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Bücherschau

Zadie Smith - Die glamouröse Klassensprecherin von Multikulti-London

Brigitte Winter über Zadie Smith

Verlag Kiepenheuer & Witsch

Vor 18 Jahren, im Jahr 2000, gelang der damals 24-jährigen Debütantin Zadie Smith mit ihrem Roman "White Teeth" ein internationaler Bestseller. Sie erzählte darin unter anderem die Geschichte von Archibald Jones, der sich eigentlich das Leben nehmen will, was der koschere Fleischhauer, vor dessen Geschäft dies geschehen soll, nicht so gern sieht. In seinem "neuen" Leben trifft er die Jamaikanerin Clara, mit der er eine Familie gründet. Smith zeichnet im einnehmend süffigen Stil mit Witz ein Panorama der Londoner Gesellschaft, das sich aus der Geschichte des Empires ebenso nährt wie aus moderner Migration. Auch islamischer Fundamentalismus wird behutsam aufgegriffen. Smith hat selbst jamaikanische Wurzeln, und "White Teeth" wird nicht das einzige Buch bleiben, in dem sie aus ihrer eigenen Biografie schöpft.
Die Medien nannten sie die "glamouröse Klassensprecherin von Multikulti-London". Sie kommt aus der Gegend, die sie schon für ihren ersten Roman als Schauplatz gewählt hatte und wurde im Arbeiter-Stadtteil Willesden im Londoner Norden am 25. Oktober 1975 als Sadie Smith geboren. Ihre Mutter ist gebürtige Jamaikanerin, die 1969 nach England eingewandert ist. Sadie besuchte die staatliche Malorees Junior School. Als Jugendliche nahm sie Unterricht im Stepptanz und erwog eine Karriere als Musicaldarstellerin. Mit 14 änderte sie die Schreibweise ihres Vornamens von Sadie zu Zadie. Ihr Studium der Englischen Literatur am King’s College an der Universität Cambridge finanzierte sie sich als Jazzsängerin. In dieser Zeit träumte sie davon Journalistin zu werden, veröffentlichte allerdings auch erste Kurzgeschichten in der Studentenschrift „The Mays Anthology“. Dadurch wurden Verleger auf sie aufmerksam und so hatte Zadie Smith zum Ende des Studium einen Vertrag für das noch ungeschriebene Werk „White Teeth“ („Zähne zeigen“) in der Tasche. Heute lebt Zadie Smith mit Ihrem Ehemann, dem Dichter Nick Laird, und zwei Kindern in New York City und in London. Seit 2010 ist sie ordentliche Professorin an der New York University und lehrt Kreatives Schreiben. Außerdem publiziert sie Artikel und Buchrezensionen unter anderem für „Harper’s Magazine“. Alle ihre Romane handeln von Herkunft, Migration, sozialem Aufstieg und Exklusion, sowie der Rolle, die Bildung dabei spielt.

Zähne zeigen
Korrekt müsste „White Teeth“ ja mit "Weiße Zähne" übersetzt werden, das würde verdeutlichen, um was es hier geht: um das nämlich, was alle Menschen gemeinsam haben, egal, woher sie kommen und wie sie aussehen. Magid und Millat sind die Söhne des bengalischen Kellners Samad Iqbal, der sie zu guten Muslimen erziehen will. Ihre Freundin Irie Jones hat eine jamaikanische Mutter, Clara, und einen englischen Vater, Archie. Ihre ganz normalen wahnsinnigen Geschichten werden mal witzig und mal trocken, und durchaus auch pathetisch erzählt: Archie will sich umbringen, Samad hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft, Clara flieht vor den Zeugen Jehovas, Magid wird nach Bangladesch geschickt, und Millat wird zum Islamisten.
"Mir ist klar geworden, dass die Generationen miteinander sprechen", sagt Samad eines Tages zu Archie. "Es ist keine Linie, das Leben ist keine Linie – ich spreche nicht vom Handlesen –, es ist ein Kreis, und sie sprechen zu uns." Und was erzählen sie? Dass eben keine der Figuren so ist, wie man sie erwarten würde. Dass London nicht so ist und England auch nicht. Dass Vorstellungen von historischem und kulturellem Erbe überholt sind.
Es sind große Themen, von denen Zadie Smith erzählt, aber meist kleine Leute. Es geht um Einwanderer aus Jamaika, um Einwanderer aus Indien, um weiße Engländer, denen es nicht gut geht, und um verkrachte nicht-weiße Engländer, denen es ebenfalls nicht gut geht. Es geht um die Verwirrungen der zweiten und dritten Einwanderergeneration, die mit der Anhäufung von Vergangenheit, mit den Verstopfungen der Gegenwart und den ganz normalen Schrecken der einsetzenden Pubertät zu kämpfen hat. Es geht um Religion, Fanatismus und eine kleine braune Gen-Maus, Zeugen Jehovas treten auf, radikale Muslime und radikale Tierschützer, und Zadie Smith schafft in diesem großen Roman eine Balance aus Tragik, Komik und eben auch Weisheit. Vom selbstmordwilligen Archie schwenkt der Taubenschwarm hinüber zur Fleischerei des dicken Mo Hussein-Ishmael, dessen Weltsicht sich in einem Satz zusammenfassen lässt: „Die Scheiße ist nicht die Scheiße, die Taube ist die Scheiße.”
Archie, der vor dem Selbstmordversuch in seinem alten, abgasgefüllten Cavalier Musketeer Estate, wie bei allen wichtigen Entscheidungen in seinem Leben, eine Münze geworfen hatte, stolpert wieder hinaus ins Leben, nachdem ihn Mo mit folgenden Worten vom angestrebten Ort seines Todes vertrieben hat: „Dieser Ort hier ist halal. Koscher, kapiert? Falls Sie hier sterben wollen, mein Freund, müssen Sie leider vorher erst ordentlich ausgeblutet werden.”
Es ist „früh am Morgen, Ende des Jahrhunderts”, genauer gesagt am 1. Januar 1975, und wer an diesem Tag noch lebt, der hat den Weltuntergang überstanden. Clara Bowden etwa, die bildschöne, zahnlose Tochter jamaikanischer Eltern, die wie ihre Mutter und die anderen Zeugen Jehovas eigentlich mit einem umfassenden Abschied an diesem Tag gerechnet hatte. Statt dessen trifft sie den nicht mehr ganz jungen Alfred Archibald Jones, eine etwas traurige Existenz, und die Geschichte nimmt ihren Lauf.
Und man überlässt sich überwältigt diesem Sog der kleinen Wahrheiten und der großen Lügen, den merkwürdigen Lebensläufen der Zwillinge Millat und Magid und lacht über die bösen Witze von Zadie Smith, kurz: man liest begeistert dieses großartige Buch,
Auch die Medien liebten die junge Autorin, als sie „Zähne zeigen“ im Jahr 2000 veröffentlichte., weil sie „jung, weiblich und schwarz“ war. Die literarisch interessierten Organe der öffentlichen Meinung freuten sich darüber, dass Zadie Smith lauter Eigenschaften in sich vereinte, die danach schrien, einen Hype um ihre Person in Szene zu setzen. Smith (weiblich, schwarz, jung, attraktiv, erfolgreich) spielte selbstbewusst mit, erschien zu ihren öffentlichen Auftritten mit Turban, selbst gedrehten Zigaretten und einer eckigen, schwarz umrandeten Brille. Doch sie liebte diese Rolle „Multikulturelle Schriftstellerin schöpft aus ihrem Erfahrungsschatz“ nicht wirklich. In Interviews beklagte sie sich, dass ihr der Hype um ihr Debüt eine vorübergehende Schreibblockade beschert habe. Und in einem damaligen Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ meinte sie: „Nur die schlechtesten Bücher basieren auf autobiografischer Erfahrung.“ Ihre nächsten Bücher hat sie dann tatsächlich über andere Themen geschrieben, doch dennoch steckt naturgemäß auch Autobiographisches dahinter.

Der Autogrammhändler
Nach ihrem umjubelten Debüt legte Zadie Smith mit „The Autograph Man“ („Der Autogrammhändler“) 2002 ihren zweiten Roman vor. Es geht darin um Erfolg – und um die große Leere einer Generation.
