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Bücherschau

Joseph Roth - Ein Autor auf Wanderschaft

Simon Berger über Joseph Roth, der vor 80 Jahren gestorben ist

„Ich habe keine Heimat, wenn ich von der Tatsache absehe, dass ich in mir selbst zu Hause bin und mich bei mir heimisch fühle“, bekannte er in einem Brief. Der erste Teil dieses Satzes war seine ewige Klage, der zweite war eine glatte Lüge. Zerrissener als Joseph Roth, der sein Leben zwischen Starjournalismus und Alkohol zubrachte, kann man sich keinen Schriftsteller seiner Zeit vorstellen. Seine Flucht aus Deutschland gleich nach Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 war gleichsam nur die dramatische Steigerung einer Flucht vor sich selbst. Über ihre Motive (den psychotischen Vater, den er nie kennenlernte, oder die geistige Erkrankung seiner Frau Friedl Reichler, die er als unheilbar zurücklassen musste) lässt sich nunmehr viel spekulieren, die abschließende Diagnose sollte man ihm hingegen ersparen.

Er sei „ein Ostjude auf der Suche nach einer Heimat“, meinte er. Geboren wurde er am 2. September 1894 in Brody bei Lemberg, gestorben am 27. Mai 1939 in Paris. In seinem 45. Lebensjahr – ausgesehen hat er um Jahrzehnte älter. Brody war damals Grenzstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie zum russischen Wolhynien. Seine Mutter Maria Grübel stammte aus einer in Brody ansässigen Familie jüdischer Kaufleute, sein Großvater handelte mit Tuch, seine fünf Onkel mit Hopfen. Roths Vater Nachum Roth stammte aus orthodox-chassidischem Umfeld. Bei der Heirat 1892 war er Getreidehändler im Auftrag einer Hamburger Firma. Als von ihm in Kattowitz eingelagerte Ware veruntreut wurde, musste er zur Regelung der Angelegenheit nach Hamburg reisen. Auf der Rückreise wurde er durch sein Verhalten im Zug auffällig. Er wurde deswegen zunächst in eine Anstalt für Geisteskranke eingewiesen, schließlich seinen westgalizischen Verwandten übergeben, die ihn der Obhut eines russisch-polnischen Wunderrabbis überließen, an dessen Hof ihn Jahre später einer der Onkel Joseph Roths ausfindig machte. Dieser beschrieb den Vater als attraktiven Mann, der unaufhörlich lachte und völlig unzurechnungsfähig gewesen sei.
Joseph Roth hat seine Herkunft oft verschleiert und mystifiziert. Vor allem seinen Vater: Er sei der außereheliche Sohn eines österreichischen Offiziers, eines polnischen Grafen oder eines Wiener Munitionsfabrikanten. Auch behauptete er, in Szwaby (Schwaby), einem kleinen Dorf in der Nähe von Brody, geboren worden zu sein, dessen Einwohner mehrheitlich deutschstämmig waren, im Gegensatz zur jüdischen Bevölkerungsmehrheit in Brody. Tatsächlich lag Joseph Roths Geburtshaus in einem Viertel um den Bahnhof von Brody, das damals bei den Einwohnern den Beinamen „Schwabendorf“ oder „Szwaby“ hatte, weil hier die Familien ehemaliger deutscher Einwanderer wohnten. Sein Geburtshaus wurde im sowjetisch-ukrainischen Krieg 1919/1920 zerstört. Der frühe Vaterverlust und in übertragener Form der Verlust des Vaterlandes, nämlich der österreichischen Monarchie, zieht sich als ein roter Faden durch sein Werk.

Roth berichtete von einer von Armut und Dürftigkeit geprägten Kindheit und Jugend. Demgegenüber weisen Fotografien aus der Zeit und die Berichte seiner Verwandten zwar nicht auf Wohlhabenheit, aber auf durchaus bürgerliche Lebensumstände hin: Seine Mutter hatte ein Dienstmädchen, Joseph erhielt Violinunterricht und besuchte das Gymnasium.
In anderer als materieller Hinsicht war die Lage seiner Mutter allerdings tatsächlich prekär: Sie war nicht Witwe, da ihr Mann noch lebte bzw. als vermisst galt. Scheiden lassen konnte sie sich nicht, da dies einen Scheidebrief (Get) ihres Mannes erfordert hätte, dazu jedoch hätte dieser bei Sinnen sein müssen. Außerdem galt im orthodoxen Judentum GaliziensWahnsinn als Fluch Gottes, der auf der ganzen Familie lag und die Heiratsaussichten der Kinder deutlich verschlechterte. Deshalb wurde in der Familie über das Schicksal des Vaters geschwiegen, und man nahm lieber das Gerücht hin, Nachum Roth habe sich erhängt.
Die Mutter lebte zurückgezogen und versorgte den Haushalt des Großvaters bis zu dessen Tod im Jahre 1907. Sie konzentrierte sich auf die Erziehung des Sohnes, der abgeschlossen und behütet aufwuchs.
Ab 1901 besuchte Joseph Roth die Baron-Hirsch-Schule in Brody, eine vom jüdischen Eisenbahnmagnaten und Philanthropen Maurice de Hirsch gegründete Handelsschule, die sich, anders als die Cheder genannten orthodoxen Traditionsschulen, nicht auf den religiösen Unterricht beschränkte, sondern wo über Hebräisch und Thorastudium hinaus auch Deutsch, Polnisch und praktische Fächer unterrichtet wurden. Unterrichtssprache war Deutsch.
