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Bücherschau

Elena Ferrante - Das Verschwinden der genialen Autorin

Brigitte Winter über Elena Ferrante

Der italienische Journalist Claudio Gatti hat aus seiner Sicht die vielen Spekulationen über die Verfasserin des vierteiligen Romanzyklus „L’amica geniale“ („Meine geniale Freundin“), über ihr Schreiben und über ihre Identität, oder wie er es nennt: ihre „Pseudonymität“, beendet. Es gibt seit 1992, seitdem Elena Ferrante ihr erstes Buch in Italien veröffentlicht hat, keine Bilder von ihr, und man weiß nichts über sie. Nach ausgiebigen Recherchen glaubte Claudio Gatti, nun die wahre Identität der Schriftstellerin zu enthüllen – und tat dies zeitgleich in der „Süddeutschen Zeitung“, der „New York Times Review of Books“ und Medien in Italien und Frankreich.
Danach sei sie nicht die Tochter einer neapolitanischen Schneiderin, als die Elena Ferrante sich in ihrem 2003 in Italien erschienenen Buch „La frantumaglia“ bezeichnet, sondern erstmals zugänglich gewordene Dokumente weisen angeblich auf Anita Raja hin, eine 1953 geborene, in Rom lebende Übersetzerin, deren deutsche Mutter vor dem Holocaust nach Italien geflohen war und später einen städtischen Angestellten aus Neapel geheiratet hatte.
Die ihrerseits mit dem neapolitanischen Schriftsteller Domenico Starnone verheiratete Anita Raja unterhält seit Jahrzehnten eine enge berufliche Beziehung zum italienischen Verlag Edizioni e/o, in dem Elena Ferrantes Bücher erscheinen: Jahrelang übersetzte sie für das Haus deutsche Literatur, und sie leitete die „Collana degli Azzurri“, einen kurzlebigen Imprint der Edizioni e/o, in dem nach Auskunft der Presseabteilung des Unternehmens nur „drei oder vier Bücher italienischer Autoren“ erschienen sind, darunter aber 1992 „L’amore molesto“, der Debütroman von Elena Ferrante, der 1994 als „Lästige Liebe“ auch ins Deutsche übersetzt wurde (und 2018 auch bei Suhrkamp erschien).
Heute ist Anita Raja nach Darstellung der Presseabteilung nur als freie Übersetzerin für die Edizioni e/o tätig und „keinesfalls“ dort angestellt, so Gatti weiter: „Aber die Tätigkeit als Übersetzerin kann nicht verantwortlich sein für ihre außerordentlichen Honorarsteigerungen im Verlauf der letzten Jahre. Sie ist offensichtlich die Hauptnutznießerin der durch Elena Ferrantes Erfolg gestiegenen Einkünfte des Verlags. Öffentlich zugängliche Grundbücher zeigen, dass sich Anita Raja im Jahr 2000, als das erste Buch von Elena Ferrante in Italien erfolgreich verfilmt worden war, eine Siebenzimmer-Wohnung in einer teuren Gegend von Rom und im Folgejahr ein Landhaus in der Toskana gekauft hat. Aber der richtige kommerzielle Erfolg von Ferrantes Büchern begann erst 2014, als die Romane des Zyklus „Meine geniale Freundin“ zu Bestsellern auf dem englischsprachigen Markt wurden. Im Juni 2016 kaufte Domenico Starnone eine Wohnung in Rom, die weniger als anderthalb Kilometer von der 2000 erworbenen entfernt liegt, die unter dem Namen seiner Frau eingetragen ist. Es handelt sich bei der jüngst gekauften um eine Elf-Zimmer-Wohnung von 230 Quadratmetern im obersten Geschoss eines eleganten Vorkriegsgebäudes in einer der schönsten Straßen von Rom; der Schätzwert des Wohnung beträgt zwischen 1,1 und 1,8 Millionen Euro. Ein italienischer Steueranwalt erklärt, dass die Tatsache, dass die Wohnung unter dem Namen des Ehemanns registriert wurde, nicht bedeutet, dass er sie auch mit eigenem Geld gekauft habe. Vielmehr bedeutete es für das Ehepaar signifikante Steuervorteile. In Italien pflegen verheiratete Paare, denen zwei Wohnungen gehören, diese unter sich aufzuteilen, weil der erste Immobilienbesitz deutlich niedriger besteuert wird als der zweite.
