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Bücherschau

Martin Prinz - Vom Davonlaufen und Ankommen

Heimo Mürzl über Martin Prinz

© Lukas Beck

Der österreichische Autor Martin Prinz nimmt reale Geschehnisse als Fundament für seine Bücher. Die erzählerische Auseinandersetzung hält dann geschickt die Balance zwischen Tragödie und Komödie.

Der 1973 im niederösterreichischen Lilienfeld geborene Autor Martin Prinz nimmt sehr gerne reale Geschehnisse zum Ausgangspunkt für seine Bücher und entwirft mit einer Mischung aus Lakonik und erzählerischer Finesse ein komplexes Bild gesellschaftlicher Zusammenhänge und menschlicher Verstrickungen. Dabei versucht Prinz möglichst nah an den Fakten entlang seinen Erzählkosmos zu entwickeln.
Für sein im Jahr 2002 erschienenes Romandebüt „Der Räuber“ bedient er sich beim außergewöhnlich-spektakulären und öffentlichkeitswirksamen Kriminalfall des als „Pumpgun-Ronnie“ berühmt gewordenen Bankräubers Johann Kastenberger. Der Kriminalfall Kastenberger in den 80er-Jahren dient Prinz als Folie für eine existenzialistische Studie. Kastenberger, ebenso begabter wie erfolgreicher Langstrecken- und Bergläufer (sein Rekord beim Kainacher Bergmarathon (drei Stunden, sechzehn Minuten und sieben Sekunden) besteht bis heute), hielt TV- und Printmedien mit seinen Banküberfällen in einer Ronald Reagan-Maske und seiner vier Tage dauernden Flucht mit abschließendem Freitod ordentlich auf Trab. Martin Prinz, selbst begeisterter Langstreckenläufer, schildert in seinem Debütroman „Der Räuber“ (bei Prinz heißt der Anti-Held Johann Rettenberger) nicht nur sachlich profund, inhaltlich stringent und detailverliebt diese Fluchtgeschichte. Indem er auf moralische Kategorisierungen vollständig verzichtet, gerät die Beschreibung der Flucht zu einer süchtig machenden mit Bildern transzendenter Erfahrungen ausgestatteten Bewegungs- und Grenzerfahrungsstudie. „Rettenberger hatte sich endlich freigelaufen. Er tauchte ein in die Landschaft, setzte ohne Hast seine langen Schritte. Leicht kam er so voran, spürte Stolz über die wiedergewonnene Gleichmäßigkeit in seinen Bewegungen. Er lief nicht mehr atemlos, er lief mühelos.“
Martin Prinz wusste selbstredend darum, dass ein so spektakulärer Kriminalfall als Vorbild für (s)einen Roman zahlreiche gefährliche Untiefen parat hält. Der perfekt dosierte Spannungsaufbau (die mit Akribie beschriebene waghalsige Flucht Rettenbergers wird immer wieder von Rückblenden auf vorhergegangene Banküberfälle unterbrochen), das Wissen um die Faszination der Gefahr und die Möglichkeit der Romantisierung (die der Alltag nicht mehr bietet) und die gekonnte literarische Einordnung von Extremen und Obsessionen machen das Buch zu einer ebenso klugen und spannenden wie vergnüglichen Studie existenzieller, sportlicher, sozialer und zwischenmenschlicher Herausforderungen, die das Leben für alle bereithält.
Seine Allgemeingültigkeit erhält dieser faszinierende Roman (der von Benjamin Heisenberg mit Andreas Lust in der Hauptrolle später erfolgreich verfilmt wurde) durch die Fähigkeit von Martin Prinz, den Menschen auf seine essenziellen Motive zu reduzieren: Angst, Gier, Hass, Misstrauen, Verzweiflung, Liebe und Sehnsucht. Prinz hat einen Realismus des Erzählens entwickelt, der nie ganz ohne Mitleid auskommt. Wenn seine Romanfiguren gezwungen sind, sich die Frage zu stellen, was man voneinander wissen kann, erfahren sie die unüberbrückbare Fremdheit des anderen und werden sich mit der Unmöglichkeit eines Urteils selbst fremd. So wird die Getriebenheit des Räubers zu einer ausweglos-schicksalhaften Tragödie. Die Liebe zu Erika wendet das Unheil nicht ab, sondern lässt ihn mit ihrer Glücksverheißung noch rascher in Richtung Abgrund taumeln. Je mehr der Anti-Held Johann Rettenberger (Liebes)Glück zulässt, desto mehr treibt die Liebe ihn ins Verderben.