Von 1905 bis 1913 besuchte Roth das Kronprinz-Rudolf-Gymnasium in Brody. Es ist nicht ganz klar, ob das Schulgeld von 15 Gulden pro Semester (eine erhebliche Summe; in dieser Zeit war allerdings bereits die Kronenwährung eingeführt) von seinem Vormund und Onkel Siegmund Grübel bezahlt wurde, ob er ein Stipendium hatte oder ihm das Schulgeld erlassen wurde. Er war ein guter Schüler. Das Gymnasium hielt für schon bestehende Klassen bis 1914 an Deutsch als Unterrichtssprache fest. Als einziger Jude seines Jahrgangs legte er 1913 die Matura sub auspiciis Imperatoris ab.[5] Auf seine Mitschüler wirkte er teils zurückhaltend, teils arrogant, ein Eindruck, den er auch später bei seinen Kommilitonen an der Wiener Universität hinterließ. In diese Zeit fallen seine ersten schriftstellerischen Arbeiten (Gedichte). Zusammen mit anderen bekannten ehemaligen Schülern wird Roth in einem schuleigenen Museumsraum geehrt.

Studium in Lemberg und Wien
Nach seiner Matura (Abitur) im Mai 1913 übersiedelte Roth nach Lemberg, in die Hauptstadt Galiziens, wo er sich an der Universität Lemberg immatrikulierte. Unterkunft fand er bei seinem Onkel Siegmund Grübel, doch scheint es zwischen dem nüchternen Kaufmann und dem angehenden Dichter bald zu Spannungen gekommen zu sein. Eine mütterliche Freundin für viele Jahre fand er in der damals 59-jährigen Helene von Szajnoda-Schenk, einer gebrechlichen, aber geistig sehr lebhaften und hochgebildeten Dame, die im Haus des Onkels eine Wohnung gemietet hatte. Auch mit seinen Cousinen Resia und Paula verband ihn bald Freundschaft.
Die Atmosphäre Lembergs war damals geprägt von sich verschärfenden Spannungen, nicht nur zwischen den Nationalitäten (an der Universität kam es zu Kämpfen zwischen polnischen und ruthenischen Studenten), auch innerhalb des Judentums gärte die Auseinandersetzung zwischen Chassidismus, Haskala (Aufklärung) und der immer stärker werdenden zionistischen Bewegung. Inwieweit Roth tatsächlich in Lemberg studiert hat, ist nicht klar. Er hielt sich schon im Herbst 1913 zeitweise in Wien auf, wo er vom 2. bis 9. September 1913 am XI. Zionisten-Kongress teilnahm.
In Brody war Roths Jahrgang der letzte mit Deutsch als Unterrichtssprache gewesen, an der Universität Lemberg war seit 1871 Polnisch die Unterrichtssprache. Dass Roth seine literarische Heimat in der deutschen Literatur sah, war möglicherweise einer der Gründe, Lemberg zu verlassen und sich für das Sommersemester 1914 an der Wiener Universitätzu immatrikulieren.
In Wien nahm sich Roth zunächst ein kleines Zimmer im 2. Gemeindebezirk, der Leopoldstadt, wo viele Juden lebten. Im folgenden Semester bezog er mit seiner Mutter, die vor den Wirren des ausbrechenden Ersten Weltkrieges nach Wien geflohen war, eine kleine Wohnung im benachbarten 20. Bezirk, Brigittenau (Wallensteinstraße 14/16).[6] Roth und seine Mutter, später auch die Tante Rebekka (Riebke), lebten in dieser ersten Zeit in recht dürftigen Umständen. Roth war ohne Einkünfte, seine Mutter bezog eine geringe Flüchtlingshilfe. Nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges erfolgten die Zuwendungen von Onkel Siegmund wegen der russischen Okkupation nur sporadisch.
Roth begann das Studium der Germanistik. Er legte Wert darauf, in den Prüfungen erfolgreich abzuschneiden und von den Professoren zur Kenntnis genommen zu werden. Im Nachhinein urteilte er negativ über Studenten und Lehrer. Eine Ausnahme bildete Walther Brecht, der Ordinarius für Neuere deutsche Literatur. Heinz Kindermann, Brechts Assistent, wurde zu einer Art Rivale. In der 1916 erschienenen ersten Erzählung Roths, Der Vorzugsschüler, war Kindermann Vorbild für die Hauptfigur Anton Wanzl, einen mit einigem Hass und einiger Kenntnis geschilderten Charakter.
Bald besserte sich die materielle Situation. Stipendien und Hauslehrerstellen (unter anderem bei der Gräfin Trautmannsdorff) erlaubten Roth die Anschaffung guter Anzüge. Mit Bügelfalte, Stock und Monokel beschrieben ihn Zeugen der Zeit als Abbild des Wiener „Gigerls“ (Dandys).

Erster Weltkrieg
Zum wegweisenden Erlebnis wurde für Roth der Erste Weltkrieg und der darauffolgende Zerfall Österreich-Ungarns. Im Gegensatz zu vielen anderen, die bei Kriegsausbruch von nationaler Begeisterung erfasst wurden, vertrat er zunächst eine pazifistische Position und reagierte mit einer Art erschreckten Bedauerns. Doch im Verlauf der Zeit erschien ihm, der als kriegsuntauglich eingestuft worden war, die eigene Haltung als beschämend und peinlich: „Als der Krieg ausbrach, verlor ich meine Lektionen, allmählich, der Reihe nach. Die Rechtsanwälte rückten ein, die Frauen wurden übelgelaunt, patriotisch, zeigten eine deutliche Vorliebe für Verwundete. Ich meldete mich endlich freiwillig zum 21. Jägerbataillon.“
Am 31. Mai 1916 meldete Roth sich zum Militärdienst und begann am 28. August 1916 seine Ausbildung als Einjährig-Freiwilliger. Er und sein Freund Józef Wittlin optierten für das 21. Feldjäger-Bataillon, dessen Einjährigen-Schule sich im 3. Wiener Bezirk befand. Ursprünglich war geplant, das Studium in der Freizeit fortzusetzen.
