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Bücherschau

Peter Handke erhält den Literaturnobelpreis 2019

Georg Pichler mit einigen Bemerkungen zu Leben und Werk

© Jerry Bauer Suhrkamp Verlag

Ein Anfänger bleiben

„Du brauchst dir über mich keine Sorgen machen, ich bin schon ziemlich zäh, und außerdem werde ich sicher weltberühmt“, schrieb der 21-jährige Jurastudent Peter Handke 1963 aus Graz an seine Mutter in Griffen. Da war für ihn schon seit einiger Zeit klar, dass er Schriftsteller werden wollte, oder, genauer: Er wollte schreiben. Es gab schon erste Veröffentlichungen in der „Kleinen Zeitung“ und er arbeitete an einem Manuskript.
Peter Handke begann im Herbst 1961 mit dem Jurastudium in Graz und kam bei Besuchen von Lesungen in Kontakt mit Autoren der Künstlervereinigung „Forum Stadtpark“, damals schon vorwiegend, aber nicht ausschließlich sich avantgardistisch gebende Schriftsteller. Handke kam für sie aus der Provinz. Mit Alfred Kolleritsch, dem Herausgeber der „manuskripte“, ist er seit damals befreundet. Ab November 1964 schrieb Handke für Alfred Holzinger (einem Mit-Initiator des Forum Stadtpark) im ORF Radio Steiermark Kritiken für die Rundfunksendung „Bücherecke“. Sie waren gut bezahlt (300 Schilling für 15 Minuten) und insgesamt entstanden bis September 1966 solcherart 15 Sendungen. Der junge Handke zeigte keine Berührungsängste, kritisierte Autoren wie Stefan Zweig, Thomas Mann, Elias Canetti oder André Gide und beschäftigte sich mit Theodor W. Adorno, Roland Barthes oder Herbert Marcuse.
1965 wurde das Manuskript „Die Hornissen“, nachdem sich zwei andere Verlage nicht zu einer Veröffentlichung entschließen konnten, von Suhrkamp angenommen. Das Buch erschien im Frühjahr 1966. Schon zuvor hatte Handke dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld auch Manuskripte von Theaterstücken geschickt, darunter die „Publikumsbeschimpfung“. Zwei Wochen nach dem Erscheinen teilte Unseld Handke mit, dass er eine Einladung zum Treffen der Gruppe 47 arrangiert habe. Damit war der Ritterschlag vollzogen. Zu diesem erlesenen Zirkel gelangte man nur mit einer Einladung Hans Werner Richters, der diese Treffen von Schriftstellern und Kritikern seit 1947 veranstaltete. Preise wurden dort vergeben und einige Karrieren gestartet oder behindert (bekannt wurden über die Gruppe 47 etwa Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Günter Grass, Heinrich Böll u.v.a.
1966 sollte die Gruppe 47 nicht in Deutschland, sondern in Princeton, USA, stattfinden. Peter Handke meldete sich nach Lesungen mehrmals zu Wort. Nach der Lesung von Walter Höllerer, einer der Kernfiguren der Gruppe 47, bezeichnete er dessen Text als „völlig indiskutabel“ und „geistlos“. Danach las er selber aus einem Manuskript mit dem Titel „Der Hausierer“. Den Text kündigte er als Kriminalroman an und er wurde in der anschließenden Diskussion mehrheitlich schlecht aufgenommen. Am folgenden Tag nach der Lesung von Hermann Peter Piwitt hob Handke zu einer Fundamentalkritik (die an sich von Richter verboten war, man durfte sich nur zu den gelesenen Texten äußern) an, in seinem Statement fiel mehrmals das Wort „läppisch“ und dann natürlich das Wort, das fast allen Berichten über diesen Auftritt (und fast alle berichteten vor allem über Handkes Auftritt, da die ganze Tagung eher durchschnittlich war) die Überschrift geben sollte: „Beschreibungsimpotenz“.