Eine noch eindeutigere Sprache sprechen die Geschäfts- und Einkommenszahlen des Verlags und von Anita Raja in den Jahren, seit Ferrantes Bücher international erfolgreich wurden. Der Jahresertrag 2014 von Edizioni e/o betrug 3087314 Euro, eine fünfundsechzigprozentige Steigerung gegenüber dem Vorjahr. 2015 stieg er dann noch mal um ungefähr 150 Prozent und erreichte 7615203 Euro. Dieselbe Entwicklung kann man den Überweisungen der Edizioni e/o an Anita Raja ablesen, deren Höhe wir dank einer internen Quelle erfahren haben. Im Jahr 2014 stiegen diese Zahlungen um fast fünfzig Prozent an, und 2015 wuchsen sie im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 150 Prozent, wodurch der siebenfache Betrag erreicht wurde, den Raja 2010 vom Verlag erhalten hatte, als sich der kommerzielle Erfolg ihrer Bücher noch auf Italien beschränkte.“
Ihre Arbeit als Übersetzerin, eine bekanntermaßen schlecht bezahlte Tätigkeit, kann, so Claudio Gatti, für diese steile Einkommensentwicklung schwerlich verantwortlich sein. Die ihm zugänglich gemachten Unterlagen weisen nach, dass niemand sonst im Verlag, nicht dessen Eigentümer, Angestellte, Autoren oder sonstige Beiträger, ein vergleichbares Einkommen oder eine ähnliche Steigerung des Einkommens seitens der Edizioni e/o erzielt hat. Dagegen entsprechen die Einkünfte von Anita Raja in diesen Jahren ziemlich genau den Tantiemen, die mit den Ferrante-Büchern eingespielt worden sein müssen.
Keine der bislang vorgebrachten Vermutungen über die Identität von Elena Ferrant konnte mit konkreten Beweisen untermauert werden. Die vorgestellten ökonomischen Daten weisen laut Claudio Gatti dagegen direkt auf Anita Raja hin, der jedoch einräumt, dass immer noch die Möglichkeit besteht, dass es dabei eine Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann Domenico Starnone gegeben hat.

Seit nunmehr 27 Jahren ist es Anita Raja gelungen, sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante zu verbergen. In ihrem dritten, noch vor der „Freundin“-Tetralogie erschienenen Buch „Frantumaglia. Mein geschriebenes Leben“ („La frantumaglia“, 2003), Ferrantes bislang einzigem nichtfiktionalen Werk, enthüllte sie, dass sie drei Schwestern habe und ihre Mutter eine neapolitanische Schneiderin gewesen sei, die sich gern „in ihrem Dialekt“ ausgedrückt habe. Ferrante will in Neapel gelebt haben, bis sie „weggelaufen“ sei, weil sie woanders Arbeit gefunden habe. Diese Informationen waren wohl dazu gedacht, den Hunger der Fans nach persönlichen Lebensumständen zu stillen. Allerdings passt diese Details nicht zum Leben von Anita Raja. Deren Mutter war keine Schneiderin, sondern eine Lehrerin, und kam auch nicht aus Neapel. Sie wurde in Worms geboren, als Tochter einer aus Polen eingewanderten jüdischen Familie. Die Mutter sprach Italienisch mit starkem deutschen Akzent. Anita Raja hat keine Schwestern, nur einen jüngeren Bruder, und obwohl sie in Neapel geboren wurde, lebt sie seit ihrem dritten Lebensjahr, als die Familie dorthin umzog, in Rom.
In „La frantumaglia“ warnte Elena Ferrante ihre Leser, dass sie über sich nicht die Wahrheit sagen werde. Sie schreibt: „Ich habe nichts gegen Lügen, ich finde sie fürs Leben nützlich, und ab und an bediene ich mich ihrer, um mich vor der Außenwelt zu schützen.“ Und sie ergänzt: „1964 hat Italo Calvino einem Literaturwissenschaftler, der persönliche Auskünfte von ihm wollte, geschrieben: ,Fragen Sie mich, was Sie wollen, und ich werde antworten. Aber ich werde nie die Wahrheit sagen. Dessen können Sie sicher sein.‘ Ich habe diese Haltung immer geschätzt und zumindest teilweise auch zu meiner eigenen gemacht.“ Mit der Ankündigung, dass sie gelegentlich lügen werde, hat sie Kritiker und Journalisten geradezu herausgefordert, nach ihrer wahren Identität zu suchen. Vielleicht hat sie Claudio Gatti ja auch gefunden. Doch wenden wir uns ihren Büchern zu, die ja das Interesse der Öffentlichkeit nach der Identität der Autorin erst geweckt haben.

„Lästige Liebe“ („L’amore molesto“) erschien im italienischen Original bereits 1992, und es heute zu lesen ist insofern reizvoll, als dieses Debüt bereits zahlreiche Motive und Themen erkennen lässt, die von der Autorin in ihrer späteren Tetralogie ausgeformt werden. Nicht nur ist „Lästige Liebe“ ebenfalls in Neapel angesiedelt und geht im Kern um häusliche Gewalt. Vor allem steht auch hier schon eine weibliche Beziehung im Mittelpunkt, allerdings keine horizontale wie in der Saga, sondern eine vertikale Verbindung, nämlich die zwischen einer Tochter und ihrer Mutter. Und auch das Verschwinden nimmt wie später im Romanvierteiler bereits in diesem ersten literarischen Zeugnis Elena Ferrantes eine zentrale Rolle ein.
Die Comiczeichnerin Delia erwartet den Besuch ihrer Mutter in Rom und ist zunächst nicht sehr beunruhigt, als diese nicht auftaucht. Trotz ihrer Spannungen sehen die beiden sich regelmäßig, manchmal nimmt die Mutter einfach nur einen späteren Zug. Diesmal aber kommt Amalia nicht an, stattdessen erhält die Tochter mehrere beunruhigende Anrufe, in denen ihr die Mutter zunehmend verworrene Geschichten erzählt, dass sie nicht sprechen könne, da ein Mann bei ihr sei und dass sie verfolgt werde. Am nächsten Tag wird ihr Leichnam an den Strand von Spaccavento gespült.
Es entfaltet sich im Folgenden ein Psychodrama mit den unheilvollen Dynamiken einer dysfunktionalen Familie. Als Delia zur Beerdigung in die alte Heimatstadt Neapel fährt (was alte Wunden wieder aufreißt, die nur vermeintlich verheilt waren), macht sie sich daran, herauszufinden, was ihrer Mutter in den Stunden vor ihrem Tod widerfahren ist. Wer war der Mann, der angeblich bei ihr war, und was hat es mit der ominösen Unterwäsche zu tun, die sie in einem Koffer findet? Delias Recherche führt tief in die Familiengeschichte. So begegnet sie ihrem einst gewalttätigen Vater, einem Maler, den sie, nachdem sich die Eltern früh getrennt hatten, jahrelang nicht gesehen hat. Wie eine Detektivin folgt sie den Mustern und Zeichen, doch je mehr sie forscht, umso unheimlicher ist, was zutage tritt, bis die junge Frau in eine Albtraumwelt abdriftet, die so nahtlos in das Geschehen eingewebt ist, dass der Leser stellenweise nicht mehr weiß, was real ist und was halluziniert.
Caserta, der mit Delias Vater nach dem Krieg Geschäfte machte, wird bald zur Schlüsselfigur nicht nur für die jüngsten Ereignisse, sondern für die gesamte Geschichte, und dass Delia mit seinem Namen Gefühle wie Schwindel und Atemnot verbindet, führt schließlich zum verdrängten Knoten. In diesen allerdings ist sie selbst aufs Unheilvollste verstrickt. Ferrantes Erzählbogen zeigt auch hier die neapolitanische Welt mikroskopisch genau, und man kann diesen Roman sowohl als Psychothriller lesen, sowie auch als Gesellschaftsroman, denn es gibt drastische Szenen über Misshandlung. Vor allem aber ist dieses Debüt über ein packendes Mutter-Tochter-Drama in einer Art assoziativer Wildheit geschrieben, und nicht in einer auch sprachlichen Wohlgeordnetheit für eine verstörend unaufgeräumte Welt wie die spätere Saga.

