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Bücherschau

Hahn, Friedrich - Sonja und die weißen Schatten

Eine Heldin, die nicht dem Glück hinterherhetzt

Die neunzehnjährige Sonja Lötzinger ist „darauf getrimmt, sich im Wettbewerb gegen die Konkurrenz durchzusetzen“. Sie hat eine Sportklasse besucht, an den Wochenenden Meisterschaft oder Turniere gespielt und immer brav die Anweisungen ihrer Mutter befolgt. So schafft sie es im österreichischen Tennis bei den unter Achtzehnjährigen bis zur Nummer zwölf.
Nie wäre ihr eingefallen aufzubegehren, obwohl sie von klein auf eigentlich nichts lieber getan hätte als zeichnen und malen. Erst mit sechzehn traut sie sich „heimlich einen Abendkurs im Aktzeichnen an der Kunstvolkshochschule“ zu absolvieren. Ihr Leben bleibt aber geprägt vom Diktat der Mutter, die jedes Mal mit „Verstummen und Sichabwenden“ reagiert, weicht die Tochter auch nur ein wenig vom vorgegebenen Kurs ab. Sonja weiß oft gar nicht genau, was sie falsch gemacht hat. Es braucht der Mutter nur etwas nicht zu passen, schon wird sie mit Schweigen bestraft.
Während Erna quasi „zu massiv da ist“, Sonja beherrscht und formt, als wäre sie ihr Kaugummi, tritt Vater Paul, der als Schadensreferent der Perfekta-Versicherung ständig unterwegs ist, kaum in Erscheinung. Und wenn, sind ihm seine Briefmarken wichtiger als alles andere. In dieser Situation, in der Sonja schon dazu neigt, gleich „gar keine Eltern haben“ zu wollen, erleidet sie einen Kreuzbandriss. Obwohl auf Krücken und Orthese angewiesen, empfindet sie ihn aber als das Beste, was ihr „in ihrem bisherigen Leben passiert ist“. Schließlich erfährt sie, dass Erna ihr die Existenz der Halbschwester Lena verheimlicht hat, die als „Ösiversion“ von Steffi Graf auf dem Sprung in die USA gewesen, dann aber durch einen Unfall jäh aus dem Leben gerissen worden ist. Genauso wenig hat Sonja von einer früheren Ehe ihrer Mutter gewusst und der Tatsache, im Grunde benutzt worden zu sein, „um Lena quasi auferstehen zu lassen“. Sie will sich davon befreien, das „Spiel als Ersatztochter nicht mehr mitspielen“, sondern „ihr eigenes Ding machen“. Und darüber kommt es zum „großen Krach“.
Friedrich Hahn schildert in seinem aus sieben Teilen bestehenden Kurzroman mit gutem Einfühlungsvermögen für die Sache diesen Loslösungsprozess recht schnörkellos und auf das Wesentliche reduziert. Seine Darstellung der Problematik, dass übertriebener Ehrgeiz und Zwang Kindern genauso schadet wie eine zu geringe Sensibilität für ihre Entwicklungsschritte und eigentlichen Begabungen ist sehr lebendig. Man erkennt, wie wichtig es wäre, wenn Eltern ihrem Kind den Weg in die wahre Bestimmung durch ein zu stark in den Vordergrund sich drängendes eigenes Wollen und Wünschen nicht allzu schwer machen würden.
Sonja gelingt es nicht nur, sich aus der ihr zugedachten Rolle zu befreien, sie gelangt auch an den Start eines neuen Lebensabschnitts, ohne sich von den Verzweiflung heuchelnden Reaktionen ihrer Mutter, die zu weinen beginnt und sich im Bad einsperrt, beirren zu lassen: Während Erna in Niederösterreich weilt, um ihre eigene Mutter nach einem Schlaganfall zu pflegen, zieht sie mit Hilfe von Freunden in eine WG. Und sie schafft es, aus den tausend Bewerbern und Bewerberinnen unter jene zweihundert zu kommen, die zur Zulassungsprüfung an die Kunstakademie eingeladen werden.
Der Weg aus dem „Hotel Mama“ in die als „Ein-Personen-Familie“ (EPF) deklarierte Eigenständigkeit hinaus bedeutet ja nicht bloß, rasch „Kohle aufstellen“ zu müssen, vor lauter Planen und Organisieren bleibt da recht wenig Zeit, die neue Freiheit dann auch zu leben. Natürlich denkt sich vieles leichter, als es getan ist, ihre Entscheidung muss Sonja dennoch alles andere als bereuen. Erstens braucht sie „nicht mehr nach der Pfeife von anderen tanzen“; und zweitens können Ich und Leben „endlich zusammenwachsen“.
Eine relativ zufriedene Aussicht, die Friedrich Hahn seiner sehr liebevoll gezeichneten Protagonistin mit auf den Weg gibt, der sich als beeindruckende Romanhandlung entpuppt, die abseits aller menschlichen Tragik, die hineinspielt, doch einige glückliche Fügungen bereithält; wohl auch gerade deshalb, weil die Heldin nicht dem Glück hinterherhetzt. Denn: Wer ständig auf der Suche danach ist, der wird es „vor lauter angestrengtem Suchen“ sowieso verpassen. Nicht verpassen sollte man hingegen Friedrich Hahns schwungvoll erzählten Roman „Sonja und die weißen Schatten“.
Andreas Tiefenbacher

Hahn, Friedrich - Sonja und die weißen Schatten
Roman. Graz: Edition Keiper 2018. 112S. - fest geb. : € 18,00 (DR)
ISBN 978-3-903144-48-4

 

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