Peter Handke hatte mit diesem Wutauftritt in Princeton im April und im Juni 1966 mit seinem ersten Theaterstück „Publikumsbeschimpfung“ für Furore gesorgt und war der literarische Newcomer des Jahres. Die Premiere der „Publikumsbeschimpfung“ (für die er Schimpfworte bei Kollegen gesammelt hatte) in Frankfurt wurde zum Skandal. Vier junge Leute ergehen sich in Bemerkungen und mitunter durchaus witzigen Ausfällen gegen die Konventionen einer bürgerlichen Gesellschaft und deren Ordnung. Handke verarbeitete schon hier massenkulturelle Phänomene und karikierte sie auch. Vorbilder waren auch die jungen Beatles mit ihren frechen und erfrischenden Äußerungen gegenüber der Presse. In der Aufzeichnung im Fernsehen sieht man, wie sich das teils gekränkte Publikum mit Zwischenrufen wehrt. Genau das war eine der Intentionen Handkes. Nach den knapp anderthalb Stunden Dauerbeschimpfung hielten sich Applaus und Buh-Rufe die Waage. Da tauchte ein junger Pilzkopf auf, Peter Handke betritt selbstbewusst die Bühne. Die Buh-Rufe nehmen zu und Handke fordert sie durch Gesten zu noch mehr Reaktionen heraus. Mit den Schauspielern setzt er sich dann auf die Bühne und genießt lachend die nicht enden wollenden Reaktionen.
Dabei ist Handke eine durchaus ambivalente Persönlichkeit, was Öffentlichkeit angeht. Er ist einerseits menschenscheu; größere Ansammlungen mag er nicht. Andererseits auch stets neugierig und selbstbewusst. Einmal nach einer Lesung von Herbert Eisenreich 1963 im Forum Stadtpark in Graz, diskutierte man über den Roman und Eisenreich fragte ins Publikum, wer denn wohl einmal endlich den neuen österreichischen Roman schreiben werde. Der Legende nach stand hinten an der Wand ein junger Mann auf und sagte selbstbewusst: „Ich“. Es war der an sich schüchterne Student Handke. In diesem Spannungsfeld ist das heute noch zuweilen komplizierte Verhalten Handkes zu verstehen.
Durch sein ganzes Werk zieht sich eine mehr oder weniger sichtbare, unter- oder vordergründige „Autobiographie“. Immer wieder, in unterschiedlichen Formen und aus divergierenden Perspektiven erzählte und kommentierte Peter Handke sowohl seine Biographie als auch sein Werk und die vielen gegenseitigen Bezüge.
Schon in „Die Hornissen“ (1966), seinem ersten Roman, verarbeitete er nach Vorlage von William Faulkner, Franz Kafka und des Nouveau Roman Gegebenheiten, Eindrücke, Erlebnisse, Gehörtes, Bilder aus der Zeit seines Aufwachsens in Südkärnten, der Gegend, aus der der Erzähler stammt und zugleich, den Erzählprozess thematisierend, auch Ereignisse und Wahrnehmungen während des Schreibens am Roman in seiner Grazer Studentenzeit. Von Anbeginn an reflektierte Handke (nicht selten leichthin, wie „nebenbei“) die Formwerdung des Erzählstoffes in der Erzählung mit.
Er schätzte die Autoren des Nouveau Roman wie Alain Robbe-Grillet, Michel Butor oder Claude Simon und war gegen jede Literatur, die die Sprache lediglich als Transportmittel für einen Plot braucht. Ihm fehlte das Form- und Sprachbewusstsein in der zeitgenössischen Literatur. Die Sprache musste für ihn immer neu gefunden werden, ansonsten wären es nur Abziehbilder. Seine theoretischen Überlegungen passten damals nur scheinbar zu den 68ern. Eine mit linken Botschaften ausgestattete Literatur der 1970er Jahre lehnte er genauso ab wie das realistische, rückwärtsgewandte Erzählen der Gruppe 47-Autoren.
Provokant bekannte er sich als Bewohner des Elfenbeinturms, erklärte seine Sicht auf Literatur. „Jetzt als Autor wie als Leser genügen mir die bekannten Möglichkeiten, die Welt darzustellen, nicht mehr. Eine Möglichkeit besteht für mich jeweils nur einmal. Die Nachahmung dieser Möglichkeit ist dann schon unmöglich. Ein Modell der Darstellung, ein zweites Mal angewendet, ergibt keine Neuigkeit mehr, höchstens eine Variation. Ein Darstellungsmodell, beim ersten Mal auf die Wirklichkeit angewendet, kann realistisch sein, beim zweiten Mal schon ist es eine Manier, ist irreal, auch wenn es sich wieder als realistisch bezeichnen mag, schrieb er 1967 in seinem berühmten poetologischen Text „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“. Daran hat er sich bis heute durchaus gehalten.
