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Bücherschau

Benedict Wells - Zwischen Ausbruch und Aufbruch

Heimo Mürzl über Benedict Wells

Bogenberger/Diogenes Verlag

Benedict Wells erzählt in seinen Büchern von den prägenden Erfahrungen der Selbstfindung zwischen Zwängen, Erwartungen, Hoffnungen und Sehnsüchten.


„You can check out, but you can never leave the place.“ (The Eagles, „Hotel California“)


Wer kennt es nicht, das Gefühl, verstrickt zu sein in einem dichten Netzwerk aus Zwängen und Erwartungen, die in einen gesetzt werden? Dem entziehen kann man sich in den meisten Fällen nur durch Verweigerung oder radikale Veränderung. Und genau davon handeln die Bücher des deutsch-schweizerischen Schriftstellers – der Sohn einer Schweizerin und eines Deutschen besitzt beide Staatsbürgerschaften - Benedict Wells. Geboren 1984 in München verbrachte Benedict Wells seine Kindheit und Jugend in drei bayrischen Internaten. Nach dem Abitur 2003 zog er nach Berlin und entschied sich gegen ein Studium und für ein unsicheres Dasein als freier Autor. Mit diversen Gelegenheitsjobs hielt er sich über Wasser und widmete sich in erster Linie dem Schreiben. Gleich sein erster 2008 beim renommierten Diogenes Verlag veröffentlichter Roman „Becks letzter Sommer“ wird ein großer Erfolg – der Roman wird später auch mit Christian Ulmen in der Titelrolle verfilmt – und Wells wird danach nicht nur als erfolgversprechende literarische Aktie gehandelt, sondern gilt von da an als literarisches Jahrhunderttalent. Auch wenn diese Zuschreibung den marktschreierischen Gepflogenheiten des literarischen Marktes geschuldet ist – Benedict Wells gelingt in seinen Romanen ein virtuoses Spiel mit Fakten und Fiktionen und er versteht es, die Metamorphosen seiner Protagonisten lebensnah, glaubwürdig und vor allem mit einer heiteren Leichtigkeit in Szene zu setzen. Und was Wells besonders auszeichnet: Bei aller formalen Könnerschaft bleiben seine Romane nicht nur sehr gut lesbar – sie haben ihren ganz eigenen, leicht nostalgischen, aber nie sentimentalen Sound, der sich aus eigenen Erinnerungen und Erfahrungen speist, ohne das eigene Leben zu nah an das Erzählte heranzulassen. Zuviel Nähe würde den Romanen nicht guttun, meinte Wells selbst in einem Interview. Alles solle gut abgehangen und aus irgendwelchen Gründen wieder aktuell geworden sein. So weisen die Romane von Benedict Wells zwar autobiographische Züge auf – dennoch sind die Romanhelden in seinen Büchern nie Benedict Wells. Der Autor Benedict Wells ist ein virtuoser „Erinnerungskünstler“, dem es gelingt, diese besonderen, oft flüchtigen, stets aber funkelnden Momente zu bannen und in gut lesbare Literatur zu gießen.


BERUF UND BERUFUNG
Das Leben kennt keinen Plan und keine Ordnung, und man kann ihm nur mit einem gewissen Sinn für Unordnung zu Leibe rücken. Das erkennt auch der sensible, von der Welt und den Menschen enttäuschte, zeitweise vereinsamte Robert Beck. Der tragikomische Held in Benedict Wells` Debütroman „Becks letzter Sommer“ ist frustriert, weil es nichts mit der angestrebten Musikerkarriere wurde und ihn der Berufsalltag als Lehrer nur mehr langweilt. Als er aber mit dem siebzehnjährigen Rauli Kantas aus Litauen ein außergewöhnliches musikalisches Talent in seiner Klasse entdeckt, kehren Robert Becks Träume und Sehnsüchte wieder und er hofft, dass auch in seinem Leben viel mehr und ganz anderes möglich sein könnte und er sucht (s)einen Weg zwischen Beruf und Berufung. Beck will Rauli als Manager zur Seite stehen und zu einer großen Karriere verhelfen und so auch auf Umwegen seinen Traum vom glamourösen Musikerleben Realität werden lassen. Was folgt ist ein „magischer Sommer“, eine literarische tour de force, eine ebenso originelle wie gekonnte Verknüpfung von Entwicklungs- und Künstlerroman, Roadmovie und Adoleszenzstudie. Und immer wieder und nicht nur nebenbei geht es in diesem Roman auch um den Antagonismus von Kunst und Leben – den Widerspruch zwischen Kreativität und Effizienz, zwischen Möglichkeitsform und Funktionalität. Alle Romanfiguren sind auf dem spannenden und zugleich ungewissen Weg der Selbstfindung – neben dem so ungleichen Paar Robert Beck und Rauli Kantas auch noch der hünenhafte Deutsch-Afrikaner Charlie, Türsteher, Philosoph und Freund von Beck in Personalunion und die unglücklich in Beck verliebte Kellnerin Lara. Ein Road Trip nach Istanbul – reich an diversen Abenteuern und sogenannten Initiationsriten -  hilft ihnen dabei zu sich selbst zu finden. Auch wenn sie mitunter wo anders landen als vorher erträumt und das „Warum?“, wie so vieles andere im Leben ein ewiges Rätsel bleibt. Eine inspirierende Anmutung von Ausbruchs- und Aufbruchsstimmung durchzieht den Debütroman von Benedict Wells und garantiert neben Erkenntnisgewinn und Lesevergnügen vor allem auch eines: Der Leser erfährt bei der Lektüre viel, erstaunlich viel über sich selbst. Es ist immer wieder erstaunlich, wie kleine, mit Authentizität aufgeladene Geschichten über das Erwachsenwerden und die Selbstfindung stets aufs Neue zu begeistern vermögen. Neben Klassikern dieses Genres wie Carson McCullers „Das Mädchen Frankie“, J.D.Salingers „Der Fänger im Roggen“, Walker Percys „Der Idiot des Südens“, Richard Fords „Wildlife – Wild Leben“ und, jüngeren Datums, Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ sind auch Benedict Wells` Romane „Spinner“ und „Fast genial“ weitere Posten unter den literarisch anspruchsvolleren Adoleszenz- und Selbstfindungsstudien, die es zu verbuchen gilt – und das durchaus auf der Gewinnseite.


