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Bücherschau

Samsinger, Elmar - Österreich in Istanbul III

K. (u.) K. Präsenz im Osmanischen Reich

Unfassbar, wieviel Material, akribisch recherchiert, der Autor Elmar Samsinger auch für den dritten Band „Österreich in Istanbul“ ausgegraben hat. Neben dem Nachlass des zu früh verstorbenen Mitinitiators Rudolf Agstner haben weitere Kenner des Metiers Beiträge geliefert. Und so ist wieder ein interessantes, vielschichtiges Werk über die österreichisch-türkischen Beziehungen der letzten Jahrhunderte entstanden.
Unglaublich, dass es etwa noch so viele Originalberichte aus den Anfängen der Beziehungen im 16. Jahrhundert gibt. Allerdings war das Leben der damaligen kaiserlichen Gesandten alles andere als angenehm, so in einem kurzen Text des Reisetagebuchschreibers Salomon Schweigger: “Den 1.Tag Januarii Anno 1578 zu Constantinopel angekommen; das war der allerunlustigest Tag , den wir auff der gantzen Reys gehabt wegen des Regens, Schnee und Kelte.“
Ein Absatz über den Trinitarierorden lässt den Leser wirklich erschaudern. Dieser Orden bemühte sich seit 1688 durch Auftreiben von Spendengeldern (!) christliche Sklaven und Gefangene freizukaufen. Im Laufe der Zeit wurden so etwa 900.000 Christen aus dem Osmanischen Reich und seinen barbaresken Gebieten (Algier, Tripolis, Tunis) befreit. Ein Kupferstich veranschaulicht den Schauplatz „Barbarischer Sclaverey 1666“ und die damals herrschenden Gepflogenheiten.
Beim Lesen stolpert man auch über den Begriff des Sprachknaben. Was ist damit wohl gemeint? Das Dilemma der Verständigung ist nicht nur ein aktuelles Problem. Schon zur Zeit des Habsburgerreiches erkannte man, dass Latein-, Italienisch- und Französischkenntnisse, welche nur die gebildete Oberschicht besaßen, für eine Zusammenarbeit zwischen Okzident und Orient nicht ausreichte. So wie in Frankreich forcierte daher das österreichische Kaiserhaus die Sprachausbildung junger Männer, die sogenannten Sprachknaben. Sie lernten Türkisch, daneben Arabisch und Persisch und konnten so zur Verständigung beitragen.
Interessant ist auch das Kapitel über die medizinischen Beziehungen der Länder mit dem trefflichen Satz: „Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für das Ansehen im Oriente ist das Spital.“ Mit der Ausweitung von Handel und Verkehr stieg auch die Seuchengefahr, etwa Cholera und Pest. 1838 erbat Sultan Mahmud III. daher vom Kaiserhaus die Entsendung von drei Militärärzten und daraus entwickelte sich eine rege Zusammenarbeit von österreichischen und osmanischen Ärzten. Noch heute ist das österreichische St. Georgs Krankenhaus in Istanbul eine anerkannte Adresse!
1873 weckte die Weltausstellung das Interesse und die Sehnsüchte am Orient und es wurde Mode, in ferne Länder zu reisen. Den entsprechenden Reisekomfort konnten sich allerdings nur die Oberschichten leisten. Der elegante Orientexpress fuhr in 61 Stunden von Paris nach Konstantinopel. Arme Arbeiter, Händler und Auswanderer hatten es demgegenüber nicht so einfach, aber sie kamen dennoch in Scharen.
Nicht nur ein Nachtrag zum Kapitel „Legal und illegal am Bosporus“ aus Band 2 gibt Zeugnis davon, dass es immer noch neue Geschichten zu entdecken gibt. Der Zweite Weltkrieg brachte etwa viele Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich nach Istanbul, obwohl die Türkei damals wie heute kein klassisches Emigrationsland ist. Nach der Machtübernahme der NSDAP nutzten nämlich viele Akademiker das wissenschaftliche Angebot der türkischen Regierung, bis zu 166 deutschsprachige Professoren sollen in der Türkei gelehrt haben.
Das Buch bietet ein spannendes Kapitel unserer Geschichte und ist ein Brückenbauer zwischen den beiden Ländern. Dabei sind es neben allen all den historischen Fakten vor allem Geschichten von Menschen, die berühren. Es sind die kleinen Schicksale im Strudel der großen Politik, die uns interessieren und Verständnis erwecken. Erfreulich daher, dass die Reihe „Österreich in Istanbul“ auch in Istanbul großes Interesse hervorgerufen hat. Zwei weitere Bände über Österreich in der Levante werden 2019 folgen. Hervorzuheben ist noch die Übersetzung des Vorwortes und der Bildunterschriften sowie Summaries in Türkisch und Englisch. Ein interessantes, lesenswertes Buch, das dem Leser Geschichte spannend näherbringt. Und den Leser mit vielen unbekannten Tatsachen überrascht.
Renate Oppolzer

Samsinger, Elmar - Österreich in Istanbul III
K. (u.) K. Präsenz im Osmanischen Reich. With Abstracts in English. Türkçe özetler ile. Wien: Lit 2018. 250 S. - br. : € 41,10 (GE)
ISBN 978-3-643-50778-5

 

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