In ihrem zweiten Roman „Tage des Verlassenwerdens“ („I giorni dell’abbandono“, 2002) erzählt sie, was in einer Frau vorgeht, die on einem auf den andern Tag vor den Trümmern ihrer Ehe steht. Olga hat sich immer für ausgeglichen, stark und selbstbewusst gehalten. Sie ist achtunddreißig und verheiratet, hat zwei Kinder, eine schöne Wohnung in Turin und ein Leben, das durchaus solide auf familiären Gewissheiten und kleinen Ritualen ruht. Seit fünfzehn Jahren führt sie eine glückliche Ehe – zumindest denkt sie das. Bis ein einziger Satz alles zerstört. Der Mann, mit dem sie hoffte, alt zu werden, ihr geliebter Mario, will plötzlich nichts mehr von ihr wissen, er hat eine Andere, eine zwanzig Jahre Jüngere. Alleingelassen mit den Kindern und dem Hund fällt Olga in einen dunklen Abgrund, dessen Existenz sie vorher nicht einmal hat erahnen können. Eine gleichsam ganz alltägliche Geschichte die Ferrante als wortgewaltige Tragödie erzählt – wie es ist, bei glasklarem Verstand in den Wahnsinn abzurutschen.

„Die Frau im Dunkeln“ („La figlia oscura“, 2006), ihr nächster Roman, beginnt mit einem Unfall. Leda, Universitätsprofessorin, Mutter zweier erwachsener Töchter, knapp 50, geschieden, aus armen Verhältnissen in Neapel stammend, kommt mit dem Auto von der Straße ab. Im Krankenhaus beruhigt man sie, dass nichts Gröberes passiert sei. Doch da ist eine Stichwunde unterhalb der Rippen. Mit dem Satz „Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind am schwierigsten zu erzählen“ endet das erste Kapitel. Wie es zu dieser Verletzung gekommen ist, davon handelt der Roman.
Leda verbringt den Sommer allein an einem Strand und beobachtet eine neapolitanische Großfamilie, insbesondere eine junge Frau, deren kleine Tochter immer ihre Puppe dabeihat. Leda, die Ich-Erzählerin hat nach außen hin alles erreicht, aber kommt von ihrer eigenen Familiengeschichte nicht los und zweifelt als Mutter ständig an sich. Sie erinnert darin stark an Elena Greco (in der folgenden berühmten Roman-Tetralogie), die in ihrer Ambivalenz und unangenehmen Offenheit mit sich und der Welt niemals eine banale Identifikation zulässt, sondern immer zu Reflexion und Distanz zwingt. Es ist ein großartiger Roman über ein differenziertes Frauenleben, dem seine Spannung und Verdichtung sehr gut tut.

Seit August 2016 erschien nun die deutsche Übersetzung, besorgt durch Karin Krieger der Tetralogie mit „Meine geniale Freundin“, gefolgt von „Die Geschichte eines neuen Namens“ und „Die Geschichte der getrennten Wege“ 2017, und abschließend 2018 „Die Geschichte des verlorenen Kindes“. Im italienischen Original trägt die gesamte Tetralogie den gleichen Titel wie der erste Band, im englischsprachigen Raum läuft sie unter „Neapolitan Novels“ („Neapolitanische Romane“), und für die deutschsprachige Ausgabe scheint sich „Neapolitanische Saga“ durchzusetzen. Die Bezeichnung „Saga“ ist freilich nicht unumstritten. Ferrantes Kommentar dazu: („Ich habe keine Saga geschrieben“.


In „Meine geniale Freundin“ („L’amica geniale“, 2011) ist es das Mädchen Lila, das von dem Wunsch besessen ist, zu verschwinden. Jahrzehnte später wird sie genau das schließlich auch tun – was für Lenù überhaupt erst zum Anlass wird, die Geschichte ihrer Freundin von den Anfängen im patriarchalen und mafiös durchsetzten Arbeiterviertel Rione zu ergründen. Indem Lenù die Vergangenheit befragt, will sie Aufschluss über die Gegenwart erhalten.
Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und sind doch unzertrennlich, Lila und Elena, schon als junge Mädchen beste Freundinnen. Und sie werden es ihr ganzes Leben lang bleiben, über sechs Jahrzehnte hinweg, bis die eine spurlos verschwindet und die andere auf alles Gemeinsame zurückblickt, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen.
Im Neapel der fünfziger Jahre wachsen sie auf, in einem armen, überbordenden, volkstümlichen Viertel, derbes Fluchen auf den Straßen, Familien, die sich seit Generationen befehden, das Silvesterfeuerwerk artet in eine Schießerei aus. Hier gehen sie in die Schule, die unangepasste, draufgängerische Schustertochter Lila und die schüchterne, beflissene Elena, Tochter eines Pförtners, beide darum wetteifernd, besser zu sein als die andere. Bis Lilas Vater seine noch junge Tochter zwingt, dauerhaft in der Schusterei mitzuarbeiten, und Elena mit dem bohrenden Verdacht zurückbleibt, eine Gelegenheit zu nutzen, die eigentlich ihrer Freundin zugestanden hätte.
Ihre Wege trennen sich, die eine geht fort und studiert und wird Schriftstellerin, die andere wird Neapel nie verlassen, und trotzdem bleiben Elena und Lila sich nahe, sie begleiten einander durch erste Liebesaffären, Ehen, die Erfahrung von Mutterschaft, durch Jahre der Arbeit und Episoden politischer Bewusstwerdung, zwei eigensinnige, unnachgiebige Frauen, die sich nicht zuletzt gegen die Zumutungen einer brutalen, von Männern beherrschten Welt behaupten müssen. Sie bleiben einander nahe, aber es ist stets eine zwiespältige Nähe: aus Befremden und Zuneigung, aus Rivalität und Innigkeit, aus Missgunst und etwas, das größer und stiller ist als Lieben. Liegt hier das Geheimnis von Lilas Verschwinden?

Im zweiten Band von Ferrantes mediterraner Erinnerungsreise „Die Geschichte eines neuen Namens“ („Storia del nuovo cognome“, 2012) sind Lila und Elena sechzehn Jahre alt, und sie sind verzweifelt. Lila hat noch am Tage ihrer Hochzeit erfahren, dass ihr Mann sie hintergeht - er macht Geschäfte mit den allseits verhassten Solara-Brüdern, den lokalen Camorristi. Für Lila, arm geboren und durch die Ehe schlagartig zu Geld und Ansehen gekommen, brechen leidvolle Zeiten an. Elena hingegen verliebt sich Hals über Kopf in einen jungen Studenten, doch der scheint nur mit ihren Gefühlen zu spielen. Sie ist eine regelrechte Vorzeigeschülerin geworden, muss aber feststellen, dass das, was sie sich mühsam erarbeitet hat, in ihrer neapolitanischen Welt kaum etwas gilt. Trotz all dieser Widrigkeiten beharren Lila und Elena immer weiter darauf, ihr Leben selbst zu bestimmen, auch wenn der Preis, den sie dafür zahlen müssen, bisweilen brutal ist. Woran die beiden jungen Frauen sich festhalten, ist ihre Freundschaft. Aber können sie einander wirklich vertrauen?
Ein mitreißender Roman über das Erwachsenwerden im Italien der 50er und 60er Jahre. Auch fesselt Elena Ferrante wieder mit ihrem facettenreichen und kraftvollen Stil Sie versetzt den Leser in die Lage der beiden Teenagerinnen, in ihrem Ringen mit den Herausforderungen des Alltags. Gebannt verfolgt man die spannende Geschichte zweier junger Mädchen auf dem Weg, sich im täglichen Chaos selbst zu finden.

