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Bücherschau

Friedrich Ani - Ich schreibe über Menschen, die allein in ihren Zimmern sind

Karin Berndl über Friedrich Ani

© Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

Arthur Schopenhauer hat in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ Glück als Abwesenheit von Unglück erklärt. In Friedrich Anis literarischer Welt wird die Frage nach dem Glück erst gar nicht gestellt. Leid, Schmerz, Verlust und Einsamkeit sind schlichtweg Gegebenheiten des Lebens und des literarischen Schaffens Friedrich Anis. Seine Texte schwingen voller Melancholie und Traurigkeit und haben in ihrer Lebensklugheit gleichzeitig etwas tröstliches und lebensbejahendes wie es sie nur selten in der gegenwärtigen Literaturlandschaft gibt. Vielen ist Friedrich Ani in erster Linie als erfolgreicher Krimiautor bekannt, denn seit mehr als 20 Jahren veröffentlicht er mit großem Erfolg jedes Jahr ein bis zwei Romane, Drehbücher, Hörspieladaptionen. Er wird nicht ohne Grund als „Star-Autor“ gehandelt und zählt zu den erfolgreichsten Schreibern seiner Zunft im deutschsprachigen Raum. Doch Friedrich Ani entzieht sich gerne den gängigen Kategorisierungen und Erfolg scheint in diesem Schriftsteller-Leben nur eine angenehme Begleiterscheinung zu sein. Aus seiner Biographie wird die drängende Notwendigkeit zu schreiben und zu erzählen deutlich.
„Was dann passierte, sollte niemanden etwas angehen, von meiner prosaischen Warte aus möchte ich jedoch Folgendes zu Protokoll geben: Zwei Fremde zeugten in der Fremde einen Einheimischen, mit Dialekt und Lederhose und einem Talent als Torwart, was mir in einer Gegend, wo die Schlachtfelder unverarbeiteter Aggressionen und unheimlicher Abartigkeiten Bolzplätze heißen, in gewissem Sinn das Überleben sicherte. Auch wenn ich nicht gerade wie ein N …, ein Andershäutiger aussah, glich meine Haut doch stark jener des Syrers meiner Mutter und weniger der ihren“ (https://blog.zeit.de/freitext/2015/11/20/syrer-vater-fluechtlinge-ani).
Friedrich Ani wurde 1959 in der oberbayerischen Gemeinde Kochel am See geboren. Die Eltern seines Vaters, syrische Bauern, schicken Anis Vater zum Medizinstudium ins Ausland. Doch statt dem Wunschziel Amerika landet er im Alter von 24 Jahren in München. In das Goethe-Institut in Kochel am See fährt der Medizinstudent, um Deutsch zu lernen. Für Friedrich Ani ist es daher als Kind nicht ungewöhnlich, dass in seiner oberbayerischen Heimatgemeinde mit gut 4000 Einwohnern eine Vielzahl von Afrikanern oder anders dunkelhäutige Menschen leben. Seine Eltern lernen sich beim Sonntagskaffee und Tanz kennen. Seine Mutter zählt zu den Hunderttausenden von vertriebenen Schlesiern, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Oberbayern gestrandet sind.
„Heiratete meine Mutter, gab mir seinen Namen, arbeitete in einem Krankenhaus, eröffnete eine Praxis, wurde Landarzt. Inmitten all der Fremden. Und wenn eine Krankheit ihn nicht gezwungen hätte, seine Tätigkeit vorzeitig zu beenden, er hätte bis zum Tod jedem einzelnen Patienten so lange zugehört, bis er erkannte, was ihm fehlte, und wenn es nur das Zuhören war“ (https://blog.zeit.de/freitext/2015/11/20/syrer-vater-fluechtlinge-ani).
Sein Vater ist meist in München, um sein Studium voranzubringen und kommt nur am Wochenende nach Kochel und so wächst er bei seinen Großeltern in sehr bescheidenen und einfachen Verhältnissen auf. Später fragt sich Ani immer wieder, warum sein Vater geblieben und nicht einfach gegangen ist. Er stirbt 2012, ein Jahr nach Beginn des Bürgerkriegs in Syrien, der ihn laut Ani sehr beschäftigt hat, obwohl er kaum darüber sprach. Über Friedrich Anis Mutter ist nur wenig Information zu finden.
„So einheimisch ich mich gab und auch fühlte – die Buben ringsum wussten genau, wessen Blut in mir floss. Und Blut ist dicker als Kuhfladen. Sie wussten, dass ich nicht wirklich zu ihnen gehörte, und ich widersprach ihnen nicht. Je älter ich wurde, desto häufiger versiegte mein Dialekt, desto schweigender füllte ich meine Paraderolle als Torhüter aus, und ich fiel vielleicht nur deswegen nicht auf, weil ich mindestens so viel Bier vertrug wie die Söhne ihrer saufenden Väter“ (https://blog.zeit.de/freitext/2015/11/20/syrer-vater-fluechtlinge-ani).
Nicht seine Herkunft und sein Aussehen machen ihn früh zum Außenseiter, sondern vielmehr ist es sein Hang zum stillen und zurückgezogenen Einzelgängertum sowie seine frühe Liebe zur Literatur. Viel Zeit seiner Kindheit und Jugend verbringt er alleine in seinem Zimmer, um zu lesen, wie er in Interviews immer wieder erzählt. Auch beobachtet er immer schon gerne genau und aus einer sicheren Distanz, da es ihm schon früh irritierend und gefährlich schien wie Menschen handeln. Doch aufmerksam zuzuhören und den Menschen ihre Geschichte zu entlocken, diese Gabe, die er seinem Vater zuschreibt, wird sich auch in seinen zentralen literarischen Figuren wiederfinden.
