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Bücherschau

Daniel Wisser - König der Löwen und der Berge

Christine Hoffer über Daniel Wisser

privat

Der Österreichische Buchpreis, den seit seiner Gründung 2016 arrivierte AutorInnen (Friederike Mayröcker und Eva Menasse) für Ihr Lebenswerk bekommen haben, wurde diesmal offenbar doch – der Namensgebung folgend – für ein Buch vergeben. Es sollte das beste österreichische Buch des letzten Jahres sein und die Jury entschied sich für den Roman „Königin der Berge“ von Daniel Wisser. Der einer breiteren Öffentlichkeit also eher unbekannte Daniel Wisser setzte sich mit seinem Buch also gegen so bekannte Kollegen wie Arno Geiger, Josef Winkler u.a. durch.

Der 1971 in Klagenfurt geborene Wisser wurde in Klagenfurt ist im Burgenland aufgewachsen und lebt seit 1989 in Wien, wo er ein Germanistikstudium begann und dann 18 Jahre lang als Softwareentwickler im IT-Bereich beruflich tätig war (unter anderem auch im BVÖ, dem Büchereiverband Österreich). Zusammen mit Thomas Pfeffer, Jürgen Plank und Florian Wisser bildet er das Erste Wiener Heimorgelorchester, das etliche Tonträger veröffentlicht und Musik für Film- und Theaterproduktionen komponiert und aufgeführt hat (u. a. für Peter Handkes „Untertagblues“ im Akademietheater). Seit einigen Jahren gibt er auch sporadisch die Literaturzeitschrift "DER PUDEL heraus.

Sein Debütroman "Dopplergasse acht" erschien 2003 im Klagenfurter Ritter Verlag (bekannt für experimentelle Texte). Es ist ein etwas skurriler Liebesroman um einen einsamen Mann, der von seinem Fenster aus seine Angebetene, die attraktive Ingrid, die er schon seit Jahren verehrt, die er aber bisher noch nie anzusprechen wagte, im Haus gegenüber beobachtet. Es ist Frühling, das Fenster kann wegen des milden Mailüfterls den ganzen Tag lang offen stehen, und die Herzen weiten sich ebenso. Doch der Beobachter, der wegen seiner Schüchternheit ein stiller Beobachter ist und sich nur im inneren, schrullig-witzigen Monolog ausdrücken kann, macht sich Sorgen um Ingrid, die ja noch nicht die "seine" ist. Sie wird nämlich, als sie mit dem Fahrrad, einen Korb in den Händen, nach Hause kommt, von einem zwielichtigen Typen abgepasst – ein Wolf im Schafspelz womöglich, der dem Rotkäppchen vielleicht schon im Stiegenhaus den Garaus macht. Jedenfalls malt er sich die schrecklichsten Dinge aus, nachdem sich die Tür hinter Mann und Mädchen geschlossen hat und die Ingrid da drüben so lange Zeit nicht mehr aus dem Fenster schaut. Und wie der Erzähler weiß, es wäre auch nicht das erste Mal, dass in der Dopplergasse ein Mord passiert. Das Ganze wird in diesem Buch, einem "Roman in 45 Strophen", von einem Ich-Erzähler, einem Menschen mit überaus angeregter Fantasie und Kombinationsvermögen, in Strophenform, flott rhythmisiert vorgetragen. Erster literarischer Ausdruck Daniel Wissers seiner Vorliebe für eine „Albernheit spezifisch wienerischer Manier".

