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Bücherschau

Fukuyama, Francis - Identität

Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet

Die Anzahl der demokratischen Staaten ist in den letzten zehn Jahren weltweit erschreckend schnell zurückgegangen. Erleben wir gerade das Ende der liberalen Demokratie? Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, Autor des Weltbestsellers „Das Ende der Geschichte“, sucht in seinem neuen Buch nach den Gründen, warum sich immer mehr Menschen antidemokratischen Strömungen zuwenden und den Liberalismus ablehnen. Er zeigt, warum die heutige Politik geprägt ist von Nationalismus und Wut, welche Rolle linke und rechte Parteien bei dieser Entwicklung spielen.
Schuld sei der Verrat der Linken am Klassen-Gedanken und am Universalismus der Würde, sagt der Philosoph. Er meint, es gäbe keinen „weiteren Fortschritt in der Entwicklung grundlegender Prinzipien und Institutionen“ mehr.
Mehr noch: Es gibt massive Rückschritte. Die Anzahl liberaler Demokratien sinkt; in vielen Staaten wächst die populistische Rechte. Zugleich ist die Ein-Parteien-Diktatur China wirtschaftlich sehr erfolgreich.
Fukuyama untersucht in „Identität“ nun die Krise der Demokratie, deren wichtigste akute Ursache er in einer verfehlten Identitätspolitik sieht. Dazu holt er sehr weit aus. Er begreift den „Thymos“ als jenen Teil der Seele, der sich „nach Anerkennung seiner Würde sehnt“ und weist die Vorstellung zurück, der Mensch strebe bloß im Sinne eines „homo oeconomicus“ nach rationaler Nutzenmaximierung. Er präsentiert von Luther über Rousseau bis Kant und Hegel eine Reihe universalistischer Denker, die trotz Differenzen „an die Gleichheit der Würde aller Menschen“ geglaubt haben. Und er zeigt, dass es beim Kampf um Anerkennung im 19. Jahrhundert oft nicht mehr um Universalismus, sondern um nationalistische, ethnische, religiöse und kulturelle Merkmale ging – und heute eben ein weiteres Mal geht.
Für die neue Malaise macht Fukuyama vor allem die Linken verantwortlich. Er zeiht sie eines doppelten Verrats – am Klassen-Gedanken und am Universalismus der Würde: „Statt Solidarität mit breiten Bevölkerungsschichten wie der Arbeiterschaft oder wirtschaftlich Ausgebeuteten herzustellen, konzentriert sie sich auf immer kleinere Gruppen.“ Das größte Problem der kleinteiligen linken Identitätspolitik liege darin, dass sie eine massive Gegenreaktion ausgelöst hat – erkennbar etwa an der politischen Korrektheit, deren Ablehnung zu einer „wichtigen Mobilitätsquelle“ für die Rechten geworden sei. So kritisierten Trump-Anhänger, dass schwarze, homosexuelle oder lateinamerikanische Gruppen ihre Identität betonen dürfen, das Adjektiv „weiß“ dagegen zur positiven Selbstidentifizierung unstatthaft sei. Die Folge: Es werde aus Unmut umso trotziger herausgestellt. Linke Identitätspolitik wird gleichsam rechts kopiert.
Doch wie entkommt man dieser unseligen Separierung, die das Allgemeine vergisst? Fukuyama lobt die wohlverstandene „nationale Identität“. Sie sorge am besten für physische Sicherheit, für gute Regierungen und erfolgreiche Ökonomien, sie fördere das Vertrauen und die soziale Sicherheit. Sobald ein Land die „geeignete nationale Bekenntnisidentität“ gefunden habe, sei es stabil und auch für Zuwanderung offen.
Schließlich appelliert er daran, nicht-separatistische Identität als „Heilmittel für die populistische Politik der Gegenwart“ zu nutzen – und erklärt allerdings nicht, wie das funktionieren soll.
Peter Klein

Fukuyama, Francis - Identität
Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Hamburg: Hoffmann u Campe 2019. 236 S. - fest geb. : € 22,70 (GP)
ISBN 978-3-455-00528-8

 

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