In den folgenden Jahren, in den 1970ern, war er der Popstar der deutschen Gegenwartsliteratur, und das nicht nur wegen der gleichen Haarlänge wie die Beatles und der Sonnenbrille, die er gern vor den Fotografen aufsetzte. Man titelte damals zwar bereits mit dem Attribut „umstritten“, doch Handke setzte tatsächlich Trends, war sozusagen in Mode, galt bei vielen Schriftstellern als stilbildend. Und seine Produktivität war außergewöhnlich. Er schrieb Theaterstücke, Essays, Erzählungen (den Begriff „Roman“ mag er nicht besonders), drehte Filme (für das Fernsehen wie auch für das Kino), schrieb Drehbücher (die teilweise von Wim Wenders verfilmt wurden), war als Übersetzer tätig (etwa von Emmanuel Bove, Patrick Modiano und Walker Percy), entdeckte Kollegen wie Hermann Lenz und versuchte sich an Hörspielen.
Seine Bücher fanden sich regelmäßig auf den Bestsellerlisten und wurden gut verkauft (wie etwa „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, 1970, „Der kurze Brief zum langen Abschied“, 1972, „Wunschloses Unglück“, 1972, oder auch sogar der Gedichtband „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“, 1969, u.a.). Mitte der 1970er Jahre schrieb er sein erstes Journal „Das Gewicht der Welt“ und begann in den folgenden Jahren mit seinen Notizbüchern, die weder Tagebucheinträge noch Werknotizen sind, sondern aus deren Eintragungen er seine ganz eigenen „Journale“ formte, die viele Leser besonders schätzen (und in der Werkausgabe das erste Mal einheitlich versammelt sind).
Am vielleicht unmittelbarsten autobiographisch ist wohl das Buch, das viele auch für sein beeindruckendstes halten: die Lebens- und Todesgeschichte seiner Mutter, die 1971 freiwillig aus dem Leben schied. Im legendären „Wunschloses Unglück“ betitelten Requiem für seine Mutter (das Manuskript hatte noch den sperrigen Titel „Interesseloser Überdruss“) beschrieb er virtuos und bleibend das Leben und den Tod seiner Mutter und parallel dazu (neben den historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen) in kongenialer poetischer Form die Schwierigkeiten, die einer Beschreibung eines Frauenlebens in der österreichischen Provinz im 20. Jahrhundert entgegenstehen: all die Klischees, Sprachformeln und Redensarten, die Fassaden dörflicher Konventionen und typischer sozialer Rollen. Peter Handke schuf hier anhand der Schilderung ein erzählerisches Dokument dörflicher Realitäten, die sich seit der Zeit Maria Theresias nicht eklatant verändert hatten. Und zugleich ist er als Sohn, als Erzähler in dem Text stetig präsent.
Mit „Langsame Heimkehr“ (1979) schlug Handke einen neuen, „klassischen“ Ton an. Aus dem Sprachkritiker wurde, so einige Germanisten aus der Handke-Forschung, ein Erzähler, der Naturbeschreibungen evoziert statt avantgardistisch zu schreiben. Das Ideal wechselte angeblich von Kafka zu Goethe. Doch so abrupt war diese Kehre nicht, die allgemein sowohl mit einer veritablen Schreibkrise Handkes als Initiation erklärt wird als auch mit einer lebensbedrohlichen Herzkrankheit, an der er litt. Doch gab er auch nach dieser „Wende zum Klassischen“ (Hans Höller) den kritischen Umgang mit der Sprache nicht auf. Statt sich jedoch auf die manipulatorische Verwendung von Sprache zu kaprizieren, verfolgte er nun das, was Fabjan Hafner treffend als „Erneuerungssehnsucht“ bezeichnete.
