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Bücherschau

Hofmann, Thomas / Beyerl, Beppo - Die Stadt von gestern

Entdeckungsreise durch das verschwundene Wien

Über Wien zu schreiben ist eine Sache, über das verschwundene Wien zu schreiben, eine andere. Thomas Hofmann und Beppo Beyerl ist es gelungen, die „Stadt von gestern“ realistisch farbig und detailgetreu auferstehen zu lassen – man hat das Gefühl, man taucht in die gute alte Welt ein und ist da zu Hause. Viele Leser werden sich noch an das eine oder andere Gebäude erinnern, aber vieles ist schon lange unwiederbringbar verloren. Mit vielen Bildern und alten Ansichtskarten bestückt, dazu jede Menge Geschichten und Anekdoten – so wird Geschichte und Heimatkunde auch für jüngere Leser spannend.
Es ist schwierig, bei so vielen interessanten Kapiteln einige herauszustreichen, jedes birgt für sich bemerkenswerte Facetten Wiens und seiner Bürger. Aber die Gliederung in zusammenfassenden Themen ist sehr gut gelungen. Es geht etwa um „den langen Fall der Mauer“, die gigantischen Veränderungen Wiens durch die Schleifung der Stadtmauer. Das Kapitel „Vergangene Freuden“ über die einstigen Lustbarkeiten schildert die Freizeitgestaltung der Wiener, von verschwundenen Theatern über „Schiefoan in Wien“ (!) bis zu Badefreuden fürs Volk. Nicht zu vergessen die (damalige ) Wiener Bevölkerung, hier wird ein besonderer Teil der bunten Vielfalt des Kaiserreichs hervorgehoben: die Tschechen. Viel ist nicht von dieser einst sehr dominanten Volksgruppe in Wien (so das Resümee) übriggeblieben. Aber in den berühmten, köstlichen Schmankerln der Wiener Küche und in so vielen Stammbäumen der heutigen Bewohner Wiens (nicht nur beim Autor Beppo Beyerl) sind sie ja doch noch vorhanden, die böhmischen Vorfahren.
Spannend ist auch das Kapitel „Alles in Bewegung“, wo neben dem damals bedeutendem Flugfeld Aspern (auf dem sogar Graf Zeppelin am 9.Juni 1913 mit seinem Luftschiff „Sachsen“ landete) auch über die wunderschönen Bahnhöfe Wiens berichtet wird. Sie wurden durch den Krieg teilweise zerstört, aber auch noch lange nach dem Ende des Weltkrieges leider abgetragen. Zum Beispiel diente 1967 der ehrwürdige Franz-Josefs-Bahnhof noch als Kulisse für den Film „Mayerling“.1974 wurde auch er abgerissen.
Und das führt zu einem traurigen, da leider wieder hochbrisantem Thema: „Monumente, die es nicht mehr gibt“. Viele wunderschöne Bauten der Ringstraßenepoche sind verschwunden. Die Rotunde, die einem Brand zum Opfer fiel oder der Heinrichshof, das „schönste Zinshaus Wiens“, der am 12. März 1945 durch Bomben zerstört wurde. Am gleichen Tag wurde auch der Philipphof dem Erdboden gleichgemacht und mit ihm wurden 300 Menschen für immer begraben. Der Zweite Weltkrieg hat viele Gebäude in Wien zerstört .Aber leider wird noch immer (jetzt aus Gewinnsucht und/oder aus Eitelkeit) vieles in Wien der endgültigen und meist unnötigen Zerstörung preisgegeben.
Diese Gefahr (einst und jetzt) und die Erregung darüber kann man im Kapitel „Gestörte Blicke, freie Plätze“ nachlesen. Leseprobe: Unter einem alten, kolorierten Bild der Karlskirche steht: „Im Dezember 1907 kämpfte im Vorfeld des geplanten Baus für das Museum der Stadt Wien ein prominentes Personenkomitee für den Erhalt der freien Sicht auf die barocke Karlskirche“. Der einst einsam stehende Prachtbau weckte viele Begehrlichkeiten wie Thomas Hofmann dazu bemerkt: „Der Karlsplatz ist und war seit jeher ein heißes Eisen, das bei jeder baulichen Veränderung in den Händen brannte“. Der Museumsbau wurde, wie wir wissen, nicht verhindert, sondern nur verzögert. Aber aktuell ist wieder ein heißer Streit um den Karlsplatz entbrannt. Man muss befürchten, dass die Verschandelung noch nicht zu Ende ist. Wird gebaut, was derzeit geplant ist, wird Wien wieder um einen schönen Platz ärmer.“
Thomas Hofmann ist freier Autor und in seinem Brotberuf Geologe. Er leitet die Bibliothek, das Archiv und den Verlag der Geologischen Bundesanstalt in Wien. Seine Passion, mit offenen Augen durch Wien zu wandern, schlägt sich in vielen Publikationen nieder. Denn sein Schreibstil ist mitreißend und macht neugierig auf mehr. Beppo Beyerl ist ebenfalls ein begeisterter Wiener und sieht mit einem verschmitzten Lächeln die Stadt und ihre Menschen. Es wäre so wichtig, dass auch Politiker, Schüler, Investoren es lesen. Es würde der künftigen „Stadt von gestern“ gut tun!
Renate Oppolzer

Hofmann, Thomas / Beyerl, Beppo - Die Stadt von gestern
Entdeckungsreise durch das verschwundene Wien. Wien: Styria 2018.
237 S. : zahlr. Ill. - fest geb. € 27,00 (EH)
ISBN 978-3-222-13610-8

 

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