In die Zeit der Ausbildung fiel der Tod von Kaiser Franz Joseph I. am 21. November 1916. Roth stand im Spalier der Soldaten entlang des Beerdigungszuges: „Der Erschütterung, die aus der Erkenntnis kam, daß ein historischer Tag eben verging, begegnete die zwiespältige Trauer um den Untergang eines Vaterlandes, das selbst zur Opposition seine Söhne erzogen hatte.“[9] Der Tod des 86-jährigen Kaisers wird zu einem zentralen Symbol für den Untergang des Habsburgerreiches und den Verlust von Heimat und Vaterland mehrfach in Roths Werken, unter anderem in den Romanen „Radetzkymarsch“ und „Die Kapuzinergruft“.
Roth wurde nach Galizien zur 32. Infanterietruppendivision versetzt. Von 1917 bis wahrscheinlich zum Kriegsende war er dem militärischen Pressedienst im Raum Lemberg zugeteilt. Roths angebliche russische Kriegsgefangenschaft ist nicht nachweisbar, mögliche Akten oder persönliche Briefe dazu sind nicht erhalten.
Nach Kriegsende musste Joseph Roth sein Studium abbrechen und sich auf den Erwerb des Lebensunterhalts konzentrieren. Bei der Rückkehr nach Wien fand er zunächst Unterkunft bei Leopold Weiss, dem Schwager seines Onkels Norbert Grübel. Nach einem Aufenthalt in Brody geriet er auf dem Rückweg in die Auseinandersetzungen zwischen polnischen, tschechoslowakischen und ukrainischen Einheiten, aus denen er nur mit Mühe zurück nach Wien entkam.

Reporter
Noch während seiner Militärzeit begann Roth, Berichte und Feuilletons für die Zeitschriften „Der Abend“ und „Der Friede“ zu schreiben. In „Österreichs Illustrierter Zeitung“ erschienen Gedichte und Prosa. Im April 1919 wurde er Redakteur bei der Wiener Tageszeitung „Der Neue Tag“, die auch Alfred Polgar, Anton Kuh und Egon Erwin Kisch zu ihren Mitarbeitern zählte. In diesem beruflichen Umfeld gehörte es dazu, Stammgast im Café Herrenhof zu sein, wo Roth im Herbst 1919 seine spätere Frau Friederike (Friedl) Reichler kennenlernte.
Journalist in Wien und Berlin
Ende April 1920 stellte „Der Neue Tag“ sein Erscheinen ein. Roth zog nach Berlin. Dort hatte er zunächst Schwierigkeiten mit seiner Aufenthaltsgenehmigung wegen der Unklarheiten und Fiktionen in seinen Dokumenten. So hatte beispielsweise ein befreundeter Pfarrer ihm einen Taufschein ausgestellt, in dem als Geburtsort Schwaben in Ungarn eingetragen war. Bald erschienen Beiträge von ihm in verschiedenen Zeitungen, darunter die Neue Berliner Zeitung. Ab Januar 1921 arbeitete er hauptsächlich für den Berliner Börsen-Courier.
Am 5. März 1922 heiratete er in Wien die am 12. Mai 1900 geborene Friederike (Friedl) Reichler, die er im Herbst 1919 im Literatencafé „Herrenhof“ kennengelernt hatte. Die junge Frau war Angestellte in einer Gemüse- und Obsthandelszentrale und wie er jüdisch-galizischer Herkunft. Der attraktiven und intelligenten Frau entsprach das ruhelose Leben an der Seite eines reisenden Starjournalisten nicht. Roth dagegen zeigte Symptome einer fast pathologischen Eifersucht.
Im Herbst 1922 kündigte er die Mitarbeit beim Börsen-Courier auf. Er schrieb: „Ich kann wahrhaftig nicht mehr die Rücksichten auf ein bürgerliches Publikum teilen und dessen Sonntagsplauderer bleiben, wenn ich nicht täglich meinen Sozialismus verleugnen will. Vielleicht wäre ich trotzdem schwach genug gewesen, für ein reicheres Gehalt meine Überzeugung zurückzudrängen, oder für eine häufigere Anerkennung meiner Arbeit.“[11] Im gleichen Jahr erkrankte Roths Mutter an Gebärmutterhalskrebs und wurde in Lemberg operiert, wo sie der Sohn kurz vor ihrem Tod zum letzten Mal sah.
Ab Januar 1923 arbeitete er als Feuilletonkorrespondent für die renommierte Frankfurter Zeitung, in der in den folgenden Jahren ein großer Teil seiner journalistischen Arbeiten erschien. Wegen der Inflation in Deutschland und Österreich und der deshalb abwechselnd relativ schlechteren wirtschaftlichen Lage pendelte Roth in dieser Zeit mehrfach zwischen Wien und Berlin und schrieb außer für die FZ auch Artikel für die Wiener Sonn- und Montagszeitung, das Neue 8-Uhr-Blatt (Wien), Der Tag (Wien) und das Prager Tagblatt sowie für den deutschsprachigen Pester Lloyd in Budapest.
Während dieser Zeit arbeitete er auch an seinem ersten Roman, „Das Spinnennetz“, der im Herbst 1923 als Fortsetzungsroman in der Wiener Arbeiter-Zeitung abgedruckt wurde, aber unvollendet blieb.
Der Protagonist des Romans, Leutnant Theodor Lohse, hasst Sozialisten und Juden. Er beginnt nach dem Ersten Weltkrieg als Student der Rechte in Berlin und verdingt sich als Hauslehrer bei einem jüdischen Juwelier.[H 2] Das Sich-Einfügen ins ungewohnte zivile Leben fällt ihm schwer. Er kündigt beim Juwelier und wird Mitglied der Münchner „Organisation S II“.
Lohse lernt den Detektiv Günther Klitsche kennen, der sich unter falschem Namen als Spion bei Sozialisten einschleicht, um sie anschließend an die Polizei zu verraten. Theodor tötet Klitsche, vertuscht den Totschlag und nimmt seine Stelle ein. Gern möchte Theodor den von ihm verehrten Ludendorff in München besuchen, aber Direktkontakt ist untersagt. Theodor ist in der Presselandschaft völlig unbekannt. Täglich schreibt die Presse über Adolf Hitler und den Nationalsozialismus. Lohse kommt bei der Reichswehr in der Garnison Potsdam unter. Die Untergebenen in seiner Kompanie gewinnt er für sich, indem er nicht bestraft, sondern nur rügt.
Benjamin Lenz, ein Jude aus Lodz, der im Krieg Spion war, arbeitet gelegentlich mit falschem Material. Er versorgt nicht nur Theodor mit Meldungen, sondern ebenso den Gegner. Es stellt sich heraus, dass Benjamin alles über Lohse, inklusive des Mords an Klitsche, weiß. Notgedrungen verbündet sich Lohse mit Lenz, welcher ihn kurz darauf denunziert. Lohse wird am Alexanderplatz gegen eine Demonstration von Arbeitern eingesetzt, bei der es zu einer Schlägerei kommt.
Lohse heiratet das Fräulein Elsa von Schlieffen, die ebenfalls national gesinnt und Judenfeindin ist. Lenz bezahlt die Hochzeitsfeier. Zwar scheidet Theodor aus der Reichswehr aus,[H 15] doch er verhört weiter die „inneren Feinde“, und lässt sie für „ungebührliche Antwort auf der Stelle“ mit Folter büßen. Theodor ertappt Benjamin, wie er ihn ausspioniert. Er ist letztendlich machtlos, denn Benjamin weiß zu viel.

Im Jahr 1924 erschienen die Romane „Hotel Savoy“, in dem ein Kriegsgefangener 1919 aus Sibirien in seine polnische Heimatstadt zurückkehrt, und „Die Rebellion“. Es geht um den 45-jährigen Andreas Pum, der im Krieg ein Bein verloren hat, „dafür“ zwar eine Auszeichnung, aber nicht einmal eine Prothese bekam. Er wird von Fahrgästen einer Straßenbahn zu einem der Sündenböcke für das Nachkriegselend abgestempelt, begehrt dagegen auf – und wird dafür bestraft (Delikt: „Bewaffneter Widerstand gegen die Staatsgewalt und Amtsehrenbeleidigung“). Er hatte einen Polizisten mit der Krücke geschlagen, der eine Auseinandersetzung schlichten wollte. Der Invalide war in der Straßenbahn als Simulant und Bolschewik verunglimpft worden, einige Fahrgäste hatten eingestimmt: Russe, Spion, Jude! Im Gefängnis verliert Andreas das Wichtigste, das ein Mensch nötig hat, seinen Glauben. Von seiner Ehefrau will er sich scheiden lassen. Aus dem Gefängnis kommt er mit weißem Haar. Aber einen Freund hat Andreas noch. Der stellt ihn als Wärter in der Toilette des Cafés Halali an. Als Andreas am Arbeitsplatz stirbt, will er die Gnade Gottes nicht. Er will in die Hölle.
Joseph Roths Verhältnis zur Frankfurter Zeitung und dem damals für die Feuilletonredaktion zuständigen Benno Reifenberg blieb nicht frei von Reibungen. Roth fühlte sich nicht hinreichend geschätzt und versuchte dies durch Honorarforderungen zu kompensieren. Als er sich von der Zeitung trennen wollte, bot man ihm an, als Korrespondent in Paris weiterzuarbeiten. Roth nahm an, siedelte im Mai 1925 nach Paris über und äußerte sich in seinen ersten Briefen enthusiastisch über die Stadt. Als er ein Jahr später als Korrespondent von Friedrich Sieburg abgelöst wurde, war er schwer enttäuscht. Sie ahnen nicht, wieviel privat und die litterarische Carrière betreffend mir zerstört wird, wenn ich Paris verlassse, schrieb er am 9. April 1926 an Reifenberg.[12]
Zum Ausgleich verlangte er, von der FZ mit großen Reisereportage-Serien beauftragt zu werden. Von August bis Dezember 1926 bereiste er daher die Sowjetunion,[13] von Mai bis Juni 1927 Albanien und Jugoslawien, im Herbst 1927 das Saargebiet,
Mit seinem wohl berühmtesten Essay „Juden auf Wanderschaft“ schuf Roth 1927 ein Meisterwerk des literarischen Journalismus und ein Zeitdokument von unschätzbarem Wert. Das Buch kann als Kritik an den Westjuden sowie an der zionistischen Bewegung gelesen werden. Begleitet wird diese Kritik von einer Idealisierung des Ostjudentums, für das er selber als Verräter an der jüdischen Idee gelten musste. Durchzogen ist Roths Buch von seiner Klage über die Verlorenheit des Jüdischen und der wehmütigen Erinnerung an dessen Tradition.