Seitensprung und Grubenunglück
Ganze fünf Jahre nach seinem Romandebüt überraschte Martin Prinz 2007 die Leser und Kritiker mit einem virtuos-fintenreich komponierten Roman über Liebe, Ehe und Ehebruch. Er warf dabei keine holzschnittartigen Figuren ins erzählerische Geschehen, er hinterließ keine literarischen Hampelmänner in der Literaturlandschaft, sondern entlehnte sein Romanpersonal einmal mehr der Wirklichkeit und stattete es mit literarischem Leben aus. Der Roman „Ein Paar“ beginnt mit Szenen aus dem Beziehungsalltag der Journalistin Susanne und des Sportwissenschaftlers Georg. Die beiden leben eine in sympathischer Routine verlaufende Mittelschichtsehe in ihrem Haus am Wiener Stadtrand und wissen, dass ihr Zusammenleben aus den notwendigen Kompromissen und unvermeidlichen Konflikten besteht. Das Beziehungs-Arrangement erhält aber Risse und gerät ein wenig aus den Fugen.
Martin Prinz bedient sich eines erzählerischen Kunstgriffs, um das zu beschreiben: Jedem Romankapitel vorangestellt zitiert er die E-Mail-Korrespondenz zweier Verliebter: „die frage ist, kann man dieser sehnsucht, auch wenn man es mit aller kraft, aller vernunft wollte, überhaupt noch entkommen? (su)  vermutlich schon, selbst tut man sich ja oft die größte gewalt an; man kann alles ersticken, so kann man sogar sich selbst entkommen; nur – was ist dann? (se)“. Bei „su“ und „se“ handelt es sich um Susanne und um den Bildhauer Sebastian, ebenfalls verheiratet. Susanne und Sebastian stürzen sich in eine leidenschaftliche Affäre, deren besonderer Reiz wohl auch darin besteht, dass sie mehr ersehnt als ausgelebt wird. Vor allem Susanne träumt mehr vom dauerhaften Ehebetrug – während ihr Ehemann Georg sie sehr real mit einer gemeinsamen Freundin betrügt.
Die Ehekrise spitzt sich im Verlauf des Romangeschehens zu und Susanne versucht vor ihrer Entscheidungsschwäche zu fliehen. Auf dem Weg nach Hamburg (um dort als Leiterin des Wellness-Ressorts einer Tageszeitung ein neues Hotel zu testen) beschließt Susanne spontan den Alltag kurz hinter sich zu lassen und nach Grado  (Ort der Kindheits- und Jugenderinnerungen) zu fahren. Auf dem Weg nach Grado fährt sie am steirischen Grubenunglücksort Lassing vorbei und in Rückblenden wird geschildert, wie sie als junge, aufstrebende Nachwuchsjournalistin damals in der Nähe von Lassing unterwegs war, um für eine Reportage über das österreichische Langlaufteam zu recherchieren. Zur rechten Zeit am rechten Ort übernahm sie die Koordination für die Berichterstattung über das Grubenunglück und darf auch federführend über die wundersame Rettung des verschütteten Bergmannes Georg Hainzl berichten. Am Tag, als der über eine Woche verschüttete Bergmann lebend aus dem Pausenraum des Bergwerks geborgen wird, macht ihr Georg einen Heiratsantrag.
Mit großem Geschick und enormer erzählerischer Raffinesse setzt Martin Prinz die Geschichte des Grubenunglücks parallel zur Beziehungsgeschichte von Susanne und Georg. Ob dem Wunder von Lassing ein Wunder vom Wiener Stadtrand folgt, lässt er bewusst offen. Denn der Autor weiß, dass die Annahme vieler Menschen, sie könnten ganz allein bestimmen, was aus ihrem Leben wird, nicht sehr haltbar ist. Denn viele befinden sich auf der Suche nach Entscheidungen und eines Tages blicken sie zurück und die Entscheidungen sind schon gefallen. Martin Prinz hat in diesem Buch eine Balance zwischen Tragödie und Komödie gefunden, die mit ihrer erzählerischen Leichtigkeit gleichermaßen Nachdenklichkeit und Lesevergnügen evoziert.

