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Bücherschau

V.S. Naipaul - Das Rätsel der Ankunft

Simon Berger über V.S. Naipaul

S. Fischer Verlag

Schon der Name war sozusagen Programm. Als V. S. Naipaul erschien er in der Öffentlichkeit, die Initialen anstelle der Namen Vidiadhar Surajprasad schon ein Ausdruck dafür, nicht alles preiszugeben. Eine Aura der Unnahbarkeit umgab Naipaul stets; sein Literaturverständnis galt als elitär, sein Auftreten als herrschaftlich und arrogant. Und doch hat kein anderer Schriftsteller etwas nachvollziehbar gemacht, ohne das die Welt der Globalisierung nicht zu verstehen ist: die Grundausstattung, die Grundbefindlichkeit des Migranten.
V. S. Naipauls Literatur ist englische Weltliteratur im besten Sinne. Auf die Frage nach seiner Identität antwortete er einmal in einem Interview unwirsch: „Ich bin kein Engländer, kein Inder, kein Trinidader, ich bin ich selbst“. Geboren wurde Vidiadhar Surajprasad Naipaul am 17. August 1932 auf der Karibikinsel Trinidad, im britischen Empire, voller Nachkommen afrikanischer Sklaven, europäischer Siedler und asiatischer Arbeiter. Seine Großeltern waren aus Indien zwangstransportiert worden, sein Vater war Journalist. Mit einem Stipendium zog er als 18-Jähriger nach Oxford. Er studierte und blieb – und schrieb. Er ging nach London, heiratete die Engländerin Patricia Ann Hale, arbeitet bei der BBC (er betreut die Sendung „Carribbean Voices“) und schreibt für das Literaturjournal der Zeitung „The New Statesman“ – und verfasste Bücher, erst unbemerkt, dann immer erfolgreicher.
Als Gabriel García Márquez 1982 den Literaturnobelpreis erhielt, verwies er, der sich als karibischer Autor verstand, spontan auf das ihm ebenbürtig (und preiswürdig) erscheinende Werk seines Kollegen Naipaul. Das Oeuvre Naipauls kann in zwei große Kategorien eingeteilt werden, in belletristische Prosa (Kurzgeschichten und Romane) und in Reiseliteratur, Reisereportagen, „travelogues“. Sein essayistisches Werk ist nicht so umfangreich, hat ihm jedoch gerade in der karibischen Region nachhaltige Kritik eingebracht, die sich auch gegen sein Werk insgesamt richtete. Der damalige Premierminister von Trinidad und Tobago Eric Williams hatte bei Naipaul einen Essayband über die Karibik in Auftrag gegeben, der dann „The Middle Passage“ (1962; „Auf der Sklavenroute. Meine Reise nach Westindien“) werden sollte. Darin heißt es: „Es gab Romantik, aber es war die Romantik von Piraten und Geächteten. Kultivierte Lebensart kann sich unter solchen Umständen nicht entwickeln. In Westindien hat es seit Las Casas keinen Heiligen und auch keinen Helden mehr gegeben. Es gibt hier keine Menschen im eigentlichen Sinne des Wortes, Menschen mit eigenem Charakter und eigenem Ziel.“ Aus seinen Sätzen spricht nicht nur Kritik an der Kolonialbourgeoisie, die ihre innere Leere durch Luxus kompensiert, sondern ein Kulturpessimismus, der bei Naipaul gelegentlich an menschenverachtenden Zynismus grenzt. So beklagt er sich auf Schritt und Tritt über die Vulgarität und Ignoranz der farbigen Bevölkerung und schreckt dabei vor rassistischen Klischees nicht zurück: „Wie es schien, war ihre Zeitvorstellung beschränkt: Sie konnten die unmittelbare Gegenwart erfassen, aber weder weit zurück, noch weit vorausschauen. (...) Nur der Alkohol weckte das Zeitgefühl des Indianers.“ Naipaul wurde vor allem von karibischen Kritikern, einem Teil seiner Schriftstellerkollegen und im Literaturestablishment der USA und Europas des Verrats an der eigenen Herkunft und Kultur bezichtigt und als Knecht der Kolonialherren gebrandmarkt. n
In den ersten zwanzig Jahren seines Schaffens hatte er mit einer Mischung aus Humor und Satire sowie „local color“ die karibische Mentalität, Gesellschaft, Politik und die Nachahmung der Kolonialherren sowie die zwangsläufigen Fehlschläge in der Bemühung um Eigenständigkeit gegeißelt. Sie porträtieren eine fröhlich-korrupte Kolonialgesellschaft arbeitsscheuer Träumer, Phantasten und Komödianten, eingefleischter Anarchisten und Defätisten, Underdogs mit einer unbeugsamen "Toleranz gegenüber Tugend sowohl wie dem Laster".

