Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Bücherschau

Martens, Michael - Im Brand der Welten

Ivo Andric. Ein europäisches Leben

Ivo Andric wurde als katholischer Kroate im damals österreichischen Travnik in Bosnien geboren. Zeitlebens wird er sich als Schriftsteller als Serbe ausgeben. Und doch war er ein bosnischer Autor, denn Bosnien war die Welt seiner Romane und Erzählungen. Und er kam aus Sarajewo, weil seine Eltern aus Sarajewo stammten. Travnik, wo er geboren wurde, und Visegrad, wo er seine Kindheit verbrachte, waren auf eine Weise nur geliehene, den Umständen geschuldete Orte.
Bis zu seinem zehnten Lebensjahr lebte er bei einer Tante und einem Onkel in Visegrad, dann bei seiner Mutter in Sarajevo, bevor er nach Belgrad ging. Dort fand er rasch Zugang zu literarischen Kreisen, schloss sich einer Gruppe an, die sich „Mlada Bosna“ nannte, „Junges Bosnien“. Dieser lose Verbund aus jungen Männern, die literarische Interessen teilten, einte vor allem die Idee eines vereinten Jugoslawiens, der Zusammenschluss der Jugo-Slawen, der Südslawen. Bekanntestes Mitglied der Gruppe war Gavrilo Princip. Dieser Bekanntschaft wegen saß der junge Ivan (so sein Geburtsname) einige Zeit in einem österreichischen Gefängnis.
Anfang der 20er Jahre begann sein Aufstieg als Diplomat des Königreichs der Slowenen, Kroaten und Serben. Er übernahm Posten in Triest, Genf, Paris, Marseille, Rom, Bukarest, Graz und Madrid. Mitte der dreißiger Jahre wird er Leiter der politischen Abteilung des Außenministeriums in Belgrad, danach stellvertretender Außenminister. Er hatte in Berlin Umgang mit bekannten Nazi-Größen, auch Empfänge bei Adolf Hitler. In einem Brief an einen Freund beschrieb er seine politische Haltung so: „Wie auch meine Genossen habe ich das Prinzip übernommen: meine eigene Arbeit zu machen und nicht nach rechts und nicht nach links zu schauen. Ich sehe meine Pflicht in Jugoslawien darin, zu schweigen und so das Chaos und das ganze Geschrei um mich herum wenigstens um eine Stimme zu mindern.“ So wird er es ein Leben lang halten.
Nach seiner Ausbootung und Abberufung aus Berlin, der Rückkehr nach Belgrad schrieb er zwischen Sommer 1941 und Oktober 1944, als Belgrad von der deutschen Besatzung befreit wird, „sturzgeburtartig“ seine großen Hauptwerke nieder, die Jahrhundertromane „Wesire und Konsuln“, gleich darauf „Die Brücke über die Drina“, und sozusagen als Nachklang noch „Das Fräulein“. Er schreibt weiter. Zu seinen Lebzeiten wird aber nicht mehr viel, wird kein Roman mehr erscheinen. Es sieht so aus, als hätte sich ein achtzigjähriges Schriftstellerleben innerhalb von kaum drei Jahren vollendet. 1961 erhielt er den Literaturnobelpreis.
Und wieder zeigte sich die chamäleonhafte Anpassungsfähigkeit Andrics, die allerdings nie in verlogene Anbiederungsversuche umschlug. Er verstand es abzuwarten, er verstand es, wenn nicht zu gefallen, so doch angenehm zu sein. Man unterhielt sich gern mit ihm, man wurde aber schwer Freund mit ihm. Auch Tito nicht, der Andric anfangs nicht einmal zum Nobelpreis für Literatur 1961 gratulieren wollte. Der „private“ Andric ist nur schwer zu fassen, über sein Liebesleben etwa ist wenig bekannt. Es spielt für sein Werk auch keine große Rolle. Zwar heiratete der über Sechzigjährige entgegen aller Vorhersagen doch noch, den Briefen nach zu schließen war es aber eine Ehe eher zwischen Gefährten als zwischen Geliebten. Auch auf den Fotos wirkt Andric immer etwas formell und distanziert, trägt 1920 dasselbe ausdruckslose Gesicht zur Schau wie vierzig Jahre später.
Aber es war eben auch ein politisches Leben, ein Leben entlang des 20. Jahrhunderts. Und es ist ein Leben mit einem durchaus intensiven Nachleben: Bis heute wird lebhaft darüber diskutiert, wie Andric zu Islam und Christentum, zu seiner bosnischen Heimat und einem Großserbien stand. Michael Martens schildert all diese Kämpfe und die Ausweichmanöver, zeigt informativ und überzeugend die Geschichte des Balkans und vor allem die Entwicklungen des Werks von Ivo Andric. Einer der größten Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts in einer gut geschriebenen Biografie.
Georg Pichler

Martens, Michael - Im Brand der Welten
Ivo Andric. Ein europäisches Leben. Wien: Zsolnay 2019. 493 S. : zahlr. Ill. - fest geb. : € 28,80 (BI)
ISBN 978-3-552-05960-3


 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur