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Bücherschau

Juli Zeh - Literatur ist Wille

Karin Berndl über Juli Zeh

© Peter von Felbert

„Im Grunde ist Juli Zeh genau jene Schriftstellerin, nach der sich alle sehnen in Zeiten des Sachzwangterrors, der Alternativlosigkeit politischer Entscheidungen, der Undurchschaubarkeit von allem, der Ironie, der Egalheit und der literarischen Ich-Bücher“ (Volker Weidermann, FAZ, 01.08.2012).
Mit einem Sensorium für die richtigen Themen, einer großen Streit-  und Schreiblust sowie einer ungewöhnlichen Produktivität veröffentlicht die promovierte Juristin und Diplomschriftstellerin seit fast zwei Jahrzehnten mit zunehmendem Erfolg jährlich einen Roman, ein Kinderbuch, einen Essayband oder ein Theaterstück. Viele ihrer Text sind bereits verfilmt oder als Hörspiel verfügbar. Sie erhält jährlich mindestens eine literarische Auszeichnung und schreibt Beiträge u.a. in der Wochenzeitung „Die Zeit“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sowie Kolumnen für „Der Spiegel“. Einige ihrer Bücher sind mittlerweile in fünfunddreißig Sprachen übersetzt.
Mit dem schriftstellerischen Erfolg hat auch Juli Zehs politisches Engagement in der Öffentlichkeit zugenommen. Sie äußert sich immer schon in Interviews als „Fan“ des demokratischen Rechtssystems. 2008 legt sie Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen den biometrischen Reisepass ein, nach der NSA-Affäre schreibt sie einen offenen Brief an Angela Merkel und sie gehört zu den Initiatoren der „Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union“. „Sie ist als Tierschutzbotschafterin der Stiftung ‚Vier Pfoten‘ tätig und trat 2017 der SPD bei“, ist im Spiegel-Online vom 12.12.2018 anlässlich ihrer Ernennung zur Verfassungsrichterin durch den Brandenburger Landtag zu lesen.

Juli Zeh wurde 1974 als Julia Barbara Zeh in Bonn geboren. Ihr Vater Wolfgang Zeh ist Jurist und bis zur Pensionierung Direktor beim Deutschen Bundestag. Nach dem Abitur und einer einjährigen Auszeit beginnt Zeh Rechtswissenschaften in Passau zu studieren. Es folgen Studienaufenthalte in Krakau, Leipzig, ein Praktikum bei der UNO in New York. Sie promoviert 2010 an der Universität Saarbrücken in Völkerrecht.
Juli Zeh schreibt schon so lange sie sich erinnern kann und in den Anfängen ihres Jusstudium schreibt sie vermehrt, weil sie sich die ersten drei Semester schlichtweg langweilte: „Die Idee mein Schubladen-Schreiben in eine echte, nach außen gerichtete Tätigkeit zu verwandeln, kam mir absurd und vermessen vor. Es brauchte ein Jahr und zwei Anläufe, bis meine dreißig Seiten Bewerbungstext und ich den Eingangstest bestanden hatten“ („Alles auf dem Rasen. Kein Roman“, 2006). Daneben beginnt sie 1996 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig zu studieren. Ihre Diplomarbeit ist gleichzeitig ihr Debütroman „Adler und Engel“ und erscheint 2001 bei Schöffling & Co.
In ihrem Debüt klingt alles an, was Zehs Schreiben bis heute in ihrem Gestaltungsfuror bestimmt: an einem System verzweifelnde, scheiternde Figuren, die mit mehr oder weniger großer Leidenschaft und Pathos gegen oder noch in den vorherrschenden Gesellschaftsstrukturen kämpfen oder sich mit ihren Prinzipien an diesen schmerzhaft reiben. Eine zweckmäßige und klare Sprache, die eingängige Bilder hervorbringt und durch zahlreiche Dialoge den Text schwungvoll und beherzt voranbringt, sowie ein ideenreicher Plot um ein aktuelles Thema.
In „Adler und Engel“ befindet sich ihr Ich-Erzähler Max, ein 33-jähriger Jurist, im absoluten Ausnahmezustand, in einer Liebes- und Lebenskrise. Seine Freundin Jessie hat sich während eines Telefonats mit ihm erschossen. Max, spezialisiert auf Völkerrecht, hat seinen erfolgsversprechenden Job in einer Wiener Kanzlei, der ihm schon viele Illusionen genommen und dafür auf den Geschmack von leistungssteigernden Drogen gebracht hat, aufgegeben und treibt nunmehr im Schmerz versinkend durch die Tage. In seiner Verzweiflung findet er in den einsamen Nächten nach Jessies Tod in Clara, der Moderatorin einer Radiosendung, eine interessierte Zuhörerin. „Als das Radiomädchen das nächste Mal bei mir auftaucht, um ihr Zopfband abzuholen, habe ich eine Entscheidung getroffen. Ich werde nicht versuchen, ein neues Leben anzufangen. Für das, was Jessie getan hat, fehlt mir zwar die Phantasie. Aber ich kann den Dingen ihren natürlichen Lauf lassen, dann mache ich es auch nicht mehr lange. Der Gedanke beruhigt mich. Ich begrüße das Radiomädchen mit einem weisen Lächeln auf meinen trockenen Lippen.“ Max wirkt cool und abgeklärt, aber der Verlust seiner großen Liebe und seiner beruflichen Ideale machen ihn zu einem unberechenbaren und verletzlichen Tier, das förmlich durch diesen Roman hetzt.
Clara heißt eigentlich Lisa und studiert Psychologie. Lisa wittert im verstörten Max und der Liebesbeziehung zu Jessie ein Thema für ihre anstehende Diplomarbeit. Sie bittet Max seine Geschichte auf Tonband zu sprechen. Durch die Tonbandaufzeichnungen erfahren die Leserinnen und Leser alsbald die Hintergründe der Geschichte des Paares, deren Wege sich bereits zu Schulzeiten gekreuzt haben. Jessie wirkt wie ein ätherisches entrücktes Wesen, kaum verwunderlich bei der schwerwiegenden und traumatischen Vergangenheit, die so stark in die Gegenwart wirkt. Als Tochter eines Drogenbosses, der aus Geschäften am Balkan Profit schlägt, erlebt sie alles andere als eine unbeschwerte Kindheit und Jugend.
Eine tragische Liebesgeschichte ist nicht selten und vor allem bei Juli Zeh eine Dreiecksgeschichte und so kommt auch noch Shershah ins Spiel, iranischer Diplomatensohn, den Jessie und Max noch aus Internatszeiten kennen. Auch Shershah findet kurz nach Jessie einen gewaltsamen Tod. Die Hintergründe seines Todes bleiben nebulös. Max und Clara begeben sich gemeinsam auf eine Reise von Leipzig nach Wien, wo sich Max Antworten auf die ihn quälenden Fragen erhofft und neben unbequemen Wahrheiten wieder in ein Netz aus Gewalt und dubiosen Machenschaften gerät.
Juli Zehs Abschlussarbeit am Leipziger Literaturinstitut ist zugleich Politthriller und Roadmovie und zeigt gebrochene Heldinnen und Helden im Drogenrausch und Selbstmitleid, die am System scheitern oder sich daran zumindest schmerzhaft blutig reiben.  „Was man wirklich braucht, um am Literaturinstitut zu studieren, ist eine pathologische Schreib- und Leseobsession sowie den eisernen Willen, alles spannend zu finden, was auch nur im Entferntesten mit Texten zu tun hat“ („Alles auf dem Rasen“, 2006).

