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Bücherschau

Borrmann, Mechtild - Grenzgänger

Roman über die Untiefen der menschlichen Seele

Henriette Bernhard, geb. Schöning, im Ort genannt Henni, war von der Situation ihrer Familie her gezwungen, sich für ihre noch unversorgten Geschwister aufzuopfern. Dabei wurde sie Teile ihrer Kindheit und ihrer Jugend verlustig.
Hennis Geschichte trägt sich in den bitterarmen Zeiten gleich nach dem Krieg in dem kleinen Eifeldorf Velda nahe der deutsch-belgischen Grenze zu. Das Mädchen kommt aus schwierigen familiären Verhältnissen. Ihr Vater Herbert Schöning trägt schwer an einer Kriegstraumatisierung und ist völlig lebensuntüchtig. Er kann keinerlei Arbeit aufnehmen und verschreibt sich total der örtlichen Kirche und der Pfarrer wird seine Leitfigur. Seine Frau Maria lässt er mit ihren vier Kindern völlig alleine. Henni, seine älteste Tochter, sollte, so die Empfehlung ihrer Lehrer, zur Höheren Schule wechseln, arbeitet aber mit ihrer Mutter in einer Gaststätte, um so die Familie halbwegs ernähren zu können.
Als Hennis Mutter im April 1947 stirbt, sind Herbert Schöning und der Pfarrer der Ansicht, die Kinder seien in kirchlicher Obhut am besten aufgehoben. Doch Henni kämpft wie eine Löwin für deren Verbleib zu Hause und übernimmt die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister und die Haushaltsführung. Doch das Geld ist knapp! Henni ist gezwungen, sich einer Gruppe „Grenzgänger“ anzuschließen, die für den Schwarzmarkt Kaffee aus Belgien über die nahe Grenze schmuggelt. Ab Herbst 1950 nimmt sie sogar ihre Geschwister auf diesen riskanten Weg mit.
Dann die Tragik! Eines Nachts ertappt sie ein Trupp von Grenzern und einer von ihnen erschießt Hennis kleine Schwester Johanna. In der Folge kommt Henni wegen „sittlicher Verwahrlosung“ in eine Aachener „Besserungsanstalt für Mädchen“ und ihre Brüder Matthias und Fried werden über Veranlassung ihres Vaters und des örtlichen Pfarrers in ein Heim der Trierer Ordensschwestern gesteckt. Was die Buben bei den frommen Schwestern durchmachen müssen, kann man getrost als Hölle auf Erden bezeichnen. Blinde Akzeptanz der Autoritäten und bedingungslose Unterordnung ist das oberste Erziehungsziel. Angst, Schmerz und Schuldgefühle sollen den Weg dahin ebnen! Jegliche Infragestellung wird brutal im Keim erstickt!
Von den gegebenen Umständen her nimmt Hennis Leben nach ihrer Entlassung aus dem Heim, dank der Hilfe und Unterstützung eines gesellschaftlich höher gestellten Ehepaares, einen hoffnungsvollen Verlauf. Sie findet eine Arbeitsstelle, bewährt sich durch Fleiß und Pflichtbewusstsein, heiratet einen netten Mann, findet bei ihm eine verständnisvolle Familie und bekommt zwei Kinder. Die Suche nach den Brüdern, über deren Verbleib sie nichts weiß, gibt sie allerdings nie auf. Dies sollte eines Tages ihr Leben nunmehr völlig zerstören, als sie vom Schicksal ihrer Brüder erfährt. Vor allem vom tragischen Ableben ihres Bruders Matthias, der Opfer der brutalen Erziehungsmethoden einer Ordensschwester wird.
Ihr Verhängnis lässt dann nicht mehr lange auf sich warten. Sie gerät in den schweren Verdacht, das Haus ihrer Eltern in Brand gesetzt zu haben. Nun setzt gegen sie eine allgemeine Hetzjagd und eine gewissenlose Verleumdungskampagne seitens der Bevölkerung ein. So kommt es, dass die völlig unbescholtene Frau im Herbst 1970 in Aachen vor Gericht steht und dort des Mordes und der Brandstiftung angeklagt ist. Zu den Anschuldigungen schweigt sie jedoch hartnäckig.
Mechtild Borrmann legt mit diesem Buch einen außerordentlich beklemmenden und düsteren Roman vor, in dem sie schonungslos die Untiefen der menschlichen Seele betritt.
Adalbert Melichar

Borrmann, Mechtild - Grenzgänger
Roman. München: Droemer 2018.
285 S. - fest geb. : € 20,60 (DR)
ISBN 978-3-426-28179-6

 

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