In seinem ersten Roman „The Mystic Masseur“ (1957; „Der mystische Masseur“) erzählt er die witzig-melancholische Geschichte von Ganesh, dem großen Heiler von Trinidad, und liefert das satirische Porträt eines Dorfes, das den ungewöhnlichen und überraschenden Aufstieg eines gescheiterten Lehrers staunend begleitet. Der Protagonist versucht sich als Masseur, und er schreibt ein Büchlein über den Hinduismus. Leider ist er weder als Therapeut noch als Buchverkäufer erfolgreich. Doch Ganesh hat Phantasie, und die setzt er bei der Behandlung eines von einem bösen Dämon besessenen Kindes ein. Er wird zum „mystischen Masseur“ und Erfolgsautor und landet schließlich sogar in der großen Politik.
Auch in seinen folgenden auf Trinidad angesiedelten Romanen scheitern seine Charaktere an den Umständen, in denen sie leben und arbeiten, gegen die sie aber auch nichts unternehmen. In „The Mimic Men“ (1967; „Herr und Sklave“), einem seiner unerbittlichsten Texte, erzählt der alte Ralph Singh seine Lebensgeschichte als gescheiterter kolonialer Politiker, der keine Prinzipien außer seinem eigenen Wohlergehen kennt, im Spannungsfeld zwischen England und der Karibik orientierungslos hin und her pendelt und erst in der literarischen Verarbeitung seiner Lebenserfahrung zu sinnvollem Tun findet.
Auch in dem Roman „Guerillas“ (1975), der auf einer nicht genannten, aber unschwer als Trinidad auszumachenden Insel spielt, setzt er sich kritisch mit radikalisierten Formen eines Dritte-Welt-Bewusstseins auseinander, wobei vor allem in der Figur des hysterischen Psychopathen und schwarzen Moslems Jimmy Ahmed das Ausleben eines zunächst kindlichen, dann mörderischen Machtstrebens veranschaulicht wird. Das Buch bezieht sich auf einen Aufstand in Port of Spain, der 1974 Trinidad erschütterte.
Als seinen größten Roman sehen viele „A House for Mr Biswas (1961; „Ein Haus für Mr. Biswas“), in dem in epischer Breite Teile seiner eigenen Familiengeschichte verarbeitet sind. Beschrieben wird das Leben des Mohun Biswas. Aufgewachsen im hinduistischen Kastensystem Indiens plant er in Trinidad, wohin er auswandert, seinen sozialen Aufstieg. Man begleitet Mr. Biswas, dessen Leben stark angelehnt ist an die Biografie von Naipauls Vater, auf seinem Weg vom Schildermaler und Händler zum Plantagenaufseher und vom Journalisten zum Regierungsbeamten. Geboren in Armut, aufgewachsen in Drangsal, sucht er nach den besseren Dingen des Daseins, kämpft sich frei aus gesellschaftlicher Enge, empor aus familiärer Versklavung, wie sie vor allem die Familie seiner Frau, die Tulsi-Sippe, vorlebt. Als Teil seiner Emanzipation verfolgt er fast wahnhaft sein Ziel, ein eigenes Haus zu besitzen. Naipaul, der den Sohn des Protagonisten hier mit den Zügen seiner eigenen Jugend zeichnet, macht mit unbestechlichem Blick die absurd wirkenden Reste indischer Kastenordnung aus, vor allem das abgefeimte, geldgierige Matriarchat der Sippe, das die Hackordnung festlegt, erfährt eine satirische Behandlung. Als Biswas im Alter von 46 Jahren stirbt, hinterlässt er (Anlass großen Stolzes für den Protagonisten) ein absurd baufälliges Haus, eben wenigstens ein "eigenes Stück Erde", und auch zwei Kinder, die dank Stipendien studieren können.

