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Bücherschau

Werner Kofler - Mit Wut und Wucht

Heimo Mürzl über Werner Kofler

Der literarische Grobian Werner Kofler und sein Pandämonium Austriacum.
Eine längst überfällige Erinnerung an einen der wortgewaltigsten und radikalsten Schriftsteller Österreichs.


„Nein, gehen Sie nicht, um alles in der Welt, bleiben Sie.“


Werner Kofler, geboren 1947 in Villach, verstarb 2011 im Alter von nur vierundsechzig Jahren an Lungenkrebs. Der Sonderzahl Verlag hatte die großartige Idee, Werner Kofler mit einer umfassenden und schönen Werkausgabe zu würdigen. Inklusive eines umfangreichen Kommentarapparats, der Zitate erklärt und Anspielungen entschlüsselt. Der grimmige Witz und die sardonische Unverfrorenheit machten Kofler zu einer singulären Erscheinung im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Sie verhinderten aber auch den ganz großen Erfolg – Werner Kofler blieb Zeit seines Lebens und darüber hinaus ein Autor mit überschaubarer Lesergemeinde. Wohl auch, weil er sein Leben lang mit unverblümter Direktheit, heroischer Ausdrucksgewalt und Wut und Wucht gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Infamie und Perfidie von Politikern und Meinungsmachern und die verlogenen Seilschaften des Kunst- und Literaturbetriebs anschrieb. Die Werkausgabe des Sonderzahl Verlags bietet nun die Gelegenheit für eine Wiederentdeckung und Neuinterpretation des sogenannten „Wutliteraten“.
Werner Kofler selbst nannte seine Texte einmal „Irrsinnskunststücke“, geschrieben in einer Technik des „assoziativen Deliriums“. Was Radikalität, Authentizität und sprachliche Brillanz betrifft, konnte Kofler keiner seiner Schriftstellerkollegen das Wasser reichen. Bei Kofler ist der Autor kein Poseur, für den Widerstand und Subversion nur literarische Mittel und Fragen der Ästhetik sind. Kofler nimmt den Willen zur Antibürgerlichkeit ernst, was seiner Literatur ihre unvergleichliche Kraft und ihre unverwechselbare Vitalität verleiht.
Als Sohn einer Kaufmannsfamilie besuchte der junge Werner Kofler vier Jahre eine Lehrerbildungsanstalt, ehe er danach „tagelang, ja wochenlang in den verschiedensten Berufen tätig war“ (O-Ton Werner Kofler), eine Zeit lang auch für Regionalmedien wie die Kärntner Volkszeitung „als Zeilensöldner“ arbeitete, bis er sich 1968 zum freien Schriftsteller deklarierte. Mitte der Siebzigerjahre, genauer gesagt 1975, erschien im renommierten Klaus Wagenbach Verlag „Guggile: vom Bravsein und vom Schweinigeln. Eine Materialsammlung aus der Provinz.“ Die Kritiker des deutschsprachigen Feuilletons stellten mit selten gesehener Einigkeit fest, dass mit Werner Kofler eine „neue, eigenwillige, authentische, rabiate und einzigartige Stimme“ in die österreichische Literatur Einzug gehalten hätte. Kofler erzählt in dem Buch in hinterfotzig-freundlichem Kärntner Dialekt von seinem Aufwachsen in der Provinz – fragmentarisch, aufgefächert in viele kurze Episoden und aus der Sicht des Erwachsenen, der zurückblickt.
Trotz der artifiziellen Episodenhaftigkeit ist alles in diesem Buch nachzulesen. Kofler gibt sehr viel preis und er kann das. Er hat den Leuten in seinem Umfeld sehr genau aufs Maul geschaut, beim „umanonda-tischkarirn“, wie er einmal schreibt. Die präzisen Beobachtungen werden von Kofler ebenso virtuos wie exponiert, rau, rabiat und doch sensibel und mitfühlend in eine passende literarische Form gegossen und machen „Guggile“ zu einem der interessantesten Bücher über eine Kindheit und Jugend in der Provinz.
Werner Kofler zerbricht nicht an den erstickenden Verhältnissen, in denen er aufwächst; er bündelt seine Sehnsüchte und Leidenschaften in (s)einem literarischen Werk. Und seinem Motto „Was ist, kann nicht wahr sein“ treu bleibend, liest man da über den Kärntner Landeshauptmann folgendes: „er sei seit dreißig jahren ‚aufrechter sozialdemokrat‘, werde aber dennoch auch in nationalen kreisen geschätzt; er habe zwar keine napola besucht, sei aber immerhin ‚hochgradiger hitlerjunge‘ gewesen, hat der herr landeshauptmann gesagt.“ Es ist offenkundig, dass Koflers Schilderungen auf realen Begebenheiten basieren. Aber der Autor Kofler hält sich nicht sklavisch an die Realität. Im Gegenteil: Er spielt mit realen Versatzstücken, lässt manches weg und fügt manches hinzu und beruft sich auf eine „höhere Wahrheit“, die viel realistischer und aufrichtiger sein kann als die Wirklichkeit. Die Suggestion von Authentizität erhöht die Wirkungskraft des Textes und bringt Verborgenes und Verschüttetes zum Vorschein.


