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Bücherschau

Vuillard, Éric - 14. Juli

Eine wahrhaft großartige historisch-poetische Exkursion

Mit den kleinen historischen Novellen in seinen „Sternstunden der Menschheit“ schuf Stefan Zweig in den 20er Jahren ein Genre, das der Franzose Éric Vuillard in unseren Jahren zu neuer Meisterschaft erweitert und verfeinert. Nach historischen Begebenheiten und Themen wie etwa den Konquistadoren, den brutalen Kolonialismus in Kongo, Buffalo Bill und dem Wilden Westen, dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den Aufstieg der Nationalsozialisten und deren Einverleibung Österreichs (grandios in „Die Tagesordnung“) widmet er sich hier dem Tag, der am Beginn der Französischen Revolution steht. Das Buch ist im Original bereits vor drei Jahren erschienen, also keine direkte Reaktion auf die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich.
Es geht um den „14. Juli“. Um den Sturm auf die Bastille, um die Revolution von 1789, also um Frankreichs nationalhistorisches Ereignis par excellence. Und tatsächlich gibt es nur wenige Daten, an denen der Weltenlauf dramatisch verändert worden ist. Doch Vuillard trumpft hier nicht als Historiker auf, sondern als Dichter. Er evoziert großartig seine Figuren, er stellt sie sich vor, was sie denken. Es geht ihm nicht darum, ein weiteres Mal die großen Namen ins Licht zu rücken, vielmehr wendet er sich den Handwerkern und Handlangern zu, den Goldpoliererinnen und „Flittchen“, dem kleinen Mann und der einfachen Frau.
Von ihnen ist Biografisches nur wenig oder gar nicht überliefert. Da setzt Vuillard an und schafft den unbekannten Revolutionären, von denen man vielleicht nur den Namen oder den Beruf irgendwo aufgelistet findet, eine Identität. Immerhin sind sie es, die den Sturm auf die Bastille gewagt haben. Das Volk in Paris ist sozusagen der Held dieser Erzählung. Vuillard zeigt das Heroische und das Gewalttätige der Revolution, das Poetische und das Komische. Und er erzählt von diesem Tag der Tage mit einer Verve, schildert Szenen im Stakkato, die dem dramatischen Geschehen entspricht.
Am Ende des „14. Juli“ kommt Vuillard zu einem Urteil, das durchaus als Ermutigung zu lesen ist für alle, die ihrem Unmut Luft machen: „Man müsste, wenn das Herz uns aufwühlt, wenn die Ordnung uns erbittert und die Verwirrung uns den Atem nimmt, die Türen unserer lächerlichen Elysée-Paläste eintreten ...“ Dieses Buch ist eine wahrhaft großartige historisch-poetische Exkursion.
Simon Berger

Vuillard, Éric - 14. Juli
Berlin: Matthes & Seitz 2019. 136 S. fest geb. : € 18,50 (DR)
ISBN 978-3-95757-519-7


 

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