Auch der dritte Band der Tetralogie („Die Geschichte der getrennten Wege“/“ Storia di chi fugge e di chi resta“, 2013) ist den ersten Bänden an plastischer Erzählkraft nicht im Geringsten unterlegen. Tatsächlich vertieft sich die soziale Distanz zwischen den Kindheitsfreundinnen Lila und Elena, die sich in den Vorgängerromanen ankündigte. Das um Lila und Elena, beide Milieugeschöpfe eines ärmlichen, von der Camorra und Männergewalt beherrschten Vorstadtviertels Neapels, beide bildungshungrig, herum installierte Romanensemble zählt nicht weniger als neun Familien. Es ist ein großes episches Spektakel, inszeniert vor dem Panorama der italienischen Nachkriegsgeschichte. Die politischen Tumulte der siebziger Jahre greifen stark in die Handlung des dritten Bandes und in das Leben von Lila und Elena ein.
Nach wie vor aber liegt der eigentliche Sinn der Erzählung in der biografischen Asymmetrie der Mädchen, die mittlerweile zu dreißigjährigen Frauen herangewachsen sind. Während sich Elena mit fanatischem Fleiß zum Universitätsstudium in Pisa hochgekämpft hat, gab die genialischere und verwegenere Schustertochter Lila der Verlockung des Wohlstands nach. Mit sechzehn heiratet sie den Sohn eines Lebensmittel- und Schwarzhändlers, der sie schon auf der Hochzeitsreise grün und blau schlägt. Elena steigt ins Bildungsbürgertum auf, Lila sinkt ins Proletariat ab. Sie trennt sich von ihrem Mann, bekommt von einem anderen ein Kind und schindet sich in einer neapolitanischen Wurstfabrik.
Lila, Elena und viele ihrer Freunde stehen den Kommunisten nahe: Lila engagiert sich in der Wurstfabrik für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Elena schreibt Artikel in der Parteizeitung „L‘Unità“, andere arbeiten für Gewerkschaft und Partei, die Extremsten gehen in den Untergrund. Die Solaras hingegen unterstützen seit jeher die Faschisten und können auf die Sympathien des Rione, Elenas Viertel, zählen: „Die Verbindung zur Vergangenheit war nie wirklich abgerissen, der Rione liebte die Faschisten mit großer Mehrheit und verhätschelte sie, und sie tauchten in ihrer schwarzen Masse überall dort auf, wo eine Schlägerei in der Luft lag.“ Die Kommunisten in der Wurstfabrik lassen sie verdreschen; der Maurer Pasquale und andere Genossen schlagen zurück. Am Ende gibt es Tote, Franco, Elenas Ex-Freund aus Pisa-Zeiten, wird verkrüppelt. Es ist daher überraschend, dass sich die Freundinnen (Lila mehr, Elena weniger freiwillig) ins Fahrwasser der mittlerweile äußerst wohlhabenden Solara-Familie ziehen lassen, die halb Neapel kontrolliert. Die politischen Ereignisse gehören zum Spannendsten, was Teil drei zu bieten hat.

„Die Geschichte des verlorenen Kindes“ („Storia della bambina perduta“, 2014), der abschließende Band der Tetralogie, enthält neben der titelgebenden Erzählung auch „Die Geschichte vom bösen Blut“, vereint also – wie der erste Teil – zwei Lebensetappen in einem Buch: „Reife“ und „Alter“. Beginnend in den Endsiebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, erstrecken sie sich über mehr als drei Jahrzehnte. Rund die Hälfte davon wohnen Elena Greco und Raffaela (Lila) Cerullo so nah beieinander wie nie zuvor und sind außerdem verbunden durch die Geburt zweier Mädchen, die sie mit knapp 40 fast zeitgleich zur Welt bringen.
