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Bücherschau

Carrère, Emmanuel - Der Widersacher

Recherchen über einen rätselhaften Täter

„Während Jean-Claude Romand am Samstagmorgen, den 9. Januar 1993, seine Frau und seine Kinder tötete, saß ich mit meinen in einer Versammlung der Schule unseres älteren Sohnes.“ Der Erzähler setzt sich von Anbeginn gleich mit seiner Hauptfigur in Beziehung, auch wenn diese schreckliche Dinge getan hat. Emmanuel Carrère hatte fünf Jahre vergeblich am Fall Jean-Claude Romand aus dem französischen Jura gearbeitet, um dann endlich diesen ersten Satz aufzuschreiben – und damit eine literarische Form zu finden, mit der er arbeiten konnte. Und: der realen Hauptfigur seines Tatsachen-Romans zu begegnen.
Er erzählt die wahre Geschichte eines Mannes, der 18 Jahre lang sein Leben auf Betrug und Täuschung aufgebaut hatte: Seine Forscherstelle an der WHO in Genf, seine internationalen Dienstreisen und seine Vorlesungen in Dijon waren erlogen, das Geld, mit dem er den Schein des erfolgreichen Mediziners und Familienvaters finanzierte, war veruntreut. Kurz bevor sein ganzes Lügengerüst einzustürzen droht, bringt er seine Ehefrau, seine beiden Kinder und seine Eltern um.
„Der Widersacher“ berichtet aber auch vom Autor selbst, der sich in Recherchen über den rätselhaften Täter verstrickt. Carrère widmet sich dem Fall Jean-Claude Romand als zweifelnder Ich-Erzähler. Denn die Wahrheit über diesen „stämmigen Mann“ mit seinem „molligen, schlaffen Körper“, der auch vor Gericht seine eigenen Lügen von der Realität nicht unterscheiden will, bleibt ihm verwehrt. Seinen Empfindungen über die Geschehnisse aber kann Carrère als Ich-Erzähler folgen. Er nähert sich vorsichtig den Schlüsselmomenten dieses Lebens.
Ein Schlüsselmoment ist etwa jener Morgen voller Prüfungsangst im zweiten Studienjahr Medizin: „Am Tag der mündlichen Prüfung stand der Zeiger seines Weckers zunächst auf der Stunde, zu der er hätte aufstehen sollen, dann auf der des Prüfungsbeginns, später auf der ihres Endes. In seinem Bett liegend schaute er ihm zu. (…) Am frühen Nachmittag riefen seine Eltern an, und er sagte, alles sei gut gegangen. Sonst rief niemand an.“ Er wird nie wieder eine Prüfung antreten. Stattdessen wird er lügen.
Im Selbstversuch begibt sich der realitätssuchende Carrère in den versteckten Alltag des Täters. Er sucht die Stätten auf, an denen Romand stundenlang vor sich hingedöst haben muss, während andere ihn bei bahnbrechenden Forschungsarbeiten wähnten. An diesen Orten (Parkplätzen, Tankstellen etc.) vor der zersiedelten Ebene von Genf versteht der Autor: „Eine Lüge dient normalerweise dazu, eine Wahrheit zu verbergen, etwas vielleicht Beschämendes, aber Wahres. Die seine verbarg nichts. Hinter dem falschen Doktor Romand gab es keinen echten Jean-Claude Romand.“ Die Leere seines Lebens wollte Jean-Claude Romand sich nicht eingestehen, bis zur letzten Konsequenz. Ein Buch über Schwächen, die wir alle kennen, über Lügen, die wir alle erzählen und die sich zur Katastrophe verhärten.
Ein intensives, hartes, ein schmerzhaftes Buch von unglaublicher Wucht.
Simon Berger

Carrère, Emmanuel - Der Widersacher
Berlin: Matthes & Seitz 2019. 195 S. fest geb. : € 22,70 (DR)
ISBN 978-3-95757-612-5


 

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