Auch Naipaul erhielt ein Stipendium der Regierung von Trinidad für eine Reise in die Karibik. Damit begann eine Zeit des Reisens. Zuerst kam er nach Britisch-Guayana, sah die Signale des erwachenden Nationalismus in Niederländisch-Surinam, besuchte das "kolonial-französische Affentheater" von Martinique, erlebte das übervölkerte Jamaica der Arbeitslosen, die "Back to Africa"-Hysterie der vielzopfigen Rastafari-Jünger, den Rassismus "von Schwarz gegen Braun, Gelb und Weiß", die jungen Intellektuellen, "rasend vor Frustration". Und vor allem nach Indien. Mit 29 Jahren kam er zum erstenmal in die Heimat der Ahnen, zum eigenen Volk der 680 Millionen, ins Gewimmel der elenden Bauern, Bettler, Betelkauer, der lebenslänglich Verdammten mit dem Stigma der Unberührbarkeit, der Unbehausten, die zu Hunderttausenden auf dem Straßenpflaster von Bombay und Kalkutta nächtigen. Was er fühlte, war „Furcht. Verachtung war es, gegen die ich anzukämpfen hatte", "Mitleid und Erbarmen boten keine Antwort“.
Indien, jahrhundertelang von Mogulen und Briten ausgeraubt, verirrt zwischen einer traumatischen Geschichte und konfusen Moderne: In zwei Büchern hat Naipaul diese "Region der Dunkelheit" und ihre "Verwundete Kultur" zu beschreiben versucht. Indiens Demokratie im Konflikt mit einem verknöcherten Kastensystem, seinen Hindu-Fatalismus, der den Sternen vertraut, den Astrologen, Magiern, telepathischen Medien, der die Eitelkeit alles Handelns lehrt und jeden Willen zu Verantwortung und Aktion, zu Wachstum und Fortschritt erstickt. Indiens Krise sei die "einer zerfallenden Zivilisation", seine einzige Hoffnung liege "in deren weiterem raschen Zerfall", schrieb der ungläubige Hindu über das Land der heiligen Armut, heiligen Männer und heiligen Kühe, dessen östliche Magie auf seinen Oxford-Intellekt nicht wirken konnte; er fand sich damit ab, "ohne Vergangenheit", "ohne Vorfahren" zu sein.
Doch sein großes Thema hatte er nun gefunden. Naipaul, keiner Kultur zugehörig, ein Fremdling auf allen Kontinenten, hatte von jetzt an etwas zu erforschen. Er wollte wissen: "Was ist Geschichte? Was ist Zivilisation? Was Desaster?"
Gandhi beschreibt er als einen Mann, der tief von der christlichen Ethik beeinflusst ist und der, nachdem er zwanzig Jahren in Südafrika gelebt hat, Indien mit dem kritischen Auge des Außenseiters zu sehen vermag und insofern "der am wenigsten indische von allen indischen Führern" ist. Aber Indien hat Gandhis Wirkung zerstört, sagt Naipaul, indem es ihn zu einem Mahatma machte, zu einer Ikone, und so seine gesellschaftliche Botschaft ignorierte.