Nach der Montpellier-Reise mit Nino ist Elena fest entschlossen, Pietro für ihn zu verlassen. Zugleich versucht sie sich als Schriftstellerin zu etablieren. Ihr Leben wird dadurch spannender, aber auch unsteter; darunter leidet die Beziehung zu ihren Töchtern, die zeitweise bei ihren Schwiegereltern in Genua aufwachsen. Erst nach drei Jahren gelingt es Elena, sich von Pietro einvernehmlich zu trennen. Noch bevor sie nach Neapel zurückkehrt, um Nino näher zu sein, warnt Lila sie eindringlich vor seiner Unzuverlässigkeit: Trotz gegenteiliger Versprechungen habe er den gleichen Schritt wie sie, den Bruch mit seiner Familie, keineswegs vollzogen. Doch nicht einmal Ninos Geständnis, dass er dies auch nicht vorhabe und zudem bald wieder Vater werde, schreckt Elena ab. Resignierend beschließt sie, ihn zu akzeptieren, wie er ist. Gemeinsam mit ihren Töchtern bezieht sie eine von Nino finanzierte Wohnung in Vomero, einem der vornehmeren Viertel Neapels. Bald darauf wird sie schwanger, zeitgleich mit Lila, die ein Kind von Enzo erwartet. Anfang 1981 bringen beide ein Mädchen zur Welt und nennen sie nach ihren Müttern: Nunziatina (Tina) Cerullo und Immacolata (Imma) Greco.
Eines Tages ertappt Elena Nino in flagranti bei einem Seitensprung mit ihrer Haushälterin. Nun glaubt sie auch Lilas Anschuldigungen, er gehe notorisch fremd und habe sogar ihr wieder nachgestellt. Elena trennt sich von ihm. Der Druck, der sie als alleinerziehende Mutter dreier Kinder belastet, wird dadurch noch größer, logistisch wie finanziell. An die Realisierung eines dritten Buches, das sie ihrem Verleger versprochen hat, ist weniger denn je zu denken. Als er drängt, schickt sie ihm kurzerhand ein älteres Manuskript, in der festen Erwartung, es werde abgelehnt. Auch Lilas Angebot, eine freigewordene Wohnung direkt über ihr zu beziehen, nimmt sie, so willkommen es ist, nur zögernd an, bedeutet es doch die Rückkehr an den Ort, den sie für immer hatte verlassen wollen: ihren Rione.
Lila, die von dort nur kurzzeitig und notgedrungen weggegangen war, hat ihn allerdings spürbar verändert. Nach wie vor mit Enzo in der Computerbranche tätig, macht sie der Camorra, personifiziert durch die Solara-Brüder, ernsthaft Konkurrenz und gilt als Hoffnungsträgerin, sorgt sie doch für „saubere“ Jobs statt der Drogengeschäfte, die von den Solaras beherrscht werden und in die unter anderem auch Elenas Brüder verwickelt sind. Über ihre Arbeitszeit verfügt Lila jetzt nach Belieben, wodurch ihr mehr Raum bleibt, sich um die Kinder zu kümmern, nicht zuletzt die Elenas. Deren jüngstes Buch hat unerwartet Erfolg, führt aber auch zu einem Kräftemessen mit fatalen Langzeitfolgen: Zunächst nutzt ein Journalist die kaum verschleierten Informationen des Buches für eine Enthüllungsstory, die die illegalen Machenschaften der Solaras offenlegt, worauf diese mit einer Klage kontern, für die sie mittels Erpressung eine dritte Person vorschieben. Als Michele Solara auch noch Lila tätlich angreift, schlägt sie zurück, indem sie ihrerseits „auspackt“ und alles belastende Material in einem gemeinsam mit Elena verfassten Zeitungsartikel festhält. In der resignierenden Einsicht, damit nichts bewirken zu können, will Elena in letzter Sekunde dessen Veröffentlichung verhindern, doch Lila hat dies bereits veranlasst – unter ihrem, Elenas, renommierteren Namen.
Nicht minder zwiespältig ist Elenas Gefühlslage, wenn sie ihre Töchter in Lilas Obhut gibt. Teils ist sie dankbar und erleichtert, teils gekränkt durch den Autoritätsverlust. Besonders sorgt sie sich um die Entwicklung ihrer Jüngsten, Imma, die mit Lilas Tochter Tina fast schwesterlich aufwächst, aber in jeder Hinsicht „die Zweite“ ist und darunter ebenso zu leiden scheint wie sie selbst Jahrzehnte zuvor. Da die Kleine außerdem von ihren um einiges älteren Halbschwestern gemobbt wird – sie sei „keine Airota“ –, erhofft sich Elena Besserung dadurch, dass sie ihr den Vater zurückgibt, wenn auch nur als gelegentlichen Besucher. Nino willigt ein. Nach einem kurzen Auftritt in Elenas Wohnung, bei dem er seiner Tochter mehr Aufmerksamkeit schenkt als zuvor üblich, lädt er alle Kinder zu einem kleinen Ausflug ein. Als Elena zu ihnen stößt, sind auch Lila und Enzo zugegen, doch ein Kind fehlt – Tina.