Früh kommt Ani mit den zwei Städten in Berührung: München und Berlin. Mit seiner Mutter besucht er immer wieder deren Schwestern in München und die Stadt begeistert ihn von Beginn an. Mit seiner Großmutter reist er im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal nach Ost-Berlin. Die riesigen, breiten und auch leeren Straßen faszinieren ihn auf Anhieb. Mit knapp 18 Jahren ist für ihn klar, dass er nach München gehen wird, wo der bekennende FC Bayern-Fan, wenn er auch seine Mitgliedschaft wegen der Allmachtsphantasien seiner Funktionäre gekündigt hat, heute im Stadtteil Giesing lebt. Er beginnt in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche seinen Zivildienst und erhält über das Fußballspielen Zugang und Einblick in die Lebenswelten der schon früh beschädigten und verletzten Jugendlichen. Diese Erfahrungen haben seinen Blick konzentriert und er hat hier wohl bereits begonnen, ein Sensorium für gesellschaftliche Schräglagen und deren Auswirkungen auf den Einzelnen zu entwickeln.
Schon zur Schulzeit schreibt er kurze Dialoge oder Szenen, die er mit Mitschülern einstudiert und aufführt. Nach dem Zivildienst weiß er, dass er zwar nicht studieren, doch zum Broterwerb weiter schreiben möchte. Er bewirbt sich bei der „Süddeutschen Zeitung“ und beim „Münchner Merkur“. Seine Reportagen und Lokalberichte aus der Jugendzeit in Kochel kommen gut an und ihm wird schließlich beim „Münchner Merkur“ ein Volontariat angeboten. Dort wird er auch die erste und einzige Anstellung seines Lebens haben. Eine Zeit, in der er überwiegend Lokalreportagen schreibt und die Konkurrenz unter den Polizeireportern und Härte des Lokaljournalismus kennen lernt und dabei auch tiefe Einblicke in die Polizeiarbeit erhält, die dem genauen Beobachter ausreichend Stoff und Anregungen für seine Texte liefern.
Friedrich Ani sagt in einem Interview, dass er zum Schreiben nie einen alternativen „Plan B“ hatte. Nach seiner Zeit als Lokalreporter bewirbt er sich auf Empfehlung einer Freundin bei der Drehbuchwerkstatt München, wo er unter hunderten Bewerbern 1992 als Stipendiat ausgewählt wird. Er lernt das Handwerkszeug des Drehbuchschreibens von namhaften auch amerikanischen Skriptdoktoren. Mitte der 1990er Jahre schreibt er sein erstes Drehbuch für den Münchner „Tatort“, später für „Ein Fall für zwei“, „Rosa Roth“ oder die weniger bekannte Serie „Faust“ mit Heiner Lauterbach sowie für den Hörfunk. Die Liste der von ihm verfassten Skripten für Film, Fernsehen und Rundfunk ist gleichsam unendlich weiterzuführen.
1996 erscheint sein Roman „Das geliebte süße Leben“ (Luchterhand). Hiob im Gewand einer alten Frau, der das Leben nichts geschenkt hat, und die auf einer Brücke Lebensbilanz zieht und nach und nach ihre Katzen und schließlich auch sich selbst von der Brücke stürzt. Es ist der Monolog einer einfachen, gottesfürchtigen Frau, die sich in ihr Schicksal gefügt hat, ihr Leid, ihr Hadern und ihre Entbehrungen mehr oder weniger gut ertragen hat und die sich die größte Freiheit schließlich am Ende selbst nimmt: den Freitod. Es gilt, sich zu verabschieden, „wenn die Lebensgeschichte erzählt ist".
Für Ani stand schon als sehr junger Mensch fest, „dass der Selbstmord die größtmögliche Form der Freiheit darstellt, indem man sich das Recht nimmt, das Leben, das man sich nicht ausgesucht hat, zu beenden. Ich empfinde eine tiefe Traurigkeit, wenn ich darüber nachdenke, dass Menschen freiwillig aus dem Leben gehen und sich diese Freiheit nehmen. Für die Hinterbliebenen und Freunde ist es ein Schmerz, der bleibt – und dennoch ist es ein Akt der Befreiung. Ich komme nicht von dem Gedanken los, dass wir diesen Drang zum Selbstmord in uns haben. Er ist Teil unseres Wesens. Er lässt uns in dem Moment, in dem wir begreifen, wohin das Leben am Ende führt, sagen: Das kann ich doch selbst in die Hand nehmen“ („Jeder ist allein. Interview mit Tobias Gohlis, „Die Zeit“, 5.11.2015).
Es folgen seine ersten Kriminalromane, die heute unter die Bezeichnung „Regionalkrimis“ fallen würden: In „Killing Giesing“ (Emons, 1996) werden in München gleich drei CSU-Politiker ermordet, ein erster Verdacht führt alsbald zu einer Menschenjagd und den Ermittler Benedikt Schwaiger in Zugzwang. In „Abknallen“ (Emons,1997) verschwinden in München eine Reihe von jungen Frauen. Ein psychopathischer Serienkiller wird hinter den Verbrechen vermutet und als auch noch die Tochter eines Staatssekretärs verschwindet, steigt der Druck auf die Ermittler und ruft auch die Medien auf den Plan, die delikate Familiengeheimnisse und psychische Abgründe der politischen Einflussträger zutage befördern. Es wird hier auch erstmals das Dezernat 11 der Münchner Polizei eingeführt.
Ani schätzt Karl Valentin oder Herbert Achternbusch ebenso wie Georges Simenon oder James Ellroy, den der gewaltsame Tod seiner Mutter zeitlebens nicht mehr losgelassen hat und der in seinen Romanen meist die dunklen und abgründigen Seiten der amerikanischen Gesellschaft sucht. Kolleginnen und Kollegen wie Peter Temple oder Kate Atkinson würden zwar sogenannte Krimis schreiben, aber die Genre-Grenzen schon längst hinter sich gelassen haben und für ihn schlichtweg anspruchsvolle Literatur schreiben. Friedrich Ani kann mit kategorischen Unterscheidungen und Gattungsbezeichnungen nur wenig anfangen.
