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Bücherschau

Olga Tokarczuk - Das Überschreiten von Grenzen als Lebensform

Brigitte Winter über Olga Tokarczuk

Kampa Verlag

Vor fünfzehn Jahren veröffentlichte Olga Tokarczuk in einer polnischen Zeitung eine Art Abgesang auf den Roman als Gattung: „Darauf können wir verzichten … Der Roman soll in Trance versetzen, die Erzählung dagegen der Aufklärung dienen.“ Doch die Verleger wollen immer nur Romane, „ganz nach der Krämermentalität, für die der Wert eines Werkes sich nach den Arbeitsstunden errechnet“; Erzählungen würden als Lockerungsübung der Schriftsteller oder als „harmloses Vergnügen“ verachtet. Dabei gehöre den Erzählungen die Zukunft: Aufgrund unserer fragmentierten Wahrnehmung und Reizüberflutung seien wir wie Insekten mit ihren Facettenaugen – „wir sehen alles in kleinen Stücken, in Puzzlen, und nur wenige haben die Zeit und den Mut, das zu einem Ganzen zusammenzusetzen“. Dieser Abgesang auf eine Literaturgattung, der sie selber frönt, geschah naturgemäß etwas augenzwinkernd. Und doch zeigt sich darin Einiges von ihrem Literaturverständnis. Tokarczuks Romane, so umfangreich sie auch sein mögen, sind stets aus kleinen Stücken, wie Puzzles, zusammengesetzt, könnten also auch als Ansammlung von kleinen Prosastücken, also Erzählungen durchgehen. Die heute bekannteste polnische Autorin beherrscht beide Formen.
Olga Tokarczuk wurde 1962 als Kind von Vertriebenen, die Polens Ostgebiete hatten verlassen müssen, in Sulechów bei Zielona Góra in Schlesien geboren und ist dort, im heutigen polnisch-tschechischen Grenzgebiet, aufgewachsen. Von 1980 an studierte sie an der Universität Warschau. In dieser Zeit arbeitete sie in einem Heim für verhaltensauffällige Jugendliche. Nach dem Abschluss ihres Studiums 1985 zog sie zunächst nach Breslau und später nach Wałbrzych, wo sie eine Tätigkeit als Therapeutin begann. Tokarczuk sieht sich selbst in der geistigen Tradition von C.G. Jung, dessen Theorien sie auch als eine Inspiration für ihre literarischen Arbeiten anführt. Dass sie sich bestens mit dem Werk von C.G. Jung auskennt, zeigen viele ihrer Texte. In ihrem Essayband „Lalka i Perła“ versuchte sie eine Jung‘sche Analyse und Hommage an den polnischen Schriftsteller Bolesław Prus und dessen Klassiker Lalka (1890, auf Deutsch „Die Puppe“). Sein Denken und Wirken inspirieren sie immer wieder: „Seine Sprache benennt das, was ich ahne – auf diese Weise weckt mich Jung aus dem Tiefschlaf“, sagte sie einmal.
Nach frühen Gedichten wandte sie sich der Prosa zu. Die Handlung verlegt sie gern in entlegene Epochen, etwa in die „deutsche“ Zeit Schlesiens, oder in ferne Regionen, ins Frankreich des 17. Jahrhunderts, wo der parabelhafte Roman „Die Reise der Buchmenschen“ spielt. Ihr Debütroman ist eine Parabel über die Suche zweier Liebender nach dem „Geheimnis des Buches“ (eine Metapher für die Bedeutung des Lebens). Mit ihm erzielte sie 1993 ihren ersten Erfolg – doch zunächst nur in Polen.
Die internationale Anerkennung kam drei Jahre später mit „Ur und andere Zeiten“. Hier beschreibt sie über das 20. Jahrhundert hinweg das Leben in einem mittelpolnischen Dorf (in der deutschen Übersetzung, wie zumeist von Esther Kinsky, heißt es „Ur“). Freude und Leid der Menschen sind der Stoff, das Schicksal Hiobs, neu interpretiert mit den Augen C.G. Jungs. Der Roman spielt in dem fiktiven Städtchen Ur in Ostpolen, das von exzentrischen Urgesteinen bevölkert wird. Das Städtchen steht unter dem Schutz von vier Erzengeln (Raphael, Uriel, Gabriel und Michael), aus deren Perspektive der Roman das Leben der Bewohner über einen Zeitraum von acht Jahrzehnten seit 1914 aufzeichnet. Es ist ein Ort, an dem Menschen zugleich in mehreren Zeiten existieren. Fabelwesen tummeln sich zwischen ihnen. In