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Bücherschau

Gruber-Rizy, Judith - Eines Tages verschwand Karola

Suche nach einer Verschwundenen

Karola Weiß, der Beziehung einer alle Konventionen kurz missachtenden reichen Bürgerstochter mit einem Arbeiter entstammend, hat nach dreißig Jahren ihren Vater in der Papierfabrik einer kleinen Provinzstadt aufgestöbert. Da ist ihre Mutter längst mit einem Hofrat liiert, dessen Angebot, im Ministerium eine Laufbahn als Beamtin einzuschlagen, Karola ablehnt. Lieber arbeitet sie in der Kanzlei eines Rechtsanwalts, wo sie als Sekretärin sechzehn Jahre lang „perfekt funktioniert“. Sie steht früh auf, kleidet sich unauffällig, schminkt sich nie, scheint aber von einer inneren Hektik getrieben, als wäre ihr Leben „vollkommen verplant“. Das liegt vor allem daran, dass sie ständig etwas für Freunde und Bekannte erledigt, um mit diesen Gefälligkeiten den anderen irgendwie enger an sich zu binden. Und doch soll sie, die für ein (echte Freundschaft ausmachendes) gegenseitiges Aufeinander-Eingehen nicht bereit scheint, niemanden an sich herangelassen haben.
Als Karola nach einem samstäglichen Besuch bei ihrer Mutter plötzlich spurlos verschwindet, weiß daher auch niemand etwas. Schließlich hat sie nach außen den Typus der mit sich und ihrem Leben zufriedenen alleinstehenden Frau vorgeschützt, die an allem (nur nicht an Ehe und Familie) interessiert ist.
In ihr drinnen dürfte es jedoch anders ausgesehen haben. Das erschließt sich allerdings erst nach und nach. Zuerst einmal werden, nachdem eine Abgängigkeitsanzeige zu keiner Erkenntnis führt, die beiden Freundinnen Rosa und Antigone aktiv. Letztere, die einmal Archäologie studiert hat, job- und beziehungslos gerade Langeweile verspürt, begibt sich, obwohl sie Karola gar nicht kennt, „voller Tatendrang“ auf die Suche nach ihr. Sie schlüpft in die Rolle der Privatdetektivin und beginnt in Karolas Wohnung und ihrem Bekanntenkreis wie auf einem Ausgrabungsfeld zu graben, während sich Rosa, die Karola als „Zufallsbekanntschaft“ sieht, durch die Geschehnisse aus ihrem zur Routine gewordenen Leben völlig herausgerissen sieht. Ihre ganze Existenz scheint plötzlich mit Unordnung konfrontiert, der sie dadurch beizukommen versucht, dass sie die Geschichte von Antigones Suche nach Karola aufschreibt.
Rosa nennt den Text: „Die Suche der Antigone“, weil es ihr, die Literaturwissenschaft studiert und lange als Lektorin gearbeitet hat, mehr um die als „perfekte junge Frau“ erschienene Kindheits- und Jugendfreundin geht, als um die nur aus Pflichten bestehende und mit Minderwertigkeitskomplexen behaftete Karola. Sie schließt den intendierten Roman jedoch nicht ab, weil sie sich damals (ein Jahr nach Karolas Verschwinden) dem darin real nachgezeichneten Leben tatsächlich existierender Personen plötzlich zu nahe gefühlt hat. Einige Passagen daraus sind aber dafür (kursiv gesetzt) in die Handlung des Buches integriert. Denn 25 Jahre später sieht einfach alles anders aus: Rosa hat sich von ihrem Mann, der großen schönen Wohnung, dem Wochenendhaus auf dem Land, dem sorgenfreien, bis zur Pension allerdings vorprogrammierten Leben mit all seinen Zwängen verabschiedet, scheiden lassen und ein selbstbestimmtes Leben erkämpft, das sie nun als rundherum glückliche Frau voller Zuversicht in die Zukunft blicken lässt.
Im Abstand eines Vierteljahrhunderts verschwimmen natürlich auch Erinnerungen an Details. Dementsprechend würde Rosa so manches „anders und deutlicher erzählen“, wie sie ihrer Freundin Anne während der Osterwoche, die beide Frauen gerade gemeinsam in Bilbao verbringen, mitteilt.
Hier liegt auch die eigentliche Erzählebene, von der aus Rosa zurück in die Vergangenheit schweift und in einem facettenreichen, detaillierten, bunten Bericht an die Freundin das einst Vorgefallene aus unterschiedlichen Perspektiven aufzuhellen versucht. Es entsteht dabei ein abwechslungsreiches, nuanciertes, kunstvoll ineinander verwobenes, dicht verzweigtes, sprachlich ausgewogenes Romangeflecht, das über unterschiedliche Wahrnehmungen drei Frauenfiguren analysiert: Karola, Antigone, Rosa; – deren Eltern nichts anderes gewollt haben, als dass ihre Töchter „selbständig und unabhängig“ werden.
Während Antigone ihren Namen als Verpflichtung gesehen hat, niemals in Abhängigkeit zu einem Mann zu geraten, es aber nicht konsequent durchhält, hat sich Karola anderen Menschen gegenüber immer unterlegen gefühlt und geglaubt, „nur an der Seite eines Mannes glücklich werden“ zu können, auch wenn man ihr Leben im Nachhinein genauso gut als „Aufbegehren gegen die Mutter und deren Vorstellungen“ lesen kann.
Rosa hat Ehe und Familie nie als Ziel gesehen, in ihrer Beziehung mit dem sieben Jahre älteren Julius aber zugelassen, dass sie bevormundet und zurechtgebogen wird. Über Karolas Verschwinden tut sich für sie aber dann doch noch der Weg in die Eigenständigkeit auf. Rosa denkt sogar, dass sie diesem Vorfall ihr jetziges Leben verdankt, das sie mit Freundin Anne gerade an den berühmten Muschelstrand von San Sebastian geführt hat. Und klar ist ihr auch, „dass sie der verschwundenen Karola nicht entrinnen kann, dass Karola sie überall hin verfolgt“ – ein Spannungsfeld, das Judith Gruber-Rizy in ihrem Roman sprachlich wie erzähltechnisch großartig darzustellen weiß.
Andreas Tiefenbacher

Gruber-Rizy, Judith - Eines Tages verschwand Karola
Roman. Wien: Wortreich 2019. 264S. - fest geb. : € 19,90 (DR)
ISBN 978-3-903091-43-6

 

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