SUCHEN UND FINDEN
Die Romane „Spinner“ und „Fast genial“ sind literarisch weder innovativ noch besonders ambitioniert konstruiert und vermögen es dennoch den Leser mit großer Sogwirkung zur Lektüre zu verführen. Wohl auch deshalb, weil Wells auf virtuos-ausgeklügelte Weise mit dem literarischen Bauprinzip von Bildungs-, Entwicklungs- und Coming-of-Age-Romanen spielt und seine Geschichten mit unverwechselbaren Helden ausstattet. So entstehen betörende Werke, bei denen es auf den Plot, der ja nicht eben durch Originalität besticht, gar nicht so sehr ankommt, jedenfalls nicht allein und nur insofern, das die Handlung genug Möglichkeiten und Freiräume bietet, diese stimmungsvollen Geschichten vom Suchen und Finden zu erzählen – mit Bravour, Witz, Empathie und Verve. Benedict Wells schafft es auf gekonnte und nachgerade meisterliche Art und Weise, dem Leser die Welt durch die Augen seiner jungen Romanhelden sehen zu lassen. Mit all den Peinlichkeiten, Unzulänglichkeiten und Unwägbarkeiten die diese Zeit der Selbstfindung so intensiv, chaotisch und unverwechselbar machen, und all den Stimmungen, Gemütsbewegungen und Erregungen, die in dieser Zeit unvermittelter, unverstellter und stärker zu Tage treten. Es sind universelle Geschichten über das Erwachsenwerden, über das Suchen – nach Halt, Orientierung, Sinn, Freundschaft und Liebe – und das Finden – von sich und (s)einem Platz in der Welt.  Benedict Wells schaut den jungen Menschen beim Heranwachsen über die Schulter, hat das richtige Gespür dafür das zähe Ringen um Träume und Sehnsüchte in Literatur zu gießen und findet die passenden Worte für das Chaos und die Orientierungslosigkeit die die jungen Romanhelden umtreibt. Wells fängt die Zeit des Aus- und Aufbruchs, die nicht nur ahnen lässt, dass sich bald was ändert, glaubwürdig, berührend und authentisch ein und evoziert mit seinen lebensprallen Geschichten eine suggestive Kraft, die einen weiterlesen lässt – nicht allein weil man sich die Frage stellt, wie es mit den Romanprotagonisten wohl weitergehen wird, sondern weil man den liberalen Geist spürt, mit der hier existentielle Fragen und moralisches Handeln zur Disposition gestellt wird. Benedict Wells findet nicht nur die passenden Worte für die die Zeit des Erwachsenwerdens und die Jahre der Selbstfindung – er lässt auch seine Romanprotagonisten ausführlich selbst zu Wort kommen und sie sprechen eine authentische Sprache: renitent, gelegentlich stereotyp, bisweilen redundant, mitunter unverständlich (für ihr Umfeld), manchmal unsicher, stets aber leidenschaftlich, neugierig und auf eine sympathische Weise gewöhnlich. Was Jesper Lier, Protagonist in Wells` zweitem Roman „Spinner“ und den mittellosen Jungen aus dem Trailerpark, der in Wells´ drittem Roman „Fast genial“ auf der Suche nach seinem ihm nicht bekannten Vater eine Reise quer durch die USA antritt, trotz aller individuellen Unterschiede eint, ist das unbestimmte Gefühl, dass sie ihren Platz auf dieser Welt noch nicht gefunden haben. So machen sie sich auf die Suche: Während der gerade einmal zwanzigjährige Jesper Lier eine ebenso abenteuerliche wie erfahrungsreiche Odyssee durch Berlin antritt, macht sich der zwei Jahre jüngere Francis zusammen mit ein paar unkonventionellen Freunden in einem alten Chevrolet auf eine Reise quer durch die USA. Jesper auf der Suche nach Orientierung, Francis auf der Suche nach seinem angeblich genialen Vater und beide auf der Suche nach sich selbst. Mit „Spinner“ und „Fast genial“ sind Benedict Wells zwei Romane gelungen, die man in einem Lektüredurchgang lesen will und kann, ja mehr noch, lesen muss. Weil man erfahren möchte, wie ihre Geschichten weitergehen und wohin ihre Suche sie führen wird. Dieser ganz eigenständige, nie gestelzte, sondern erfrischend-authentische Tonfall seiner ersten drei Romane – die rohe und unpolierte, nicht zu Recht geschliffene Erzählsprache, weit entfernt vom Sprachduktus vieler erfolgreicher Vertreter diverser Schreib- und Dichterschulen, machte den unvergleichlichen Charme und unwiderstehlichen Reiz dieser Bücher aus – ging in seinem folgenden Erfolgsroman „Vom Ende der Einsamkeit“ leider ein wenig verloren. Trotzdem erhielt Wells für das ausgeklügelte, stil- und formbewusste und elegant-konstruierte Familiendrama den Literaturpreis der Europäischen Union.