Familien- und Lebensgeschichten
Martin Prinz gönnte sich trotz des vorhandenen Veröffentlichungsdrucks des Literaturbetriebs immer wieder längere Veröffentlichungspausen. So ließ er fast ein ganzes Jahrzehnt ins Land ziehen, bevor er auf den 2007 erschienenen Roman „Ein Paar“ erst 2016 den Frauen-, Geschichts- und Gesellschaftsroman „Die letzte Prinzessin“ folgen ließ. In den Jahren dazwischen trat Prinz nur mit der umfänglichen Wanderreportage „Über die Alpen. Von Triest nach Monaco“ ans Licht der Öffentlichkeit. Prinz schildert in diesem Buch seinen 2500 Kilometer-Fußmarsch durch eine verschwindende Kulturlandschaft. Sein Reisebericht ist eine gelungene Mischung aus Landschafts- und Naturbeschreibung, tagebuchartigen, sehr persönlichen Notizen und (gesellschafts)politischen Reflexionen.
Im Jahr 2016 überraschte Martin Prinz mit der Veröffentlichung eines Romans („Die letzte Prinzessin“) über die Lebensgeschichte der Tochter von Kronprinz Rudolf und Enkelin von Kaiser Franz Joseph. Sie brach im Verlauf ihres sehr bewegten Lebens mit allem, was Herkunft und Vergangenheit ihr zuschrieben. Aufgrund der nicht standesgemäßen Ehe mit Otto zu Windisch-Graetz musste sie auf alle Ansprüche verzichten und ihr Leben glich fortan einem veritablen Balanceakt zwischen ehemaliger Habsburgerin, überzeugter Sozialistin, vierfacher Mutter und eleganter Salondame. Ihr zweiter Ehemann, der Sozialdemokrat Leopold Petznek, führte sie in die Arme der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP). Nicht nur ihre Bekanntschaft mit der Widerstandskämpferin Rosa Jochmann und mit Bruno Kreisky machte sie zu einer engagierten Kämpferin für die Rechte der Arbeiter und der Frauen. Die Geschichte dieser unkonventionellen Frau gerät Martin Prinz leider zu einem langatmig-weitschweifigen und überaus konventionellen Roman.
Ganz anders verhält es sich mit dem 2018 erschienenen Roman „Die unsichtbaren Seiten“. Prinz legt mit diesem Buch einen autobiographischen Familienroman vor und eine sehr persönliche Erzählung der Verwerfungen des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Der Autor begibt sich gleichzeitig in die Untiefen der österreichischen Seele, der österreichischen Provinz und in die der familiären Vergangenheit. In vielen kleineren und größeren Momentaufnahmen liefert Martin Prinz einen (autobiografischen) Familienroman und einen provinzgeschichtlichen Roman, zugleich private und allgemeingültige Geschichte.
Parallel zur Weltgeschichte verläuft die innerfamiliäre Geschichte. „Ich bin der König. (…) Ich bin der König von Lilienfeld.“ Mit diesen Sätzen beginnt der Roman und gleich wird einem klar – dieses Ich ist der Autor Martin Prinz selbst. Im Programm des Insel Verlags firmiert dieses Buch als schonungslos-realistischer Heimatroman. Bezeichnet man die 221 Romanseiten als klug komponierten und überaus vergnüglich zu lesenden Kindheits-, Familien- und Entwicklungsroman und empathische Schilderung der Regionalgeschichte der Orte Traisen und Lilienfeld, liegt man wohl richtig.
Im Zentrum dieses Romans steht also der Autor Martin Prinz selbst. Der kleine Junge und „König von Lilienfeld“ ist sieben Jahre alt und sein Großvater amtiert seit knapp dreißig Jahren als Bürgermeister. Er war und ist integer und immun gegen Postenschacher und gerade deshalb federführend verantwortlich für die prächtige Entwicklung von Lilienfeld. Der kleine Junge wird als Enkel des Bürgermeisters von allen umschwärmt und hofiert und lernt so sehr früh und ganz nebenbei die gesellschaftlichen Abläufe und politischen Schwindeleien kennen. Und das unauflösliche Ineinander von Politik und Familie, von gesellschaftlichen Zwängen und individuellen Befreiungsversuchen.
Bruchstückhaft und nicht immer chronologisch wird das Buch Seite für Seite zu einer literarisierten Chronik der Zweiten Republik aus Provinzsicht. Die Gegenüberstellung der bürgerlichen und proletarischen Familienseite (letztere stammt aus der Nachbargemeinde Traisen), hier Bürgermeisteramt und Bildung, dort Stahlfabrik und Schichtarbeit, dient dem Autor dazu, die nicht immer geradlinige Entwicklung eines privilegierten Kindes zu einem engagierten und gesellschaftskritischen Schriftsteller nachvollziehbar zu beschreiben. Martin Prinz leuchtet alles aus – präzise, fast sachlich und doch immer stimmungsvoll und warmherzig. Die Erinnerungen an Menschen, Orte und Ereignisse. An Ängste, Träume, Sehnsüchte und – immer wieder und sehr eindringlich – an das nächtelange Lesen unter der Bettdecke. Lesen als Tor zur Wirklichkeit – aber auch als Rückzugsort in die Phantasie.
Der „König von Lilienfeld“ (im Gymnasium wird er später „der kleine Prinz“ genannt) schleppt jede Woche unzählige Bücher von der Bibliothek nach Hause und verschlingt sie, wie später auch die Zeitungen. „(…) während ich immer mehr an das Gegenteil einer Auflösung des im Licht der Nachtkästchenlampe unter der Bettdecke geheim Gelesenen und geheim Erlebten glaube. An eine Art Erfahrungs-Inkognito als eine tief ausgeprägte und alles andere als dunkle Nachtseite in jedem Leben, für die einem womöglich jedweder Begriff, doch keineswegs der Sinn fehlt.“ Der Roman „Die unsichtbaren Seiten“ ist ein Buch voller Erinnerungen und mit vielen Lücken. Lücken, die oft mehr preisgeben als detaillierte Schilderungen vager Erinnerungen. Die große Kunst des Schriftstellers Martin Prinz besteht darin, hier alle Personen mit vollem Realnamen zu nennen und trotzdem nichts zu beschönigen oder zu verklären.