1975 reist er durch Afrika. Die Erfahrungen verarbeitete er in dem Roman „A Bend in the River“ (1979; „An der Biegung des großen Flusses“), der zwar in einem fiktiven Land handelt, das aber als der Kongo Mobutus zu identifizieren ist. Der Roman schildert durch die Erfahrungen eines Inders aus Ostafrika die Entwicklungsprobleme eines neuen zentralafrikanischen Staates zwischen Revolution und Gegenrevolution, öffentlichem und privatem Leben, einheimischer Tradition und moderner Welt und verdeutlicht die Ausbreitung von Korruption und Repression.
In einer Stadt tief im Innern Afrikas, einem ungenannten Land, haust seit vielen Jahren der indische Händler Salim zwischen seinen Töpfen, Plastikeimern, Fahrradreifen, Öl- und Taschenlampen, "ein Mann auf der Durchreise". Er hat, nach dem Abzug der belgischen Kolonialherren, die Schreckenszeiten "ungezügelter Freiheit" erlebt, das Mordgesindel der Rebellen, Soldaten, weißen Söldner; die Heraufkunft des "Großen Mannes" mit der Leopardenfellmütze, der endlich Ordnung schafft und seinem Volk die "alten Traditionen", die "afrikanische Seele" wiederentdecken will, die Periode des Friedens und Wohlstands im märchenhaften Kupfer-Boom. Und abermals Gewalt, Massaker, neue Verzweiflung bringt. Und es bleibt nur die Erkenntnis: "Wir fahren alle zur Hölle. Wir werden umgebracht. Nichts hat einen Sinn. Deshalb ist jeder so außer sich. Jeder will schnell sein Geld verdienen und weglaufen. Aber wohin?"
Naipaul will keine politischen, soziologischen, ökonomischen Analysen liefern, das ist nicht sein Metier. Was er mit seinen Fiktionen vielmehr zeigen wolle, so erklärte er einmal, das seien "die signifikanten Dummheiten der Gesellschaft, ich meine nicht Armut und die grob sichtbaren Ungerechtigkeiten, sondern das darunter Liegende, das tiefer Verborgene".

In „A Turn in the South“ (1989; „In den alten Sklavenstaaten. Eine Reise“) schildert Naipaul in den ehemals von der Sklaverei geprägten Südstaaten der USA. Die Macht der Geschichte und die Rassenbeziehungen stehen dabei im Mittelpunkt seines Interesses. Ihm gelingen erstaunliche Porträts von Angehörigen eines Volkes, das entweder seine Macht verlor oder sie nie besaß. Naipaul wertet die „Rednecks“, die weiße, meist ländliche Unterschicht, auf und erkennt ihre Ästhetik an, wie überhaupt seit Mitte der 1980er Jahre Naipauls Werke eine zuvor nicht feststellbare Wärme und Humanität enthalten. Die weithin geglückte Balance von Distanz und einfühlsamer Öffnung machen dieses Werk zu einems einer besten.
Ab Mitte der 1980er Jahre hat Naipaul vermehrt Texte autobiographischer Natur veröffentlicht. Auch das als Roman deklarierte „An Enigma of Arrival“ (1987; „Das Rätsel der Ankunft“) war deutlicher als sonst autobiographisch geprägt. Der prekäre Versuch, im ländlichen, von Verfallssymptomen gekennzeichneten England heimisch zu werden, gibt Anlass zu Retrospektiven, die Stationen seines Werdegangs vom spätkolonialen Trinidad über die multiethnische Metropole London bis zur Niederlassung in Wiltshire
 als eine Folge fragwürdig-mehrdeutiger „Ankünfte“ nachzuzeichnen.
In „Prologue to an Autobiography“ (1983; „Prolog zu einer Autobiographie“) gibt Naipaul zum ersten Mal unverschlüsselt einen Einblick in sein Leben bis in die 1960er Jahre und behandelt die Tragik seines 1953 verstorbenen Vaters Seepersad. In dem 1999 widerstrebend publizierten umfangreichen Briefwechsel mit seinem Vater („Letters Between a Father and Son“), der nur drei Jahre dauerte, entsteht das anrührende Porträt eines Vaters, der in provinzieller Enge gefangen bleibt, und eines Sohnes, der in Oxford und London versucht, sich zu bilden und als Schriftsteller Fuß zu fassen. Zugleich kann das Werk als eine wichtige Quelle zu „Ein Haus für Mr. Biswas“ gelesen werden.