Während beispielsweise Sprachforscher und Philologen die einzelnen Vokabeln und Floskeln, die von den Nazis verwendet wurden, als Verbotswörter ausrufen, positionierte sich Handke dahingehend, dass jegliches Wort durch eine „Bedeutungswandlung“ durch den Dichter wieder neu verwendungsfähig gemacht werden kann. So können auch kontaminierte Worte aus ihren alten (negativen, missbrauchten) Konnotationen in neue Zusammenhänge überführt werden. Diese Erneuerungssehnsucht beschränkt sich jedoch nicht auf die Verwendung von Worten (wie Lothar Struck treffend feststellte). Man kann sie bei Handke auch in Bezug auf Orte beobachten. Die Gegenerzählung befreit den „Un-Ort“ aus der einseitigen Klammer der Geschichte und schafft eine arkadische, idealistische Sicht auf die Welt. Dabei sollen allerdings historische Implikationen nicht einfach „idyllisiert“ bzw. „vergessen“ werden, sondern es geht um eine „Revitalisierung“ (Christian Luckscheiter) des Ortes mit dem Wissen um dessen Geschichte, aber nicht in ausschließlichem Bezug darauf.
Handkes neues Schreiben stieß die avantgardistische Lesergemeinde vor den Kopf. Handke ließ sich davon nicht beirren. Die Protagonisten in seinen Erzählungen und Theaterstücken suchten ihre Position, ihren Ort in der Welt, ihr „Volk“, eine Art virtuelle Gemeinschaft jenseits von Nationalismen. Sie sind Forschende, Fragende, Verirrte, „Idioten“ (Privatmänner). Den Wesenskern von Handkes Weltsicht kann man im 1990 erschienenen Theaterstück „Das Spiel vom Fragen“ (später: „Die Kunst des Fragens“) erkennen. Es trägt den Untertitel „Die Reise zum sonoren Land“. Aus allen Richtungen kommen hier (gegensätzliche) Paare zusammen, die in der neu gefundenen Gruppe die Welt sozusagen erobern wollen.
Aber Handke schreibt keine Idyllenprosa. Alles ist und bleibt flüchtig. Trotz Sehnsucht danach gibt es keine Dauer. Stets schwingt auch der Verlust, die Katastrophe, der Tod mit. Scharf sind die Kontraste, die das Seltene des Glücks erst recht zu kostbaren Augenblicken werden lassen. Eine Landschaft öffnet sich – aber da ist der Bombentrichter. Er besteigt einen Berg, aber ein bösartiger Hund fletscht den Erzähler an. Eben ist man noch im bukolisch erzählten Wald, dann hört er für den Leser das Schreien der Kinder von Izieux – und man weiß, in welchem Wald er ist.
Im Sehnsuchts- und Entdeckungs-Roman „Die Wiederholung“ (1986) beschreibt er einige Aspekte seiner Herkunft aus einer slowenisch-österreichischen Familie, erzählt als eine Suche, eine Wieder-Holung des Vorgegebenen (sein Großvater, Zimmermann und Nebenerwerbsbauer wie seine Vorfahren, war bekennender Slowene und stimmte bei der Volksabstimmung 1920 für Jugoslawien; sein im Krieg gefallener Onkel war aktiver Proponent der politischen slowenischen Bewegung). Handkes leiblicher Vater war ein in Klagenfurt stationierter deutscher Soldat namens Erich Schönemann. Die Mutter Maria (geborene Siutz) heiratete einen anderen deutschen Soldaten, den gebürtigen Berliner Bruno Handke. Peter erfuhr erst im Alter von 19 Jahren von seinem wirklichen Vater, zu dem er bis zu dessen Tod 1993 Kontakt hielt. Seinen in Griffen als Hilfsarbeiter bei dessen Schwager (Peter Handkes Onkel) arbeitenden Stiefvater Bruno Handke, der früher seine Frau schlug und später ein bemitleidenswerter Pflegefall wurde, hatte er nie akzeptiert.