FUROR UND FREIHEIT
Werner Kofler brach mit seinem literarischen Werk immer wieder eine Lanze für sexuelle, religiöse und künstlerische Freiheit und löste mit seinen Büchern bei vielen bigotten, kleinbürgerlichen und angepassten Lesern einen gewaltigen Schock aus. Was auch nicht verwundert. Fühlten sich doch viele erkannt, ertappt und zur Kenntlichkeit entstellt. Vor Kofler gab es in Österreich nur wenige Autoren, die so unverblümt, ehrlich und offen über (jugendliche) Sexualität geschrieben hatten – Kofler nimmt sich kein Blatt vor den Mund: „daß ich während der ohnehin kurzen nacht einige zeit wachgelegen, immer aufs neue aufgewacht bin und an meine eltern in villach hab denken müssen, wenn die wüßten, wo ich jetzt liege, haut an haut neben ihr, daß ich, draußen hats bereits gedämmert, mit der rechten hand dann behutsam versucht habe, unter dem nachthemd zur fut der schlafenden heidi vorzustoßen, dabei ist mir auch der schwanz wieder wie in gewohnter weise gestanden, sacht bin ich mit der hand unter dem nachthemd über die oberschenkel und über die fut gefahren, zweimal, dreimal, aber nie öfter, weil die heidi bei jedem ansatz, die fut zu streicheln, ich habs oft versucht, im schlaf meine hand weggeschoben oder sich überhaupt umgedreht hat.“
Mit welchem Furor sich Werner Kofler im Verlauf seines schriftstellerischen Lebens auch an der Wirklichkeit abarbeitete – seine publizierten Texte wiesen ihn stets auch als grandiosen Stilisten und Sprachartisten aus. Kofler verknüpft satirische Vielstimmigkeit und genaue Beobachtungsgabe, arbeitet geschickt mit dem Wechsel von Übertreibung und Reduktion und arrangiert in seinen Büchern Wirklichkeitszitate so gekonnt zwischen fiktionale Passagen, dass sie zu den sowohl formal als auch inhaltlich radikalsten und zugleich klügsten Büchern der österreichischen Gegenwartsliteratur zu zählen sind. Kofler spielt so gekonnt mit Realität und Fiktion, dass es dem Leser schwerfällt, die beiden zu unterscheiden.
Im Vorwort zur Prosasammlung „Aus der Wildnis“ heißt es: „Sagt der Leser: Literatur, sagt der Autor: Wirklichkeit; sagt der Leser: Wirklichkeit, sagt der Autor: Literatur.“ Koflers großer Furor und seine aufrichtige Wut trafen sehr oft die passenden Protagonisten mit voller Wucht. Nicht selten schrieb sich Kofler in völlige Rage und versetzte neben gekonnten Wirkungstreffern auch literarische Tiefschläge. In „Der Hirt auf dem Felsen“ etwa berichtete Kofler über das „Bildnis des Sensationsreporters Jeannée“ und wie dieser „einem rumänischen Kleinkind sein gewaltiges Glied in den Mund steckte.