Mit seinem zweiten Roman „Standby“ (2011) hat Daniel Wisser einen etwas anderen Büroroman geschrieben. Der Roman handelt von einem Mann, der als Teamleiter in einem Callcenter arbeitet. Seine Aufgabe liegt in der Überwachung des Reglements: Einhaltung der Arbeitszeiten, keine privaten Beziehungen, Sauberkeit der Tische – mechanisch und dienstbeflissen führt er diese Aufgaben aus. Selbst den Zufall teilt er in seinen Arbeitstag ein: akribisch achtet er darauf, morgens nicht zur immer gleichen Zeit die Stechuhr zu bedienen, sondern seine Ankunftszeiten minutenweise zu variieren. In die Martinis, die er sich abends mixt, gibt er genau drei Oliven. Was ihm fehlt, ist das, was man gemeinhin als Leben bezeichnet. Das Herz in seiner Brust scheint auch nur einer Arbeitsanweisung zu gehorchen.
„Standby“ beginnt mit dem Verlassen des Callcenters am Freitag Abend und endet mit einem privaten Anruf am Montag Vormittag. Die vier Kapitel des Romans sind nach den vier Tagen benannt: Freitag, Samstag, Sonntag, Montag. So etwas wie einen Höhepunkt in der Erzählung gibt es konsequenterweise nicht. Das Buch spielt in einem lustleeren Arbeits- und Alltagsgefüge zwischen Großraumbüro, Fernsehen und einer auf dem Sofa schlafenden Ehefrau. "Standby" heißt der Bereitschaftsdienst im Callcenter, mit einer Standby-Taste würde der Mann sich am liebsten in den "Wochenend-Modus" umschalten – schlafen, bis es endlich Montag ist. Ansonsten setzt Wissers Held in "Standby" nicht auf Verdrängung des Unangenehmen, sondern auf Bereinigung durch Konzentration, auf seine Frau zum Beispiel: "Zuerst hat er ihren Geburtstag vergessen, dann ihren Namen. Jetzt erkennt er sie nur noch daran, dass sie in derselben Wohnung lebt wie er." Der Mann ist einfach nur „der Mann“. Seine Ehefrau ist „die Frau“. Die Beziehungen zu anderen Frauen gestalten sich kaum inniger. Namentlich tauchen zwei Callcenter -Mitarbeiterinnen auf, Eva und Sabine. Mit einer von beiden ergibt sich eine sexuelle Handlung in einem Hinterhof, die in ihrer ganzen Künstlichkeit dem Verbot der privaten Beziehungen nicht zu widersprechen scheint. Sie ist genauso wie das Aufsetzen des Headsets am Morgen, eben nur ein Tool, das angewendet werden kann.
Der Roman ist eine Studie über die in unserer Zeit zunehmenden Unfähigkeit, Gefühle zuzulassen, von einem Zustand, der keine Krankheit, sondern ein in unserer Gesellschaft weit verbreitetes emotionales Defizit beschreibt.

Der 2013 erschienene Roman "Ein weißer Elefant" handelt nicht vom Burn Out, sondern vom Boreout. Burnout gilt als Modekrankheit unserer Zeit, aber es gibt auch das Gegenteil: Boreout. Der Begriff geht zurück auf eine 2007 erschienene Studie von Philippe Rothlin und Peter R. Werder: "Diagnose Boreout. Warum Unterforderung im Job krank macht".
"Die Vorgangsweise, jemandem ein Büro zu geben und ihm gleichzeitig jede Aufgabe zu entziehen, hat mich in ihren Bann gezogen", erklärte Wisser. "Das Thema ist zum einen literarisch unbesetzt und trifft zum anderen den Kern vieler literarischer Figuren: Sie können oder dürfen das nicht tun, was sie tun müssten oder sollten."
Im Buch sind es zwei Männer, die unter Boreout leiden. Das traurige Duo würde sich ja gerne nützlich machen. Von Montag bis Freitag haben die beiden den langen Arbeitstag lang jedoch nichts zu tun, als lediglich die Zeit abzusitzen. So beobachten sie eben vom Fenster aus eine Ampel und führen penibel Buch darüber, wie viele Autos es pro Grünphase über die Kreuzung schaffen. Die Rollen sind seltsam verteilt: Der eine schweigt, der andere monologisiert unentwegt. Erzählt wird die Geschichte allerdings vom "Schweiger", und allein durch diese Konstellation ergibt sich eine merkwürdige Grundsituation. Nicht immer ist sofort klar, wer eigentlich spricht. Individualität wird ersetzt durch Anonymität, noch dazu, da die beiden Männer einander nicht mit Namen anreden. Einer der beiden monologisiert unermüdlich: "Ich habe bewiesen, ich habe allen meinen Mitarbeitern bewiesen, dass man in zwölf Minuten Mittagessen kann. Und zwar ein dreigängiges Menü. Samt dem Weg hin und zurück macht das ziemlich genau achtzehn Minuten. Wenn also wieder einer zu Mittag weggeht und nach einer Dreiviertelstunde zurückkommt, dann kann er mir nicht erzählen, dass er essen war."
Der da spricht, ist Anfang 50, war einmal in leitender Funktion in der IT-Abteilung tätig und ist es gewohnt, schnell zu essen und viel zu arbeiten – nicht zuletzt deswegen, weil er drei Kinder zu versorgen hat und jede der drei Mütter im Glauben lassen will, sie wäre die Einzige.
Der Roman ist, nach „Standby“ eine weitere Bestandsaufnahme der modernen Arbeitswelt, von klassischer Entfremdung und Anonymisierung, eine bestechende Allegorie auf das moderne Arbeitsleben, noch präziser und schonungsloser.