Weitere biographische Fakten finden sich in ausführlichen Passagen in seinen Versuchen („Versuch über die Müdigkeit“, 1989, „Versuch über die Jukebox“, 1990, „Versuch über den geglückten Tag“, 1991, „Versuch über den Stillen Ort“, 2012, „Versuch über den Pilznarren“, 2013) und nicht zuletzt in Handkes beiden epischen Großprojekten „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994), „Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos“ (2002) und „Die morawische Nacht“ (2008). Nie mehr in seinem Leben würde er, so Handke in einem Interview, wahrscheinlich eine derartige Kraft aufbringen, wie sie für diese Werke notwendig gewesen sei.
In der „Niemandsbucht“ finden sich eine Menge an biographisch intendierten Bezügen, bishin zu den Beschreibungen von Freunden und der Aufsplitterung der eigenen Persönlichkeit in mehrere Alter Egos – vorwiegend jedoch als mehr oder weniger offen beschriebene innere und äußere Lebensumstände. Alles gemäß einer frühen „Regel“: „Die Sprache muss immer neu gesucht werden (…). Mich interessiert, mich rührt doch nur ein Mensch, der seine Kindheit nicht verrät, Literatur ist doch ein Beharren, nicht so sehr auf der Kindheit, sondern auf der Kindlichkeit.“
Die schließlich auch aus einem Dorf (einem ostdeutschen) stammende namenlose Bankfrau in Peter Handkes Roman „Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos“ lehnt etwa einen „Historienjournalisten“, der sich für das Buchprojekt einer Biographie über sie anbot, ab, weil dieser ihr als Untertitel „Fakten statt Mythen“ vorschlägt, und darüber hinaus noch etliche andere typische Sprüche von sich gibt. Sie entscheidet sich letztlich für einen „mehr oder weniger zünftigen Schriftsteller“, einen Erzähler, einen „Erfinder, was ja nicht heißen musste, dass er die Fakten verbog oder fälschte – er hantierte vielleicht nur da und dort mit zusätzlichen, anderen, ungeahnten Fakten und verschwieg oder, warum nicht, vergaß in deren Schwung dafür so manche selbstverständlichen, unnötig zu erwähnenden“. Sie sieht sich fortan demgemäß in seiner „Falle“: Eigentlich will sie nur von ihm „erzählt werden“, und hierzu braucht, findet und erfindet er denn auch die entsprechenden Fakten.
Wie bei kaum einem anderen deutschsprachigen Schriftsteller teilt sich bei Peter Handke die literarische Öffentlichkeit seit seinen frühen Jahren in begeisterte Anhänger und strikte Ablehner. Am deutlichsten formierten sich die Fronten, als Handke, der früher oft als „unpolitisch“ belächelt wurde, im Jänner 1996 in der „Süddeutschen Zeitung“ einen Text mit dem bewusst provokativen Titel „Gerechtigkeit für Serbien“ veröffentlichte. Der Untertitel „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“, der später der Buchtitel werden sollte, suggerierte einen Reisebericht, was der Text zuerst nicht einzulösen schien.
Handke übt heftige Kritik an der journalistischen Rezeption und Berichterstattung zu den Jugoslawien-Kriegen in Frankreich und Deutschland und schildert dann, im zweiten Teil, seine Reise durch Serbien (übrigens seine Hochzeitsreise mit seiner Frau Sophie Semin), dem Land, dem von den Medien die alleinige Schuld an den Sezessionskriegen zugewiesen wurde. Peter Handke wollte in einem klassischen Sinne Zeuge sein: „Was ich gesehen habe“. Schon seit seinen Jugendtagen war ihm, dem Enkel von Kärntner Slowenen aus dem zweisprachigen Grenzgebiet, das „graue“ Jugoslawien, das er immer wieder besuchte und sich erwanderte, ein mythisches und reales Sehnsuchtsland gewesen, auch ein Beispiel für ein mögliches, tatsächlich Ost und West vereinigendes Europa. In einem Gespräch mit Lojze Wieser erläuterte er, wie er sich „irgendeinmal“ für das „Slawentum“ entschieden hatte, „für meine Mutter, nicht gerade gegen meinen Vater, aber ich habe mich entschieden für meine, für die Vorfahren meiner Mutter“.