Nur zwei Jahre später veröffentlicht sie bereits ihren zweiten noch umfangreicheren Roman „Spieltrieb“ (2004). „Über dem Bundesverfassungsgericht, sagen wir Juristen, sei nur noch der blaue Himmel. Der blaue Himmel ist zum farbigen Pappdeckel einer Spielesammlung geworden. Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht – erst recht.“ Hier spricht eine Richterin, die bereits zu einem Urteil gekommen ist. Sie schreibt ihren Abschlussbericht und bildet damit den Rahmen dieses Romans.
Schauplatz ist das fiktive Ernst-Bloch-Gymnasium in einem Bonner Nobelviertel. „Ada war ein junges Mädchen und nicht schön“, so lautet lapidar der erste Satz. Ada ist auch ein hochintelligenter, ja hochbegabter Teenager, der an der Schule ein einsames mehr oder weniger selbstgewähltes Außenseiterleben führt. „In allen Klassen ab der siebenten gab es samt- und seidenweiche Mädchen, deren Geburt durch langsam anschwellende Musik begleitet worden war wie das hochfahrende Windowsbetriebssystem von seiner Begrüßungsouvertüre. Sie kamen als Miniaturprinzessinnen zur Welt, erreichen bereits in der Unterstufe das erste, fohlenhafte Stadium der Vollendung und wuchsen gleichmäßig in die Frau hinein, die sie einmal werden sollten.“
Ada selbst erwartet nichts. Sie beobachtet, denkt und kritisiert am liebsten. Ihre Revolte ist eine stille und wendet sich nicht selten destruktiv gegen sie selbst. Lediglich in ihrem Geschichts- und Philosophieprofessor Höfi findet das altkluge Mädchen, das bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufwächst, einen Vater im Geiste, der mit scharfem Verstand und seinen Prinzipien Ada Halt und Orientierung bietet. Er verachtet nichts mehr als das Fehlen von Verstand und tyrannisiert ihre Mitschüler und Mitschülerinnen mit seiner Willkür. Mit dem Deutsch- und Sportlehrer Smutek verbindet Ada das schulische Lauftraining, an dem sie als eine der wenigen Schülerinnen gerne teilnimmt.
Doch als Alev an die Schule kommt, werden für Ada die Karten neu gemischt. Alev und Ada freunden sich an und Alev beginnt Ada zusehends für Spieltheorie zu begeistern. Spieltheorie beschäftigt sich als Teilgebiet der Mathematik mit der Modellierung und Untersuchung von Gesellschaftsspielen und den eingesetzten Spielstrategien, deren Ergebnis von mehreren Spielern bzw. Entscheidern beeinflusst wird. Alev beginnt mit Ada an einer Spielanordnung für ihre Schule zu arbeiten. „Wir haben das Ende der Religion überlebt, wir werden auch das Ende der Philosophie überleben" –  als Lehrer Höfi sich vom Schuldach stürzt, findet Alevs perfider und ausgeklügelter Plan mit Ada in der Hauptrolle bald seine konkrete Umsetzung und nimmt dabei einen überraschenden Verlauf. Der Mikrokosmos Schule lebt auch in diesem Fall von seinen Gegensatzpaaren und Prototypen, die gesellschaftliche Entwicklungen und Tendenzen abbilden.
Juli Zehs Roman strotzt von literarischen und philosophischen Anspielungen, an denen sich die Literaturkritik mit Freude abarbeitet. Ada hat natürlich ihren Namen bei Juli Zeh nicht zufällig von Nabokovs Titelfigur. Natürlich wird einer von Zehs Lieblingsautoren, nämlich Robert Musil, zur Klassenlektüre und illustriert den Deutschunterricht über die Verlauf der Handlung. Richard Kämmerlings scheint in seiner Besprechung in der FAZ (24.12.2004) gleichermaßen begeistert und empört zu sein von diesem Roman: „Wie kann sich eine nicht unbegabte Autorin nur so eklatant in der Schublade vergreifen und glauben, einfach aus dem Handgelenk mit etwas Rechtsphilosophie Musil und Dostojewski aktualisieren und zugleich eine neue Ära der Geistesgeschichte einläuten zu können (denn nur so ist der Prozess am Schluss zu verstehen, dessen Richterin die eigentliche Erzählerin des Romans ist)?“ Ulrich Greiner (Die Zeit, 21.10.2014) hingegen ist von der „drastischen und plastischen Sprache“ und dem „hoch gebildeten Scharfsinn“ des Romans sogar so überzeugt, dass er dafür plädiert, dass „alle Schüler und Lehrer“ „Spieltrieb“ lesen sollten, denn er zeichne „mit Witz und Verstand ein helles Bild unseres dunklen Zeitalters“.

