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Bücherschau

Schirach, Ferdinand von - Kaffee und Zigaretten

Geschichten vom Menschen hinter dem bekannten Autor

Vom „Spiegel“ bis zur „New York Times“ wird der deutsche Schriftsteller als großartiger Erzähler gelobt. Das hat er in der Vergangenheit schon in etlichen Büchern bewiesen, „Verbrechen“, “Schuld“ oder „Tabu“ sind internationale Bestseller. Auch sein Theaterstück „Terror“ wird weltweit gespielt. Aber sein neuestes Buch mit dem etwas nebulosen Titel „Kaffee und Zigaretten“ ist anders.
Er beschäftigt sich darin mit sehr persönlichen Themen. Es sind intime Einblicke in sein Leben beziehungsweise in seine Gedankenwelt, verwoben mit allgemeinen Betrachtungen und Anekdoten. Sehnsüchte, Reflexionen und private Einsichten. Sie bringen den sensiblen Menschen hinter dem bekannten Autor und Rechtsanwalt den Lesern näher. Dazwischen kleine Alltagsgeschichten und Erinnerungen, auch an spezielle Gerichtsfälle.
Besonders berührend ist zum Beispiel die Begegnung mit einer Anwältin aus der Ukraine. Sie ist Jüdin, ihre Großeltern wurden aus Wien deportiert. Ferdinand von Schirachs Großvater war der Reichsgauleiter von Wien und für die Deportationen von Juden letztendlich verantwortlich. Aber beide gehen sehr unaufgeregt mit der Situation um. Zitat: „Es ist immer der Hass, der aus der Dummheit kommt“. Zitat Ende.
Ist sein berühmter Name nicht eine Last für ihn? Er hat seinen Großvater Baldur von Schirach ja kaum gekannt. Der Enkel war zwei Jahre alt, als der Großvater nach 20 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde. Und er war in den folgenden Jahren zu jung, um die Chance nützen zu können, mehr über den Mann, der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurde, zu erfahren. Er bedauert das sehr und diese Tatsache mag sein Leben, seine Berufswahl und auch seinen Drang zum Schreiben beeinflusst haben.
Im vorliegenden Buch kommt weniger der Strafverteidiger hervor, sondern es geht um den Mensch Ferdinand: „Wir müssen verstehen, wie wir wurden, wer wir sind. (…) Es geht darum, die Schwachen zu beschützen und Achtung vor unseren ‚Nebenmenschen‘ zu haben.“ Ein melancholischer, sensibler, aber scharfer Beobachter – nicht nur anderer Menschen. Er setzt sich mit der Einsamkeit auseinander und fühlt sich manchmal „von sich selber getrennt“.
Ein stilles, berührendes Buch, das zum Nachdenken anregt. Man beginnt zwangsläufig auch über sich selber zu grübeln, sich selber zu reflektieren. Ja, es stimmt, Ferdinand von Schirach ist ein begnadeter Erzähler. Und er versteht es, dem Leser in klaren Sätzen viele von seinen gesammelten Weisheiten mitzugeben. „Glück ist immer nur ein Moment.“
Renate Oppolzer

Schirach, Ferdinand von - Kaffee und Zigaretten
München: Luchterhand 2019. 192 S. - fest geb. : € 20,60 (DR)
ISBN 978-3-630-87610-8

 

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