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Bücherschau

Robert Crumb - Frecher Kater

Thomas Ballhausen zur Neuausgabe von „Fritz the Cat“

In der nun auch in deutscher Sprache vorliegenden Neuausgabe von Robert Crumbs Klassiker „Fritz the Cat“ finden sich alle Episoden um den wohl skandalösesten Kater der Comicgeschichte. Ob in Gestalt eines Musikers, Bühnenzauberers, Verkäufers oder gar eines CIA-Agenten – (fast) immer behält der pikareske Fritz, der verführerische Trickster und gar nicht so harmlose Gestaltenwandler, die Oberhand.

Kritik und Gegenkultur
Robert Crumb (*1943), der schon als Jugendlicher mit dem Sammeln und dem Gestalten von Comics begann, erschafft seine wohl berühmteste Figur bereits 1959. Aus diesen Vorformen entstand nach und nach „Fritz the Cat“, alle zentralen Episoden um diesen ambivalenten Anti-Helden entstehen zwischen 1964 und 1968, Veröffentlichungen der Kurz- und Kürzestgeschichten in diversen Comicmagazinen erscheinen ab 1965, 1969 folgt die erste eigenständige Publikation. 1972 erscheint noch, als mörderisches Postskriptum, eine abschließende Kurzgeschichte, von der später noch die Rede sein wird. Crumb wird, worauf etwa Tim Pilcher hinweist, eben nicht zuletzt wegen dieser Veröffentlichungen eine wichtige Position als Underground-Künstler zugeschrieben, die mit dem eigentlichen Ansinnen des Künstlers wenig zu tun hat. Obwohl klar Teil der erstarkenden Szene der Underground-Comics, der sogenannten Comix, steht Crumb einerseits der aufkeimenden Gegenkultur, unabhängig von seiner Eingebundenheit in die alternative Verlagsszene, durchaus kritisch gegenüber. Inhaltich bieten seine Comics (in denen eigene Drogenerfahrung durchaus ein künstlerisches Echo finden) andererseits in radikaler, transgressiver Direktheit in Ausdruck und Darstellung alles, was das einschlägige Publikum goutiert: subversive Abkehr von bürgerlichen Normen und Verpflichtungen, Alkohol- und Drogenkonsum, enthemmte Party- und Orgienszenerien, satirisch überhöhte Objektivierungen von Frauen und ausschweifender Sexualität. Einer der Effekte des zunehmenden Erfolgs von „Fritz the Cat“ und anderer Arbeiten ist schließlich, dass die von Crumb Kritisierten seine Fans, sein Publikum werden.

Der mit Gnadenlosigkeit und Humor dargestellte Protagonist ist mit seinen anarchistischen Neigungen also keineswegs schlicht Ausdruck seines Entstehungszeitraums, sondern vielmehr Kritik an der sogenannten Gegenkultur, die ja den zeithistorischen Rahmen von Crumbs entsprechenden Arbeiten abgibt. Die Ergebnisse der Forschung – etwa die Arbeiten von Andreas C. Knigge, Paul Gravett, oder Klaus Schikowski –  erlauben für diese Phase von Crumbs Arbeiten eine Identifizierung von zwei erzählerischen Hauptsträngen: Erstens, die Ausgestaltung erotischer Phantasien, die Thematisierung von Sexualität, ergänzt um die Integration autobiografischer Elemente, hin bis zur Selbstdarstellung in den jeweiligen Arbeiten. Zweitens, die kritische Auseinandersetzung mit der Jugend- und Gegenkultur seit den 1960er-Jahren bzw. Crumbs generelle Gesellschaftskritik. In der Figur von Fritz, dessen Abenteuer teilweise auch auf einer Reise durch Europa entstehen, sehen sich diese Stränge schlüssig verbunden. Fritz, mitunter auch alter ego von Robert Crumb, ist das genusssüchtige Zerrbild seiner eigenen Gegenwart.