Mit „Löwen in der Einöde“ legte Daniel Wisser vor einem Jahr einen wundersam arrangierten Provinzroman um die exemplarische Biografie eines Österreichers vor. Dabei sind die Löwen oder der Ortsteil "Einöde" gar nicht metaphorisch gemeint. Um den offenbar zumindest teilweise autobiografisch angehauchten zentralen Charakter Michael Braun (einen Beamten des Meldeamts) gruppiert sich ein kleine Gruppe von Protagonisten – und ein Kranz von gemeinsamen historischen Bezügen aus der Zeit seines Aufwachsens in den 1970er und 1980er Jahren: Die für das österreichische Fußballnationalteam geradezu traumatisierend erfolgreiche WM 1978 findet hier ebenso Platz wie markante Medienereignisse und politische Meilensteine, etwa die Abstimmung über die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf, die Entführung des Biermoguls Alfred Heineken, der Einsturz der Reichsbrücke, der tödliche Brunnensturz des italienischen Buben Alfredo Rampi oder der in einer Gefängniszelle 18 Tage lang vergessene Andreas Mihavecz, der nur dank der Kondensflüssigkeit an den Wänden überlebte.
Anhand dieser Beispiele entsteht so etwas wie eine biografische Klammer für die Hauptperson und eine Verortung des Gedächtnisses, die auf etwas Kollektives verweist. Das klingt nach mühsamer Lektüre. Doch Daniel Wisser weiß von Anfang bis zum Ende auf wunderbar bittere Weise zu unterhalten. Die Ironie bezieht der Text durch den Kontrast zwischen dramatischem Ereignis und lakonischer Schilderung oder durch das gekonnte Inszenieren von Missverständnissen. Und durch die nicht-lineare Erzählweise. Sie ist nicht nur achronologisch, weil sie retrospektiv ist, sondern weil sich die Zeitebenen immer wieder mischen. Das irritiert zunächst etwas, weil dem Leser nicht ganz klar wird, ob Michael nun mit Silvia oder Gudrun zusammen ist - bis man dieses einander Durchdringen der Zeitebenen diagnostiziert und auch das biografische Knäuel zu entwirren vermag. Diese Technik des Verwebens zeigt solcherart einprägsam und anschaulich, wie sich Dinge im Gedächtnis festsetzen, wie kollektives und subjektives Erinnern ineinandergreifen.
Von Roman zu Roman bleibt für Daniel Wisser jedenfalls die Veränderung: "Ich versuche, jedes Buch in einer ganz anderen Form und in einem ganz anderen Stil zu schreiben.
Am Hauptschauplatz von Wissers neuem Roman, für den er den Österreichischen Buchpreis erhielt, ist ein Wiener Pflegeheim. Der Leser lernt den sterbenskranken Herrn Turin kennen, der auf sein Recht pocht, seinem traurigem Leben als Multiple-Sklerose-Patient ein Ende zu setzen. Er will in die Schweiz, um dort die legale Freitodbegleitung in Anspruch zu nehmen. Doch seine Angehörigen und PflegerInnen wollen davon nichts wissen, preisen ihm das Leben an und versuchen gar, Zugriff auf sein Tablet zu erlangen, um seine Kontakte zu kontrollieren.
Wirkt Turins Wunsch zunächst verstörend, so kann man ihn mit fortschreitender Lektüre immer besser nachvollziehen.
Daniel Wisser nimmt die Tabus ins Visier, die in einer sich als liberal verstehenden Gesellschaft im Zusammenhang mit Sterbehilfe noch immer wirksam sind. Doch er vermeidet es, den moralischen Zeigefinger zu erheben und begegnet den durchaus polemischen Energien der politischen Korrektheit mit Ironie. Und hat hier eine nachgerade ideale Figur geschaffen: ein grantelndes, skeptisches, schrulliges und liebenswertes österreichisches Original.
Wisser hat das Pflegeheim, das hier zum Mikrokosmos der Vergänglichkeit wird, offenbar gründlich erforscht. Wie nebenbei erfahren wir Details über neurologische Erkrankungen und über die Menschen, die von ihnen betroffen sind. In dieser Atmosphäre der bedrückenden Stimmung im Pflegeheim, im Zustand des Elends einer tödlichen Krankheit glückt es ihm das Kunststück, einen ebenso treffsicheren wie experimentierfreudigen und unterhaltsamen Roman zu schreiben. So sorgen mitunter auch die inneren Dialoge des Patienten mit seinem längst verstorbenen Kater Dukakis, in denen sich die beiden über Geld, Whiskey und Frauen unterhalten, für Komik. Mit diesem Multiple-Sklerose-Roman „Königin der Berge“ (der Titel steht metaphorisch für die tödliche Krankheit) hat Daniel Wisser tatsächlich einen vergnüglichen Roman zum Thema Sterbebegleitung geschrieben.




 

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