“ Der selbst sehr dünnhäutige, aber in übler Kolportage bestens geschulte Kronen Zeitung-Schreiber Michael Jeannée erkannte sich in diesem Text und klagte den Autor und den Verlag (Rowohlt) auf üble Nachrede. Die Rechtssache endete jedoch mit Freisprüchen. Seinem aufbrausend-nachtragenden, in seinen Rachegefühlen und Sabotageakten aber stets konsequent-aufrichtigen Charakter entsprechend, ließ er den Text „Üble Nachrede – Furcht und Unruhe“ folgen und sorgte mit dieser literarischen Abrechnung erneut für große Aufregung: „Ich hätte geschrieben: Udo Jürgens, ein Kretin, Peter Alexander, ein Untermensch, nein, falsch, hätte ich gar nicht, Peter Alexander, ein Kretin, Udo Jürgens, ein Untermensch, so hätte ich es geschrieben.“
Auch Schriftstellerkollegen und der sogenannte literarische Betrieb blieben von Koflers Attacken nicht verschont. Immer wieder zerrte er Akteure und Statisten vor den literarischen Vorhang, rechnete auf grimmige und zugleich feinsinnige Art und Weise mit den Größen des literarischen Tagesbetriebs ab und ließ die Eitelkeiten, Nichtigkeiten, Weinerlichkeiten und Zwistigkeiten des literarischen Betriebs wie unter dem Mikroskop betrachtet in aller Deutlichkeit zum Vorschein kommen. Werner Kofler bewegte sich nie innerhalb des literarischen Betriebes, sondern stets um größtmögliche (kreative und persönliche) Freiheit bemüht, mit Geschick und fast schelmischer Freude außerhalb diverser Netzwerke und Seilschaften. Mit dieser Haltung nahm Kofler aus Überzeugung eine konsequente Gegenposition zur üblichen Cliquenwirtschaft der typisch-österreichischen „Literaturbetriebs-Literatur“ (Franz Schuh) ein und blieb sein Leben lang ein literarischer Außenseiter.
Mehr noch, mit seiner nicht eben netzwerktauglichen und karrierefördernden Art und seinem verhängnisvollen Hang zum Alkohol(-Exzess) – sein Verleger Klaus Wagenbach ersuchte ihn nicht nur einmal darum, Maß zu halten: „Lieber Werner, offen und als langjähriger Freund gesprochen: mach endlich eine Entziehungskur“ – vergraulte er Freunde und Wegbegleiter und ist jetzt, acht Jahre nach seinem (zu) frühen Tod, fast schon vergessen und aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Der lange in Wien-Erdberg lebende Kofler stand dieser Tatsache Zeit seines Lebens mit einer entspannten Gelassenheit und ein wenig Selbstironie gegenüber. So finden sich in „Amok und Harmonie“ die erhellenden Sätze: „Eine Einladung zu einem sogenannten künstlerischen Abendessen würde ich, im Gegensatz zu anderen Ich-Erzählern, nicht annehmen, aber eine solche Einladung würde an mich gar nicht erst ergehen.“