„Also hob der Mann den rechten Arm und winkte in die Dunkelheit, und für eine Sekunde hörte das Rascheln auf, und er dachte: Er winkt mir zurück. Und er hatte wieder dieses leichte Brennen in der Brust, das seinen Schmerz linderte, zumindest eine Zeit lang, und dafür war er Asfur dankbar, denn es war dessen Winken, das ihm Linderung brachte, ohne dass er je begreifen würde, wie dies möglich war. Vielleicht wurde er langsam verrückt. Aber er hatte noch Hoffnung, ja, er hatte noch Hoffnung“
(„Die Erfindung des Abschieds“, Heyne, 1998). Diese wunderlich anmutende Szene eines nackten Mannes, der auf einem Bein im dunklen Wald steht, ist der erste Auftritt von Anis wohl bekanntester Figur: Tabor Südens. Der Berg Tabor in Israel gilt nach christlicher Überlieferung als Ort der Wandlung Jesu Christi und im Hebräischen bedeutet „Tabbur“ Nabel. So galt auch Jerusalem den Juden und den Christen als Tabbur HaOlam, als „Nabel der Welt“, so wie Tabor Süden Dreh- und Angelpunkt von Anis Schreiben zu sein scheint. Tabor Süden ist das einzige Pseudonym, das Ani je erfunden und verwendet hat, wie er immer betont. Vielleicht auch, um zumindest ein wenig Abstand zwischen sich und seine Figur zu bringen.
Mit „Die Erfindung des Abschieds“ (Heyne, 1998) und der „Schöpfung“ von Tabor Süden beginnt Anis eigentliche schriftstellerische Karriere. „Tabor Süden ist die Figur, deren Schatten ich selbst bin“, wie er in einem Interview sagt. Er ist für ihn schlichtweg eine „magische Figur“, von der aus sich alle anderen Figuren entwickeln. Süden arbeitet bereits im achten Jahr in der Vermisstenstelle des Dezernats 11 in München. Davor hat er gemeinsam mit seinem Kollegen und Freund Martin Heuer Streifendienst in Köln verrichtet, bevor höhere Besoldung und Dienstgrad die beiden in den Süden gelockt haben. Nach dem Vermisstenfall einer jungen Frau, der tödlich ausgegangen ist, hat er Sonderurlaub genommen und sich im Taginger Wald verschanzt. Er zweifelt an seiner Arbeit, er ist müde und hadert mit dem Leben und seinen Aufgaben – doch er hat noch das Entscheidende: Hoffnung.
Tabor Süden hat schon früh seine Mutter verloren und sein Vater verschwindet als er 16 Jahre alt ist. Aus der Suche nach dem verschwundenen Vater erklärt sich ein Stück weit auch Südens spätere Karriere als Vermisstenfahnder bei der Kriminalpolizei. Auch Ani weiß aus seiner Kindheit um die Sehnsucht nach dem abwesenden Vater. Prägend und einschneidend war für ihn jedoch auch der Tod seines Großvaters: „Als mein Großvater starb, und ich hing sehr an ihm, war ich sieben Jahre alt. Ich durfte nicht mit den Erwachsenen trauern. Ich wurde in ein Zimmer gesperrt. Ich war mit meiner Trauer allein. Um diese Erfahrung, denke ich manchmal, kreist mein ganzes Schreiben“ („Jeder ist allein. Interview mit Tobias Gohlis. „Die Zeit“, 5.11.2015). Doch gründet sein Interesse für „das Verschwinden“ auch aus der eigenen frühen Phantasie und Sehnsucht, einfach abzutauchen und zu verschwinden, denn wer verschwindet, wird in der Suche erst sichtbar.
In Tabor Südens erstem Fall verschwindet ein 9-jähriger Junge. Nach dem Tod des Großvaters ist Raphael abgetaucht und seither unauffindbar. Er wird somit zum neuen Fall für das Kommissariat 114 (Vermisste und unbekannte Tote) im Dezernat 11 der Münchner Kriminalpolizei. Südens Kollegin und Freundin Sonja spürt ihn auf und versucht ihn zur Rückkehr ins Team zu überreden, zu dem auch immer noch sein langjähriger Freund Heuer zählt. „Für Heuer war die Familie die Wiege der Lüge, und bevor er jemals selbst ein Kind in die Welt setzen würde, wollte er sich lieber erschießen“ („Die Erfindung des Abschieds“, Heyne, 1998).
Als sich Martin Heuer, völlig ausgebrannt und erschöpft von der zermürbenden Polizeiarbeit und dem Alkohol, Selbstmord begeht, gilt es für Tabor Süden zumindest ein anderes Leben zu retten. Sein Freund hinterlässt einen berührenden Abschiedsbrief, der mit folgenden Zeilen beginnt: „Die Leere war Schwindel erregend, das könnt ihr euch bestimmt gut vorstellen, denn ihr habt sie auch in euch, jeder hat sie in sich, und die Leute glauben immer, Polizisten wären da anders, Polizisten wären da Heilige, weil sie da im Dienste der Gerechtigkeit unterwegs sind. Wohin? Wohin sind wir unterwegs? Ich habe es nicht herausgefunden. Ich hatte immer nur Angst vor der Dunkelheit, und immer mehr“ („Die Erfindung des Abschieds“). Tabor Süden scheut sich nicht, in diese Dunkelheit zu schauen. Er verfügt über eine außergewöhnliche Gabe zur Wahrnehmung von Menschen. Er schweigt meist, hört aufmerksam zu und bringt sein Gegenüber dadurch schließlich zum Reden.
Der verschwundene Raphael und sein Großvater hatten Modellbau als gemeinsames Hobby und zuletzt an einer ganz bestimmten Brücke gebastelt. Nur Tabor Süden kann die Zeichen richtig deuten und daraus die entscheidenden Hinweise lesen. Er widersetzt sich allen Vorschriften und spürt den Jungen auf eigene Faust auf. Es kommt zu einem berührenden Ende an einer Steilküste mitten in der Nordsee, an deren Klippen ein kleiner und irgendwie auch ein großer Junge sitzen. Tabor Süden erzählt Raphael, der sich über die Klippen stürzen wollte, eine Geschichte.