Die wandernden Juden in Europa sind das Sinnbild dafür, dass „nichts in dieser Welt beständig ist, auch die Heimat nicht.“ Und im Nachwort von 1937 ergänzt er: „Zum Wandern verurteilt sind auch die Juden, die in Deutschland geblieben sind. Aus den ganz kleinen Städten müssen sie in größere ziehen, aus den größten in große und, hier und dort aus den großen ausgewiesen, wieder zurück in kleinere. Aber selbst, wenn sie faktisch seßhaft bleiben, welch eine Wanderung vollzieht sich mit ihnen, in ihnen, um sie herum! Man wandert von Freunden fort, vom gewohnten Gruß, vom vertrauten Wort … es ist eine Wanderung in eine gelogene, gewollte falsche Nacht. Man wandert vom Schrecken, den man eben erfahren hat, in die Furcht … und man versucht, sich in ihr, der unheimlichen, behaglich und wohlig zu fühlen … Man wandert von einem Nürnberger Gesetz zum andern. Man wandert von einem Zeitungsstand zum andern, als hoffe man, eines Tages würden doch die Wahrheiten feilgeboten … Man bleibt und wandert dennoch: eine Art Akrobatie, derer nur die Unglücklichsten fähig sind, die Sträflinge von Bagno. Es ist das Bagno der Juden.“
„Die Flucht ohne Ende“ entstand 1927 während seiner Albanienreise und noch im selben Jahr bei Kurt Wolff. Franz Tunda, Oberleutnant der österreichischen Armee, flieht aus russischer Gefangenschaft und wird auf dem langen Heimweg von Irkutsk nach Wien in denr ussischen Bürgerkrieg hineingezogen. Glücklich daheim angekommen, weiß der Offizier, als einer der Verlierer des Ersten Weltkriegs, nichts mit sich anzufangen. Hilfe von der Nachkriegsgesellschaft kann er weder in Wien noch in Paris erwarten. Der Roman spielt vom August 1916 in Irkutsk bis zum 27. August 1926 in Paris. Zwischendurch agiert der Protagonist in der Ukraine, in Baku, Wien und in einer mittelgroßen deutschen Universitätsstadt am Rhein. „In den Seelen mancher Menschen richtet die Trauer einen größeren Jubel an als die Freude“ – Roth selbst meinte einmal, der Roman sei durchaus autobiographisch grundiert.

Ehe
1926 traten bei seiner Frau Friedl erste Symptome einer geistigen Erkrankung Friedls zutage, 1928 wurde ihre Krankheit manifest. Sie wurde zunächst in der Berliner Nervenheilanstalt Westend behandelt, dann wohnte sie, von einer Krankenschwester betreut, eine Zeit lang bei einem Freund ihres Mannes.
Die Krankheit seiner Frau stürzte Roth in eine tiefe Krise. Er war nicht bereit, die Unheilbarkeit der Krankheit zu akzeptieren, hoffte auf ein Wunder, gab sich die Schuld an der Erkrankung: Wahnsinn galt und gilt unter frommen Juden als Strafe Gottes. Eine mögliche Besessenheit durch einen Dibbuk veranlasste ihn zu der (erfolglosen) Konsultation eines chassidischen Wunderrabbis. Während dieser Zeit begann er heftig zu trinken. Auch seine finanzielle Situation verschlechterte sich.
Als auch die Unterbringung bei Friedls Eltern keine Besserung brachte und die Kranke zunehmend in Apathie verfiel und die Nahrung verweigerte, brachte man sie am 23. September 1930 in das private Sanatorium in Rekawinkel bei Wien. Sie hatte ein Körpergewicht von nur noch 32 Kilogramm. Im Dezember 1933 kam sie in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ am Rand Wiens, schließlich im Juni 1935 in die Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling in Niederösterreich. Friedls Eltern wanderten 1935 nach Palästina aus. Roth beantragte die Scheidung von seiner entmündigten Frau. Am 3. Juli 1940 wurde Friedl Roth in die Tarnanstalt Niedernhart (heute Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg) bei Linz verlegt, eine sogenannte Zwischenanstalt im Rahmen der Aktion T4, von wo sie weiter in die NS-Tötungsanstalt Hartheim verbracht wurde. Friederike Reichler wurde dort in der Gaskammer getötet. Als ihr Todesdatum gilt der 15. Juli 1940.
Beziehungen
Die Krankheit seiner Frau blieb für Roth – auch während folgender Beziehungen – eine Quelle von Selbstvorwürfen und Bedrückung. 1929 lernte er Sybil Rares kennen, eine jüdische Schauspielerin aus der Bukowina, die am Frankfurter Schauspielhaus engagiert war, und nahm mit ihr ein kurz andauerndes Verhältnis auf.
Im August 1929 begegnete er Andrea Manga Bell, Tochter der Hamburger Hugenottin Emma Mina Filter und des kubanischen Pianisten Jose Manuel Jimenez Berroa. Sie war verheiratet mit Alexandre Manga Bell, Prince de Douala et Bonanyo aus der ehemaligen deutschen Kolonie Kamerun, Sohn des 1914 von den Deutschen exekutierten Douala-Königs Rudolf Manga Bell, der sie jedoch verlassen hatte und nach Kamerun zurückgekehrt war. Als Roth sie kennenlernte, war sie Redakteurin bei der Ullstein-Zeitschrift Gebrauchsgraphik und ernährte so ihre zwei Kinder. Roth war von der selbstbewussten und selbstständigen Frau sofort fasziniert. Bald bezog man zusammen mit den Kindern eine gemeinsame Wohnung. Möglicherweise war Andrea Manga Bell das Vorbild für die Figur der Juliette Martens in Klaus Manns Schlüsselroman „Mephisto“.
Mit „Hiob“ (1930), der ergreifenden Geschichte eines gläubigen Juden und seiner Familie, die von schweren Schicksalsschlägen heimgesucht werden, schuf Joseph Roth wohl einen seiner schönsten Romane. Mendel Singer „war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. Er übte den schlichten Beruf eines Lehrers aus.“ Er führte mit seiner Familie ein bescheidenes Leben, das durch eine Kette von Schicksalsschlägen jäh zerstört wird.
Er weiß sich keinen anderen Rat, als seine Heimat zu verlassen und sich auf den weiten Weg zu seinem Sohn nach Amerika zu machen. Dort erhofft er sich eine glücklichere Zukunft. Doch das Unheil nimmt seinen Lauf. Erst als Mendel Singer zu verzweifeln droht und sich von Gott abwendet, geschieht ein Wunder.
In diesem Roman wird kein Schicksalsschlag ausgelassen – Wahn, Krankheit, Verlust von Heimat. Wie kann der Allmächtige das alles nur zulassen? Die Gottestreue eines gläubigen Juden wird auf eine harte Probe gestellt. Am Ende hadert der strengreligiöse Mendel mit dem Glauben. Wo ist die Barmherzigkeit Gottes? Er beginnt an allem zu zweifeln, was sein Leben bis dahin bestimmt hat. "Ich habe keine Angst vor der Hölle. (...) Alle Qualen der Hölle habe ich schon gelitten. Gütiger als Gott ist der Teufel. Da er nicht so mächtig ist, kann er nicht so grausam sein." Das Wiedersehen am Ende mit dem verloren geglaubten Lieblingssohn kommt viel zu unverhofft, um es als echtes Happy End zu verstehen. War es vielleicht die leise Hoffnung Joseph Roths, wenigstens in der Literatur das Gute siegen zu lassen?

Radetzkymarsch
Ab Herbst 1930 hatte Joseph Roth an einem Roman geschrieben, um seiner Trauer über den Untergang Habsburgs und des uralten Kaisers und wohl auch über den Untergang des alten Europa“ Ausdruck zu verleihen. Er schrieb bei Freunden (etwa bei Stefan Zweig) und in Hotels in Frankfurt, Berlin, Paris, Baden-Baden und im französischen Antibes. Die Arbeit daran konnte er im Sommer 1932 abschließen. Die ersten Exemplare seines großen Meisterwerks „Der Radetzkymarsch“ erschienen Ende August/Anfang September 1932 noch in Berlin.
„Die Trottas waren ein junges Geschlecht. Ihr Ahnherr hatte nach der Schlacht bei Solferino den Adel bekommen. Er war Slowene. Sipolje – der Name des Dorfes, aus dem er stammte – wurde sein Adelsprädikat. Zu einer besondern Tat hatte ihn das Schicksal ausersehn. Er aber sorgte dafür, dass ihn die späteren Zeiten aus dem Gedächtnis verloren.“ So beginnt die Geschichte der dem Kaiserhaus der Habsburger schicksalhaft verbundenen Familie Trotta. Die Erzählung vom Niedergang der in den Adelsstand erhobenen österreichischen Familie wird parallel dem Verfall der Habsburger Monarchie erzählt und verknüpft.
Aus einer ärmlichen Bauernfamilie im slowenischen Dorf Sipolje rückt ein Trotta in der Armee zum Rechnungs-Unteroffizier und später zum Gendarmerie-Wachtmeister auf. Nachdem er im Kampf mit bosnischen Schmugglern ein Auge verloren hat, lebt er als Militärinvalide und Parkwächter des Schlosses Laxenburg bei Wien. Sein Sohn Joseph wird Leutnant der Infanterie, der in der Schlacht von Solferino unter Einsatz seines Lebens dem jungen Kaiser Franz Joseph I. das Leben rettet. Als „Held von Solferino“ wird er dafür mit dem Militär-Maria-Theresien-Orden ausgezeichnet, in den Adelsstand erhoben und zum Hauptmann befördert.
So wird er „zum Ahnherrn eines neuen Geschlechtes“. Nachdem der Hauptmann im Schulbuch seines Sohnes zufällig eine heroisierende Darstellung der Schlacht von Solferino entdeckt und sich darüber (zunächst ohne Erfolg) sogar beim Kaiser beschwert hat, wird er zwar in den Freiherrenstand erhoben, verlässt aber verbittert die Armee und zieht sich nach Böhmen zurück. Seinem Sohn, Franz Freiherrn von Trotta und Sipolje, verbietet er eine Karriere beim Militär. So schlägt dieser eine Beamtenlaufbahn ein und wird schließlich durch die Gunst des Kaisers zum Bezirkshauptmann in der Stadt W. ernannt.