Körper und Ausdruck
Bemerkenswert ist bei „Fritz the Cat“ auch Crumbs Hinwendung zum Anthropomorphismus, also das Übertragen menschlicher Eigenschaften und Charakteristika auf Tiere bzw. tierähnliche Figuren. Dass das gesamte Figureninventar von Crumbs „Fritz“-Comics so ausgestaltet ist, ist zwei zentralen Aspekten geschuldet: So schlagen sich in diesen Arbeiten die diversen Leseeinflüsse Crumbs ganz deutlich nieder, die von den beliebten MAD-Heften, über frühe Zeitungscomics bis zu Walt Disney reichen. Insbesondere die Arbeiten von Walt Kelly und George Herriman haben deutliche Spuren in „Fritz the Cat“ hinterlassen. Crumb arbeitet sich mit seinen über die Jahre hinweg immer komplexer werdenden Kapiteln an der Möglichkeit der Sagbarkeit ab; von Kelly übernimmt er dabei die chronikhafte Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte, von Herriman das Hinarbeiten auf einen Ausdruck des Zeitlosen und Universellen. Hinzu tritt die bewusste Entscheidung Crumbs, im Rahmen seiner künstlerischen Strategie eine Verlagerung vorzunehmen, die ihm neue Konzessionen und Freiräume verschaffen soll. In einem Brief an seinen Freund Marty Pahls aus 1961 findet sich dazu folgende Passage: „I still intend working with the animal characters... I can express something with them that is different from what I put in my work about humans... I can put more nonsense, more satire and fantasy into the animals. Also they’re easier to do than people. With people I try more for realism, which is probably why I’m generally better with animals.“

Die zahlreichen Tierdarstellungen, insbesondere die vielen anthropomorphen Wesen, lassen sich auch in den Skizzenbüchern Crumbs, die ebenfalls in publizierter Form vorliegen, nachweisen. Literatur- und kunstgeschichtlich bedient sich Crumb dabei eines bewährten Mittels, der Übertragung menschlicher Eigenschaften auf tiergleiche Figuren. Im Register der Rhetorik lässt sich dieser Kunstgriff, der sogenannte Anthropomorphismus, den Tropen zurechnen, die ihre Wirkkraft aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem Gesagten/Gezeigten und dem eigentliche Gemeinten beziehen: Ein Ausdruck ersetzt somit einen anderen, wobei auch ein Sprung zwischen den Bedeutungsfeldern und semantischen Valenzen stattfindet. Anthropomorphismus und Allegorie treffen sich in dieser angedeuteten Dynamik, erlaubt die Allegorie in ihrer figurativen Ausgestaltung doch auch Formen indirekter, übertragener Aussagen. Die Qualität der Personifikation, die die Allegorie so deutlich kennzeichnet, gewährleistet eben aufgrund ihrer Ähnlichkeitsbeziehung das Einstehen einer Sache für eine andere. In der Allegorie ist das Einzelne darüber hinaus auch im Verhältnis zum Allgemeinen denkbar – und eben auch darstellbar. Fritz ist als Benjamin’sche Ausdruck, um an den oben skizzierten Gedanken fortzuführen, aber eben nicht einfach gestaltete Gegenwart, sondern vielmehr Figur gewordene Kritik von Crumbs Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist.

