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Bücherschau

Veza Canetti - Die ganz alltäglichen Gemeinheiten

Brigitte Winter über Veza Canetti

Im Jahr 1990, Elias Canetti, der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1981, war 86 Jahre alt, erschien in Canettis Hausverlag Hanser der Roman „Die gelbe Straße“. Man erfuhr, dass die früh (im Jahre 1963) verstorbene erste Frau Elias Canettis vor dem Zweiten Weltkrieg, in den 30er Jahren mehrere literarische Werke veröffentlicht hätte. Nun erst, drei Jahrzehnte nach ihrem Tod und an seinem Lebensende, ließ er es zu, dass die Werke seiner talentierten Frau wiederveröffentlicht wurden. Erst aus den Nachlassbriefbänden (Elias Canetti starb 1994) wurde auch ersichtlich, dass seine erste Frau Veza ihr Schreiben schließlich aufgab und sich ganz in den Dienst seiner Werke stellte. So wie man auch erst jetzt erfuhr, wie sehr sie unter seinen Lebensumständen gelitten haben muss, hat sie doch einige Nebenfrauen, mit denen auch sie im Exil in England Umgang hatte, nicht nur geduldet, sondern ihm zugeführt. Mit 65 Jahren setzte sie wahrscheinlich (so ganz geklärt konnte es nicht werden) ihrem Leben selbst ein Ende.
Wer war nun diese mittlerweile unter dem Namen Veza Canetti berühmte Autorin? Geboren wurde sie als Venetiana Taubner-Calderon am 21. November 1897 in Wien, als Tochter einer jüdischen Spaniolin aus Belgrad und eines ungarischen Vaters. Bis zum Tod ihrer Mutter 1934 lebte sie mit ihr in der Ferdinandstraße 29 in der Wiener Leopoldstadt, ab Ende 1933 gemeinsam mit Elias Canetti. 1934 heirateten sie und mieteten sich später in jener pompösen Grinzinger Villa in der Himmelstraße ein, die Handlungsort ihres 1939 begonnenen und im Exil weitergeschriebenen Romans "Die Schildkröten" ist.
Veza Canetti stand dem Austromarxismus nahe, gehörte aber auch zum Kreis der Karl Kraus-Begeisterten. Elias Canetti berichtet in seiner stilisierten Autobiographie, dass er als damaliger Chemiestudent die bestens in den literarischen Kreisen eingeführte Veza Taubner in der 300. Vorlesung von Karl Kraus kennenlernte. Sie war als Schriftstellerin keine Unbekannte mehr, publizierte in Zeitungen und Anthologien und lebte von privaten Englischlektionen. Ihre letzte Publikation dürfte 1937 die Erzählung "Hellseher" im "Wiener Tag" gewesen sein.
Im englischen Exil arbeitete sie als freie Lektorin, Gutachterin und Übersetzerin. Sie schrieb weiter (auch Rezensionen) und suchte Kontakte zu Verlagen und Theatern. Erst 1956 habe sie endgültig resigniert, so Elias Canetti, dessen Bücher sie begleitete und lektorierte. In einem Brief an Hermann Kesten, kurz nach ihrem Tod am 1. Mai 1963 in London, schrieb er über die gemeinsame Arbeit an "Masse und Macht": „Ihr geistiger Anteil daran ist so groß wie meiner. Es gibt keine Silbe darin, die wir nicht zusammen bedacht und besprochen haben".  
Im Jahr 1983 bereite der Leipziger Reclam Verlag eine Neuauflage der Anthologie "Dreißig neue Erzähler des neuen Deutschland" vor, die Wieland Herzfelde 1932 zusammengestellt hatte. Dabei wurde man auf eine Erzählung des Bandes aufmerksam: "Geduld bringt Rosen" von Veza Magd. Die Autorin formulierte für diesen Band eine knappe "Selbstbiografie": "Mein erstes Buch war ein Kaspar Hauser-Roman, und ich schickte ihn begeistert einem großen Schriftsteller. Der war so klug, mich solange auf die Antwort warten zu lassen, bis ich sie mir selber gab. Seither veröffentlichte ich Erzählungen und den Roman ‚Der Genießer‘ in der deutschen und österreichischen Arbeiterpresse."
Ihre ersten beiden Romane gelten bis heute als verschollen. Doch durch den Vornamen Veza war man der Autorin auf die Spur gekommen. Und so erschienen ab 1989 Veza Canettis Bücher – allen voran der Roman "Die gelbe Straße", in dessen Vorwort Elias Canetti schrieb: "Heute, zu meiner Freude, sehe ich, dass es Kenner gibt, die diesem Buch Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es ist unnatürlich, dass heute über Vezas Schreiben nichts bekannt ist."
Die Sprache klar und knapp, das thematische Spektrum scharf umrissen – schon in ihrer ersten Publikation, der Erzählung „Der Sieger“ (1932) findet Veza Canetti den Ton, der sich durch alle ihre Erzählungen und Novellen der 30er Jahre ziehen wird. Die junge, unattraktive Fabrikarbeiterin Anna kämpft sich mit Fleiß und Bildung nach oben, bis sie einer Entlassungswelle und der Bürokratie zum Opfer fällt. Der Alltag von Frauen, Kindern und sozial Schwachen bleibt in den nächsten Jahren Veza Canettis Thema. Sie identifiziert die Täter und hat Mitleid mit den Opfern, ohne sich dem Verdacht der Sentimentalität auszusetzen, denn zu grotesk sind ihre Frauenporträts, zu sarkastisch ihre Erzählkommentare, zu lakonisch stets das Ende, das nicht selten der Tod derer ist, die sich, wie Anna, nicht zu wehren wissen.
Manchmal treten Kinder, seltener Erwachsene den Ungerechtigkeiten der dargestellten Welt entgegen. Doch die wenigsten ihrer Figuren sind der Maschinerie der kapitalistisch-patriarchalen Arbeitswelt gewachsen, auch nicht die Antihelden ihrer einzigen zu Lebzeiten erfolgten Publikation in Buchform, der Erzählung „Geduld bringt Rosen“. Familie Mäusle ist arm, hässlich und bis zur Dummheit ehrlich, die im gleichen Haus lebende Familie Prokop dagegen attraktiv, reich und skrupellos. Mit gnadenloser Logik läuft die konsequent aufgebaute Handlung ab: Schwäche und Skrupel der Mäusles werden am Ende mit dem Tod bestraft, die Frechheit der Täter sichert deren Stellung, weil „das Schicksal es nicht leiden kann, wenn man sich begnügt“. Veza Canetti schildert Schicksale von Rechtlosen, die der Willkür anderer Menschen hilflos ausgeliefert, von diesen materiell abhängig und Demütigungen ausgesetzt sind. Sie leuchtet in ihren "Alltagsgeschichten" all die Standesdünkel und Klassenunterschiede aus. Ihre Erzählungen sind politisch engagierte sozialkritische Milieureportagen von literarischer Qualität. Der appellhafte Charakter, der zum Widerspruch reizt, ist ein wichtiges Element ihrer Wiener Erzählungen.
Aus einigen der bis 1934 veröffentlichten Erzählungen stellte Veza Canetti den Roman „Die gelbe Straße“ zusammen, den sie als Jüdin bereits nicht mehr publizieren durfte. Formal nur lose, in den Motiven jedoch durch die Farbe Gelb verknüpft (sie taucht im Zusammenhang mit Gold und mit Hundekot, oder auch nur assoziativ in Verbindung mit Neid und Judenhass auf), entsteht das Porträt einer Straße, vom Milieu her vergleichbar mit der Straße der Wiener Leopoldstadt, in der Veza Canetti bis zum Tod ihrer Mutter lebte. Die Gattin eines verarmten Fabrikanten verdient das Geld für die Familie durch Klavierspiel in einem Konzertcafé, die verkrüppelte Ladenbesitzerin Runkel quält ihre hübsche Angestellte und wünscht sich nichts mehr als den Tod, eine Schar von Hausmädchen wird auf einem modernen Sklavenmarkt zum Dienst angeboten, ein Wohltätigkeitsverein tut mehr für das eigene als für das Wohl der ihm anvertrauten Waisenkinder.
Zum Verhängnis wird vielen Figuren die ganz alltägliche Gemeinheit aus Tratsch, Sensationslust und Verleumdung. Es sind Geschichten von Menschen, die das Leben klein gemacht hat und die um einen Rest von Würde ringen, wie beispielsweise Schwester Leopoldine: Sie war im Krieg "freiwillige Krankenschwester" und legt Wert auf diese Anrede; jetzt muss sie in Stellung gehen und ist eines der Opfer der betrügerischen Stellenvermittlerin Hatvany. Mit "Der Kanal" ist das Kapitel des Romans überschrieben, in dem Veza Canetti ein grelles Kaleidoskop des Dienstbotenelends jener Zeit entfaltet. Die "Gnädigen", die hier nachfragen, suchen Personal für zwielichtige Clubs, zahlen nichts oder schicken die Frauen aus nichtigen Gründen ohne Bezahlung wieder zurück. Ein Ausweg ist der Donaukanal; wer den Selbstmordversuch überlebt, kann in einem Heim für mittellose Suizidantinnen unterkommen.
Die Sprache der Figuren legt ihr reduziertes Dasein bloß, eine Beobachtung, die auch auf die zur selben Zeit entstandenen Figuren Elias Canettis in seinem Roman „Die Blendung“ und in seinen Dramen zutrifft und damit ein Beleg für die enge Zusammenarbeit des Paares während der 30er Jahre ist. Zugleich wurde die verdichtete Erzählweise, häufig aufgelöst in Dialoge, auch zu Recht mit der Erzählweise Ödön von Horváths verglichen.
Eines der Romankapitel arbeitete Veza Canetti zum gleichnamigen Theaterstück „Der Oger“ um, dem sie einen versöhnlichen Schluss gab: Ein brutaler Familienvater wird von Freunden der Ehefrau entgegen der herrschenden Rechtslage (über die sich auch Karl Kraus in seinen wöchentlichen Vorlesungen empörte, die Veza Canetti regelmäßig besuchte) zur Scheidung gezwungen. Ein anderes Romankapitel war der Ausgangsstoff für das in Künstlerkreisen spielende Lustspiel „Der Tiger“ (in „Der Fund“).
Im Vergleich mit den Wiener wirken die späteren Werke, als habe man der Autorin den sicheren Boden entzogen. Ihr Roman „Die Schildkröten“, an dem sie gleich nach der Flucht ins Exil nach England zu schreiben begonnen hatte, kehrt inhaltlich nochmals nach Wien zurück. Es geht um Willkür und Grausamkeit der deutschen Machthaber, denen die Protagonisten und die Autorin mit Literatur und poetischen Bildern zu begegnen versuchen. Doch es drängen sich autobiographische Momente ihrer Ehe mit Elias Canetti in den Vordergrund: Das Paar Eva und Andreas Kain (er ist ein jüdischer Gelehrter und Dichter) lebt in einem herrschaftlichen Haus in Wien. Der Druck zu emigrieren, wächst. Doch damit nicht genug: Es braucht das rettende Visum aus England, und das kann dauern. Kain beschleicht die Angst vor dem, was kommen mag: "Die Sprache ist seine Seele, die Figuren, die er gestaltet, sind sein Körper. Er kann nur Atem schöpfen, wo seine Sprache lebendig ist, und sein Leben erlischt, wo er nicht mehr versteht und nicht mehr verstanden wird."
Einmal bewahrt Kain eine Schildkröte davor, dass ihr ein Hakenkreuz in den Panzer gebrannt wird. Unten im Dorf nämlich verkauft der Holzschnitzer die Tiere in seiner Bude zum Andenken an die "fröhlichste Stadt Zentraleuropas" – ein Ehrentitel, den das Wien der Vorkriegszeit tatsächlich mit Stolz trug. Die Schildkröten haben Symbolcharakter im Buch. Zwar gelten die Tiere als zäh, doch selbst sie verschwinden, wie die Juden, nach und nach von der Wiener Bildfläche. Indessen will Kain das Land nur verlassen, wenn auch der Bruder geht. Doch Werner, ein Geologe, hängt zu sehr an den Steinen seiner Heimat. Die Situation spitzt sich zu: Juden werden enteignet, ihre Häuser geplündert und die Tempel angezündet. Die Heimat wird ihnen fremd. Eva leidet und drängt Kain immer verzweifelter zum Aufbruch: "Wer auf dem Boden liegt, bekennt seine Niederlage ein. Man hat nichts mehr zu tragen, wenn man liegt. Man hat keinen Stolz mehr, man hat auch keine Bürde. Man ist jeder Last enthoben."
Kurz vor der Flucht wird Werner irrtümlich anstelle von Andreas verhaftet und ins KZ Buchenwald gebracht. Das Paar kann fliehen, sie sitzen im Zug über die rettende Grenze: "Ob er Devisen in seinem Koffer habe, Gold oder Silber. Kain verneinte und blickte zum Fenster hinaus. Der Beamte richtete seine kalten Augen auf Eva und fragte sie nach Wertobjekten in ihrem Koffer. Ihre Lippen zitterten: 'Wir haben ein Wertobjekt. Ja. Die Asche unseres Bruders!‘" Veza Canettis Roman handelt von der Bitterkeit des Abschiednehmens. In klaren Worten beschreibt die Autorin, was menschliche Niedertracht vermag und wie sich andererseits Menschen selbst in höchster Not Menschlichkeit, Würde und Selbstachtung bewahren.
Eine Sonderstellung nehmen einige englische Geschichten ein, die durch die Unmittelbarkeit der geschilderten Flucht- und Kriegserfahrungen erschüttern. „Air raid“ und „Der letzte Wille“ sind Erzählungen über die Schrecken der deutschen Bombenangriffe auf London, „Toogoods oder das Licht“ (alle in „Der Fund“) über das Flüchtlingsleben in einem bigotten Haushalt. Der Versuch, mit dem Stück „Der Palankin“ (in „Der Fund“), vermutlich ihrem letzten Werk, an die englischen Gesellschaftskomödien der Zeit anzuschließen, misslang. Veza Canettis Werk geriet im Exil in Vergessenheit und erst Ende der 80er Jahre wurden ihre Pseudonyme (Veza Magd, Veronika Knecht, Martha, Martina und Martin Murner) nach und nach entdeckt und ihre Texte wieder- und größtenteils überhaupt erstveröffentlicht. Der Vorwurf, Elias Canetti habe sich zeitlebens nicht nur viel zu wenig für das Werk seiner Frau eingesetzt, sondern es vorsätzlich zurückgehalten, gilt zu Recht bis heute.


 

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