausgehilfin, die für ihre Nächstenliebe und ein paar Lebensmittel für einen jüdischen Mitmenschen mit ihrem Leben bezahlt. 
Welsh wählt für alle acht oft nur wenige Seiten langen Erzählungen ganz bewusst nur diese scheinbar winzigen Momentaufnahmen, ein Backrezept, einen Fußmarsch, eine Mahlzeit in einem Arbeitslager; und doch erzählt sie als große Chronistin dieser vergessenen Held*innen. Selbst wenn sie, wie im Falle von Elisabeth Jehlik, nichts weiter kennt als einen Tagesbericht der Gestapo. Die acht versammelten kurzen Menschenbilder sind von bestechend intimer Intensität und haben auch dreißig Jahre nach ihrem Ersterscheinen nichts an Lebendigkeit und Lebensbejahung verloren. Nicht alle Protagonist*innen haben überlebt, so wie Karl Flanner, dem Welsh vierzig Jahre nach der Befreiung aus Buchenwald begegnete. In die Waagschale geworfen haben hingegen alle gemeinsam ihr eigenes Leben für das so viele anderer. 
„Anständigkeit, Mut und die Bereitschaft, anderen Menschen unter Inkaufnahme größerer Risiken zu helfen, ist das gemeinsame Band, das alle diese Fälle verbindet“, fasst Heinz Fischer in seinem Vorwort zusammen. Menschlichkeit in Zeiten der Unmenschlichkeit. Das ist es, was es braucht. Nichts mehr – und nichts weniger. „Er schwankte, aber er ging. Fallen würde er nicht“, heißt es an einer Stelle über Erich, einen jener „Widerständigen“, die den langen Kampf um Menschlichkeit überlebten. 
Angela Heide
 
Welsh, Renate - In die Waagschale geworfen
Geschichten über den Widerstand gegen Hitler. Mit einem Vorwort von Heinz Fischer. Wien: Czernin 2019. 104 S. - fest geb. : € 18,00 (DR)
ISBN 978-3-7076-0656-0

 

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