ZUFALL ODER BESTIMMUNG
Der Großteil der Literaturkritiker war sich einig darin, Benedict Wells für seinen vierten Roman mit dem „Klassiker-Status“ auszuzeichnen. Diese Einschätzung war in erster Linie dem Umstand geschuldet, dass Wells in diesem Buch etwas mehr wollte, als eine gute und nachvollziehbare Geschichte geradlinig-realistisch und höchst amüsant zu erzählen. Es sollte dieses Mal ein brillanter mit geschliffenen Dialogen und schicksalshaften Wendungen ausgestatteter Entwicklungs- und Familienroman werden, der zugleich die großen philosophischen Lebensfragen beantwortet. Das Ziel bestand wohl darin, Form und Inhalt so zur Deckung zu bringen, dass man ohne zu übertreiben von großer und klassischer Kunst sprechen könnte. Der Roman beginnt damit, dass Jules Moreau nach einem schweren Motorradunfall im Koma liegt und nachdem er ins Leben zurückgekehrt ist, in Episoden seinen und den Lebensweg seiner Geschwister nachzeichnet. Nach einer gut behüteten und unbeschwerten Kindheit im Kreise einer geradezu vorbildhaft funktionierenden Großfamilie reißt ein tragisches Unglück – die Eltern der drei Geschwister sterben bei einem Autounfall – tiefe Spuren und nur langsam heilende Wunden. Die drei Waisen werden in einem Internat aufgenommen, aber getrennt untergebracht. Das gemeinsame Schicksal trennt sie mehr und mehr – was sie letztlich doch eint, ist die verzweifelte Suche nach familiärem Glück. Während Marty sich in die Arbeit vertieft und zum Start-Up-Millionär wird, versucht sich die bindungsscheue Individualistin Liz in pseudo-revolutionären Aktionen gegen das Establishment. Jules dagegen träumt von seinem Leben in der Vergangenheit, erträumt sich ein Leben mit seinen Eltern, vergisst dadurch fast auf die Gegenwart und erkennt erst sehr spät, dass seine Internatsfreundin Alva die Liebe seines Lebens ist. So gehen nicht nur die ungleichen Geschwister die meiste Zeit getrennt durchs Leben – auch Jules und Alva durchleben einen konstanten Wechsel aus Trennung und Vereinigung, Glück und Unglück, Überschwang und Traurigkeit. So überrascht es nicht, dass Jules Halt und Dauer sucht und danach fragt, ob es „Dinge in einem gäbe, die alles überstehen.“ Benedict Wells zeichnet seinen Ich-Erzähler als verkappten Philosophen, was nicht nur den Erzählfluss hemmt, sondern ein wenig aufgesetzt wirkt. Jules hat stets (pseudo)philosophische Fragen im Köcher – „Was wäre das Unveränderliche in dir? Das, was in jedem Leben gleichgeblieben wäre, egal, welchen Verlauf es genommen hätte?“, „Ist unser Leben Zufall oder Bestimmung?“ oder „In Wahrheit bin nur ich selbst der Architekt meiner Existenz.“ – und findet sein Glück erst am Romanende, als Lektor bei einem Münchner Verlag, eingebettet in das wiedergewonnene Vertrauen in den Zusammenhalt und die Geborgenheit unter seinen Geschwistern. Auch wenn manchmal das Bemühen von Benedict Wells einen „großen“ Roman zu schreiben gar offensichtlich durchscheint, ist „Vom Ende der Einsamkeit“ eine durchaus lesenswerte Geschichte über Familie, Liebe, Verlust und das, was die Zeit aus uns macht. Benedict Wells verfügt zweifellos über eine unverwechselbare literarische Stimme und findet in seinen sehr gut lesbaren Büchern fast immer den passenden Ton. Wobei ihm der durchgehend-authentische, erfrischend-unbekümmerte und dezent-anglophile Erzählstil wohl näher ist und leichter von der Hand geht.

 

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