„Das plötzliche Abtauchen eines Menschen bedeutete immer einen Mangel an Vertrauen in die eigenen Leute und einen elementaren Riss im bisherigen Existenzgefüge. Etwas stimmte nicht mehr, und daran wollte selbstverständlich niemand Schuld sein“ („Der einsame Engel“, Droemer, 2016). Nachdem Friedrich Ani Tabor Süden nach zehn Romanen erst Mal verschwinden lässt, ist dieser in „Der einsame Engel“ inzwischen in der Mitte seines Lebens angekommen und arbeitet als Privatdetektiv in der Detektei von Edith Liebergesell. Der Vermisstenfall des Obst- und Gemüsehändlers Justus Greve ist sein neuer Fall und die Suche nach dem Verschwundenen zeigt sich bald als einziges Lügengebäude, das sich schließlich sogar noch als Geisterhaus entpuppt.
Als Journalist hat Ani die genaue Recherche und das Sondieren der Faktenlage erlernt, als Drehbuchautor, wie er eine Story voranbringt. Sein Feinsinn, seine Beobachtungsgabe und Intuition führen ihn immer auch zu brisanten und gesellschaftlich relevanten Themen, die er in Tabor Südens Fällen verhandelt wie auch im 19. Fall mit dem Titel „M“. Mia Bischof, eine blonde Frau mit Zöpfen, kommt in die Detektei Liebergesell, weil sie ihren Geliebten vermisst. Die Frau, die auf ihren Pullovern die Zahl 28 trägt, arbeitet als Redakteurin für eine Münchner Tageszeitung. Dass die Zahl 28 für den 2. und 8. Buchstaben des Alphabets steht und gleichzeitig das Chiffre ist für Blood & Honour einer neonazistischen Bewegung, die seit 2000 in Deutschland verboten ist, findet Süden nach und nach heraus. Es führt ihn geradewegs tief in den braunen Sumpf rechter Ideologien, was ihm erst richtig deutlich wird als sein Kollege Leonhard Kreutzer von Neonazi-Schlägern „aus dem Verkehr gezogen wird“. Doch Süden gibt die Suche nach dem Taxifahrer Denning wider aller Umstände nicht auf.
„Ich wollte, dass sie hereinkamen: Leonhard Kreutzer, mein Vater, meine Mutter, die Toten meiner Reise. Ich wollte, dass im Café Xeng die Zeit nicht mehr galt und wir keine Gefangenen mehr waren. Dass nachtblaue Hände uns hielten. Ich wollte, wie ein Kind die Augen schließen, damit die Welt verschwände, und wenn ich sie wieder öffnete, wäre ich auf einem Planeten ohne Friedhöfe und ausgedörrte Zimmer“ („Der einsame Engel“). Tabor Süden ist ein einsamer Zausel geworden, der die Dunkelheit und die Schattenseiten nur allzu gut kennt und dem es immer oder gerade deshalb gelingt, den Menschen ihre geheimen Sehnsüchte und Ängste zu entlocken.
Die ersten Romane Anis beinhalten bereits das ganze philosophische Repertoire, das Anis literarische Welt ausstattet, an der er unermüdlich fortschreibt. Seine Figuren versuchen ihr Schicksal zu überwinden: die einen verschwinden, die anderen wählen den Freitod, wieder andere werden zu Tätern. Doch wie mit diesen Schicksalsschlägen, den damit verbundenen Verwundungen, der Trauer und der Wut umgegangen werden kann, legt Friedrich Ani in seinen unterschiedlichen Ermittlern an. Sie sind meist selbst Verwundete oder Beschädigte, die aus eigener, trauriger Erfahrung nur zu gut wissen, wie sich Verluste anfühlen. Tabor Süden ist für Ani dabei die stärkste und zentrale Figur mit der größten Sogwirkung, sozusagen der „Mentor“ für alle anderen Figuren, die danach folgen wie Polonius Fischer, Jonas Vogel oder zuletzt Jakob Franck.
Friedrich Ani zählt auch zu den produktivsten Autoren Deutschlands. Die Auflistung seiner zahlreichen Drehbücher, Hörfunkbeiträge, Hörspieladaptionen, Romane, Krimis, Lyrikbänden und Kinder- und Jugendbücher würde die Hälfte dieser Seiten hier füllen. Er hat den renommierten Grimme-Preis für sein Drehbuch zu „Kommissar Süden und der Luftgitarrist", und den Bayerischen Fernsehpreis erhalten und wurde allein sieben Mal mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet.
Dass Friedrich Ani bibelfest ist, zeigt er in seinem Jugendbuch „Als ich unsterblich war. Eine Jesus-Geschichte“ (Hanser, 2003). Er lässt darin Jesus im Alter von zwölf Jahren beim Tempelgang für zwei Tage verschwinden. Er begegnet Rut und erfährt, worauf es in einem Menschenleben ankommt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er nach dem schwer ergründbaren Einzelgänger Tabor Süden mit dem Ermittler Polonius Fischer wieder den Glauben, das Gewissen und gelebte Nächstenliebe zurück in die harte Realität der Kriminalermittler bringt. In den Jahren 2006 bis 2009 veröffentlicht er im Zsolnay Verlag drei Romane der Polonius Fischer-Reihe.
Polonius Fischer ist Anfang fünfzig, wie auch zu dieser Zeit sein Erfinder Friedrich Ani. Er hat neun Jahre seines Lebens als Mönch in einem Benediktinerkloster verbracht: „Wenn Gott zu lange schweigt, fängt man an zu zweifeln, findet keine Erfüllung mehr im Gebet." So kehrt er zurück ins Kommissariat für vorsätzliche Tötungs- und Todesfolgendelikte und gefährliche Körperverletzung mit der Schusswaffe. Einkehr und Stille schätzt nicht nur sein Polonius Fischer, sondern auch der Schriftsteller Friedrich Ani sehr. Schweigen und aktives Zuhören, sowie einige Rituale des Ordenslebens finden Eingang in den oft rauen Ton des Dezernatalltags. Fischer schätzt als Abteilungsleiter Teamarbeit und auch das gemeinsame Mittagessen der „Zwölf Apostel“, wie Fischers Abteilung vom Polizeipräsidenten scherzhaft bezeichnet wird. Ein Verhör wird gerne auch mal mit einem Psalm eröffnet und alsbald zu einem dialogischen Gespräch und der Verdächtige eher zum Beichten als zum Gestehen gebracht.