Der Sohn des Bezirkshauptmanns, Carl Joseph Trotta von Sipolje, ist jedoch weder ein schneidiger Soldat wie der Großvater, noch ein kaisertreuer Beamter wie der Vater. Carl Joseph, ein äußerst weicher und feinfühliger Charakter, der nicht aus eigenem Entschluss Leutnant geworden ist, sondern weil er von seinem Vater dazu bestimmt wurde, will eigentlich kein Soldat sein, doch er folgt pflichterfüllend dem Auftrag seiner Familie. Breiten Raum nimmt im dritten Teil des Romans Carl Josephs tragisch endende Liebschaft mit Frau Slama und seine groteske Liebschaft mit Frau von Taußig ein.
Als Leutnant zur Kavallerie ausgemustert, verschlägt es ihn bald zur Infanterie an die russische Grenze, wo Carl Joseph dem Alkohol und der Spielsucht verfällt. Anschaulich und facettenreich wird die Dekadenz des Offiziersstandes dem Untergang der Donaumonarchie und des Kaiserhauses gleichgestellt. Wie am Anfang des Aufstiegs einer Familie der Einsatz eines Menschenlebens für den Kaiser gestanden ist, steht am Ende ein Opfergang für die namenlosen Kameraden: Carl Joseph fällt im Ersten Weltkrieg beim Versuch, Wasser für seine Soldaten zu holen. Der adelige Zweig der Familie Trotta erlischt mit ihm. Zwei Jahre später (am Tag der Beisetzung Kaiser Franz Josephs!) stirbt dann auch der Bezirkshauptmann.
Ein Nachkomme des eingangs erwähnten Parkwächters von Schloss Laxenburg ist auch der bürgerliche Franz Ferdinand Trotta, den Joseph Roth zur Hauptperson seines 1938 erschienenen Romans Die Kapuzinergruft machte. Sein Großvater war ein Bruder des „Helden von Solferino“.
Am 30. Januar 1933, dem Tag von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, verließ Roth Deutschland. In einem Brief an Stefan Zweig urteilte er: „Inzwischen wird es Ihnen klar sein, daß wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg. Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben. Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert.“
Roths Bücher wurden Opfer der Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten. Roth wählte als Ort seines Exils zunächst Paris, unternahm aber diverse, teils mehrmonatige Reisen, unter anderem in die Niederlande, nach Österreich und nach Polen.
Im Februar/März 1937 reiste er nach Polen und hielt auf Einladung des polnischen PEN-Klubs eine Reihe von Vorträgen. Dabei unternahm er einen Abstecher ins damals polnische Lemberg, um seine Verwandten zu besuchen, die alle Opfer der Shoa wurden.
Anders als vielen emigrierten Schriftstellern gelang es Roth, nicht nur produktiv zu bleiben, sondern auch Publikationsmöglichkeiten zu finden. Seine Werke erschienen in den niederländischen Exilverlagen Querido und de Langesowie in dem christlichen Verlag De Gemeenschap. Unter anderem deshalb hielt er sich während seines Exils mehrfach in den Niederlanden und Belgien auf (Mai 1935 in Amsterdam und 1936 längere Aufenthalte in Amsterdam und Ostende). Darüber hinaus verfasste er Beiträge für die von Leopold Schwarzschild herausgegebene Exilzeitschrift „Das neue Tage-Buch“.

Emigration
Als er emigrieren musste, folgte ihm Andrea Manga Bell mit ihren Kindern. Im Laufe der Zeit kam es zwischen den beiden zu Spannungen, für die Roth die durch die Versorgung der Familie Manga Bells entstehenden finanziellen Probleme verantwortlich machte („Ich muss einen Negerstamm von neun Personen ernähren!“). Andrea Manga Bell schreibt dagegen später über diese Zeit in einem Brief, sie habe von ihrem Bruder in Hamburg Geld aus ihrem Erbe erhalten. „Das Geld, das er mir mit Lebensgefahr über Holland hat zukommen lassen, hat Roth restlos versoffen. Daher enterbt. Ich habe von früh am Morgen für Roth gearbeitet, auf Spiritus gekocht, auch für seine Freunde, alle Korrespondenz und Manuskripte getippt bis nachts um 2 Uhr." Wahrscheinlichere Ursache für die Streitigkeiten und das endgültige Zerwürfnis Ende 1938 war auch Roths extreme Eifersucht.
Anfang Juli 1936 war Roth auf Einladung Stefan Zweigs nach Ostende gereist, wo er der dort seit kurzem in der Emigration lebenden Schriftstellerin Irmgard Keun begegnete. Beide interessierten sich sofort füreinander. Irmgard Keun: „Da hatte ich das Gefühl, einen Menschen zu sehen, der einfach vor Traurigkeit in den nächsten Stunden stirbt. Seine runden blauen Augen starrten beinahe blicklos vor Verzweiflung, und seine Stimme klang wie verschüttet unter Lasten von Gram. Später verwischte sich der Eindruck, denn Roth war damals nicht nur traurig, sondern auch der beste und lebendigste Hasser.“
Von 1936 bis 1938 lebten die beiden in Paris zusammen. Egon Erwin Kisch bescheinigte dem Paar einen Hang zum Alkoholexzess: „Die beiden saufen wie die Löcher“. Keun begleitete Roth auf seinen Reisen, unter anderem bei seinem Besuch in Lemberg zu Weihnachten 1936, wo er sie seiner alten Freundin Helene von Szajnoda-Schenk vorstellte. Auch diese Beziehung zerbrach schließlich. Nach Aussage Irmgard Keuns war wiederum Roths Eifersucht die Ursache: „Nicht einmal austreten konnte ich, ohne dass er unruhig wurde. Schlief ich ein, so hatte er seine Finger in meinem Haar eingewühlt, auch noch, wenn ich aufwachte. (…) Durch seine wahnsinnige Eifersucht fühlte ich mich immer mehr in die Enge getrieben, bis ich es nicht mehr aushielt, bis ich unbedingt ausbrechen musste. In Paris verließ ich ihn mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung und ging mit einem französischen Marineoffizier nach Nizza.“
In den letzten Jahren verschlechterte sich Roths finanzielle und gesundheitliche Situation rapide. Im November 1937 wurde sein Aufenthaltsort für zehn Jahre, das Hotel Foyot in der Pariser Rue de Tournon, wegen Baufälligkeit abgerissen. Er zog vis-a-vis in ein kleines Zimmer über seinem Stammcafe, dem Café Tournon. Am 23. Mai 1939 wurde Roth in das Armenspital Hôpital Necker eingeliefert, nachdem er (angeblich nach Erhalt der Nachricht vom Selbstmord Ernst Tollers) im Café Tournon zusammengebrochen war. Am 27. Mai starb er an einer doppelseitigen Lungenentzündung. Der letale Verlauf der Krankheit wurde durch den abrupten Alkoholentzug (Alkoholdelirium) begünstigt.
Am 30. Mai 1939 wurde Roth auf dem zu Paris gehörenden Cimetière parisien de Thiais in Thiais, südlich der Hauptstadt, beerdigt.[25] Die Beisetzung erfolgte nach „gedämpft-katholischem“ Ritus, da kein Beleg für die Taufe Roths erbracht werden konnte. Bei der Beerdigung kam es beinahe zu Zusammenstößen zwischen den sehr heterogenen Beteiligten der Trauergesellschaft: österreichische Legitimisten, Kommunisten und Juden reklamierten den Toten jeweils als einen der ihren. Das Grab liegt in der katholischen Sektion des Friedhofs („Division 7“[26]). Die Inschrift auf dem Grabstein lautet: écrivain autrichien – mort à Paris en exil („österreichischer Schriftsteller – gestorben in Paris im Exil“).
Seine letzte feste Wohnung hatte er übrigens 1922 mit Friedl in Berlin bezogen, wo er seinen ersten Roman „Das Spinnennetz“ schrieb. Vom Ende des Jahres 1923 an bis zu seinem mit 44 Jahren erschreckend frühen Ende am 27. Mai 1939, wohnte er nur noch in Hotels und führte ein Nomadenleben zwischen Wien, Paris und Amsterdam. „Ich habe noch nie die Fähigkeit gehabt, Möbel und dergleichen zu verstehen“, erklärte er. „Ich scheiße auf Möbel. Ich hasse Häuser.“
Wenige Monate nach seinem Tod erschien die grandiose Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“.
Die Legende: Andreas, der Trinker, ein Mann von Ehre, will geliehenes Geld zurückbringen, kommt aber nicht dazu, eben, weil er trinkt. In den letzten Wochen seines Lebens, im Frühling 1934, geschieht dem obdachlosen Trinker Andreas Kartak aus Olschowice im polnischen Schlesien eine ganze Serie von Wundern. Andreas war früher, wie sein Vater, als Kohlenarbeiter beschäftigt. Weil man in Frankreich Kohlenarbeiter gesucht hatte, war er dorthin gegangen und hatte in den Gruben von Quebecque gearbeitet. Einquartiert war er bei dem Ehepaar Schebiec gewesen, hatte mit Frau Karoline geschlafen, war vom Ehemann ertappt worden und hatte ihn in Notwehr erschlagen. Dafür hatte Andreas zwei Jahre im Gefängnis gesessen.
Andreas, nun Pariser Stadtstreicher geworden, nächtigt gewöhnlich unter den Seine-Brücken. Das erste Wunder: Ein fremder Herr leiht Andreas 200 Francs. Der Obdachlose soll den Betrag bei der Statue der heiligen Therese von Lisieux in der Kapelle Ste-Marie des Batignolles hinterlegen. Andreas vertrinkt das Geld, besinnt sich aber, verdient 200 Francs durch ehrliche Arbeit und vergeudet diese wieder. Zu dem Wunder, Geld durch Arbeit zu verdienen, gesellen sich weitere: Andreas kauft eine gebrauchte Brieftasche zur Aufbewahrung des Geldregens und findet darin 1000 Francs. Zudem begegnet er einem ehemaligen Schulkameraden, der für ihn sorgt. Und seine ehemalige Geliebte Karoline, die mit ihm ihre Ehe gebrochen hatte, läuft ihm über den Weg, zieht mit ihm durch Paris und schläft mit ihm. Andreas macht sich aber aus dem Staub, weil ihm Karoline zu schnell gealtert ist. Das kann er sich leisten, denn die Wunder dauern an. Ihm begegnen entgegenkommende junge Frauen, zutrauliche junge Mädchen. Eine heißt Therese – jene oben erwähnte Heilige, nimmt der nicht ganz nüchterne Trinker an. Aber Therese ist aus Fleisch und Blut – nicht die, für die sie gehalten wird. Sie nimmt auch kein Geld von Andreas. Ganz im Gegenteil, Therese schenkt Andreas einen 100-Franc-Schein, gerade als der Trinker sich an der Theke den nächsten Pernod genehmigen möchte. Dazu kommt es nicht. Der Trinker fällt um und stirbt. Der abschließende Kommentar des Erzählers: „Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!“




 

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