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Bücherschau

Rizy, Helmut - Exil/Front/Widerstand

Das Ende des Zweiten Weltkriegs in der österreichischen Literatur

Dass für die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs in Österreich lange kein besonderes Interesse bestanden hat, spiegelt sich auch in der Literatur, teilen doch nicht alle österreichischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller die Freude Ingeborg Bachmanns, die im Juni 1945 „auch ohne Schuhe, ohne Butterbrot, ohne Strümpfe (...) eine herrliche Zeit“ anbrechen sieht, in der man wieder offiziell von einer „österreichischen Literatur“ sprechen darf. Jene, die sich in der „Reichsschrifttumskammer gut beheimatet gefühlt“ haben, betonen das weniger.
Der Beitrag, den diese Autor/inn/en zur Aufarbeitung der jüngsten Geschichte leisten, hält sich dementsprechend in Grenzen. Josef Weinheber schließt angesichts der Roten Armee vor den Toren Wiens überhaupt mit seinem Leben ab. Andere machen weiter wie bisher. In den PEN, dessen Österreichableger seit der Neugründung 1947 von Franz Theodor Csokor geleitet wird, sind jene, die während des Nationalsozialismus eine „üble politische Rolle“ gespielt haben, zwar nicht mehr aufgenommen worden, das offizielle Österreich hat einige von ihnen (Max Mell, Franz Nabl, Richard Billinger, Franz Karl Ginzkey oder Karl Heinrich Waggerl) in den 1950er und 1960er Jahren dennoch gewürdigt. Gertrud Fussenegger, die NSDAP-Mitglied gewesen ist und sich später „nur halbherzig von ihrer Nazi-Vergangenheit distanziert“ hat, bringt es sogar zur Bachmann-Preis-Jurorin, worin durchaus eine „Beleidigung der namensgebenden Autorin“ gesehen werden kann.
Gesehen werden können aber auch Autorinnen und Autoren, die sich dem Erlebten stellen. Die meisten von ihnen, die sich in den folgenden Jahren mit Krieg und Faschismus auseinandersetzen, sind da aber noch nicht wieder in Österreich. Einige bringen „Erfahrungen, Erlebtes und Erlittenes“ sofort zu Papier, andere brauchen längere Zeit, um sich in ihrer literarischen Arbeit daran heranzuwagen. Die spontane Auseinandersetzung in Lyrik und Kurzprosa fällt, wie Erich Fried beweist, zwar leichter, der Dringlichkeit, „das jüngst Erlebte literarisch aufzuarbeiten“, wird man aber auch im Roman gewahr. Ilse Aichingers „Die größere Hoffnung“ (1948 erschienen) ist dafür ein Beispiel. In den Werken Johannes Mario Simmels, Arnolt Bronnens oder Robert Neumanns werden „Verbrechen und Vergeltung“ thematisiert. Hier kommt „nicht nur die Trostlosigkeit der zerbombten Städte“ zur Sprache, sondern auch der „moralische Verfall, den der Krieg hinterlassen hat“. Sieht Gerhard Fritsch „das Unvermögen, das Erlebte aufzuarbeiten“, dieses Nicht-Heimfinden-Können aus der Zerstörung des Krieges, so erkennt Hermann Hakel sein Problem darin, „als Heimatloser heimgekehrt“ zu sein.
Eine gewisse Heimat finden in den Nachkriegsjahren eine ganze Reihe Autorinnen im KPÖ-eigenen Globus Verlag. Unter ihnen: Margarete Petrides, Marie Frischauf, Doris Brehm oder Hermynia zur Mühlen. Ihre Romane setzen sich mit den zu Krankheit und frühen Tod führenden Arbeitsverhältnissen von damals genauso auseinander wie mit der Emanzipation der Frau durch Krieg und Nachkriegszeit oder den Folgen der Nazipropaganda, die einem quasi versprochen hat, alleine aufgrund von Herkunft und Aussehen „an die erste Stelle der menschlichen Gesellschaft“ rücken zu können.
Genauso wenig wie Herbert Zands Roman „Letzte Ausfahrt“ (1953), Michael Guttenbrunners Gedichtband „Schwarze Ruten“ (1947), Ernst Lothars Roman „Der Engel mit der Posaune“ (1947), Hans Leberts Roman „Die Wolfshaut“ (1960), Franz Kains „Der Föhn bricht ein“ (1962) oder Albert Drachs „Unsentimentale Reise“ (1966) gelingt es all diesen Büchern, ein größeres Publikum zu erreichen; egal aus welchem Blickwinkel sie dem Thema Krieg und Faschismus beizukommen versuchen. Das Problem ist, dass diese engagierte Aufarbeitungsliteratur mit den Interessen und Erwartungen der damaligen Zeit nicht korreliert, in der nichts wichtiger zu sein scheint als der Umstand, die Ruhe des Wiederaufbaus nicht zu stören.
Helmut Rizy gelingt es anhand der hier angeführten Werke von Autorinnen und Autoren, „die Faschismus, Krieg und Vertreibung am eigenen Leib erlebt haben“, sehr schön herauszuarbeiten, dass diese Auseinandersetzung, die in Deutschland unter dem eher abwertenden Begriff der „Trümmerliteratur“ firmiert (zu deren bedeutenden Vertretern Alfred Andersch, Wolfgang Borchert, Heinrich Böll oder Paul Celan gehören), hierzulande dennoch stattgefunden hat. Der Weg in die Öffentlichkeit ist dieser Literatur in Österreich jedoch nur bedingt offen gestanden. Man hat dieses Segment eher verdrängt; ein Umstand, den Rizy in seinem Essay über die Begriffstrias Exil, Front und Widerstand auf sehr beeindruckende und engagierte Weise darzustellen vermag.
Andreas Tiefenbacher

Rizy, Helmut - Exil/Front/Widerstand
Das Ende des Zweiten Weltkriegs in der österreichischen Literatur. Essay. St. Wolfgang: Edition Art Science 2018.
114 S. - br. : € 15,00 (PL)
ISBN 978-3-902864-57-4

 

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