Polonius Fischer ist bei seiner Sinnsuche in das weltliche Leben zurückgekehrt und führt mit seiner Lebenspartnerin Ann-Kristin Seliger eine stabile Partnerschaft. Sie ist erfolgreich als Zeitungsredakteurin, bis sie die Jagd nach den Schlagzeilen satt hat. Heute fährt sie Taxi und das am liebsten nachts. Ani lässt Fischer in die beschatteten und kalten Regionen der Großstädte gehen, wo Anonymität, Einsamkeit und Teilnahmslosigkeit vorherrschen.
„Hinter blinden Fenstern“ (Zsolnay, 2007) spielt im Münchner Stadtteil Milbertshofen, einer gesellschaftlichen Randzone der Verlierer und Beschädigten. Sie zählt zu Münchens sozialen Brennpunktecken, wo mangelnde Perspektiven das einzige Verbindende zwischen sozialen Außenseitern und sozial schwachen Familien und deren nicht selten gewaltbereiten Kindern sind. Milbertshofen ist im Gegensatz zu vielen wohlhabenden Teilen Münchens roh, ruppig und grau. Bei scheinbar „unauffälligen Menschen in schlecht beleuchteten Zimmern“ kommt es zu jenen Verbrechen, die sein Polonius Fischer in den Blick nimmt. Ein Mann stirbt am sogenannten „Andreaskreuz“ in einem SM-Studio. Es stellt sich alsbald heraus, dass es tatsächlich ein Unfall war und die verdächtige Prostituierte Clarissa Weberknecht erhält eine Freiheitsstrafe auf Bewährung. Im zweiten Todesfall jedoch kommt es zu einem Mord aus Rache, dessen Gründe weit in die Vergangenheit reichen und traurige Abhängigkeiten, Missbrauch und auch einen verkehrten Wunsch nach Erlösung zutage bringen. Polonius Fischer gelingt es, sich nicht in diesen Sumpf aus Aggression und Dumpfheit ziehen zu lassen, sein Glaube hält ihn standhaft und moralisch integer.
Komplementär dazu entwickelt Friedrich Ani die Figur des Jonas Vogel, auch „Der Seher“ genannt. Schon auf der Polizeischule fällt er durch sein herausragendes räumliches Vorstellungsvermögen und sein untrügliches Gehör auf, das ihm später Stimmen und Geräusche hilfreich für seine Ermittlungen nutzen lässt. Trotz eines Armbruchs versieht er seinen Streifendienst, wird bei der Sicherung einer Demonstration niedergeschossen und rückt in die Mordkommission auf. Bei einem weiteren Arbeitsunfall verliert er schließlich sein Augenlicht.
Ebenfalls im Polizeidienst ist Vogels 32-jähriger Sohn Max, Oberkommissar im ermittlungstechnisch vorgelagerten Kommissariat Todesermittlung. Doch leider bleibt ihm sein großer Wunsch verwehrt, Teil der Mordkommission zu werden, da Familienangehörige nicht in der selben Abteilung arbeiten dürfen. Gegen die Anweisungen der Dezernatsleitung kooperieren Vater und Sohn intensiv. Doch dieses Leben hat seinen Preis. Je mehr sich Vogel durch den Polizeiapparat entfremdet, desto mehr wendet sich seine Frau dem Alkohol zu, ebenso der Sohn und schließlich sucht auch er selbst mehr und mehr Trost darin. Laut seiner Frau Esther ist Vogel ein durch und durch „polizeilicher Mensch". Er hat etwas von einem Berserker, der in erster Linie gegen sich selbst kämpft. Er löst seine Fälle mit Hingabe und Intuition und dem Hang zur Selbstaufgabe.
Dieser Hang zur Selbstaufgabe verbindet ihn mit Friedrich Anis Ermittler Jakob Franck. „Mein Name ist Jakob Franck. Ich bin ein ehemaliger Kripobeamter. Können wir reingehen und uns an einen Tisch setzen? Ich habe Ihnen und Ihrem Mann eine schlimme Nachricht zu überbringen.“ Dann verschwand die Welt um sie herum. Als die Welt wieder da war, gehörte Tanja Grabbe nicht mehr dazu“ („Ermordung des Glücks“, Suhrkamp, 2017). Jakob Franck hat als früherer Mordermittler stets die unliebsame Aufgabe übernommen, die Todesnachrichten zu überbringen. Diese Aufgabe führt der allein lebende, geschiedene Kommissar auch im Ruhestand fort.
In seinem ersten Fall „Der namenlose Tag“ (Suhrkamp, 2017) wird er vom verzweifelten Ludwig Winther gebeten, die zwanzig Jahre zurückliegenden Selbstmorde seiner Frau und seiner Tochter neuerlich zu untersuchen. Jakob Franck hat damals die Mutter des Mädchens, nach der Überbringung der Todesnachricht, sieben Stunden lang in den Armen gehalten. Er hat den Moment verpasst, um loszulassen – und so geht es ihm bis heute. Über den Titel „Ein namenloser Tag“ sagt Ani in einem Interview: „Das ist ein Begriff, den ich erfunden habe für den Moment, an dem ein Polizist an der Tür klingelt und mitteilen muss, dass jemand aus der Familie zu Tode gekommen ist, sei es durch ein Verbrechen, sei es durch einen Unfall oder Selbstmord. Es gibt dann keinen Namen mehr für diesen Tag. Der Mikrokosmos der betroffenen Familie kippt aus der gewöhnlichen Welt“ („Jeder ist allein. Interview mit Tobias Gohlis. „Die Zeit“, 5.11.2015).
