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Bücherschau

Ilija Trojanow - Fremde und Exil als Inspiration und Erkenntnis

Simon Berger über Ilija Trojanow

Foto: Thomas Finkenstaedt

Der Weltenwanderer und Weltbürger Ilija Trojanow kennt viele Orte und Berufe. Ob als Autor, Übersetzer oder als Verleger afrikanischer Literatur, die ein Bild Afrikas abseits von Hungerbildern und Buschtrommeln zeigt – immer ist er bemüht um einen antikolonialen Blick auf ferne Welten. Fremde Kulturen bedeuten für ihn nicht Konflikt, sondern Symbiose, der Sprachwechsel nicht Last, sondern Inspiration und Erkenntnis. Er ist ein Autor, der überall wurzelt, aber nirgends ganz verortet ist.
Geboren am 23.8.1965 in Sofia, floh er mit der Familie über Jugoslawien und Italien nach Deutschland. Der Ingenieur-Beruf des Vaters führte nach Kenia. Deutsch lernte Ilija Trojanow von 1978 bis 1981 in Schulen der Bundesrepublik. Nach dem Schulabschluss in Nairobi, Kenia, studierte er Ethnologie in München und gründete 1989 den Verlag Marino, in dem er Bücher über Afrika und von afrikanischen AutorInnen veröffentlichte. 1998 verkaufte er den Verlag und ging nach Bombay, nach Indien, wo er ein Jahr bleiben wollte und fünf Jahre blieb. 2003 lebte er in Kapstadt, anschließend dann wieder in Deutschland und nun seit einigen Jahren in Wien.
Das Unterwegssein ist sein Thema. Schon sein Roman-Debüt aus dem Jahr 1996 heißt „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. Es ist eine balkanbunte, europäisch-nüchterne Familien- und Fluchtgeschichte, die mit der Kindheit in Bulgarien beginnt, am Schnittpunkt von Orient und Okzident, dann ins italienische Flüchtlingslager und nach Deutschland führt. Ein melancholisch-heiterer Bilderbogen trägt den jungen Aleksandar und den alten Bai Dan in den Westen, orientalisch-fantastisches Erzählen und grau-deutsche Realität inklusive. „Selten ist so hinreißend, so traurig und witzig zugleich von Heimatverlust und Exil, von Fremdheit und Mut zur Weltaneignung geschrieben worden“, lobte die Jury des Adelbert-von-Chamisso-Preises.
Mit seinem nächsten Buch, „Autopol“ (1997), wagte Trojanow einen literarischen Abstecher ins Netz. Im Auftrag des ZDF-Kulturmagazins „aspekte“ schrieb er live, in Zusammenarbeit mit Rudolf Spindler, den Science-Fiction-Roman im Internet. „Novel in Progress“ nannte er diese virtuelle Reise für User, diesen Thriller in Endzeitstimmung, in dem Autobahnen nur noch der Müllplatz sind für menschlichen Schrott.
In „Hundezeiten“ (1999) bereist er Bulgarien. „Heimkehr in ein fremdes Land“ nennt er diese Reportage, die zu einem Abgesang auf sein Geburtsland wird. Vom märchenhaften Ton, von Witz und Leichtigkeit und dem stilistischen Spiel des Debütromans ist nichts geblieben in dieser bitteren Analyse und Polemik. Apathie, Gewalt und Exodus beherrschen diese „Hölle Europas“, wie er Bulgarien nennt. Die Jungen gehen fort, alte Menschen flüchten aus der Not in den Suizid, hungrige Tiere lauern vor den Läden, eine Lüge kaschiert die andere. Zehn Jahre nach dem Sturz des kommunistischen Regimes ist Bulgarien ausgezehrt von der Mafia und alten Kadern. Eine Chance sieht Trojanow nur in der Selbstbefreiung der Bürger.
In diesen Jahren ist er als Autor im deutschsprachigen sowie in indischen Feuilletons gleichermaßen präsent. Der journalistische Ansatz von „Hundezeiten“ ist auch die Basis seiner Indien-Bücher. Der 2001 erschienene Band „Der Sadhu an der Teufelswand“ berichtet informativ und atmosphärisch dicht „aus einem anderen Indien“, von Kamelmärkten, Ayurveda und der Wüstenstadt Jaisalmer, von sozialen Projekten und einer „Zukunft der Widersprüche“. Mit „An den inneren Ufern Indiens“ (2003) findet er zurück zu einem poetischen Stil und schildert eine Bootsreise entlang des Ganges. Die indische Realität und Mythen werden kunstvoll eingestrickt und man taucht immer wieder aus der Politik und dem Alltag ab in den Strudel der Legenden um Mutter Ganga, Gott Shiva und seine Frau Parvati, in Beschwörungsformeln und den wilden Tanz von Entstehen und Vergehen.
In Bombay besuchte Trojanow ein Jahr lang eine islamische Organisation, die soziale Einrichtungen betreibt und junge Schriftgelehrte ausbildet. Er unterrichtete die Studenten im Verfassen englischer Artikel über den Islam, und im Gegenzug wurde er in der islamischen Religion unterwiesen. Und er hat die große Hadsch, die Reise nach Mekka und Medina im Pilgermonat auf sich genommen, was er in „Zu den heiligen Quellen des Islam“ (2004) beschreibt. Damit hat er eine der fünf wichtigsten Pflichten (Säulen) des Islam erfüllt. Er ist jedoch zu klug, um nur einer ihm neuen Religion anheimzufallen. Auch bei seinen Brüdern entdeckt er so manche Verfehlung. So sah er keinen der Pilger ein religiöses Buch lesen, obwohl das empfohlen wird; er merkt kritisch an, dass auch der Koran weniger studiert als rezitiert werde und dass so mancher angeblich fromme Glaubensbrüder die Schrift nach eigenem Gutdünken auslegt. Der Wunsch nach Klarheit ist allerdings allzu fromm, denn gerade da es keine Institution gibt, sind verschiedene Interpretationen des Wortes unvermeidlich und in der islamischen Welt verbreitet.
Man folgt Trojanows Beschreibung der Tage und Verrichtungen in Mekka, dem Fasziniertsein des Autors, bewundert seine religiöse Verzückung. Man bestaunt seinen Mut, sowohl im Geschehen, das teilweise chaotische bis lebensgefährliche Ausmaße annimmt (manchmal werden ein paar Gläubige totgetrampelt), aber auch seinen Mut zur Hingabe. Bisweilen hätte man sich da gewünscht, er verriete mehr von seinem Befinden – was er leider so verachtet. Auch die Betrachtung der Frauen bei der Hadsch und in seiner muslimischen Gemeinde fehlt in seinen Beschreibungen. Da jedoch Männer und Frauen bei der Hadsch ebenso streng wie in der Moschee getrennt sind, hat er von ihnen nicht allzu viel mitbekommen. Und dennoch, sein Buch ist schön, spannend, an manchen Stellen bewegend. Es lässt allerdings sehr viele Fragen offen, die man gerade von einem westlichen Schriftsteller, der ja unseren fragenden, westlichen Blick kennt, gern zumindest teilweise beantwortet bekommen hätte.
Die unterschiedlichen Publikationen zeigen Ilija Trojanow als einen Autor, der die stilistische, kulturelle und geografische Vielfalt zu seinem Programm gemacht hat. Er sieht in Exil und Fremde nicht einen Verlust, sondern Chancen. Und: Er verwandelt sich chamäleongleich seiner Umgebung an, um sie sich literarisch zu erschließen – ob München, Bombay oder Kapstadt. Das eigentlich „Normale“ und seine Literatur bestimmende, ist für Trojanow das „Hybride“, die Zwitter- und Mischkultur – arabische Spuren im hinduistisch geprägten Indien, orientalische im europäischen Bulgarien, afrikanische Einflüsse in seiner europäischen Biografie.
Sein nächstes großes Lebens-Reise-Roman-Projekt führt ihn auf die Spuren einer der schillerndsten Figuren des 19. Jahrhunderts, des Entdeckungsreisenden Richard Burton aus dem viktorianischen England, der den Tanganjikasee entdeckte, selbst mit Fremdem verschmolz und auftauchte in 20 Sprachen, 1000 Verkleidungen, als Pilger, Sufi, Reisender und Moslem in Mekka, als ein Europäer in Indien und Afrika zu einer Zeit, als Europas Kolonialmächte die Welt neu ordneten.
Der Roman „Der Weltensammler“ (2006) ist die Geschichte eines Mannes, der als erster Europäer über seine heimliche Pilgerfahrt nach Mekka und Medina im Jahr 1853 schrieb, der später in Afrika nach der Quelle des Weißen Nils suchte und seine Karriere als Offizier in Indien begonnen hatte. Ein fernes Echo von Karl May liegt über dem Roman, eine sublimierte Erinnerung an alte Abenteuerbücher, aber Ilija Trojanow hat die Welt eben nicht in Bibliotheken erkundet, er ist Burton nachgereist.
