Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Bücherschau

Lewinsky, Charles - Der Stotterer

Schreibstreich über einen Schelm und Hochstapler

Mit zehn Jahren dichtet er seinen ersten Bibelvers, um den gottesfürchtigen und despotischen Vater von einem weiteren Gewaltausbruch abzuhalten. Für seinen Mitschüler Nils fungiert er als Ghostwriter, um den regelmäßigen Prügeln nach der Schule zu entkommen. Der Ich-Erzähler von Lewinskys Roman stottert und von früh an entwickelt er „die Fähigkeit, unter fremden Namen so zu formulieren, dass kein Leser an der gefälschten Autorenschaft zweifelte.“
Früh erkennt er, dass das Schreiben seine schützende Gabe sein wird, die ihn durch das Leben bugsiert. Sie schützt ihn, ernährt ihn und bald auch setzt er seine inzwischen perfektionierte Kunst des Briefeschreibens ein, um nicht nur zu manipulieren, sondern auch im großen Stil zu betrügen. Faulheit und Eitelkeit werden ihm jedoch zum Verhängnis und so landet er wegen Betrugsdelikten in Gefängnis, wo er in der Bibliothek arbeitet und von wo aus er einem gewissen „Padre“ seine vermeintliche Lebensbeichte in Briefform schickt. „Dabei schreibt jeder Mensch die eigene Geschichte im Guten wie im Schlechten permanent um, redigiert die eigene Rolle so lang, bis er sie beim Erinnern gern spielt. Oder bis er sie in die Form gebracht hat, von der er glaubt, dass sie anderen Leuten gefallen müsse.“ Lewinskys Ich-Erzähler verkauft diese, Version seiner Lebensgeschichte schließlich erfolgreich an einen Verlag und plant strategisch den großen Medienauftritt nach seiner Haftentlassung.
Eitelkeit hätte auch Charles Lewinsky in diesem Roman phasenweise zum Verhängnis werden können, doch gelingt es dem renommierten Autor, der mit dieser Veröffentlichung seinen Verlagswechsel von Nagel & Kimche zu Diogenes vollzieht, ein humorvoller und intelligenter Schreibstreich über einen Schelm und Hochstapler. „So wie ich es sehe, ist die Wahrheit ein Sicherheitsgurt für Leute, die keine Phantasie haben.“ Lewinsky kokettiert genau mit dieser Behauptung und demonstriert damit erneut seine Könnerschaft.
Julie August

Lewinsky, Charles - Der Stotterer
Roman. Zürich: Diogenes 2019. 409 S. - fest geb. : € 24,70 (DR)
ISBN 978-3-257-07067-5


 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur