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Bücherschau

Vorlesen in Familien

Bettina Twrsnick über Bücher zum Vorlesen

Welche Literatur eignet sich als Türöffner für buchferne Familien? Mit Bilderbüchern gegen den TV-, Tablet-, und Handy-dominierten Alltag in vielen bildungsbenachteiligten Familien ansetzen. Die phantastische Bibliothek Wetzlar stellt den literaturtherapeutischen Ansatz vor und gibt eine kleine Literaturauswahl zum Vorlesen.

„Nie zuvor hatte sie gewusst, dass auch Worte schön sein können, und nun erfuhr sie es und sie sanken ihr in die Seele wie Morgentau auf eine Sommerwiese.“

Wenn in Malin die „wunderlieblichen Worte“: „Klingt meine Linde, singt meine Nachtigall?“ eine Sehnsucht erwecken, die ihr und allen Armenhäuslern in Norka eine Vision von etwas Lebens-, Liebens- und Erstrebenswertem geben in all ihrem sozialen Elend – dann beschreibt dieses Märchen von Astrid Lindgren quasi programmatisch das, was die „literaturtherapeutische“ Ausrichtung des Projekts „Vorlesen in Familien“ der Phantastischen Bibliothek Wetzlar (Hessen) bedeutet.

Dass es Kindern aus bildungsbenachteiligten Familien an gemeinsam verbrachter aktiver und kindorientierter Freizeit mangelt, an altersgemäßen literarischen Angeboten und stattdessen der Alltag von gewaltigen (oft gewalttätigen)TV-, Tablet-, Handyspielen dominiert wird und damit eine spürbare sprachliche Verarmung und Entwicklungsverzögerung einhergeht - dies ist inzwischen bekannt und mehrfach untersucht worden. Dem nun eine abwechslungsreiche (und bedeutend billigere) Beschäftigung mit dem Medium Bilderbuch entgegenzusetzen, war der Anlass für ein inzwischen seit 10 Jahren erfolgreiches Projekt mit Vorlesern, die nach einer sehr guten Ausbildung in diesen Familien eingesetzt werden. Dass der Auswahl der Bücher eine ganz entscheidende Bedeutung zukommt, war von Beginn an klar. Auf keinen Fall sollte es sog. „intentionale“ Literatur sein, die Defizite und Probleme in den Fokus nimmt und benennt, sondern Bücher, die in der kindlichen Erlebniswelt eine Bedeutung haben und erzählende Bilder mit einer bildhaften Erzählsprache bieten. Doch welche Bücher eignen sich für den ersten Kontakt mit den Kindern, als „Türöffner“ für eine Kommunikation innerhalb einer buchfernen Familie? Welche Bücher eignen sich für den Einsatz in Familien mit besonderen Problemlagen? Hier eine kleine Auswahl der Titel, die literaturtherapeutisch wirken und zu Lieblingsbüchern avanciert sind - außerdem das Preisträgerbuch des 1. HUCKEPACK-Preises, der 2016 anlässlich des 10jährigen Jubiläums des Vorleseprojekts verliehen wurde:

In „Ein großer Freund“ wird die kindliche Alltagserfahrung thematisiert, dass Freundschaften unter manchmal sehr unterschiedlichen Kindern den Erwachsenen nicht immer genehm sind. In der Freundschaft zwischen einem Rabenmädchen und einem Elefanten erlangt das Wort „Größe“ unterschiedliche Bedeutungen. Wer Kindern diese Geschichte vorliest, wird die Bedeutung vorbehaltloser Freundschaft - an der jeder wachsen kann - vermitteln können.

Wenn das letzte Bild in Jutta Bauers „Schreimutter“ die Szene auf einem Schiff platziert, auf dem die Pinguinmutter ihren Arm um ihr wieder zusammengenähtes Kind legt und im Textfeld nur das eine Wort: „Entschuldigung“ erscheint– dann ist dies eine Szene, die den gesamten auseinanderfallenden Prozess der vorhergehenden Seiten wieder zusammenführt. Der Mutter-Kind-Konflikt wird zwar nicht thematisiert– jedoch eine mögliche Lösung angeboten. Vielen Müttern wurde mit diesem Buch erst bewusst, dass das Anschreien von Kindern als ein Akt der Gewalt erfahren wird. Die  Bilder- und Geschichtenszenen bieten neue Ausdrucksmöglichkeiten an, eine Gesprächsbrücke, über die man viel leichter schreiten kann.

In „Nikodemus und das Mäusewunder“ fesselte den minderjährigen Sohn einer Analphabetin die auf die Familiensituation projizierte, poetisch verfremdete Konstellation: (große) Katze, die von (kleiner) Maus in die Welt der Wunder außerhalb der bisher bekannten Erfahrungen eingeführt wird: „Das ist wie bei uns: Ich zeig der Mama, was sie noch lernen kann.“

Ein Bilderbuch-Kind schaut sich nicht passiv einen Film an, es dreht aktiv seinen eigenen Film im Kopf. Denn jedes Umblättern im Bilderbuch stellt einen Moment der Unterbrechung dar, der Phantasie fordert, um die eigentlich statischen Bilder in eine bewegte Geschichte zu verwandeln. Soeben ist der Hund, der Held in „Der rote Regenschirm“ auf seiner unfreiwilligen Reise um die Welt mitten unter Krokodilen gelandet - sein roter Regenschirm wird als Abwehrwaffe wohl kaum ausreichen. Doch da kommt plötzlich von hinten ein Elefantenrüssel aus dem Gebüsch ....     

Dass „Fiete Anders“ sich am Ende trotz seiner roten Streifen auf der kleinen Insel bei den „normalen“ Schafen zuhause fühlt, wird in der Szene mit dem Strahlen seines rot-weißen Freundes, des Leuchtturms, die „Fietes Augen leuchten“ machen, erspürbar. Diese Bild-Szene versinnbildlicht sehr genau den Vorgang der „Spiegelung“: Seit den bahnbrechenden Erkenntnissen der Neurowissenschaften in Bezug auf die Rolle der Spiegelneuronen wurde sehr deutlich, dass ausschließlich über eine emotional positive Interaktion zwischen Kind und erwachsener Bezugsperson geistige und damit sprachliche Entwicklung überhaupt stattfinden kann. Hierin liegt auch eine der größten Chancen des Vorlesers, der durch seine Haltung mit einem wertschätzenden Geborgenheitsgefühl ein „soziales Gerüst“ in den Familien etablieren kann.  Und dass man nicht immer gleich aussehen muss, um sich unter Freunden und wohl zu fühlen: das ist für jedes Migranten- und Flüchtlingskind eine gute Erfahrung.

 
Weitere Informationen über das Projekt „Vorlesen in Familien“ unter: www.phantastik.eu .

Primärliteratur:
Lindgren, Astrid (1990): Klingt meine Linde. - Oetinger
Saberi, Babak (Text), Mehrdad Zaeri (Ill.) (2015): Ein großer Freund. - Baobab Books
Bauer, Jutta (2000): Schreimutter. – Beltz&Gelberg
Mai, Manfred (Text) / Jochen Stuhrmann (Ill.) (2010): Nikodemus und das Mäusewunder. –  Tulipan Verlag
Schubert, Ingrid u.Dieter: Der rote Regenschirm (2012). - Sauerländer
Koch, Miriam (2007): Fiete Anders. - Gerstenberg

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