Tinas rätselhaftes Verschwinden am 16. September 1984 bleibt unaufgeklärt. Mancher glaubt an das Gerücht von einem mysteriösen Unfall-LKW, Enzo an ein Kidnapping durch die Solara-Brüder (die zwei Jahre später bei einem Attentat sterben), Lila wiederum an eine Verwechslung – die Entführer hätten es eigentlich auf Elenas Kind abgesehen. Die nie ganz schwindende, aber auch nie sich einlösende Hoffnung auf Tinas Rückkehr lässt Lila in den Folgejahren verbittern und vorzeitig altern. Im Rione wird sie nun eher gemieden und gefürchtet. Ihre Beziehung mit Enzo zerbricht. Tagelang taucht sie ganz ab und entdeckt eine neue Leidenschaft, mit der sie zeitweise auch Imma ansteckt – die Erforschung ihrer Heimatstadt Neapel. Elena versucht den Kontakt mit ihr nicht abreißen zu lassen und ist ansonsten als Schriftstellerin und Mutter voll in Anspruch genommen. Ihre Töchter zieht es zu den Vätern: Imma verklärt Nino, der als Parlamentarier opportunistisch immer mehr nach rechts rückt, zu ihrem Idol; Dede und Elsa folgen mit Studienbeginn Pietro in die USA.
Im Sommer 1995 verlässt Elena Neapel endgültig, um in Turin die Leitung eines kleinen, angesehenen Verlags zu übernehmen. Ein Jahrzehnt später wird sie von dem Posten verdrängt, gerät als Schriftstellerin in eine Sinnkrise und befreit sich daraus mit der Erzählung Eine Freundschaft. Von Lila erwartet sie in all den Jahren ein noch viel originelleres Werk, worin sie Neapel mit ihrer verlorenen Tochter Tina verknüpft. Als Elena das vorliegende, nach Lilas Verschwinden begonnene Buch gerade beendet hat, trifft in der Tat ein Päckchen von ihrer lebenslangen Freundin ein: Es enthält die beiden verloren geglaubten Puppen aus ihren gemeinsamen Kindertagen.
Das Verschwinden durchdringt alle Bände der Tetralogie als Versprechen. Der letzte Teil nun führt in die erlösende Auslöschung. Nachdem Lila und Lenù durch eine Kindheit voller Gewalt, in die Schule, die Liebe, den Schmerz, die Ehe und die Arbeitswelt geschickt wurden, lässt die Autorin die beiden im vierten und letzten Band reifen, altern und resignieren.
Die Rahmenhandlung der Tetralogie ist ja so simpel wie spannungsreich: Die Schriftstellerin und Erzählerin des Romans, Elena Greco, genannt Lenù, erfährt Anfang der Nullerjahre vom Verschwinden ihrer Freundin Lila. Um zu verstehen, warum das passiert ist, rekonstruiert sie ihre und Lilas Freundschaft, die sie seit Kindheit prägt und in einem Armenviertel Neapels in den 1950er Jahren begann. Der vierte Band bildet nun den ernüchternden Abschluss einer Geschichte, die vom Leben und Überleben als Frau, von der Suche nach Identität und Freundschaft handelt. Elena Ferrante verlässt zwar wie in den vorangegangenen Bänden Italien kaum, verwebt die Handlung mit politischen Ereignissen, wie der Ermordung des Christdemokraten Aldo Moro, macht auch die aufkommende Digitalisierung zum Thema, indem sie Lila zur IT-Unternehmerin werden lässt – doch am Ende steht die pure Existenz zweier Frauen auf dem Spiel, die ihr ganzes Leben um ihre Freiheit kämpfen.




 

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