Im Mittelpunkt steht die Geschichte des 27-jährigen Alex-Li Tandem. Er hat sein Hobby aus Kindertagen zum Beruf gemacht und betreibt einen mäßig erfolgreichen Handel mit den Unterschriften lebender und toter Berühmtheiten. Es geht also um etwas, das Zadie Smith inzwischen selbst erlebt hat: Ruhm. Und deshalb prangt wohl auch auf dem Buchdeckel der englischen Ausgabe in goldenen Lettern: „Fame! I’m gonna live forever“.
Trotz dieser selbstironischen Attitüde ist „Der Autogrammhändler“ ein ambitioniertes Buch. Smith bezieht so komplexe Themen aufeinander wie: die postmoderne Dominanz des Zeichens über die Wirklichkeit, die Unfähigkeit der Fernsehgeneration zur Authentizität, Sinnsysteme wie die jüdische Kabbala und Buddhismus, die Funktion von Ritualen, Glaube und Götzendienst. Ständig durchkreuzen den Text Bilder, Witze in Kästchen, Sprechblasen, Gottesbäume der Kabbala und hebräische Schriftzeichen. Das erinnert die LeserInnen (im Idealfall) an die Zeichenhaftigkeit von Texten – und etwa auch an „Tristam Shandy“.
Alex, der Autogrammhändler, ist eines jener Kinder der Globalisierung, die bereits ihren ersten Roman bevölkerten. Er ist der Sohn eines Chinesen und einer englischen Jüdin. Während er eine sentimentale Vorliebe für chinesische Medizin kultiviert, lehnt er jüdische Traditionen ab. Seine kulturelle Identität bezieht er aus dem Fernsehen. Er lebt in einem Vorort Londons, hat eine wunderschöne schwarze Freundin, die er regelmäßig betrügt, und drei Freunde aus Kindertagen, die er regelmäßig verstört. Er ist ein jungenhafter Typ, dessen Charme sich durchaus in Grenzen hält. Er ist unfähig zur Loyalität in Freundschaften und unfähig zur Liebe. Er ist überwiegend mit sich selbst beschäftigt, neigt zu Selbstmitleid und seit vielen Jahren eine irrwitzige Ordnung der Dinge, welche die Welt (von Büroklammer bis Waldboden) in jüdisch und goi (nichtjüdisch) einteilt.
Seine kindliche Persönlichkeit geht auf eine Verwundung zurück, die nie geheilt ist: Als er zwölf Jahre alt war, starb sein über alles geliebter Vater. An die Stelle des verlorenen Vaters ist eine Obsession getreten: die Verehrung der obskuren Hollywooddiva Kitty Alexander aus den 50er jahren. In einem merkwürdigen Ritual schickt er ihr seit mehr als einem Jahrzehnt, Woche um Woche, einen Fanbrief – ohne jemals eine Antwort erhalten zu haben.
Zu Beginn des Romans gibt es einen Rückblick auf jenen Tag, an dem Alex’ Vater starb. Alex, sein Vater und zwei seiner Freunde waren gemeinsam zu einem Wrestlingkampf in die Albert Hall gefahren. Während Alex sich das erste Autogramm seines Lebens besorgt, bricht sein Vater in der Menge zusammen und stirbt.
Alex entstammt, wie man auf der ersten Seite erfährt, einer Generation, die dazu verdammt ist, unauthentisch zu sein. Er gehört zur Fernsehgeneration. In dieser Welt ist das eigene Leben die Zweitfassung des Films. Es gibt nichts, was unabhängig von Gesten, Bildern und Worten beobachtet werden kann, die aus Filmen stammen: Liebeserklärungen, Beileidsbekundungen, Saufgelage, Lebensentwürfe, New York, die eigene Identität. Wie soll man in dieser Welt der jederzeit frei verfügbaren Zeichen wissen, was wichtig ist und was nicht, fragt sich Alex mit Blick auf seinen Freund Adam. Adam, ein schwarzer Jude, hat sein Glück gefunden: in Gott. Alex staunt über die Verwandlungen seines Freundes, „der jeden Sommer von einer schlecht passenden ‚Identität‘ zur nächsten getaumelt ist; der Hippiephasen durchgemacht hat, Grunge, Kaffeehausgangster, Back to the Roots […], Afros, glatt gezogen, rastalockig, kahl geschoren, weite Jeans, knallenge Jeans, weiße Mädchen, schwarze Mädchen […] wie ist er von da nach hier gekommen?“.