Erfolg und Ende
Sinn und Darstellung fallen also nicht einfach in der Welt zusammen; so macht die auf diese im Sinne Walter Benjamins verstandene Allegorie – und das hat für Crumbs Ausgestaltung von Fritz auf mehreren Ebenen Gültigkeit – nicht nur Gebrauch von ihrer grundlegenden Beziehung aus Gesagtem und Gemeinten; vielmehr macht sie dann auch auf den bestehenden Unterschied zwischen diesen beiden Polen deutlich. Als Gegenkonzept zum symbolisch Schönen, das den Anschluss ans Göttlich sucht oder auch spürbar macht, manifestiert sich die Allegorie besonders wirksam im Körperlichen und dessen Verfall. Drastisch gesteigert wird das in einer finalen Engführung, die wir ebenfalls schon bei Benjamin angelegt finden – eben in der emblematischen Leichendarstellung. Bei ihm heißt es: „Denn von selbst versteht sich: die Allegorisierung der Physis kann nur an der Leiche sich energisch durchsetzen. Und die Personen des Trauerspiels sterben, weil sie nur so, als Leichen, in die allegorische Heimat eingehn. Nicht um der Unsterblichkeit willen, um der Leiche willen gehn sie zu Grunde.“ Es ist dabei nur konsequent, dass auch Fritz nach all seinen Eskapaden und wilden Abenteuern ein entsprechendes Ende findet. 1972 kommt die filmische Adaption von „Fritz the Cat“ in die Kinos, doch Crumb ist von Ralph Bakshis Animationsfilm enttäuscht. In einem Brief an Mike Britt aus dem Juni 1972 nimmt er in einem ausführlichen Postskriptum darauf Bezug. Dort heißt es u.a.: „Have you seen Fritz the Cat... I tought it was pretty depressing...“. Crumb lässt sich in der Folge nicht nur aus den Filmcredits streichen, er bereitet dem notorischen Kater noch im gleichen Jahr ein grausames Ende: In der abschließenden Episode „Fritz the Cat Superstar“ – die Titelwahl ist kein Zufall – ereilt den fett gewordenen, saturierten, egomanen Filmstar Fritz sein Schicksal in Form einer früheren Verehrerin: Er wird, nach einer brutalen, sexuell für beide unerfüllten Szenerie, von hinten mit einem Eispickel ermordet. Abseits eines zweiten Films von Bakshi, der 1974 folgen sollte, bleibt es für die Figur bei diesem abrupten Ende abseits der in Comics und Cartoons doch so üblichen Wiederauferstehungen.


Literaturhinweis

Robert Crumb: Fritz the Cat. Berlin: Reprodukt 2017.


Verwendete und weiterführende Literatur

Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels. Herausgegeben von Rolf Tiedemann. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 1974.

Robert Crumb: Sketchbook. Late 1967 to Mid 1974. Frankfurt a.M.: Zweitausendeins 1986.

Robert Crumb: The Complete Crumb Volume 3. Starring Fritz the Cat. Edited by Gary Groth with Robert Fiore. Seattle, WA: Fantagraphics Books 1995.

Robert Crumb: The Complete Crumb Volume 1. The Early Years of Bitter Struggle. Edited by Gary Groth with Robert Fiore. Seattle, WA: Fantagraphics Books 1996.

Robert Crumb: The Life and Death of Fritz the Cat. Selected Stories by R. Crumb (1965-1972). Seattle, WA: Fantagraphics Books 1996.

Robert Crumb: Your Vigor For Life Appals Me. Robert Crumb Letters 1958-1977. Edited by Ilse Thompson. Seattle, WA: Fantagraphics Books 2012.

Robert Crumb: Mein Ärger mit den Frauen. Berlin: Reprodukt 2013.

Randy Duncan/Matthew J. Smith: The Power of Comics. History, Form & Culture. With an introduction by Paul Levitz. New York: Continuum Books 2009.

Paul Gravett: 1001 Comics You Must Read Before You Die. New York: Universe Publishing 2011.

Andreas C. Knigge: Comics. Vom Massenblatt ins multimediale Abenteuer. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1996.

Andreas Knigge: 50 Klassiker Comics. Von Lyonel Feininger bis Art Spiegelman. Hildesheim: Gerstenberg Verlag 2004.

Tim Pilcher: Erotische Comics. Das Beste aus zwei Jahrhunderten. Mit einem Vorwort von Aline Kominsky Crumb. München: Knesebeck Verlag 2011.

Klaus Schikowski: Der Comic. Geschichte, Stil, Künstler. Stuttgart: Reclam 2014.

 

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