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Bücherschau

Jamison, Leslie - Die Klarheit

Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung

„In Iowa verbrachte ich meine Zeit damit, tagsüber tote betrunkene Dichter zu lesen und abends zu versuchen, mit noch lebenden zu schlafen.“ So heißt es am Beginn von Leslie Jamisons Roman. Es ist nicht in erster Linie die Geschichte über Sucht, sondern Jamisons persönlicher Weg der Genesung. Um mit der Einsamkeit nach dem Auszug von Zuhause umzugehen, reagiert Jamison als junge Studentin erstmal mit einer Essstörung, die bald von massivem Alkoholkonsum begleitet wird, der sie durch ihre zwanziger Jahre begleiten soll.
Die Zitate der lange vergessenen britischen Schriftstellerin Jean Rhys, deren Werk vom feministischen Diskurs beansprucht wurde, ziehen sich durch den Großteil des Buches. „Ich hatte zwei große Sehnsüchte und die beiden kämpften ständig gegeneinander“, schrieb Rhys in ihr Tagebuch. „Ich wollte geliebt werden und ich wollte immer alleine sein.“ Darin spiegelt sich auch Jamisons ambivalentes Verhältnis zu sich selbst wider. Während ihrer Studentenzeit lebt sie zwischen Arbeit und Exzess, begleitet von ständigen Ängsten und Zweifeln, ungenügend zu sein. Während Stipendien- und Auslandsaufenthalten, nach gescheiterten Beziehungen taucht dann immer wieder die Frage auf: „Bin ich Alkoholikerin?“
„Der Rausch war zu dem Gefühl geworden, an dessen Empfinden ich das größtmögliche Interesse hatte.“ Eine Abtreibung, Blackouts und schließlich Herz-Rhythmus-Störungen, die eine Herz-OP notwendig machen, führen Jamison auf die Spur und die Dynamik ihres eigenen Suchtverhaltens. Suchtgeschichten sind immer Geschichten des Mangels, darüber philosophiert auch Jamison in ihrem „Buch einer Genesung“. Sie beginnt, AA-Meetings zu besuchen und hört viele verschiedene Lebensgeschichten, denen diese Gemeinsamkeit zugrunde liegt.
Akribisch untersucht sie in ihrem mehr als 600-seitigen Buch männliches und weibliches Trinkverhalten, das Verhältnis von Kreativität und Sucht. Sie unterfüttert ihre eigene Geschichte mit biographischen Skizzen aus der Weltliteratur. Die Exzesse von Jane Bowles in Tanger, Marguerite Duras‘ täglicher Alkoholkonsum trotz gesundheitlicher Einschränkungen, zahlreicher Entgiftungen und Spitalsaufenthalten, Raymond Carvers Wesensveränderung und natürlich David Foster Wallace darf mit Zitaten aus „Unendlicher Spaß“ nicht fehlen. In Los Angeles aufgewachsen, studierte Jamison in Harvard und veröffentliche 2010 ihren ersten Roman „The Gin Closet“, es folgte die Essay-Sammlung „Die Empathie-Tests“. Sie lehrt heute an der Columbia University. Am 7. Dezember 2010 war der letzte Tag, an dem sie Alkohol konsumierte. In einem Interview in „Die Zeit“ sagt sie, „Ich feiere also jedes Mal am 8. Dezember den Geburtstag meines nüchternen Ichs.“
Julie August

Jamison, Leslie - Die Klarheit
Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung. Hanser Berlin 2018.
636 S. fest geb. : € 28,80 (PP)
ISBN 978-3-446-25856-3

 

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