Mit Jakob Franck vollzieht Friedrich Ani auch seinen Verlagswechsel zu Suhrkamp. Jakob Franck handelt im Gegensatz Jonas Vogel „würdig und unpolizeilich“. Von seiner Frau Marion ist Franck seit Jahren getrennt. Er lebt seither allein und seine ihn umgebende Einsamkeit spüren die Lebenden wie auch die Toten. Im Vergleich zu Tabor Süden oder Polonius Fischer wirkt Franck auf den ersten Blick fast unbeschadet und gleichzeitig auch etwas unbeteiligt. Doch Franck ist ein feinfühliger, einfühlsamer und nachdenklicher Mensch, den die jahrelange Arbeit im Umgang mit dem Tod tiefgreifend verändert hat. Dass er sich inzwischen bei den Trauernden, die ihre Emotionen zeigen und auf verschiedene Weise ausagieren und sich bei den Toten oft mehr zu Hause fühlt als bei sich selbst, deutet auch seine eigenen Verwundungen an. Meist schweigt Franck und lässt sein Gegenüber erzählen, wie auch in diesem Fall und es wird in dieser berührenden Szene deutlich: „Vom Alleinsein kann man abhängig werden, das habe ich begriffen; zuerst brauchen Sie es zum Überleben und Freiwerden von allem Vergangenen; Sie freuen sich jeden Morgen darüber, dass es Sie noch gibt. Oder stimmt das nicht? Was meinen Sie, Herr Franck? […] Das Alleinsein ist wie Alkohol, tut gut, wir können nicht genug davon kriegen; wir besaufen uns die ganze Zeit und halten, was wir machen, für normal“ („Der namenlose Tag“). Ani über Jakob Franck: „Er ist frei, er hat Zeit und muss noch weniger Regeln beachten als ein Privatdetektiv. Er kommt aus seinem Beruf nicht heraus. Er lebt immer noch mit den Toten. Das kommt ja häufiger vor, als man denkt. Ich kenne das von vielen Kommissaren, die gehen nicht nach Hause und haben alles vergessen, was am Tag geschehen ist. Wenn Franck seinen Toten Kekse hinstellt und den Tisch deckt, wirkt das komisch, aber so weit von der Realität weg ist es nicht […] Ich finde, als Leser sollte man nicht unbehelligt bleiben. Der Autor hat das Recht, seine Leser nicht nur zu behelligen, sondern auch zu bedunkeln.“ („Die Zeit“, 5.11.2015). Es sind die Einsamen, Ungetrösteten, Verlassenen, von denen er schreibt, hart und zart zugleich, einfühlsam und mit respektvollem Abstand zu den ungelebten, unerfüllten und oft auch vergessenen Existenzen.
Auch als Jugendbuchautor hat sich Friedrich Ani in den letzten Jahren mit Erfolg versucht. In „Durch die Nacht unbeirrt“ (Hanser, 2000) erzählt er von der ersten Liebe, dem Verschwinden und dem Umgang mit Trauer. Mingo verliebt sich in Isa, die plötzlich verschwindet. Mingo begibt sich auf die Suche nach ihr. Sie taucht verstört wieder auf und stirbt wenig später. Wie Mingo mit diesem Verlust umgeht und dies bewältigt, erzählt Friedrich Ani in diesem Jugendroman. In „Das unsichtbare Herz“ (Hanser, 2005) lernen sich drei Jugendliche im Chat kennen, die eines verbindet: die Suche nach ihrem leiblichen Vater, wie sie mit Täuschung und Enttäuschung umgehen und was die eigene Identität ausmacht, hinterfragt er in diesem Roman.
Dass sich Friedrich Ani um brisante Themen nicht drückt, zeigt er auch mit zwei Romanen, die 2015 und 2016 erscheinen. In dem Jugendbuch „Die unterirdische Sonne“ (cbj, 2015) erzählt er von psychischem und physischem Missbrauch aus der Sicht der Opfer: Fünf Kinder, Jugendliche werden in einem Keller festgehalten. Jeden Tag wird einer oder mehrere von ihnen nach „oben“ geholt. Was dort geschieht, darüber wird geschwiegen. Ani erspart dem Leser Beschreibungen von dieser Gewalt und dem Missbrauch, den er andeutet. Auch die Täter bleiben Unbekannte. Letztlich geht es darum, wie die Jugendlichen jeden Tag „bewältigen“, wie sie mit den täglichen Demütigungen und der damit verbundenen Scham umgehen. Das Schweigen ist ihre Stärke, doch führt dies zu immer größerer Isolation. Ihre Strategien, mit den unaussprechlichen Grausamkeiten umzugehen sind unterschiedlich: Leon weint, Maren sucht die Nähe der mitgefangenen Sophie, die sich als ehemalige Ministrantin in ihre Bibelgeschichten flüchtet, Conrad starrt in den Fernseher und beamt sich förmlich weg, während Eike die anderen terrorisiert. Als schließlich Noah zu ihnen stößt, der die Hölle bereits durchlaufen hat, da er von seinem Vater jahrelang missbraucht wurde, setzt eine Veränderung in der Gruppe ein. Sie beginnen einander ihre Geschichte als Märchen zu erzählen und auch über die ihnen angetanen Grausamkeiten zu reden. Sie sind mit einem Mal für Momente nicht mehr allein, indem sie sich einander mitteilen. Die Kraft der Sprache gibt neuen Mut und stärkt und auch der Wunsch nach Rache wächst ...