Desillusionierende Fallgeschichte
Das jüngste Buchprojekt, ein literarisches und sportwissenschaftliches Langzeitprojekt mit dem des Dopings überführten Langläufer Johannes Dürr, den Martin Prinz vier Jahre lang begleitete, geriet gleichermaßen zu einer ernüchternden Farce und desillusionierenden Fallgeschichte. „Der Weg zurück. Eine Sporterzählung“ sollte einen Anstoß dazu geben, über die Schizophrenie und Verlogenheit des Systems Hochleistungssport nachzudenken und zu diskutieren.
Martin Prinz arbeitete mit dem vermeintlich geläuterten Dopingsünder Johannes Dürr zusammen. Ziel war nicht nur ein sportliches Comeback des Ex-Dopingsünders, sondern auch ein Buch darüber und über die Anforderungen des Hochleistungssports und die Untiefen überzogener Erwartungshaltungen. Johannes Dürr positionierte sich in den Jahren der Zusammenarbeit mit Martin Prinz als unerbittlich-erbarmungsloser Aufdecker und ehrgeiziger Sportler. Indem er an seinen eigenen Ansprüchen ein weiteres Mal und wohl ein letztes Mal an sich selbst scheitert und erneut dopt, lässt er auch das Buchprojekt zu einer fast kafkaesken Fallgeschichte werden. Was bleibt ist der finanzielle Schaden für den Autor Martin Prinz (er war auch finanziell am Comeback-Versuch von Johannes Dürr beteiligt) und eine durchaus wichtige Erkenntnis: Der allzu naive Glaube an schier übermenschliche Leistungen bedarf einer regelmäßigen Überprüfung und kritischen Neubetrachtung.
Martin Prinz hat sich im Gegensatz zu Johannes Dürr in seinem Metier als Autor als glaubwürdiger und überaus wandlungsfähiger Vertreter erwiesen. Und seine Bücher als lesenswerte und erkenntnisreiche Lektüre an der Schnittstelle zwischen Fakten und erzählerischem Gestaltungswillen.







 

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