Was ist Symbol, was ist Realität? Was ist echt, was ist ein Fake? So lauten die Fragen, die sein Leben verkomplizieren und das seiner Generation. Zadie Smith versucht in ihrem intelligenten Roman das Dilemma begreiflich zu machen und thematisiert ungeheuer intelligent und virtuos die Sinnsuche einer Generation.

Von der Schönheit
In „On Beauty“ (2005; „Von der Schönheit“), ihrem dritten Roman, erzählt sie aus der Perspektive von verschiedenen Familienmitglieder das Leben des Kunstgeschichtsprofessors Howard. Jede Figur hat ihren eigenen Charakter und ihre unverwechselbare Sicht auf die Welt. Die Figuren und ihre ständigen Alltagskämpfe tragen durchaus lächerliche und komische Züge, die jedoch niemals beißend-satirisch, sondern liebevoll-ironisch vorgeführt werden.
Warum der Roman „Von der Schönheit“ heißt, ist zunächst nicht unmittelbar einsichtig. Es tritt während des durchaus vergnüglichen Romans über den Kunstgeschichtsprofessor Howard Belsey und seine Familie immer deutlicher zutage, dass die zwei Jahre im Leben dieser Familie um das geheime Zentrum Schönheit kreisen. Schönheit meint dabei nicht nur körperliche oder Kunst-Schönheit, mit der sich alle irgendwie und irgendwann auseinandersetzen, sondern kann auch im übertragenen Sinne verstanden werden, als die Schönheit des Lebens/der Lebensgestaltung und der mitmenschlichen Beziehungen.
Der liberale und wissenschaftlich einigermaßen fortschrittliche Rembrandt-Spezialist Howard Belsey, ein weißer Engländer, arbeitet an einer US-amerikanischen Universität und kann seit vielen Jahren sein „großes“ Buch nicht beenden. Belsey hat einen Feind: den konservativen Kunsthistoriker Monty Kipps, der, ebenfalls Rembrandt-Spezialist, weit mehr Erfolg und Charisma hat als er selbst. Zu seinem Entsetzen findet sein ältester Sohn, der 20-jährige Jerome, nicht nur die ganze Familie Kipps großartig, sondern er verliebt sich in deren bildschöne Tochter Veronica. Und entdeckt auch noch das Christentum. Howards jüngster Sohn steckt mitten in der Pubertät, findet nur Rap schön und geht seine eigenen mysteriösen Wege. Seine Tochter Zora macht höchst erfolgreich Studentenpolitik und setzt sich sonst mit ihrer unerwiderten Verliebtheit in einen schönen jungen Straßendichter auseinander und mit ihrer eigenen mangelnden Schönheit.
Seine schwarze Frau Kiki schließlich, sehr übergewichtig und für ihn die schönste und erotischste aller Frauen, entdeckt, dass der physisch unattraktive Howard nach 30 Jahren treuer Ehe eine Affäre mit einer magersüchtigen gemeinsamen Bekannten hatte und geht radikal auf Abstand. Als dann noch Monty Kipps an seine Universität berufen wird, Kiki sich mit dessen Frau anfreundet und Montys vermeintlich so behütete Tochter Veronica sich als Nymphomanin entpuppt, die unter anderem auch ihn verführt und damit in eine höchst gefährliche Lage bringt, gerät Howards Leben komplett aus den Fugen.
Das alles könnte tragisch, düster oder satirisch sein. Tatsächlich liest es sich leicht und amüsant. Jede Perspektive kommt zu ihrem Recht, jede Figur hat ihren eigenen Charakter, ihre unverwechselbare Sicht auf die Welt und ihre ganz persönliche Redeweise. Generationenunterschiede, Geschlechtsunterschiede, Unterschiede der Hautfarbe und der sozialen Zugehörigkeit, das alles wird thematisiert, aber ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Die Figuren und ihre permanenten Alltagskämpfe tragen durchaus lächerliche und komische Züge.