„Das Verlassen-Sein ist, glaube ich, das Thema fast aller meiner Romane. Figuren, die an eine bestimmte Grenze in ihrem Leben gekommen sind und versuchen, diese Grenze zu begreifen und versuchen, sie zu überwinden, in der ein oder anderen Form“ (Gespräch mit Thomas Linden: Sex und physische Gewalt. Deutschlandfunk, 21.6.2014). Das Thema von psychischem und sexuellem Missbrauch insbesondere auch im Zusammenhang mit der katholischen Kirche verhandelt er im „Nackter Mann, der brennt (Suhrkamp, 2016). Ludwig Dragomir, eigentlich Coelestin Geiger, ist in sein erzkatholisches Heimatdorf in der tiefsten bayrischen Provinz zurückgekehrt. „Heiligsheim" ist alles andere als sein Name verspricht und an Bigotterie nicht zu übertreffen. Geiger wurde in seiner Kindheit schwer missbraucht. Der örtliche Arzt, Apotheker und der Pfarrer sowie scheinbar ehrbare Mitglieder der Gemeinde haben damals zahlreiche Kinder in ein Waldstück gelockt und sie dort über einen längeren Zeitraum sexuell missbraucht. Die meisten der Jungen mussten wegen ihrer möglichen Zeugenschaft daraufhin sterben. Die Todesfälle wurden niemals aufgeklärt. Dragomir bzw. Geiger hat die Flucht geschafft und Jahrzehnte in Berlin gelebt. Nun will er Rache an seinen früheren Peinigern nehmen.
Rache ist das den Roman bewegende Thema, doch Ani zeigt auch die erschreckenden Abgründe menschlichen Handelns, brutaler Ignoranz und den gesellschaftlichen Verhältnissen in einem erzkatholischen Dorf im tiefen Süden der deutschen Bundesrepublik. Dragomir/Geiger hält sich bei der Umsetzung seines Plans an seine alten Religions- und Schulhefte, in die er Bibelzitate und Litaneien geschrieben hat, an die er als Messdiener geglaubt hat. Kurz vor deren Tod konfrontiert er die Täter mit den Zitaten von früher, doch die erhoffte Einsicht und Reue bleiben aus. Der Schmerz und die Scham, das selbstzerstörerische Verhalten als Folge des sexuellen Missbrauchs werden ihn sein ganzes Leben verfolgen. Er ist Opfer und wird zum Täter.
„Wo geht die Reise hin?“, hatte der Taxifahrer gefragt. Tabor Süden hatte geschwiegen.“ Auch Tabor Süden erhält 2018 bei Suhrkamp wieder einen neuerlichen Auftritt. In „Der Narr und seine Maschine“, wohl Friedrich Anis bisher persönlichstes Buch, führt er eine radikale Selbstbefragung durch und lässt ihn einen verschwundenen Schriftsteller suchen. Am Beginn steht jedenfalls ein Fluchtversuch aus seinem bisherigen Leben. Er kündigt seine Wohnung und möchte nichts anderes als abtauchen. „Seine Zukunft wäre die allumfassende Unsichtbarkeit."
Das Leben, das er zurücklassen will, hält einige Argumente dafür bereit. Die jahrelange aufzehrende Arbeit als Spezialist für „Vermissungen", der Selbstmord seines besten Freundes und Kollegen Heuer, die Ermordung des Sohnes seiner Chefin Edith Liebergesell sowie der kürzliche Tod seines Detektei-Kollegen Leonard Kreutzer. Doch Edith Liebergesell spürt Süden am Münchner Hauptbahnhof auf, ein Ort, an dem auch der Autor Friedrich Ani viel Zeit mit Beobachten zubringt. Parallel dazu montiert Ani die Geschichte des vermissten Kriminalschriftstellers: Cornelius Hallig, der unter dem Pseudonym Georg Ulrich vor Jahrzehnten mal einige Erfolge hatte und jetzt von der literarischen Welt vergessen in einem Hotel lebt. Auch eine frühe Phantasie von Ani, der als Jugendlicher in die anonyme Großstadt ziehen wollte, in ein Hochhaus, wo er unauffällig, ja nahezu unsichtbar leben wollte. Doch der Hotel-Besitzer meldet das Verschwinden des Schriftstellers. „Lass dir nichts vorschreiben. Geh, wenn du gehen musst, bleib, wenn jemand die Arme nach dir ausstreckt, und ach, habe keine Angst“, sagt Cornelius Halligs Mutter zu ihrem Sohn kurz bevor sie stirbt. Zwei Männer wollen weg aus ihrem alten Leben. Doch Tabor Süden kann seine Bestimmung nicht abschütteln und Cornelius Hallig kann schließlich seinem Schicksal nicht vorgreifen. In einer Bar kommt es einen Abend lang zu einer Begegnung zwischen den beiden Männern. Songs von Tom Waits oder Bob Dylan, den Friedrich Ani zutiefst verehrt, könnten diesen Abend musikalisch begleiten. Der eine geht für immer und der andere wird naturgemäß weitersuchen.
Friedrich Ani hört nicht auf, die beschatteten und schlecht ausgeleuchteten Räume zu erkunden und wagt dieses Jahr mit „All die unbewohnten Zimmer“ (Suhrkamp, 2019) eine Zusammenkunft seiner drei Ermittler: Polonius Fischer, Tabor Süden und Jakob Franck. Verstärkung erhalten sie durch eine neu eingeführte Figur Fariza Nasri, Beamtin mit syrischen Wurzeln, die nach ihrer Versetzung in die Provinz nach München zurückkehrt. Ihr Lehrmeister ist kein Geringerer als Jakob Franck. Die aktuellen Ermittlungen leitet Polonius Fischer, der Nasri in sein Team aufnimmt. Alle bringen ihre methodischen Eigenarten ein, um die Erschlagung des Streifenpolizisten Philipp Werneck und das Verschwinden einer jungen Frau aufzuklären. Die Schattenseiten des Polizeidienstes, vor allem die unterschiedlichen Motive junger Menschen in den Polizeidienst zu treten, der Umgang mit Migration, Einsamkeit und dem Älterwerden verpackt Ani in seinen bisher umfangreichsten Roman.