Immer wieder betont er seine Rolle als Fragensteller, der versucht, vorurteilslos die Lage in Serbien zu erzählen, das zur Zeit der Reise einem internationalen Boykott ausgesetzt war. Handke entdeckt eine einerseits verschüchterte, aber auch trotzige Gemeinschaft, die sich von der Welt ungerecht behandelt fühlt. Dabei fast gebetsmühlenartig (auch in anderen Büchern zu Serbien) das Bekenntnis, nicht „für“ die Serben zu sein, sondern „mit“ ihnen. Der Unterschied wird kaum wahrgenommen. So einfühlsam, tastend und fragend Handkes Beobachtungen zu Serbien daherkamen, so vehement geriet seine Sprach- und Medienkritik über eine Berichterstattung, deren Urteile er bereits in den Schlagzeilen als feststehend enthüllte.
In den Medien galt der aggressive Nationalismus von Slobodan Miloševic als der alleine verantwortliche Schuldige für die Kriege. Man übersah den in Teilen antisemitischen Chauvinismus Franjo Tudjmans (Kroatien) und den islamistisch konnotierten Nationalismus Alija Izetbegovics.
Eine Zeitlang brachte Handke die Hälfte seiner Bücher „im Spannungsfeld von Empörung und Schwermut“ als sprachkritische Texte zur Jugoslawien-Problematik heraus. Die Kritik beschränkte sich von Anfang an nicht auf die literarische Leistung. Man denunzierte Handke als Person, unterstellte ihm Relativierungen, bezichtigte ihn, ein „Freund“ Miloševic’ zu sein („Die Tablas von Daimiel“ zeigen das Gegenteil). Man richtete ihn mit Hilfe von Interpretationen seiner Texte; die Ursprungstexte selber kursierten immer seltener. Aus Trotz fuhr er schließlich 2006 zur Beerdigung von Slobodan Miloševic und hielt eine kleine Rede, die zwar harmlos ist, aber Handke bei vielen endgültig zur Paria-Figur machte. Man unterstellte ihm politische Statements, die er nie getätigt hatte. Buchhandlungen verbannten seine Bücher und waren stolz darauf. Man muss nicht alle Jugoslawien-Bücher Handkes goutieren.
Und es ist durchaus verständlich, wenn man sich an der Reise zum Begräbnis stößt. Handke selber schreibt in seinem Notizbuch, dass er sich unwohl in der Gesellschaft der „Popanz-Generäle“ fühlt. Einiges geschah aus Trotz oder sogar Wut. Strategisches oder taktisches Vorgehen kannte er nicht. Handke hat niemals das Massaker von Srebrenica relativiert oder gar geleugnet. Er hat es mehrfach als das schlimmste Verbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Er hat nie „Partei“ für Miloševic ergriffen, sondern versucht, die „Schuldfrage“ für die Balkankriege komplexer zu befragen. Die Forschung ist längst weiter, denn die „Alleinschuld“ der serbischen Nationalisten gibt es so nicht. Das relativiert natürlich die verübten Verbrechen keinesfalls – und das macht auch Handke nicht. Mit der Vehemenz der persönlichen Angriffe (auch jetzt nach Verkündigung des Literaturnobelpreises an ihn) hatte er nicht gerechnet. Sie trafen und provozierten ihn.
Es gibt kaum einen lebenden Schriftsteller, der ein so umfangreiches und vielfältiges, in allen Facetten und allem Reichtum erst noch zu entdeckendes Werk geschaffen hat und der den Nobelpreis derart verdient wie Peter Handke.
Für ihn ist das Schreiben „die höchste Instanz des Menschen“, wie er in einem Interview einmal nicht ohne Selbstironie und durchaus ernst meinte: „Wozu ist denn die Schrift erfunden worden? Ich habe immer die Einbildung, dass ich die Literatur verkörpere. Nicht ich, wie ich hier sitze, mit diesem Pullover, mit meinen Haaren. Aber das, was ich tue, das ist der Goethesche Nachvollzug des Schriftstellers auf Erden. Schauen Sie nicht so ironisch (Handke lacht) – Ich habe mich dafür nicht entschieden.“ Und: „Man soll nicht versuchen, zu meisterhaft zu werden, sondern immer versuchen, ein Anfänger zu bleiben.“

 

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