Parallele zur abwechslungsreichen polnischen Geschichte in jener Zeit, doch gleichzeitig seltsam entrückt von ihr, beschreibt der Roman die stetige Wiederkehr aller menschlichen Freuden und Schmerzen, die in Ur wie durch ein Brennglas sichtbar werden. Der Roman wurde in viele Sprachen übersetzt, darunter Deutsch, und begründete Tokarczuks internationale Reputation als eine der wichtigsten Protagonistinnen der polnischen Literatur in der Gegenwart. Tokarczuk habe die polnische Prosa erneuert, wurde daraufhin geschrieben, und eine große „mythographische“ Leistung vollbracht.
Danach begann sich ihre Arbeit kontinuierlich weg von der üblichen Romanform und hin zu kürzeren Prosatexten und Essays zu entwickeln. So war ihr nächstes Buch („Kleiderschrank“, 1997) ist eine Sammlung dreier Texte nach Art von Kurzgeschichten. In gewisser Hinsicht ist das Buch programmatisch für ihr literarisches Schaffen: Tokarczuk schreibt in einer ungekünstelten und doch akribischen, beobachtungsreichen Alltagssprache über ganz alltägliche Menschen, Situationen, Begegnungen, die für einen kurzen Moment der Lektüre Teil der Geschichte werden – einer gleichsam alternativen fiktionalen Historizität.
Und auch „Taghaus, Nachthaus“ (1998), wenn auch formell als ein Roman bezeichnet, ist eine Zusammenstellung von lose miteinander verbundener Texte, Skizzen und Essays über Gegenwart und Vergangenheit der Wahlheimat der Olga Tokarczuk, dem Dorf in den Sudeten nahe der polnisch-tschechischen Grenze. Der Roman ist konstruiert wie der Rundgang durch ein Haus: jede Tür öffne ein neues Zimmer, und der Leser stößt auf mindestens eine, wenn nicht viele neue Geschichten, die aus den Ritzen der Wohnungen ebenso wie den Gehirnen ihrer Bewohner wuchern. "Taghaus Nachthaus" bezeichnet naturgemäß auch die Grenze zwischen Tag und Nacht, Bewusstsein und Traum, Alltag und Dorflegenden, tatsächlichen Ereignissen und Mythen.
„Unrast“ (2008), für das sie auch den internationalen Man-Booker-Preis erhielt, ist eine gleichsam autobiografisch getönte Lebenserzählung, die immer wieder von Porträts und Geschichten anderer Protagonisten unterbrochen wird. Die Ich-Erzählerin beschreibt sich zugleich als von starren Grenzen umgebenes Kind als auch als ungebundene Wanderin, die gleich ihrer Schöpferin nach Stationen unter anderem als Zimmermädchen erst Psychologie studiert, dann als Pädagogin mit Drogenabhängigen arbeitet und schließlich Schriftstellerin wird. Diese Ich-Erzählerin weist einen starken Hang zu beschädigten Figuren und krankhaften Abweichungen auf, deren düstere und traurige Geschichten sie auf ihrer Lebensreise sammelt und festhält und paradoxerweise mit großer Leichtigkeit und mitunter humorvoll wiedergibt. Der Zufall und das Ich sind hier die Reiseführer. Erinnerungen, Mini-Essays und Erzählungen lösen sich darin ab, auch Zeichnungen, Landkarten, die Darstellungen alter Atlanten sind in diesem „Nichtroman“ zu finden. Von Chopins Herz bis zur Zunge als stärkstem Muskel der Welt reichen die Themen, von der Eselszucht bis zur Flughafenarchitektur. Keine Festlegung auf ein Genre, auch auf keinen Stil, das Patchworkhafte, das Unstete und die Minuteneinsicht sind das Verbindende, selbst Tokarczuks Sprache (im melodischen und souveränen Deutsch ihrer Übersetzerin Esther Kinsky) hat stets etwas Schlenderndes.