Da treffen der teilnahmslos wirkende Jakob Franck und Tabor Süden, dem inzwischen der Ruf umgibt, den Verschwundenen ihren Schatten zurückzubringen, in einer Bar aufeinander, ohne sich sofort zu erkennen und beginnen eine Diskussion über Obdachlosigkeit. Jakob Franck, der weiterhin die Todesnachrichten überbringt, kann den in Wut und Aggression geratenen Vater des jungen im Dienst erschlagenen Polizisten in ein Gespräch verwickeln und Ani beweist hier wieder seinen genauen mitfühlenden Blick in der Darstellung des Wutbürgers Werneck: „Werneck stand auf der weitläufigen Betonfläche der Theresienwiese, wo in jedem Herbst das Oktoberfest stattfand. Er hatte die Hände in den Taschen seiner schwarzen Daunenjacke und hatte vergessen, wie er hierhergelangt war. Niemand außer ihm weit und breit. In der Ferne parkten zwei Lastwagen und ein Wohnwagen, sie schienen unendlich weit weg. Werneck drehte sich um die eigene Achse; er konnte nicht fassen, dass er der einzige Mensch auf diesem 22 Hektar großen Areal war. Dann erschien ihm alles logisch. Er war allein auf der Welt. Hatte er das dem alten Kommissar nicht schon erklärt? Frau weg, Stieftochter weg, sein Sohn jetzt auch. Bloß er noch da. Nach zwei Schritten blieb er stehen. Wohin sollte er gehen? Er machte kehrt, ging nach Westen, auf die Bronzestatue der Bavaria zu, hielt nach zehn Metern inne. Auf der Anhöhe hinter dem Platz lag das Westend, wo er niemanden kannte.“
Friedrich Ani gelingt es souverän mit der Routine und Fertigkeit seines Handwerks, das über die Jahre mit zahlreichen Preisen belohnt und anerkannt wurde, seine Figuren auch für Nichtkenner seiner Romane entsprechend einzuführen: Jakob Francks Lebensklugheit, Eigentümlichkeiten im Umgang mit „seinen“ Toten: „Den Toten waren Dienstgrade egal – sie kamen, sie blieben, sie gingen, sie kamen erneut. Darüber redete er nicht; außer mit Marion, die ihn, wenn es ihr zu viel wurde, daran erinnerte, dass die Anwesenheit der Toten ihre Ehe, ihre Nähe zerstört hatte. Er verstummte dann; auch aus Dankbarkeit, weil sie ihn nach der Zeit absoluter Trennung nicht im Stich gelassen, sondern ihre Vertrautheit neu erfunden hatte.“ Die ewige Zerrissenheit und unerfüllte Sehnsucht seines Tabor Südens: „In der Erinnerung kam Süden sich noch immer wie ein vom Schicksal ausgenutztes und verspottetes Kind vor, das allen Ernstes geglaubt hatte, sein Vater – seit fast 35 Jahren spurlos verschwunden – würde doch noch auf ihn warten und ihn für den Rest des Lebens umarmen.“ Sein Polonius Fischer hält mit seinem tiefen Gottvertrauen und seinem unerschöpflichen Mitgefühl dieses fragile und ausgefranste Gefüge zusammen.
Friedrich Ani sagt über seinen Schreibprozess, dass er stets seinen Figuren folgt, sie handeln lässt, ihnen in ihrem Tun folgt. Erstmals führt er auch eine weibliche Ermittlerin in vorderster Reihe ein. Das Widerständische, Zweifelnde und Kritische verkörpert in diesem neuen Fall Francks „Lieblingssyrerin“ Farizah Nasri. Sie bringt den notwendigen Biss und eine rebellische Lebendigkeit in den teilweise schon recht abgeklärten Ermittler-Trupp.
„Ich glaube, dass die Bayern Menschen mögen, auch wenn sie es nicht immer zum Ausdruck bringen. Der bayerische Mensch ist an sich ein weltoffener Mensch. Er hat es gern, wenn er Leute sieht, die er nicht kennt, aber er will auch seine Ruhe. Aber natürlich unterscheiden sich die Menschen schon arg, wenn sie aus Aschaffenburg kommen oder aus dem Chiemgau. Was ich immer mochte, war die Widerständigkeit“ (Interview mit Hannes Hintermeier, FAZ, 25.8.2018). Diese Widerständigkeit zeichnet auch den Autor aus und sein Gespür für die Abstufungen von Einsamkeit. So verwundert es auch nicht, dass er die Schlussszene seines neuen Romans Fariza Nasri überlässt: „Ich stehe in meinem Zimmer, der Regen schlägt ans Fenster. Keine Kollegen, keine Kommissare, nicht einer. Eine gelbe Kerze brennt auf einem Teller mit orientalischem Muster. Seit ich hier wohne, im sechsten Stock einer aus der Zeit gefallenen, maroden Betonpyramide, habe ich noch nie einen Menschen zum Essen eingeladen. Immer wieder habe ich es mir vorgestellt – auch mit meinen Kollegen – und dann sein lassen. Manchmal denke ich, vielleicht wohne ich gar nicht hier. Vielleicht komme ich bloß her, um zu träumen und wieder zu verschwinden – in die Wirklichkeit da draußen, von der es heißt, ich sei ein Teil von ihr.“
Viele beschattete Zimmer des schriftstellerischen Ichs gibt es bei Friedrich Ani sicher noch vom Autor auszuleuchten und den treuen und neuen Leserinnen und Lesern zu entdecken. Auch sein Tabor Süden deutet an, dass diese Reise noch weitergehen wird und die gnadenlose Selbsterforschung eine Fortsetzung finden wird: „Er wusste, wie er aussah. Jeden Morgen starrte er sich in dem Kabuff von Badezimmer an. Er duschte mit kaltem Wasser, trank eine Tasse löslichen Kaffee, setzte sich an den Tisch, blätterte in Büchern und rezitierte Gedichte. Danach sperrte er die Tür auf und ließ sie einen Spalt breit offen; die Tür blieb so, außer, er verließ das Haus, dann sperrte er ab.“


 

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