Es ist ein Abenteuerbuch, das einen mitnimmt und seine Faszination für den Mann großzügig mit dem Leser teilt. Doch Trojanow schlüpft nicht einfach in Burtons Haut, sondern er inszeniert die drei Teile des Romans, die den Stationen Indien, Mekka und Afrika entsprechen, jeweils als einen Dialog zweier Perspektiven. Zum einen ist da immer die Schilderung aus Burtons Blickwinkel. In Indien dann geht Burtons entlassener Diener zu einem Schreiber, um seine Erinnerungen aufschreiben zu lassen, und dieser Schreiber verfertigt daraus mit Geschick seine Version. Die Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, wird zugleich durch Protokolle und Briefwechsel der osmanischen Behörden rekonstruiert, die nachträglich ermittelt und Zeugen verhört hatten, nachdem Burtons Reisebericht erschienen war. Und in Afrika ist es der Führer der Nilquellen-Expedition, der seinen Freunden von den Mühen und Kuriositäten der Reise erzählt, ein Afrikaner namens Sidi Mubarak Bombay, der als junger Mann in die Sklaverei nach Indien verschleppt wurde.
Der sogenannte Ungläubige, der in Mekka voller spiritueller Inbrunst zu Allah betete, der abgefallene Katholik, der sich die letzte Ölung verabreichen ließ und mit seinen seltsamen theologischen Ansichten den zuständigen Priester in Gewissensnöte stürzte, der Oxford-Student, der als Konsul des Empire starb und als Weltensammler lebte. Dieser Richard Francis Burton schrieb mit einem Pathos, das noch immer unbedingt modern klingt: „Aller Glaube ist falsch, aller Glaube ist wahr: / Wahrheit ist der zersplitterte Spiegel, / in Myriaden von Stücken zerstreut; während jeder glaubt, / in seinem kleinen Stückchen die ganze Wahrheit zu besitzen“.
Trojanows Buch ist auch ein Plädoyer für Erfahrung, für Anschauung – und Selbstreflexion. Und man könnte dafür keinen besseren Anwalt finden als diesen Burton, diesen unzeitgemäßen Streuner zwischen den Kulturen und Religionen, der eben nicht nur in immer neue Kostüme und Masken schlüpft, sondern der das alles ernst nahm, der den Islam wie die Upanischaden von innen heraus begreifen wollte.
Von Anfang an hatte Trojanow geplant, seinem Roman einen Reportageband folgen zu lassen. Im Band „Nomade auf vier Kontinenten“ reist Trojanow auf den Spuren Burtons und erzählt parallel: In grüner Schrift die Erlebnisse des Engländers, in schwarzer die eigenen. So entsteht eine doppelte Reisereportage auf zwei Ebenen, die es erlaubt, gleichzeitig in zwei Zeiträumen unterwegs zu sein. Sieben Jahre ist Trojanow Burton durch Indien, Arabien und Afrika nachgereist, kleine Abstecher führten ihn auch noch nach Nordamerika und Triest, wo der Offizier verstorben ist.
Die eingestreuten Originaltexte Burtons und Trojanows Sicht der Dinge vermitteln spannungsreiche Bilder. Was hat sich in den 150 Jahren verändert, was ist gleich geblieben? Trojanow beginnt seine Reise in Indien, wo ihn die Suche nach verschollenen Notizbüchern Burtons von einem Buchantiquariat zuerst zu einer Party nach Goa und dann in eine Ladies-Bar nach Bombay führt. Burton war 1842 mit dem Schiff in der Hafenstadt eingetroffen, die „sich anschickte, nach London die zweitgrößte Stadt des Britischen Imperiums zu werden“ – und Trojanow landete 1989 am Flughafen einer 15-Millionen-Metropole. Er folgt den Spuren Burtons bis zu dessen Tod in Triest. Man kommt dem viktorianischen Reiseschriftsteller um einiges näher, leider sind die eingestreuten Texte Burtons nur kleine Kostproben aus dem größtenteils unübersetzten, sehr umfangreichen Werk des Engländers. Aber was für ein schön gemachtes Buch (in der Anderen Bibliothek)!