Es ist eine Zeit des Umbruchs für alle Belseys, an deren Ende alles anders ist. Die Jungen finden ihre eigenen Wege, auch Kiki bricht zu neuen Horizonten auf, und Howard bleibt allein zurück. Doch: Nach Jahren der kritischen, rein intellektuellen Beschäftigung mit Rembrandt nimmt er erstmals die Schönheit von dessen Werk wahr. Er hat sein Vortragsmanuskript vergessen und lässt einfach die Dias der Gemälde durchlaufen, ohne ein Wort dazu zu sagen. Und die Bilder, endlich von allem intellektuell-verbalen Ballast befreit, sprechen für sich. So kann das Ende als endgültiges Scheitern gedeutet werden oder im Gegenteil als der Beginn des Neuen: einer Entdeckung der Schönheit.

London NW
Im Alter von 14 Jahren tauschte Sadie Smith in ihrem Vornamen das S gegen ein Z ein. Eine winzige kleine Änderung, die durchaus als Schlüssel zu ihrem vierten Buch, den Roman "NW“ (2012; London NW")taugt. Auch hier ändert eine der Hauptfiguren ihren Namen. Als Keisha geboren, nimmt eine schwarze angehende Anwältin während des Studiums den Namen Natalie an. Weil das womöglich "weißer", in jedem Fall aber mehr nach Mittelschicht klingt als nach der Sozialbausiedlung im Londoner Nordwesten, in der sie aufgewachsen ist.
Natalies beste Freundin, die weiße, bei einer Wohltätigkeitsorganisation beschäftigte Leah, verfolgt deren Neuerfindung als Karrierefrau mit einer Schwäche für teure Konsumartikel überaus wohlwollend. Trotzdem fragt sie sich, wie viel Keisha denn in Natalie steckt. Wie viel hat die Frau noch mit dem Mädchen zu tun, mit dem Leah einst über die erste Verliebtheit kicherte und sich schließlich zum Ende der Schulzeit über ein dummes Geburtstagsgeschenk zerstritt?
Neben Natalie und Leah nimmt sie noch die zwei schwarzen Männer Felix und Nathan in den Fokus. In der gleichen Hochhaussiedlung groß geworden wie die beiden Frauen, haben sie, anders als diese, kaum etwas aus ihrem Leben gemacht. Zumindest Felix will das ändern. Ihn begleitet das Buch an dem Tag, an dem er alle seine guten Vorsätze in die Tat umsetzen will. Hierzu besucht er seine Geliebte Annie, mit der er Schluss machen will, damit er sich endlich auf seine wirkliche Beziehung konzentrieren kann. Und dazu gehört auch der Verkauf eines Oldtimers an den verkaterten weißen Tom.
In dieser Szene verdichtet Smith virtuos auf knapp zwanzig Seiten die Begegnung zwischen dem abgeklärten Hustler Felix und dem verunsicherten Hipster Tom zu einem hochkomischen Einakter über Rassismus, Klassensystem und Coolness. Am Beginn des Romans springt Leah in ihrem Garten auf, um einer Trickbetrügerin die Tür zu öffnen, die Leahs Mitleid für Benachteiligte geschickt auszunutzen weiß und sie um einiges Geld erleichtert. Nach dieser desillusionierenden Begegnung fängt Leah an, an ihrer Menschenkenntnis und ihrem Vertrauen in das Viertel zu zweifeln, in dem sie seit ihrer Geburt wohnt. Was weiß sie überhaupt von den Menschen, die mit ihr in NW wohnen?
Antworten darauf finden sich folgend in den Perspektiven, die Smith von Leahs Haus aus auf das Viertel und die Stadt entwickelt. Kurz vor Schluss wird eine der Figuren das Viertel noch einmal sehr konzentriert zu Fuß durchschreiten, gewissermaßen wie ein Resümee des zuvor Angedeuteten und Erzählten. Wenn diese Figur ganz am Ende in Leahs Garten ankommt, findet sie einen Abschluss für ihre Geschichte, der so unangespannt und stimmig ist wie das ganze wahrlich wundervolle Buch. Zadie Smith fügt hier über 200 Abschnitte und Kapitel unterschiedlichster Länge zu einem faszinierenden Mosaik urbaner Biografien zusammen.

