Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Bücherschau

Biltgen, Raoul - Schmidt ist tot

Geschichte über das Verhältnis zweier Brüder

Patrick und Rene Schmidt wachsen in Luxemburg auf. Rene ist zwei Jahre älter, ein besserer Schüler und sein Verhältnis zum Bruder „vornehmlich durch Indifferenz geprägt“. Früh schon fällt ihm die Rolle des „Rädelsführers“ zu. Doch für Mädchen interessiert er sich (anders als Patrick) die gesamte Gymnasialzeit nicht. Dafür hat er häufigen Streit mit seinem Vater und geht deshalb dann nach Wien, „um Kunst zu studieren“; schafft es allerdings nicht auf die Akademie und inskribiert deshalb Kunstgeschichte.
Heim nach Luxemburg fährt er selten. Rene ist „kein Familienmensch“. Und wenn er schon dann und wann im Haus der Eltern auftaucht, verschweigt er, dass seine Karriere als Maler nicht in Schwung kommen will. Als ihm Verena Engl begegnet, hat er zumindest noch Träume. Kurz sind die beiden ein Paar, bis er schließlich (einer Ahnung folgend, die auf den Zerwürfnissen mit seinem Vater beruht) über seine familiäre Herkunft nachzuforschen beginnt und nach Ungarn fährt. Wieder zurück, ist er „plötzlich sehr in sich gekehrt, (…) immer schlecht gelaunt“, kifft die ganze Zeit, schmeißt sein Studium; – und wenig später ist er tot.
Sein Bruder Patrick glaubt, als er davon erfährt, dass es sich um einen Scherz handelt, reist aber trotzdem nach Wien, wo er (anstatt sich um die Hinterlassenschaft zu kümmern) beginnt, „Hobbydetektiv“ zu spielen und dabei von Verena Engl tatkräftig unterstützt wird. Den beiden geht es darum, die massiven Vorwürfe gegen Rene, er sei „Mitglied eines international operierenden terroristischen Netzwerks“ gewesen, das von Osteuropa aus „agiert und mehrere Anschläge geplant hat“, zu entkräften. Es gelingt ihnen, unangenehme Wahrheiten aufzudecken. Denn warum hätte sich Rene das Leben nehmen sollen, bloß weil man ihn „mit ein paar Gramm Gras erwischt“ hat?
Diese Frage entschlüsselt Raoul Biltgen in kleinen Schritten, was den Roman, der sich vor allem damit auseinandersetzt, wie „ein banales Missverständnis“ zu einem Mord und dessen Vertuschung führt, bis zum Ende spannend hält. Die packende Handlung stützt sich auch auf den Umstand, dass Patrick und Verena über ein ausgesprochen feines detektivisches Gespür verfügen. Schnell wird ihnen klar, dass Renes Tod auf schlampiger Polizeiarbeit beruht. Die Ermittler haben zwar gewusst, dass ein grenzüberschreitendes Drogenkartell „über Ungarn Waffen und Sprengstoff und so weiter in den Westen“ bringt, aber niemanden zu fassen bekommen, den sie auch nur „irgendwie dafür verantwortlich“ machen hätten können. Und nachdem die langwierigen Untersuchungen nach Renes Tod, der durch „eine Art Ersticken“ erfolgt sein soll, zu keinen eindeutigen Resultaten geführt haben und es ganz und gar nicht im Interesse der Polizei liegt, eine Leiche im Keller zu haben, der man sich dann nicht mehr zu entledigen vermag, werden Tatsachen so verdreht, dass im Ablauf der Ermittlungen von außen keine Pannen sichtbar werden.
Doch für Patrick und Verena wird schnell klar, dass Rene, der zeitlebens „ein Linker“ gewesen ist, nicht in den Dunstkreis des „islamistischen Extremismus“ geraten sein und damit auch nicht in einen „zu Recht Gestorbenen“ verwandelt werden kann. Sie lassen sich nicht täuschen. Und weil man deshalb nach ihrem Leben trachtet, sind die beiden viel auf den Beinen. Überhaupt spielt Bewegung in diesem temporeichen Roman eine große Rolle. Gemütlich herumgesessen wird kaum, sondern mehr gerannt, gefahren, geflüchtet. Dabei wird auch eine beträchtliche Strecke in die Vergangenheit zurückgelegt. Schließlich erzählt der Autor (neben dem eigentlichen Kriminalfall) die Geschichte von zwei Brüdern, deren Beziehung lange Zeit durch Feindschaft, Eifersucht, Neid und Mitleid geprägt gewesen ist und die sich im Lauf der Zeit ziemlich egal geworden sind.
Erst das Nachspüren der Umstände, unter denen das Zu-Tode-Kommen seines Bruders erfolgt sein könnte, macht Patrick bewusst, wie wenig er Rene im Grunde gekannt hat. Anhand von Rückblenden in Kindheit und Jugend versucht er, sich ihn zu vergegenwärtigen, ja evoziert er einen gedanklichen Dialog, den der Autor in die Handlung einfügt. Raoul Biltgen aber trumpft auch noch mit anderem auf: mit kurzen prägnanten Sätzen, einer guten Geschichte über das Verhältnis zweier Brüder und die Tiefen polizeilicher Ermittlungsarbeit, wohl dosierten Gefühlsregungen und einer schmackhaften Lakonie, die spüren lässt, dass „das schöne, leichtlebige Walzerwien (…) nur ein Traum oder eine Vergangenheit oder eine nicht zu erfüllende Hoffnung“ zu sein vermag.
Andreas Tiefenbacher

Biltgen, Raoul - Schmidt ist tot
Roman. Wien: Wortreich 2018.
304S. - fest geb. : € 19,90 (DR)
ISBN 978-3-903091-31-3

 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur