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Bücherschau

Heinrich, Ursula - Melange ohne

Familiengeschichte aus dem Wien der 20er Jahre

Nicht erst seit Donna Leon ist es Mode geworden, Krimis an bestimmten Orten zu platzieren und so mit Lokalkolorit zu beleben. In dem ersten „eigenständigen“ Roman der Wienerin Ursula Heinrich ist aber nicht nur der Ort (Wien), sondern vor allem die Zeit, in der die Geschichte erzählt wird, bemerkenswert.
Das Geschehen entwickelt sich in den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs. Dies führt zu einer gewissen „Entschleunigung“. Wegstrecken müssen zu Fuß oder in überfüllten Straßenbahnen zurückgelegt werden, Telefon ist eine Rarität und natürlich sind die Ermittlungen noch nicht so umfassend möglich wie heute. Und neben der privaten Ebene spielt die Politik und die sich anbahnende gesellschaftliche Umwälzung eine Rolle. Unsicherheit, Angst, Unbehagen vor der Zukunft. Die wachsende Not der Bevölkerung, Hunger und Krankheiten sind die dunklen Wolken, die über dem Alltag der Menschen in der Stadt hängen. Und die Kriminalpolizei spielt in diesem Roman interessanterweise eine völlig untergeordnete Rolle.
Ein junger Mann, in Italien verwundet, bekommt Genesungsurlaub und gerät durch Zufall in eine Mordgeschichte. Er tauscht kurzfristig seinen Urlaubsschein mit seinem doch um einiges älteren Freund Stefan, der rasch nach Eichgraben (bei Wien) will, um seine Schwester vor einer übereilten Heirat zu bewahren. Aber es kommt nicht so weit, denn der Bräutigam wird ermordet – erschossen mit Stefans Dienstwaffe. Dadurch kommt natürlich auch der verbotene Freundschaftsdienst, der als Beihilfe zu einem Mord ausgelegt werden könnte, ans Licht. Die Behörde ist davon überzeugt, den Täter zu haben. Auch Stefans Bruder, ein angehender Jurist, ist von der Schuld seines Bruders überzeugt und rät ihm zu gestehen. Ist Stefan nun unschuldig oder doch nicht?
Max muss selbst versuchen, nicht nur seine Haut zu retten, sondern gleichzeitig auch die Unschuld seines Freundes zu beweisen. Ein schwieriges Unterfangen, denn die beteiligten Familien verhalten sich sehr ablehnend. Max recherchiert und deckt Querverbindungen zwischen Stefan und dem Mordopfer auf. Dabei lernt er, der aus der Oberschicht kommt, auch die Bewegung der Sozialisten kennen. Aber alles ist sehr langwierig und vielversprechende Spuren führen ins Nichts. Max gerät zunehmend in Zeitnot. Nicht nur die Gerichtsverhandlung rückt immer näher, auch das Ende seines Heimaturlaubes macht ihm Sorgen.
Jeder spürt das nahende Kriegsende aber keiner kann wissen, wie lange es noch dauern wird. Kann der Mord noch vorher aufgeklärt werden, muss Max noch einmal an die Front? Wird sein Freund unschuldig verurteilt? Auf Mord steht die Todesstrafe ... Die Verhandlung findet statt. Und bringt letztendlich unverhofft die unerwartete neue Sicht auf das Geschehene.
Ein Roman aus einer Zeit, die für die Leser von heute nur mehr in schwarzweißen Wochenschaufilmen erinnerlich ist. Es ist kein Kriminalroman im herkömmlichen Sinn, eher eine spannende Familiengeschichte aus dem Wien der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Und für Leser, die die Wiener Dialektausdrücke nicht kennen, sind freundlicherweise Übersetzungen etlicher typischer Wörter als Fußnoten zu finden. Vielleicht für einige Leser recht hilfreich!
Renate Oppolzer

Heinrich, Ursula - Melange ohne
Roman. Meßkirch: Gmeiner 2018. 279 S. - kt. : € 14,40 (DR)
ISBN 978-3-8392-2320-8

 

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