2001 erhielt er den Literaturnobelpreis. Er orientierte sich, so verdeutlichte er, am englischen Literaturkanon und verachtete modische postkoloniale Dogmen. Doch das postkoloniale Dilemma ist ihm vertraut: Wo das Kolonialsystem alte Identitäten zerstört hat, müssen neue Identitäten ohne die alten Wurzeln entstehen und „die Welt ist ständig in Bewegung“, wie er in seiner Nobelpreisrede sagte. Wenn es eine Konstante in seinem Werk gibt, dann die seines Buchtitels „The Enigma of Arrival“ – „Das Rätsel der Ankunft“: die Ankunft in der Fremde als Vorgang, den man nie zum Abschluss bringt. Ohne Wurzeln Heimat zu finden, nur aus der eigenen Kraft heraus – darum geht es in Naipauls Büchern, romanesk, autobiografisch, und auch journalistisch.
„Das war mein Temperament: selbst im Moment des Entstehens die Möglichkeit, die Gewissheit des Ruins zu sehen“, schreibt er in „The Enigma of Arrival“: „Diese Nerven hatte ich als Kind in Trinidad teils durch meine familiären Umstände erhalten: die halbruinierten oder verfallenen Häuser, in denen wir lebten; unsere vielen Umzüge; unsere allgemeine Unsicherheit. Vielleicht ging dieses Gefühl auch tiefer und war ererbt, etwas, das mit der Geschichte kam, die mich erschuf: nicht nur Indien, mit seinen Ideen einer Welt außerhalb menschlicher Kontrolle, sondern auch die Kolonialplantagen von Trinidad, auf die meine verarmten indischen Ahnen transportiert worden waren.“ Ein Strang in Naipauls Selbstverständnis und Selbsterschaffung besteht auch in einer Art Rückeroberung Großbritanniens durch ehemalige Kolonialvölker. "1950 in London", so schreibt er, "stand ich am Anfang jener großen Völkerbewegung, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts stattfinden sollte – einer Bewegung und einer kulturellen Vermischung, die das Völkergemisch in den Vereinigten Staaten noch übertreffen sollte."

In dem Roman „Half a Life“ (2001; „Ein halbes Leben“) zeigen die Schauplätze (Indien, London, Ostafrika), wie der Werdegang des Anti-Helden Willie Chandran Naipauls Konzentration auf  die Versuche der Rebellion, die Ablehnung der vom Kolonisator und der eigenen Brahmanenkaste erwarteten Ausbildung, die Rebellion des Sohnes gegen den Vater, Unwissenheit, Fremdheit, wo immer er sich aufhält, das ständige Gefühl der Schande, des Versagens, und dann doch Beweise erstaunlichen Muts. Als Willie sich nach 18 Jahren von seiner Frau Ana und ihrem Anwesen in einem fiktiven portugiesischen Ostafrika (einer Mischung aus Angola und Kenia) trennt, gesteht er sich ein, kein wirkliches Eigenleben gelebt zu haben, und verhält sich gleichzeitig grausam seiner Frau gegenüber, die ihn in London aus einem Leben in der (pseudo-)literarischen Bohème der 1930er Jahre gerettet und ihn in die Freuden der Sexualität eingeführt hat. Die Komplexität der menschlichen Existenz, zumal der kolonialen, wird von Naipaul mit einer gewissen, wohl altersbedingten Abgeklärtheit und nicht ohne Humor gestaltet.
Der 2004 erschienene Roman „Magic Seeds“ („Magische Saat“) dreht sich um das inständige Ringen eines Mannes um Identität. Ein Inder reist um die ganze Welt auf der Suche nach seiner Identität, kehrt zurück in seine Heimat und schließt sich einer revolutionären Gruppe an, um am Ende doch zu erkennen, dass deren Kampf nicht der seine ist.