Ungefähr gut dreißig Reportagen sammelte er für den 2008 erschienenen Band „Der entfesselte Globus“. Sie springen durch die Zeit. Von 1981 nach 2008, in die 90er, in die 80er, vor und zurück. Bei den Themen ein ähnlicher Wechsel. Mal schreibt Trojanow von seiner Kindheit in Kenia, dann von Russen, die in Westafrika mit ausgemusterten Militärmaschinen den Luftverkehr aufrechterhalten, und wie er mit ihnen über dem Niger fliegt. Dann wiederum scheint es nur um Literatur zu gehen, oder um Musik. Er schreibt über Wirtschaft, den „War on Terror“, persönliche Begegnungen, über Dissidenten, er entkleidet Günter Grass‘ Beobachtungen in Kalkutta, bis dessen Vorurteile nackt dastehen.
Die Reportagen sind Reisen in die Welt, auch in Trojanows eigene Welt und zugleich ein Dokument, das die Reifung eines außergewöhnlichen Schriftstellers nachzeichnet, dessen beherrschendes Thema die Fremde ist: Wie sie sich in Vertrautes verwandelt. Wie man Verständnis und Respekt für das Andere gewinnt, ohne immer gleich alles verstehen zu müssen. Wie man das Gutgemeinte durch Fakten und Anteilnahme ersetzt. Sein unerschöpfliches Interesse ist weniger Neugier als der Versuch, wirklich an der Welt teilzuhaben. Darum geht es in seinem Roman, darum geht es in seinen Reportagen. Es ist nur eine andere Herangehensweise.
Ilija Trojanows nächstes Projekt, der Klimawandel-Roman „EisTau“ (2011), ist der Monolog eines ins Schmelzwasser Gefallenen und langsam Ertrinkenden. Neben den Gletschern ist ihm auch sein Privatleben weggeschmolzen, und das Liebesarrangement, das er auf dem Schiff jedes Jahr mit der dort ebenfalls angestellten Paulina trifft, ist eben die Übereinkunft eines Verlorenen mit einem als zukunftslos wahrgenommenen Leben. Dieser Held ist eine ungetröstete Gestalt, die sich ihre Leidenschaft noch nicht ganz austreiben konnte. Was man zunächst sieht, ist nur die Spitze des Eisbergs. Darunter aber wird es auch bei Zeno gefährlich. Einmal legt er sich mit einem chilenischen Soldaten an, der mitten in einer Pinguinkolonie eine Zigarette raucht, sie wegwirft und den fast jungfräulichen Ort mit Zivilisationsmüll verschmutzt. Zenos Rage ist verständlich und folgenlos zugleich. Der Rächer der Eisberge macht keine gute Figur, wie überhaupt Zenos Melancholie, gepaart mit seinem Zynismus, unweigerlich etwas Tragikomisches annehmen muss. Zeno ist ein Misanthrop aus Enttäuschung. Er will die Welt vor den Menschen retten. Weshalb die Mitreisenden (außer vielleicht Paulina) in seinem Bericht auch nur als Stichwortgeber oder Karikaturen vorkommen. Zärtliche Worte hat er nur für das übrig, was im Verschwinden begriffen ist: die Gletscher. Ilija Trojanow schrieb hier eine Art Epitaph auf die Gletscher – und auf seinen Helden.
Mit seinem bislang letzten Roman legte Ilija Trojanow allerdings sein zweites Hauptwerk vor: „Macht und Widerstand“ (2015). Er hat vor allem mit früher inhaftierten Gegnern des kommunistischen Systems in Bulgarien gesprochen, aber auch mit Offizieren der dortigen Staatssicherheit. Und was sie ihm da erzählten, hat er zu zwei exemplarischen Romanfiguren verdichtet, deren eine für die Macht, und die andere für den Widerstand steht.
Konstantin Scheitanow, geboren 1933, ist der Widerständler. Der zweite Protagonist ist sein Gegenspieler und heißt Metodi Popow. Drei Jahre älter als Scheitanow, ist er auf dieselbe Schule in der Kleinstadt Panagjurischte gegangen, hat sich jedoch auf die andere Seite geschlagen, auf die Seite der Macht: Popow wird „Professionist“. Als Scheitanow nach einer von ihm durchgeführten Sprengung eines Stalin-Denkmals im Februar 1953 festgenommen und wochenlang verhört und gefoltert wird, tritt als einer seiner Peiniger eben der alte Schulkamerad Metodi Popow auf. Beide kennen einander genau, es ist der Beginn eines lebenslangen Duells, bei dem Popow immer besser dasteht, auch noch 1999, dem Jahr, in dem der Roman einsetzt. Von seiner Wohnung aus kann Scheitanow das luxuriöse Anwesen des einstigen Stasi-Offiziers sehen, der nach 1989 seiner vielfach gewandelten Partei die Treue gehalten und im demokratischen Bulgarien trotzdem als Geschäftsmann erfolgreich ist (wahrscheinlich gerade deswegen).