STILIST UND GROBIAN
In den Jahren 1988 bis 1991 erschien im angesehenen Rowohlt Verlag das Triptychon „Am Schreibtisch“ (1988), „Hotel Mordschein“ (1989) und „Der Hirt auf dem Felsen“ (1991). Die Trilogie bietet alles, was den Autor Werner Kofler auszeichnet: Grimmigen Witz und sardonische Zitierfreude, (selbst-)ironische Brüche und mäandernde Assoziationsketten, literarische Racheakte und virtuose Konstruktionsfreude. Kofler erweist sich Buch für Buch, Seite für Seite als literarischer Grobian und großer Stilist.
Kofler beschreibt das Pandämonium Austriacum mit so viel Verve und Witz, Wut und Wucht und ohne Scheu Namen zu nennen und hinter die vermeintliche Wirklichkeit zu blicken, dass man ihm ohne Einschränkung zustimmen kann, wenn er schreibt: „Was ist eine wirklich begangene Wahnsinnstat gegen eine bloß beschriebene?“ So geistern der SS-Scherge Globocnik, der Landeshauptmann-Attentäter Franz Rieser, die „Wiener Kulturtante“ Sigrid Löffler und der Politiker Jörg Haider prominent durch Koflers Prosakunststücke. „Am Schreibtisch“ glänzt mit kunstvoll arrangierten Lügengeschichten, die gerade dadurch, radikal, rau und direkt im Stil und ohne Kompromisse im Inhalt, die Wahrheit sagen. „Niemand ist näher bei der Wahrheit geblieben als ich“, meinte Kofler einmal mit einem verschmitzten Lächeln. Schriftsteller sind nun einmal Wahrheitssucher und Erzlügner.
Im Buch „Am Schreibtisch“ stimmt ein Bergführer nicht nur das Lob des technischen Fortschritts an, er erweist sich auch als weiser Prophet, der die Natur als Ressource für den kapitalistischen Menschen sieht: „Es wird eine einzigartige Staumauer werden, ein Kunstwerk, wenigstens vierzig Almen werden im Stausee für immer verschwinden, alle Gletscherbäche der umliegenden Täler werden wir ihrer sinnlosen Schönheit berauben und einer sinnvollen Nutzung zuführen.“ Kofler führt den Leser vom Schreibtisch ins Gebirge und wieder zurück – und das gleich ein paar Mal, ehe der Schreibtisch am Ende im Schnee versinkt.
„Hotel Mordschein“ ist die Sammlung von drei irrwitzigen Prosastücken die auf ebenso verspielte wie ausgeklügelte Art mit der Wechselwirkung zwischen Realität und Fiktion, Irrsinn und Normalität und Lüge und Wahrheit spielen. Kofler experimentiert mit Variationen, Mutmaßungen und Wahrscheinlichkeiten. Besonders gelungen im Prosastück „Mutmaßungen“, das die Frage zu beantworten versucht, was mit der Königin der Nacht nach der Vorstellung geschieht. Kofler beschreibt gewitzt und boshaft zugleich das jeweilige Schicksal der Sängerin hinter der Bühne nach sechs verschiedenen Aufführungen. Er blickt aber nicht nur hinter die Kulissen, er betätigt sich auch als Kulissenschieber und verschiebt die Kulissen in seinen Prosakunststücken immer mehr. Bis sie praktisch deckungsgleich erscheinen. Wie im Text „Der Hirt auf dem Felsen“, wo Natur und Literatur fließend ineinander übergehen und praktisch eins werden. So verwundert es nicht, dass eine Erstbesteigung zu einer Erstbeschreibung wird: „Eine Sensation! Auch die Rechte an einer echten Erstbeschreibung würde mir keiner streitig machen können.“
Werner Kofler zählt zweifellos zu den österreichischen Autoren, die zwischen Zweifel und Verzweiflung changierend am Zustand ihres Landes und dem seiner Bewohner Kritik üben. Indem sie die hübschen Fassaden einreißen, den Talmiglanz entzaubern und all den Schmutz, der unter den Teppich gekehrt wurde, wieder mit sardonischer Freude hervorholen. Koflers literarische Attacken gleichen nicht selten ungestümen Wutausbrüchen und traktieren die von Kofler vorgefundene Realität auf so subversive und rabiate Art und Weise, dass sie sich von diesen Attacken nicht mehr erholt.
Zum Ziel seiner Angriffe kann alles beziehungsweise jede(r) werden: Einmal bekommt der Literaturbetrieb im Allgemeinen sein Fett ab, dann werden einzelne Protagonisten schonungslos vorgeführt – der Reigen reicht von Robert Menasse bis zu Robert Schneider. Angriffen auf die politischen Verhältnisse lässt er Beschimpfungen von Jörg Haider folgen. Der Idylle auf dem Land misstraut er ebenso, wie der „Scheinaufklärung der Gesellschaft“. Es sind sicher auch starke Ressentiments und tiefsitzende Kränkungen, die Kofler antreiben. Aber letztlich steht die „Wut hinter den Zeilen“ im Zentrum seiner Texte. Unverhüllt, direkt und radikal zeigt sie sich, mitunter sarkastisch, zynisch und komisch, aber letztlich schwingt in seiner Wut eine ordentliche Portion Wehmut mit. Über die vermeintliche Ohnmacht und die tatsächliche Gleichgültigkeit der Spezies Mensch. „Ich ging über den Graben, aber die Frauen gingen achtlos an mir vorüber. Ich kränkte mich sehr.“
Die Werkausgabe des Sonderzahl Verlags hat jetzt Abhilfe geschaffen. Es besteht weder für Frauen noch für Männer ein triftiger Grund weiterhin an Werner Kofler achtlos vorüberzugehen. Höchste Zeit, ihm mit gebührendem Interesse zu begegnen.

 

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