Drei Jahre und drei Fassungen hat es bis zur Entstehung von „Schilf“ (2007) gebraucht. Im Prolog von „Schilf“ ist eigentlich schon sehr viel gesagt über diesen Roman: „Wir haben nicht alles gehört, dafür das meiste gesehen, denn immer war einer von uns dabei. Ein Kommissar, der tödliches Kopfweh hat, eine physikalische Theorie liebt und nicht an den Zufall glaubt, löst seinen letzten Fall. Ein Kind wird entführt und weiß nichts davon. Ein Arzt tut, was er nicht soll. Ein Mann stirbt, zwei Physiker streiten, ein Polizeiobermeister ist verliebt. Am Ende scheint alles anders, als der Kommissar gedacht hat – und doch genau so. Die Ideen des Menschen sind die Partitur, sein Leben ist eine schräge Musik. So ist es, denken wir, in etwa gewesen.“
„Schilf“ ist als Kriminalroman angelegt und will doch noch mehr als das sein. Die Handlung spielt in Freiburg und Umgebung. Hauptakteure sind die befreundeten Physiker Sebastian und Oskar, deren wissenschaftliche Reputation zur Existenzfrage und ständigem Konkurrenzkampf zwischen den beiden führt. Als Sebastians Sohn während eines Ausflugs entführt wird, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Um das Kind auszulösen, braucht es ein anderes Opfer. Der Entführer fordert via Telefon: „Dabbeling muss weg”. Dabbeling ist der Name eines Radsportfreundes von Sebastians Ehefrau Maike. Er arbeitet als Oberarzt an einer Klinik in Freiburg, wo es einige Missstände aufzudecken gäbe. Sebastian will Dabbeling mit einem Stahlseil zur Strecke bringen, nämlich genau auf seiner Übungsstrecke an einem steilen Streckenabschnitt soll er durch das Seil geköpft werden.
Titelgebend ist Kommissar Schilf, der nicht nur eigenbrötlerisch erscheint, sondern auch noch einen rasant wachsenden Gehirntumor hat, der ihm Halluzination und andere Sensationen während seiner Aufklärungstätigkeit beschert. Dazwischen plätschern die Sätze: „Wenn Schilf auf sich selbst zurückblickt, dann glaubt er, vor gut zwanzig Jahren einmal ein ganz normaler Mensch gewesen zu sein.“
Raumzeit und Schwarzwald zusammengedacht, hätte ein anspruchsvoller Regionalkrimi mit theoretischer Physik werden können. Doch dieses Gedankenexperiment bleibt vage und angedeutet und findet weder in Konstruktion noch Inhalt eine konsequente Umsetzung: „Das Schöne an der Zeit ist, dass sie ohne Hilfestellungen vergeht und sich nicht an dem stört, was in ihr geschieht.“ Petra Kohse zeigt sich wohlwollend in der Besprechung des Romans in der Frankfurter Rundschau „Weil es sich angenehm wegliest, vor allem“. Der Roman wurde 2011 verfilmt und lief 2012 in deutschen Kinos mit mäßigem Erfolg.

„Corpus Delicti“ (2007) ist ursprünglich als Theaterstück im Auftrag der Ruhrtriennale Essen entstanden. Doch die dramatische Inszenierung ging Juli Zeh wohl zu langsam und so hat sie gleich auch einen Roman aus dem Stoff gemacht. Im Zentrum steht der Kult um den Körper als Resultat eines radikalen Kapitalismus. Zeh zeichnet eine Zukunft, in der ein Gesundheitsdiktat vorherrscht und der Grundsatz gilt: Gesund ist gleich glücklich. Ziel ist es, ein sauberes, schmerz- und leidfreies Leben zu führen. Es wird im Namen der ewigen Gesundheit verzichtet, trainiert, gemessen, entbehrt, um für die Zukunft und ein ausgesprochen langes Leben vorzusorgen: „Was sollte vernünftigerweise dagegensprechen, Gesundheit als Synonym für Normalität zu betrachten? Das Störungsfreie, Fehlerlose, Funktionierende: Nichts anderes taugt zum Ideal.“ Der Körper wird zum Tempel, dem der Mensch sein freud- und genussvolles Leben opfert.
Juli Zeh spitzt eine Tendenz der kapitalistischen Welt zu einer Dystopie zu, an der sie sich mit Hingabe austobt: Da werden Bilanzen auf dem Gesundheits-Konto analysiert, Toiletten auf erhöhte Giftstoffe im Abwasser gescannt und der Kilometerstand am Hometrainer manipuliert. Es kommt zu Vorladungen und in Folge auch zu Gerichtsprozessen, wenn die häuslichen Urinproben nicht ordnungsgemäß durchgeführt oder Schlaf- und Ernährungsberichte nicht fristgerecht eingereicht werden.
Klar, dass in solch einer Szenerie der Widerstand nicht weit ist. Es wäre auch kein Buch von Juli Zeh, wenn sich nicht jemand der Diktatur widersetzt. Mia Holl heißt ihre Heldin, die als erfolgreiche Biologin in ihren 30igern, mit den herrschenden Prinzipien mehr oder weniger im Einklang beziehungsweise angepasst im Jahr 2057 lebt.
Ihr Bruder Moritz, ein Lebenskünstler und Philosoph wird wegen Vergewaltigung angeklagt und zum Scheintod durch Einfrieren verurteilt. Mia hilft ihm sich dieser Strafe durch Freitod zu entziehen, um ihm ein kleines Maß an Würde zu bewahren.
Dafür steht Mia naturgemäß nun vor Gericht und bringt durch ihren Widerstand und ihr mitreißendes Plädoyer das System zur tiefen Erschütterung: „Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. Ich entziehe einem Körper das Vertrauen, der nicht mein eigenes Fleisch und Blut, sondern eine kollektive Vision vom Normalkörper darstellen soll. Ich entziehe einer Normalität das Vertrauen, die sich selbst als Gesundheit definiert. Ich entziehe einer Gesundheit das Vertrauen, die sich selbst als Normalität definiert. Ich entziehe einem Herrschaftssystem das Vertrauen, das sich auf Zirkelschlüsse stützt. Ich entziehe einer Sicherheit das Vertrauen, die eine letztmögliche Antwort sein will, ohne zu verraten, wie die Frage lautet."
Griechische Antike trifft Zeitgeist und das moderne Antigone-Drama punktgenau mit seiner Kritik am einseitigen Körperkult, warum der Roman heute schon zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht zählt.
Juli Zeh wird „schöner Eigensinn“ zugeschrieben und das mit Recht ist sie spätestens durch dieses Buch zur „schreibenden Moralistin“ für die deutsche Leserschaft stilisiert worden.

„Nullzeit“ (Schöffling & Co, 2012)
„Im Grunde war Tauchen kein gefährlicher Sport, sofern man ein paar Regeln verinnerlichte.“ Sven ist ein gewissenhafter Lehrer. Seine Bundeswehrzeit hat er bei den Pioniertauchern absolviert und sich nebenher zum Tauchlehrer ausbilden lassen. Nach dem Abitur absolviert er ein Jusstudium in der vorgesehenen Zeit, indem er sich diszipliniert und Fleiß an die Spielregeln hält. Doch das Abschlussexamen wird zu seinem ersten großen persönlichen Waterloo. Mit Montesquieu und Rechtsphilosophie hat er nämlich gar nicht gerechnet. „Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu. Fortan gab es kein Problem mehr, das sich mit dieser Formel nicht lösen ließ. »Montesquieu« verhinderte, dass ich Urteile über andere Menschen fällte, mich in ihr Leben einmischte oder auch nur gut gemeinte Ratschläge erteilte.“
Es wird „das Kriegsgebiet“, wie er Deutschland unter dem immer massiver werdenden Leistungs- und Konkurrenzdruck erlebt, verlassen und sich seinen Jugendtraum erfüllen. Er gründet mit seiner privaten und beruflichen Partnerin Anja auf einer kanarischen Insel (wohl Lanzarote) eine exklusive Tauchschule „für gehobene Ansprüche“.
Jola von der Pahlen und Theo Hast sind am Beginn des Romans Svens neue Gäste. Jola ist der Star einer Daily Soap „Auf und Ab“. Der zehn Jahre ältere Theo ist Schriftsteller, der bis dato einen einzigen Roman veröffentlicht hat. Das Künstlerpaar steht in seiner Expressivität und Emotionalität in starkem Kontrast zur Kargheit der Insel und dem Gastgeber-Paar. „Die Ästhetik des Kargen“ wie Theo die Insel bei seiner Ankunft beschreibt, spiegelt sich auch im Lebensentwurf von Sven und Anja wider.
„Nullzeit“ bezeichnet die Zeit, die ein Taucher in einer bestimmten Wassertiefe bleiben sollte, ohne Dekompressionsstopps beim Auftauchen einlegen zu müssen. Diese Wartephase ist unbedingt einzuhalten, ehe wieder aufgetaucht werden kann. Sollten sich Taucher nicht daran halten, droht die Taucherkrankheit und sogar der Tod.
Beide Paare sind jedoch, das wird bald deutlich, auch persönlich in ihren Beziehungen in einer „Nullzeit“ angekommen. Theo und Jola stehen in leidenschaftlicher Konkurrenz zueinander. Der zynische und leicht verbitterte Schriftsteller mit Schreibblockade kritisiert seine kommerziell erfolgreiche Freundin Jola ständig. Jola möchte endlich als seriöse Schauspielerin gesehen und ernst genommen werden und bereitet sich mit dem Tauchkurs auf das Casting für die Rolle der Tauchpionierin Lola Hass vor.
Anja wiederum akzeptiert das arbeitsame und eintönige Leben mit Sven wohl in der Hoffnung, dass es Erfüllung in der baldigen Familiengründung findet.
Jola ist naturgemäß fasziniert von der Unaufgeregtheit ihres Tauchlehrers und er wiederum weiß nicht wie ihm angesichts der charmanten und verführerischen Kindfrau geschieht. Bald entwickelt sich aus dem harmlosen Flirt eine Menage à trois, die alle Beteiligten in ihrer Gefährlichkeit unterschätzen. Über die ausagierte Hassliebe von Theo und Jola geraten auch unabhängig voneinander Svens und Anjas Vorstellungen ins Wanken. „Vielleicht war die wichtigste Erkenntnis meiner juristischen Ausbildung: Wer nicht die Wahrheit sagte, log noch lange nicht.“, sagt Sven an einer Stelle. Genau in diesem schwebenden Zustand bleibt Juli Zehs Roman. Er zieht seine Spannung aus der sachlichen Ich-Erzählung Svens, die zu Jolas Tagebucheintragungen kontrastieren und nach und nach auch die psychischen Abgründe und Abhängigkeiten offenlegen. „Sie lässt sich stark auf Theorien, Technik und Milieus ein, das gibt kraftvolle realistische Stellen, eine Art Fachsprachenpoesie, die das ganze Buch durchzieht. Die Neopren-Diktion trifft auf Naturbeschreibungen der lakonisch genauen Art, beides zusammen trägt eine Weile.“ Hubert Winkels (Die Zeit, 02.08.2012)
Hubert Winkels streicht im selben Artikel hervor, dass es die Autorin, in „Corpus Delicti“ mit „didaktische(r) Freundlichkeit bis zur Schullektüre gebracht hat“.
So folgt auch in dieser Schreibkarriere naturgemäß eine Einladung zur Dozentur der Frankfurter Poetikvorlesungen 2013. In Juli Zehs Fall erscheint das Buch noch vor dem Vortrag unter dem Titel: „Treideln. Frankfurter Poetikvorlesungen“ 2013 bei Schöffling & Co. Das Wort Treideln ist ein älteres Synonym für Trödeln. Juli Zeh tut dies anfänglich auch bei der Entscheidung die Dozentur anzunehmen und füllt mit dem Nachdenken über dieses Dilemma gleich mal das erste ein Viertel des Buches. „Poetik ist das, was Autoren erfinden, wenn sie zu Poetikvorlesungen eingeladen werden.“ Touché: Sich zu widersetzen, kritisch zu hinterfragen gehört zu Zehs Grundprinzipien, denen sie auch hier treu bleibt und gleichzeitig akkurat der gestellten Aufgabe nachkommt. Lediglich in der Form widersetzt sie sich mit ihrer „Antipoetik“. Es finden sich aneinander fiktive Briefe an Freunde, Weggefährten, Deutschlehrer, Journalisten, neben Mails ans Finanzamt. „Sich in Briefform zu äußern bedeutet, ins Unreine zu sprechen. Es ist die Lizenz zum Labern. Aber eben auch die Freiheit, ins Unreine zu sprechen.“ (Jörg Magenau, Süddeutsche Zeitung, 09.10.2013)
Dazwischen taucht auch Treidel als mögliche Romanfigur auf, die Zeh im Laufe des Textes entwickeln und anhand welcher sie ihren Arbeitsprozess abzubilden versucht. Treidel erinnert nicht von ungefähr an Hans Ulrich Treichel, Zehs Dozenten am Leipziger Literaturinstitut. „Stellvertretend für eine ganze Generation geht Karl Treidel vor der Aufgabe in die Knie, seine persönlichen Krisen zwischen Bankenkrise, Finanzkrise, Klimakrise, Energiekrise, Bildungskrise, Eurokrise, Rentenkrise und Nahostkrise unterzubringen.“

Für Johanna Wanka (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) hat Juli Zeh mit „Unterleuten“ (Luchterhand, 2016) „den packendsten deutschen Gegenwartsroman der letzten Jahre geschrieben. […] Und die es schafft, ein nahezu tragikomisches Zeitbild zu zeichnen, das Ostdeutschen wie Westdeutschen gerecht wird, ihnen gleichermaßen den Spiegel vorhält, wie sie ringen und suchen, um den richtigen Weg in die Zukunft zu finden“.
„Unterleuten“ heißt das fiktive Dorf im Landkreis Prignitz im nordwestlichen Brandenburg. Wie viele Dörfer in dieser Region erlebte die Dorfgemeinschaft die Zwangskollektivierung, Enteignung und die Umwandlung der Güter in eine Landwirtschaftliche Betriebsgenossenschaft. Juli Zeh lebt viele Jahre in Leipzig, bevor sie 2007 mit ihrer Familie, dem Fotografen David Finck und ihren beiden Kindern ins brandenburgische Barnewitz im Havelland zieht. Zehs Roman spielt im Jahre 2010 und Gombrowski, Agrarwissenschafter und ehemaliger Geschäftsführer der LPG „Gute Hoffnung“, hat die Zeitenwende genutzt und das Unternehmen in einen Biobetrieb „Ökologica“ verwandelt, der ums wirtschaftliche Überleben kämpft. Es gibt zwar im Kreis einen Bürgermeister, den ehemaligen Tierarzt der LPG, aber Gombrowski ist das inoffizielle Dorfoberhaupt, das seinen direkten Gegenspieler in Kron, dem ehemaligen Brigadeführer der LPG, hat. Es gibt natürlich auch einen Dorfsheriff, der im erforderlichen Fall auch mal zu „unterlauteren“ Mitteln greift.
Das Dorftableau ergänzt Zeh noch mit Stadtflüchtigen in der exemplarischen Figur des ehemaligen Universitätsprofessors Gerhard Fließ, der mit junger Frau (ehemaliger Studentin) und Baby als Leiter des örtlichen Vogelschutzvereins weiter seine Mitte und seine Frieden sucht und am Rasenmäher und den Gewohnheiten des Nachbars zu verzweifelnd droht.
Auch Pferdeflüsterin Linda Franzen versucht ihren Traum vom Reiterhof zu realisieren und will ermattete Großstädtern im Pferdehotel aufpäppeln. Ihr Freund, der in der Computerspielbranche arbeitet, sorgt mit seinem „Konzept der distanzierten Anteilnahme“ zumindest für die finanzielle Stabilität in der Partnerschaft.
Ein geplanter Windpark-Bau bringt Bewegung in die Szenerie und wirbelt die vermeintliche Dorfgemeinschaft auf. Juli Zeh erzählt dies kapitelweise aus wechselnden Perspektiven. Nicht weniger als zwanzig Figuren treten auf und geben Einblick in die Geschichte des Dorfes und seine Gesetzmäßigkeiten. Es wird bald an verschiedensten Fronten verteidigt und bekämpft: Naturschützer gegen Windpark-Investoren, Dorfhäuptling gegen verbitterten an Verschwörungstheorien glaubenden Widersacher der die Dorfbewohner zur Revolte aufbringen möchte, Profiteure gegen Verlierer. Offen gelebte und heimliche Feindschaft, Freundschaften, Seilschaften, Kooperationen und notwendige Allianzen werden bei dieser (drohenden) Veränderung nach und nach in dem Mikrokosmos des Dorfes sichtbar.
„In den vergangenen Wochen hatte sich Unterleuten als starker Lehrmeister erwiesen. Gerhard hatte erlebt, wie an diesem Ort Probleme erzeigt und gelöst wurden. Mit Reden, Analysieren, Abwägen kam man nicht weit. Es ging darum Fakten zu schaffen.“ Dazwischen verschwindet ein Kind und es kommt zu gewaltsamen Übergriffen, die sich während eines Gewitter im umliegenden Nutzwald zutragen. „Unterleuten“ hat Serienpotential, wenn die Rechte nicht schon längst verkauft sind. Am Ende des mehr als sechshundert Seiten starken Romans findet sich jedenfalls ein Namensverzeichnis der Bewohner Unterleutens u.a. mit kurzer Funktionsbeschreibung.
„Aber ist dies nun gute, vielleicht sehr gute Literatur? Oder große? Das ist, in letzter Konsequenz, Unterleuten nicht. Dagegen steht weniger das klischeehafte nächtliche Gewitter, das der Himmel schickt, als der hünenhafte Automechaniker in Gombrowskis Auftrag einen Dorfbewohner im Wald zusammenschlägt. Die Wahrheit dieses, in vieler Hinsicht bewundernswerten, Werks ist seiner Schönheit immer voraus. Bei großer Literatur verteilen sich die Gewichte umgekehrt.“ (Ursula März, Die Zeit, 30.03.2016)
Mehr als 150.000 Exemplare wurde bis dato verkauft, was wohl auch Zehs Wechsel von ihrem Stammverlag Schöffling & Co zur mächtigeren Verlagsgruppe Random House zuzuschreiben ist.

Für Jacqueline Thör liest sich Juli Zehs Roman „Leere Herzen" (Schöffling & Co, 2017) „wie eine Antwort auf Houellebecqs Unterwerfung“ (Die Zeit, 14.11.2017). Einen großen Vergleich stellt die Kritiker für diesen überaus spannenden Roman an.
„Leere Herzen“ zeigt ein politisch ausgehöhltes Deutschland im Jahr 2025: ohne Merkel, mit mutlosen Bürgerinnen und Bürgern, die durch ihre Gleichgültigkeit die Idee der Demokratie zu Grabe tragen und dadurch rechten Demagogen die politische Gestaltung des Landes überlassen haben. Die sogenannte „Besorgte-Bürger-Bewegung" ist bereits am Ruder, die Vereinten Nationen stehen vor der Auflösung und der Machtausbau von Polizei und Geheimdienst schreitet voran. Juli Zeh zeichnet drastisch eine Dystopie die Wirklichkeit geworden ist: Es gibt ein „Ausländeramt“ und eine „Bundeszentrale für Leitkultur“. Keiner vertritt mehr eine kritische Haltung, sondern flüchtet sich in Zynismus. Genau darin diagnostiziert die politisch aktive Schriftstellerin die immer lauter werdenden Radikalisierungstendenzen innerhalb der EU.
Britta Söldner, die Protagonistin, ist Profiteurin des aufkeimenden Terrorismus, denn sie hat gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Babak Hamwi die Heilpraxis „Brücke“ für Psychotherapie und angewandte Tiefenpsychologie gegründet. „Die Brücke hat Atemtherapie, autogenes Training und Hynose im Angebot, ebenso wie Brainspotting, CRM und EDMR.“
„Die Brücke heilt Suizidalität.“, so lautet die offizielle Version. Doch ihr Geschäft macht sie mit durch einen Algorithmus ermittelten lebensmüden Menschen, die von ihr als Selbstmordattentäter an Organisationen vermittelt werden.
Wer sich nach dem von ihr entwickelten Zwölfstufen-Modell mit dem unzählige psychologische Tests und ein Psychiatrie-Aufenthalt verbunden ist, immer noch ins Jenseits katapultieren möchte, wird dann von Brittas Unternehmen an eine Organisation zwecks Durchführung eines terroristischer Anschlages vermittelt.
„Britta will eine friedliche Existenz für sich und ihre Familie, sie will ihre Arbeit machen, Verantwortung tragen, aber nur für Dinge, die sie anfassen kann.“ Britta führt anfänglich ein geschmeidiges Doppelleben: Sie lebt als Familienernährerin in einem „Wohnwürfel“ in einer ruhigen Wohngegend von Braunschweig und ist andererseits taffe Geschäftsfrau in einer an Geschmacklosigkeit kaum überbietbaren Geschäftswelt.
„Seit Gründung der »Brücke« lebt und arbeitet sie in völliger Übereinstimmung mit dem Zeitgeist. Wenn ihr nicht so häufig übel wäre, würde sie sich wahrscheinlich glücklich nennen.“ Doch dann geschieht am Flughafen Leipzig ein Attentat, das nicht die „Brücke“ organisiert hat und auch keiner der Kunden bekennt sich dazu. Noch dazu will ein erfolgreicher Heilpraktiker und Energetiker namens Guido Hatz in das Start-Up „Smart Swap“ ihres Mannes investieren. Dazwischen plagen Britta immer wieder heftige Übelkeitsattacken. Der ungemütliche Gast ihres Mannes taucht immer öfters auf und attestiert ihr: „Sie haben eine Grenze erreicht. Dahinter wartet der Abgrund“.
Während die Konkurrenz „Empty Hearts“ den Markt aufmischt, beginnt Britta zunehmend Mitgefühl für sich und ihre Umgebung zu entwickeln, entdeckt wieder so etwas wie ein Gewissen. Ziel von Guido Hatz und seiner Arbeit ist es „Mensch und Erde wieder zu versöhnen" und auch Zehs Thriller endet mit einem weinenden Babak an Brittas Schulter.
„Wo es um die Literatur geht, die sich die Vision einer nahen Zukunft zum Prinzip und Erzähltrick macht, geht es immer auch um Echoräume, in denen kulturelle Bezüge, Verweise auf andere literarische Texte, Filme oder Bilder und kühne Gedanken der Autoren sich zu einem neuen Ganzen verbinden und unsere gewohnte Sicht auf die Welt herausfordern. Bei Juli Zeh ist alles so sehr Handlung, dass ein solcher Echoraum nicht entsteht. Nichts weist über das Buch hinaus.
Nichts liefert einen neuen Blick auf unser Heute und auf unsere Gesellschaft. Man fühlt sich einfach nur gut unterhalten.“ (Julia Encke, www.faz.net, 16.11.2017)

