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Bücherschau

Wünsch, Ernst - Die Legende vom unsterblichen Hugo Sterber

Bestandsaufnahme der heimischen Wirklichkeit

Harry Stroh hat schon als Schüler eine Aversion gegen Autorität, Korruption, Kapitalismus, Postenschacher und Faschismus entwickelt und Verständnis für Hilflosigkeit und Unzulänglichkeit gehabt. So ist er als angehender Maturant im humanistischen Schottengymnasium in Wien dem Erstklässler Hugo Sterber stets zu Hilfe geeilt, wenn dieser Schutz vor der Willkür anderer benötigt hat.
Harrys Einfluss konnte jedoch nicht verhindern, dass der  vernachlässigt Aufgewachsene auf die schiefe Bahn gerät, im Prater auf den Strich geht, „zu einem der jüngsten Haschischraucher und Dealer des damaligen Wiens“ avanciert und nach dem Tod des Vaters ins Erziehungsheim kommt, mit siebzehn türmt, sich dann mit „fragwürdigen Gelegenheitsjobs“  über Wasser hält und von der Notstandshilfe lebt, ehe sich sein Weg mit dem seines vormaligen Beschützers auf dem kanarischen Archipel zufällig wieder kreuzt. Zu dieser Zeit ist La Gomera, wo der gut situierte Globetrotter Harry dem schnorrenden Hippie Hugo ein wenig unter die Arme greift, gerade ein „Fixstern auf der globalen Hippieroute“.
Im Cafe Central der Inselhauptstadt San Sebastian vereinbaren die beiden eine literarische Zusammenarbeit: „Harry schreibt und Hugo nimmt es auf seine Kappe“. Die Geschäftsbeziehung ist streng reglementiert und notariell beglaubigt. Sie garantiert Hugo, den gerötete Augen, fahle Haut, vernachlässigte Zähne und ungepflegter Mehrtagesbart aussehen lassen wie einen Bürgerschreck mit asozialer Ausstrahlung, dem man zutraut, „aus surrealer Scheiße Literatur zu machen“, eine Versorgung in Form von „monatlichen Apanagen, Prämien bei Erfolg und Zuschüssen bei Bedarf“. Die Gegenleistung besteht darin, dass er sich vor Präsentationen und Promotiontouren einem „Generalservice“ in den Ischler Bergen unterzieht, wo er in einer „Holzfällerhütte zwischen Attersee und dem Trauntal einen Monat lang in enthaltsamer Klausur verweilen muss.
Und nachdem die Veröffentlichung eines neuen „respektlosen, menschenverachtenden, blutrünstigen, obszönen und bis in die Pornografie hineinreichenden“ Sterber-Romans ansteht, nimmt Hugo gerade wieder so eine Auszeit von der Zivilisation in Anspruch, in der er mit Thymianhonig, Notfall-Globuli, Artischockenextrakt und Baldriantropfen gegen den „cold turkey“ kämpft. Genau da passiert es, dass (während er auf dem Plumpsklo sitzt und Mozarts Requiem hört) der morsche Bretterboden unter ihm wegbricht und Hugo in der Tiefe der Klamm verschwindet.
So kurios sein Ableben im Einzelnen inszeniert ist (sieht es doch aus, als hätte er den eigenen Kot im freien Fall überholt), so realistisch ernsthaft entpuppen sich die Seitenhiebe auf die gesellschaftliche Realität. Das Buch ist gewürzt mit Rückblenden und zeitkritischen Kommentaren. Denn nicht die „Tragisch-sinnliche Schöngeistigkeit“ steht in diesem phantasievollen, komischen bis aberwitzigen Roman im Vordergrund, sondern „die Reflexion der Wirklichkeit“. Dementsprechend präsentieren sich die herrschenden Umstände allesamt als „Missstände“.
Deswegen taugt die allgemeine Weltlage für Hugo auch als Motiv, seinen Suchtmittelkonsum zu verstärken. Er fixt, sauft und vögelt sich durch die High Society und geht vierzehntägig zu Claudia Schrott. Dort absolviert er statt einer Gesprächstherapie ein 50minütiges „analytisches Schweigen“. Und schweigen –  das kann er. Denn nicht der kleinste Hinweis zu seiner „Strohmannkarriere“ gelangt an die Öffentlichkeit, obwohl er schwer frustriert ist, nicht so schreiben zu können wie Harry und auch nicht der Urheber dieser anarchistischen „Ghostwriter-Belletristik“ zu sein.
Ernst Wünsch‘ die Konventionen durchbrechende Bestandsaufnahme der heimischen Wirklichkeit schmeckt rundum bitter köstlich und fördert im Zuge der Legendenbildung einen fragwürdigen Literaturmarkt zutage, der Buchhandlungen kaputt gehen lässt, wenn sie auf „die Unvermarktbaren“ setzen; erwähnt als  Beispiel für Arroganz den Renitenz Verlag; skizziert die Dativschwäche von Sportreportern oder den „ekelhaften Populismus“ eines Zeitungskleinformates.
Ohne „die Wut auf Populisten und Neonazis, die Wut auf die sich nach dem Wind richtenden Biedermänner und Biederfrauen, (...)die Wut auf Hass, Dummheit und Verbissenheit“ würde nicht bloß dem Alter Ego Hugo der nötige Impetus beim Schreiben fehlen. Mehr noch: Der um „eine Art literarischen Amoklauf“ und ein „Fleisch gewordenes Pseudonym“ gebaute, aus Pro- und Epilog, zwei Anhängen und sechs Kapiteln bestehende Roman verdeutlicht, dass auf der Suche nach Identität und Sinn im Leben „mit sehr viel Widersprüchlichkeit, Schmach und Unbill“ zu rechnen ist.  Und eines zeigt das fein gesponnene, kreative und mit ironischen Gustostückchen versehene Buch obendrein: Je spektakulärer man abstürzt, umso populärer kann man werden.
Andreas Tiefenbacher

Wünsch, Ernst - Die Legende vom unsterblichen Hugo Sterber
Roman. Wien: Wortreich 2018.
232 S. - br. : € 14,90 (DR)
ISBN 978-3-903091-42-9

 

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