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Bücherschau

Fuhrmann, Günter - Haus der Könige

Das Wiener Palais Coburg. Throne, Triumphe, Tragödien

Das Jubiläum der Wiener Ringstraße hatte viele Publikationen zur Folge. „Das Haus der Könige" von Günter Fuhrmann sticht aber besonders heraus. Es ist nicht nur die historische Geschichte des Palais Coburg, sondern auch eine spannende Familiengeschichte. Erst durch den Bezug zu Menschen, die hier gelebt haben, wird die Vergangenheit farbig. Günter Fuhrmann hat nicht nur die politischen Veränderungen akribisch recherchiert, sondern ist auch im "Klatsch und Tratsch" der Kaiserstadt fündig geworden. So werden die Monarchie und ihr Zeitgeist lebendig und auch für jüngere Leser (und besonders Leserinnen) interessant.
1529 steht ein gewaltiges osmanisches Heer vor Wien. Um vor einem neuerlichen Ansturm der Osmanen gewappnet zu sein, werden in Wien die Stadtmauern befestigt und mit einem Ring aus Basteien versehen. Eine davon ist die Braunbastei. Ihre mächtigen Mauern und großen Gänge haben die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag überdauert. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde auf der Bastei ein Kommandantenhaus errichtet. Graf Daun, einer der Heerführer Maria Theresias, arbeitete hier als Stadtkommandant und hatte eine "Dienstwohnung", bis er dort auch 1766 starb. Der Bau erhielt neue Besitzer und wurde zum Palais Lacy. Aber erst als Graf Kohary das Haus kaufte, begann die für uns so spannende Familiengeschichte. Die Familie Kohary hatte es zu Ruhm und Ehre gebracht und war sehr wohlhabend geworden. Das alleine reichte aber in der Wiener Gesellschaft um das Kaiserhaus noch nicht aus, um wirklich anerkannt zu sein.
Erst der Wiener Kongress (neben seiner politischen Bedeutung auch ein wichtiger "Heiratsmarkt" des europäischen Adels) war entscheidend. Die schöne und reiche "Erbtochter" Maria Antonia traf auf den feschen, leider aber armen Prinz Ferdinand Georg von Sachsen-Coburg. Es war für den Vater der Braut nicht einfach, die "Ebenbürtigkeit" der Brautleute herzustellen, aber es fand sich eine typisch österreichische Lösung und so konnte das Paar heiraten und im Palais leben. Seit dieser Zeit ist das Haus auf der Braunbastei schicksalshaft mit der Familie Sachsen-Coburg verbunden. Und durch rege Heiratspolitik quer durch Europa finden sich auch viele Könige im Stammbaum der Coburger wieder. Sogar die legendäre Königin Viktoria ist halbe Coburgerin!
So eine bedeutende Familie braucht natürlich eine imposante Residenz und so wird 1839 das alte Haus abgebrochen, der Neubau wird durch einen jungen Architekten namens Franz Neumann gestaltet. Ein interessanter Bau, in dem viele neue technische Innovationen verarbeitet wurden. Durch seine eleganten hellen Säulen bekam es aber von den Wienern schnell den liebevoll-spöttischen Namen "Spargelburg". Der Erlass Kaiser Franz Josefs zu Weihnachten 1857 veränderte Wien radikal. Die Stadtmauern und die Basteien wurden geschleift. Jahrelang lag Staub über der Stadt – Johann Strauß wurde zu seiner Demolierpolka animiert. Es muss unerträglich gewesen sein. 1863 war die letzte Bastei beseitigt, aber das Palais blieb erhalten. Nur der zauberhafte Blick auf den Wienfluss ging verloren und das Palais stand plötzlich in die zweiten Reihe der Ringstraße.
Aber es gab natürlich auch Skandale in der Familie. Ein Beispiel: Der 1844 geborene Prinz Philipp von Coburg war ein "Playboy" seiner Zeit, unternahm eine Weltreise und heiratete letztendlich eine belgische Prinzessin. Die Ehe war aber von Anfang an nicht glücklich und endete in einem handfesten Skandal um seine Ehefrau Loise und ihrer posthumen Abrechnung im Buch "Throne, die ich stürzen sah". Das machte ihn zum Gespött in den Klatschspalten der damaligen Zeit und erschütterte die feine Gesellschaft. Als guter Freund (und Schwager) war er auch mit Kronprinz Rudolf an den denkwürdigen Tagen im Jänner 1889 in Mayerling – aber er schwieg über das Drama bis an sein Lebensende.
Die weitverzweigte Familie Coburg hat noch viele Tragödien er- und überlebt. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts mit Flucht, Enteignung, Tod – das Schicksal macht ja alle gleich. Das Palais blieb erhalten.In der Nachkriegszeit wurde das Haus zu einem Spekulationsobjekt, wechselte öfters seine Bestimmung, aber verrottete langsam. Erst im Jahr 2000 wurde es aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküsst, die Baubewilligung für das denkmalgeschützte Gebäude wurde erteilt und eine Privatstiftung renovierte behutsam das bedeutende Haus. 2003 konnte das Palais Coburg im alten Glanz eröffnet werden. Auch die bemerkenswerten Mauern der ehemaligen Bastei wurden freigelegt und schützen nun sichtbar und beeindruckend 60.000 Flaschen besten Weins. Welch erfreuliches Ende der Geschichte!
Wenn man dieses Buch liest, ist man gefangen von der vergangenen Welt der Monarchie. Es ist spannend und interessant zugleich, die Geschichte wird zur Bühne der Menschen, die dieses Haus bewohnten. Das Buch ist ein großartiges und gut recherchiertes Nachschlagwerk und liest sich mitreißend wie ein Gesellschaftsroman. Und viele Leser und Leserinnen werden es nicht versäumen, nach der Lektüre des Buches das ehrwürdige Palais Coburg, jetzt ein nobles Hotel, anzusehen.
Renate Oppolzer

Fuhrmann, Günter - Haus der Könige
Das Wiener Palais Coburg. Throne, Triumphe, Tragödien. Wien: Amalthea 2018. 269 S. : zahlr. Ill. (farb.) - fest geb. : € 28,00 (EH)
ISBN 978-3-9905012-1-4

 

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