„Neujahr" (Luchterhand, 2018)
Der Roman setzt am Neujahrstag ein. Ihr männlicher Erzähler fährt mit seinem Rad im Gegenwind einen Berg hoch. Seine Beine schmerzen. Er kämpft sich weiter den Berg hoch. Er ist dabei alleine mit seinen Gedanken, die um die letzten Tage kreisen. Verlagslektor Henning verbringt mit seiner Frau, der Steuerberaterin Theresa und dem gemeinsamen Sohn die Tage zwischen den Jahren auf Lanzarote. Beide arbeiten Teilzeit, teilen sich die Kindererziehung und leben im beschaulichen Göttingen.
Zeh zeichnet hier wie immer pointiert ein prototypisches Mittelstandsleben dieser Tage: Gut gebildete und ausgebildet Menschen, die sich zwischen Familie, Pflichterfüllung und dem Diktum der Selbstverwirklichung zunehmend überfordern.
Henning hat gut funktioniert und am Wochenende immer seinen Ausgleich in langen Radtouren gefunden, bevor „ES“ plötzlich in sein Leben eingebrochen ist. Seither herrscht Unsicherheit und Angst, dass „ES“ jederzeit wie ein Raubtier zum Sprung ansetzen und ihn überfallen könnte. Die Rede ist hier von Panikattacken, die Henning seit einiger Zeit quälen.
Die drohende Unterzuckerung und Dehydrierung führen Henning auf seiner Radtour in das Haus einer deutschen Aussteigerin und in Berührung mit seinem Kindheitstrauma, das Zeh im zweiten Teil des Romans bis zur Gänze ausschildert. Es erzählt von Vernachlässigung und früher Verlassenheit, die heute quer durch die Gesellschaft ihre psychischen Auswirkungen zeigen. Henning wurde als Kind mit seiner kleinen Schwester aus ihm unerklärlichen Gründen im Ferienhaus auf Lanzarote alleine gelassen. Es ist natürlich, das Haus, das nun die deutsche Künstlerin bewohnt und genügend Auslöser für Henning bietet, sein Trauma immer wieder zu durchleben. Da gibt es einen Brunnen und unzählige Spinnen, die Flashbacks auslösen und Henning in Berührung mit einer lang verdrängten Vergangenheit bringt. „ES“ wird auch auf den letzten Seiten von Henning konkret benannt.
Juli Zeh arbeitet sich laut Petra Kohse (Frankfurter Rundschau, 11.09.2018)
„weiter fleißig durch die Themen der Zeit“. Sie stellt auch fest: „Auf zwei Dinge kann man sich in Romanen von Juli Zeh verlassen: Erstens siedeln sie immer ganz fest im Alltäglichen. Und zweitens geben sie stets alles von sich preis“. Ihre Sprache ist dabei auf „beneidenswert beiläufige Weise pointiert“ und „und ihre Figuren und Szenerien stehen einem gerade wegen der Alltagsglaubwürdigkeit sofort und geradezu holografisch vor Augen“.
Zehs neuer Roman zeigt am Beispiel des Familienvaters Henning die tiefe Verunsicherung zwischen den Geschlechtern und die Schattenseiten einer zunehmenden Individualisierung.
In einem Interview das zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes in der Frankfurter Rundschau erschien, wird diese Haltung noch einmal deutlich: „Wir erleben eine tiefere Identitätskrise. Wenn man nicht weiß, wer man ist, dann versucht man, sich abzugrenzen, zum Beispiel vor Einwanderern. In den vergangenen Jahren wurden unter dem Stichwort Emanzipation viele Gewissheiten über Bord geworfen, auf denen sich sozialer Zusammenhalt stützte. Das war auch richtig. Es wurde allerdings nicht daran gedacht, dass das den Einzelnen überfordern kann, wenn ein Gott, eine Gruppe, ein Patriarch fehlt. Man sucht Rückzugsräume, das kann die Familie sein oder auch die Nation.“ (Sabine Rennefanz, www.fr.de, 23.05.2018)

Juli Zeh schafft in ihren Büchern Gewissheiten in unsicheren Zeiten und trifft damit genau eine Sehnsucht. Stets am Puls der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Themen beschreibt sie plastisch und mühelos schwer greifbare Krisen und Entwicklungen. Ihr wacher Verstand scheint unermüdlich, Faktenlagen zu erheben, Zusammenhänge herzustellen und die Hoffnung am Leben zu erhalten, dass Lösungen doch ganz einfach zu finden wären. Ihr schriftstellerischer Kosmos ist inzwischen ein selbstreferentielles System geworden, vielleicht insgeheim gerade dieser ersehnte Rückzugsraum.

 

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