Swing Time
In ihrem 2016 erschienenen bislang letzten Roman „Swing Time“ merken Tracey und die namenlose Icherzählerin schon als sie sich zum ersten Mal im Ballettunterricht begegnen, wie viel sie gemeinsam haben: die Begeisterung für Musicals und fürs Tanzen, ihr Londoner Viertel, ihre Hautfarbe.
Tracey schafft es aus ihrem kaputten Elternhaus als Tänzerin, zweite Reihe, auf die Musicalbühne im Westend –  um  allerdings schnell wieder abzustürzen und mit zwei Kindern zurück in der Siedlung zu landen. Die namenlose Erzählerin mit sehr ambitionierter Mutter aus Jamaika, die Karriere macht bis hinauf zum Parlamentssitz, wird persönliche Assistentin eines Popstars, ist ständig zwischen New York, dem Senegal und London unterwegs, und obwohl ihr alle Glücksverheißungen des modernen Lebens zur Verfügung stehen, bleibt sie unglücklich, „eine Art Schatten“.
In Gambia lässt der Popstar Aimee, eine leicht ins Ökolager verschobene Madonna-Variante, „durchpulst von einer fast schon unglaublichen Jugendlichkeit“, eine Schule bauen, da es nun an der Zeit ist, die Probleme der Welt anzupacken. Und hier breitet Smith sehr unaufdringlich, aber deutlich das aus, was man über das Verhältnis von Afrika und Amerika, von Schnapsideen der Popwelt, uralten sozialen Zusammenhängen und den schleichenden Bedrohungen durch organisierte Religion, Korruption und Globalisierung wissen sollte.  Und über das Verhältnis von Hyperaktivismus und gähnender Leere in jenem Teil der Popwelt, wo man nur noch im Privatflugzeug unterwegs ist.
Aber auch die Welt Traceys kennt Zadie Smith, das Kleingeld, die Windeln, die billigeren Stepschuhe, vor allem  die sich hartnäckig haltenden Illusionen über die großen Möglichkeiten in der nicht allzu fernen Zukunft, gepaart mit den betäubenden Lügen, die aus dem kleinen Gangster-Vater, der über alle Berge ist, den Tänzer in der zweiten Reihe von Michaels Jackson „Thriller“-Video machen. Und sie weiß, wie Kindergeburtstage bei den Bessergestellten schmerzen, wenn du das Falsche anhast. Nicht weniger plastisch und plausibel gelingen ihr eine Reihe von schillernden Nebenfiguren, die beiden Mütter etwa, die mit ihrem so extrem unterschiedlichen Naturell und dem entsprechenden Hang zu Bier oder Bildung den Weg ihrer Kinder prägen; die Speichellecker, Profiteure und die Möchtegerns der Popwelt; die Macher, Manipulierer und die Verlierer (für Zadie Smith ganz eindeutig die Frauen) des modernen Afrika; oder Traceys Affäre aus der Musicaltruppe, ein alternder Tänzer, der sich wehmütig an die wilden Partys mit Francis Bacon in den Sixties erinnert, aber immer pünktlich zur Familie nach Hause muss. Tracey und die Erzählerin gleiten durch diese Welten, tanzend, swingend, letztendlich auch haltlos.
„Als ich dort in der leeren Halle stand und Whitney Houston zuhörte, wie sie ohne Musiker und ohne jede Verstärkung sang, musste ich feststellen, dass die schiere Schönheit dieser Stimme, diese gewaltige Portion Soul, dieser Schmerz, der darin mitklang, mir einfach an meinen bewussten Überzeugungen, meiner kritischen Intelligenz, meinem Sentimentalitätsempfinden und allem, was man sonst so noch meint, wenn man vom eigenen ,guten Geschmack‘ spricht, vorbei direkt ins Rückenmark drang, wo sie mir einen Muskel zerrte und mich komplett zerlegte.“ Die Sehnsucht nach diesen Momenten eint sie, Tracey, Aimee und wahrscheinlich auch Zadie Smith.

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