In ihrem Kriminalroman „Der Gesang der Fledermäuse“ (2009) kämpft die Erzählerin, eine ältere alleinstehende Frau, in Niederschlesien auf ihre skurrile Weise für die Natur. Janina Duszejko, eine ehemalige Brückenbauingenieurin, gehört zu den vielen, die „keine Orte mehr haben, die sie einmal geliebt haben und wo sie hingehören“. Die Flora und die Fauna sind ihr Trost, deren Vernutzung ist ihre Qual. Und dabei geht es nicht nur um die industrielle Landwirtschaft: „Plötzlich war mir klar, warum die Hochsitze, die doch mehr an die Wachtürme eines Konzentrationslagers erinnern, Kanzeln genannt werden. Auf einer Kanzel stellt sich ein Mensch über die anderen Lebewesen und erteilt sich selbst die Macht über ihr Leben und ihren Tod.“ Wenn es Gott wirklich gäbe, meint die Erzählerin, müsste er „seine Stellvertreter, seine flammenden Erzengel herschicken, damit sie ein für alle Mal diese schreckliche Heuchelei beenden“.
Der Roman dreht sich um einige seltsame Todesfälle und lässt dafür eine höchst unzuverlässige Erzählerin zu Wort kommen, die die Möglichkeit ins Spiel bringt, dass hier Tiere mit gutem Grund gemordet haben könnten. Eine in dieser abgelegenen Gegend lebende Lehrerin, versucht hier eine Serie von Morden an Jägern aufzuklären. Es ist eine Art Tierschützerroman, der als Zivilisationskritik gelesen werden kann. Auf jeden Fall ist er ein sehr interessanter Beitrag zum Thema Tierschutz und Achtsamkeit sowie Unachtsamkeit im Umgang mit der Natur, dargeboten mit weit mehr Ironie und Leichtigkeit, als es in anderen Büchern zu diesem immer aufmerksamer beäugten Bereich der Fall ist.
Ihr jüngstes und sehr umfangreiches Werk sind die gerade auf Deutsch im Zürcher Kampa-Verlag erschienen „Jakobsbücher“ (2014), eine, wie schon der Untertitel verrät, „Reise über sieben Grenzen, fünf Sprachen und drei große Religionen“ im vielsprachigen, multiethnischen, multikonfessionellen Polen-Litauen 18. Jahrhundert. Hauptfigur ist der Mystiker Jakob Frank, der polnische „Luther der Juden“, der seine Gefolgschaft zweimal die Religion wechseln ließ und sich am Ende nach einer Odyssee quer durch Europa in Offenbach ansiedelte.
Den einen galt er als Weiser und Messias, den anderen als Scharlatan und Ketzer. Zweifellos war er eine der bedeutendsten Figuren des 18. Jahrhunderts: Jakob Frank, 1726 im polnischen Korolówka geboren, 1791 in Offenbach am Main gestorben. Als Anführer einer mystischen Bewegung, der Frankisten, war er fest entschlossen, sein Volk, die Juden Osteuropas, endlich für die Moderne zu öffnen; zeit seines Lebens setzte er sich für ihre Rechte ein, für Freiheit, Gleichheit, Emanzipation. Tausende Anhänger scharte Jakob um sich, tausende Feinde machte er sich. Und sie alle, Bewunderer wie Gegner, erzählen hier die unglaubliche Lebensgeschichte dieses Grenzgängers, den es weder bei einer Religion noch je lange an einem Ort gehalten hat. Das umfangreiche, wie ihre anderen Bücher aus vielen unterschiedlichsten Texten komponierte Buch, ist das schillernde Porträt einer kontroversen historischen Figur und das Panorama einer krisenhaften Welt an der Schwelle zur Moderne. Zugleich stellt es die Frage danach, wie wir uns die Welt als eine gerechte vorstellen können.
Die farbige Schilderung des alten Ostpolens in diesem Buch hat jüngst selbst Jaroslaw Kaczynski angezogen, den Chef der nationalkonservativen Regierungspartei PiS, der im Internet verriet, er lese den Roman gerade. Dabei zählt Olga Tokarczuk zu Kaczynskis schärfsten Kritikern im Land. Nach Erscheinen der „Jakobsbücher“ sagte sie, die Polen als Nation, als „Kolonisatoren (ihrer östlichen Nachbarvölker), Sklavenhalter und Mörder von Juden“ hätten „furchtbare Dinge“ getan. Darauf brach eine Welle des Hasses über sie herein, auch handfeste Drohungen. Am Umgang mit Olga Tokarczuk, die heute in der Breslauer Altstadt zu Hause ist und für die das „Überschreiten von Grenzen eine Lebensform ist“, lässt sich zweifellos auch die dramatische Spaltung der polnischen Gesellschaft ablesen. „Es ist so, als ob wir zwei unterschiedliche Sprachen sprechen würden“, so die Schriftstellerin vor zwei Jahren in einem Interview, „es gibt nicht einmal ein elementares Verständnis.“





 

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