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Bücherschau

Moster, Stefan - Alleingang

Atemberaubende Charakterstudie eines Menschen

„Der Weg in die Freiheit ist ein Weg zurück“. Freddie ist zu Anfang des Romans bereits um die 50 und es ist für ihn ein besonderer Tag: Er wird aus dem Gefängnis entlassen. Sein zukünftiges Leben ist völlig ungewiss! Es ist niemand da, der ihn abholt, der ihn willkommen heißt, der ihm Halt verspricht oder ihm eine Lebensperspektive und ein Zuhause bietet. In seiner Hoffnungslosigkeit wandert er völlig ratlos und desorientiert zu Fuß in Richtung Bahnhof und beginnt dabei sein bisheriges völlig verpfuschtes Leben zu hinterfragen.
Freddies Eltern verließen ihn und seine zahlreichen Geschwister früh, die Großmutter kümmerte sich daraufhin in einem verwahrlosten Haus um die Enkelkinder, von denen Freddie der Jüngste war. Die Älteren gerieten früh auf die schiefe Bahn. Ein Ausweg aus der asozialen Unterschicht schien niemandem von ihnen möglich. Bereits im Kindesalter freundete sich Freddie mit Tom an, einem wohlerzogenen Jungen aus gutem Elternhaus. Später lernte er Toms Freunde kennen, drei Paare, die in einer WG leben. Sie demonstrierten und diskutierten, gaben sich links, feministisch und politisch, fuhren gemeinsam in den Urlaub. Freddie gehörte scheinbar nur irgendwie dazu. Er war eher ein Macher, besorgte das Auto, mit dem sie zu den Demos fuhren, stürzte sich aufgehetzt handfest ins Getümmel, während seine Freunde im Ernstfall eher an theoretischen und halbherzigen Wortgefechten Genugtuung fanden. Mit der Zeit wurde die Kluft zwischen Freddy und den Mitgliedern der WG spürbar. Die Differenzen nahmen kontinuierlich zu. Bildhaft wurde dies allzu deutlich auf einer gemeinsamen Griechenlandreise. Als alle zum ersten Mal das Meer sahen, war Freddy beinahe kindlich außer sich vor Glück und konnte seiner Begeisterung kaum Einhalt gebieten, während die anderen eine betont kühle und herablassende intellektuelle Nobles zur Schau stellten. Nachdem es in der Folge auch zu intimen persönlichen Verwicklungen und unbotmäßigen Verhaltensweisen kam, entschloss sich Freddy, indem er spontan die Clique verließ, zu seinem unseligen und unglücklichen Alleingang. Dieser Roman ist - ob seines geschickt angewendeten zeitversetzten, mosaikartigen und überblendeten Erzählstils - zeitweilig eine beinahe atemberaubende Charakterstudie eines Menschen, der an der Gesellschaft Stück für Stück zerbricht. Gleichzeitig eröffnet der Autor ein scharf gestochenes Panorama der ambivalenten Gesellschaft der „Siebziger- und Achtziger Jahre“, die letztlich – wir wissen es heute, warum – völlig desaströs scheiterte.
Adalbert Melichar  

Moster, Stefan - Alleingang
Roman. Hamburg: Mare 2019. 368 S. - fest geb. : € 24,70 (DR)
ISBN 978-3-86648-297-5

 

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