In seinem Reisebericht „The Masque of Africa: Glimpses of African Belief“ (2010; „Afrikanisches Maskenspiel. Einblicke in die Religionen Afrikas) vermisst Naipaul schließlich mit Furor und Besonnenheit vermisst V.S. Naipaul so etwas wie die Angst, die Magie und die Zivilisationschancen dieses europafernsten Kontinents. Wie Markus Gasser in der FAZ richtig meinte, ist es der "wohl letzte Reisebericht", einer Gattung, die Naipaul zur "eigenen Kunstform ziseliert" habe. Naipaul zitiert afrikanische Zeugen mit unwiderstehlicher Geduld und Besonnenheit, um flüchtige Blicke hinter die Masken der vielen Glaubensvorstellungen zu werfen. Es betört ihn die Religion der Yoruba, der Kult um die Göttin Osun Osogbo, den er so wohltuend gegen die ihm verhasste muslimische Misogynie ausspielen kann. Zugleich „betrauert er eine von Magie und Hexerei angstfiebrig durchherrschte Welt fahler Hoffnungslosigkeit, die zu einer fast paranoiden Anspannung zwingt und die einzig die Pygmäen, Meister des Waldes, überwunden haben, glücklich, sanftmütig und wissensschwer."

In seiner Nobelpreisrede erklärte er, wie er zum Schreiben kam: "Als ich Schriftsteller wurde, fand ich meine Themen in diesen Ländern der Finsternis, zwischen denen ich aufgewachsen war." Seit Kinderjahren schon sah er sich stets als Autor; erst lange Jahre später allerdings erkannte er, daß es gerade die Hindernisse auf dem Weg zum Literarischen waren, die ihm letztlich dazu verhelfen sollten. Als Enkel indischer Einwanderer in Trinidad geboren, verbrachte er die ersten achtzehn Jahre seines Lebens in einer Plantagenkolonie, deren Abseitigkeit und Abhängigkeit er als "Finsternis" empfand und der er seither zu entkommen suchte. Wovon er in englischen Romanen las, schien völlig fremd und phantastisch. Doch den ersten eigenen Romananfang zu finden gelang nur um den Preis, alles Vertraute schreibend auf die Probe zu stellen: "Ich mußte meine Welt erhellen, ich mußte sie mir selbst erklären."

Dies ist seit fünf Jahrzehnten Naipauls obsessives Thema, mit dem er nicht nur ein umfangreiches Werk, sondern auch sich selbst erschaffen hat: "Ich bin die Summe meiner Bücher." Das Erstaunliche und Verstörende seiner Romane, Reisebücher, Reportagen und Essays jedoch ist, wie unerbittlich sie zugleich die Brüchigkeit der Selbstgewißheiten protokollieren, an denen sie sich festhalten.
Naipaul ist ein Chronist der indischen Diaspora, aber er ist viel mehr: ein Weltschriftsteller, geschätzt auf allen Kontinenten. Wer verstehen will, wie es Flüchtlingen und Migranten geht, sollte Naipaul lesen, diesen kauzigen, verschlossenen und schonungslosen Analysten der entwurzelten menschlichen Seele. Am 11. August dieses Jahres ist er im Alter von 86 Jahren gestorben, seitdem ist die Weltliteratur ärmer, nicht nur seine Kollegen trauern. „Unser ganzes Leben lang haben wir uns gestritten, über Politik, über Literatur, und ich bin so traurig, als hätte ich einen geliebten älteren Bruder verloren“, schrieb Salman Rushdie: „RIP Vidia.“


















 

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