Trojanow verteilt die Handlung seines Buchs auf beide Hauptpersonen: Mal erzählt Scheitanow, mal Popow (mit leichtem Übergewicht auf Seiten des Widerständlers). Beide blicken, ausgelöst durch die wiederholte Konfrontation mit dem jeweils anderen, auf ihr Leben zurück, kommentieren aber auch die postkommunistische Gegenwart, in der sich nun Popow verfolgt fühlt durch die Bemühungen Scheitanows, das eigene Schicksal als „Lagerist“ (Lagerhäftling) aufzuklären, was zwangsläufig die unrühmliche Rolle des weiterhin mächtigen Mannes ans Tageslicht zu bringen droht. Zudem holt diesen die Vergangenheit auch noch in Person einer jungen Frau ein, die behauptet, Popows Tochter zu sein, gezeugt mit der wehrlosen Insassin eines Frauenlagers. Daran wiederum kann sich der angebliche Vergewaltiger nicht erinnern.
„Du hast keine Überzeugung“, fasst Scheitanow sein Leben zusammen, „wenn du nicht bereit bist, dafür zu sterben.“ In der postkommunistischen Gegenwart des Romans muss er jedoch einen Vertrauten nach dem anderen als früheren Verräter entlarven. Der Freundeskreis wird immer kleiner, Scheitanow immer verbissener, auch immer verhasster. Als er, das Aushängeschild für aufrechte Oppositionelle, 2007 in eine Kommission für die Archive der Staatssicherheit gewählt werden soll, erhält er im Parlament gerade einmal sieben von 240 Stimmen. Und doch verschafft Trojanow dem Widerständler am Ende einen Sieg, den traurigsten, den man sich denken kann, weil er nicht durch eigene Kraft erfolgt: einen Sieg durch die Zeit. Mit dieser Figur hat Ilija Trojanow eine beeindruckende Symbolfigur der Dissidenz geschaffen.
Ilija Trojanow, der gleichsam sprüht vor lauter aktuellen Buch- und Lebensprojekten, veröffentlichte in den letzten Jahren Bücher über den überwachten Menschen („Der überflüssige Mensch“, 2013 und „Wissen und Gewissen“, 2014), das Gehen als Erkundung von Landschaften („Durch Welt und Wiese“, 2015), das Selbst-Ausprobieren aller 80 olympischen Disziplinen („Meine Olympiade“, 2016) und gegen falsch verstandene Hilfe, Profit und Heuchelei und für Hilfe, die wirklich hilft! („Hilfe? Hilfe!“, 2018).
In dem 2017 herausgekommen Buch „Nach der Flucht“ verwebt Ilija Trojanow seine eigene Fluchtgeschichte mit der anderer. Hier erzählt er von Verstörungen und Veränderungen, von Möglichkeiten und Abschieden, über das Fremdsein, die Zumutungen der Ankunft und die Loslösung von Zuschreibungen der Herkunft. Und er fragt, was das eigentlich für ein Leben ist, das man als Geflüchteter führt? „Ein Leben in einer gewissen Vielfalt, in einer Pluralität, widerstreitenden Beeinflussungen und selbstgewählten Neuorientierungen. Ich wollte beschreiben, wie das ist, weil ich festgestellt habe, dass viele Alteingesessene (…) da ganz falsche Vorstellungen haben“, so Trojanow. Und: „Es geht ja auch darum, dass die Leser gelegentlich auch mit dem Kopf gegen die Wand stoßen so wie der Geflüchtete ja auch immer wieder vor teilweise schockierenden, irritierenden, verwundernden Reaktionen steht. Das ist auch ein Teil des Buches, dass man selbst als erfolgreicher Geflüchteter doch immer wieder staunen muss.“ Als Beispiel nennt Trojanow, dass er bei jeder Lesung und bei jedem Auftritt gefragt werde, wieso er so gut Deutsch könne. Es gebe eben viele Leute, „die der völlig irrigen Ansicht sind, man könne Deutsch als Fremdsprache überhaupt nicht so gut lernen – auch wenn es Zighunderttausende, wenn nicht Millionen gibt, die das extrem gut hingekriegt haben“. Und, ja, er hat das ziemlich gut hingekriegt.

 

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