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Bücherschau

Peter Henisch - Wie in einem Spiegelkabinett

Robert Leiner über Peter Henisch

© Willi Svoboda / Deuticke Verlag

Ihn interessieren vor allem „Menschen und Geschichten“, so meinte Peter Henisch einmal über seine Grundmotivation Schriftsteller zu sein. Das bezeugen sowohl seine zahlreichen realistischen Prosawerke um gesellschaftliche Randfiguren als auch jene Werke, die gekonnt Fiktion und Dokumentarisches verbinden. Für den heuer unglaubliche 75 Jahre alt gewordenen, in Wien 1943 geborenen Mitbegründer der Gruppe „Wespennest“ und der Musikgruppe „Wiener Fleisch & Blut“ waren die gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen auf den Einzelnen stets Impulse und Herausforderungen seiner Arbeit.
Schon in den „Vagabundengeschichten“ (1980) erzählt er vom „Baronkarl“, einem Wiener „Bezirksdiogenes“, der als Verweigerer ein positives Gegenbild zu Helmut Qualtingers „Herrn Karl“ darstellt, von Leo, dem Trinker, der in Wiener Szenelokalen für ein Glas Wein Gedichte erfindet, und von einem modernen Vagabundentrio, das nach Nestroyschem Vorbild sein Glück sucht. Diese Außenseiter sind keine Geächteten, sondern tragikomische Gestalten, die durch ihre unkonventionelle Art zu leben einer kompromissbereiten Gesellschaft den Spiegel vorhalten und – in dieser Funktion – akzeptiert werden. Auf Nestroysche Figuren bezieht sich Peter Henisch auch in seiner 1976 uraufgeführten, im Wiener Dialekt gehaltenen „Antiposse mit Gesang“ „Lumpazimoribundus“ sowie in der Erzählung „Kommt eh der Komet“ (1995). „Zeiten und Namen ändern sich, aber gewisse Konstellationen neigen dazu, sich zu wiederholen“, heißt es am Beginn dieser Erzählung, in der das „liederliche Kleeblatt“ nicht Leim, Knieriem und Zwirn, sondern Scheck, Glasl und Kuli gerufen werden. Die drei begegnen sich zufällig am Autobahnanschluss Ulm-Ost, werden vom Erzähler mit einem üppigen Lottogewinn ausgestattet und sehen sich plötzlich in die Lage versetzt, so zu leben, wie sie es immer ersehnt hatten. Doch schon Nestroy wusste, dass Reichtum nicht zwangsläufig zu Lebensglück und Zufriedenheit verhilft.

In etlichen Prosatexten von Peter Henisch sind persönliche Erfahrungen eingeflossen, doch in keinem seiner Werke bekennt er sich so offen zu seiner Person wie in seinem ersten und bekanntesten Roman „Die kleine Figur meines Vaters“ (1975, überarbeitete Neuauflage 1987). Es war eines der ersten Vaterbücher in der neueren deutschen Gegenwartsliteratur, in dem sich Henisch durch die Auseinandersetzung mit der politischen Vergangenheit des Vaters an seine eigene Identität heranzutasten versucht. Bemerkenswert dabei ist, dass er sich teilweise mit dem Vater identifiziert. Denn seine schriftstellerische Tätigkeit nährt sich aus einer ähnlich „brutalen Neugier“ wie die fotografische Arbeit des Vaters. Walter Henisch, der lange Zeit seine jüdische Herkunft verleugnen konnte, war zur Zeit des „Dritten Reiches“ ein bekannter Kriegsberichterstatter, der – an sich unpolitisch – nur vom Fotografieren besessen war. Nach dem Krieg arbeitete er als freier Pressefotograf, später bei der sozialdemokratischen „Arbeiterzeitung“. Der Text, der aus Tonbandaufzeichnungen mit dem kranken Vater, Gesprächen mit der Mutter und der Großmutter und aus der Beschäftigung mit dem bildnerischen Werk des Vaters entstanden ist, zeichnet die Annäherung nach, die sich während der gemeinsamen „Arbeit“ zwischen Vater und Sohn entwickelte. Die Rekonstruktion der väterlichen Vergangenheit wird schließlich Teil der Konfrontation mit der eigenen Person.
"Mit meinen Büchern bin ich nie fertig, schon gar nicht mit diesem", meint Peter Henisch im Vorwort zur zweiten Neuausgabe des Romans. Die Neuauflage hat eine Beigabe von etwa zwanzig Seiten mit Fotos von Walter Henisch sen. Die Auseinandersetzung mit der politischen Vergangenheit des Vaters ist auch heute noch, Jahrzehnte nach dem ersten Erscheinen, von packender Aktualität.
Das Thema Vergangenheitsbewältigung greift Peter Henisch, der den klassischen Außenseiter im Bild des Juden verkörpert sieht, in ganz anderer Form nochmals in dem 1988 erschienenen Roman „Steins Paranoia“ auf. Max Stein, 1945 in Kanada geboren, lebt seit der Rückkehr der jüdischen Familie seit 36 Jahren wieder in Wien. Auf eine – vermutlich – antisemitische Äußerung, die Stein in einer Trafik hört, erwidert er nichts. In diesem Versäumnis liegt der Auslöser seiner „Paranoia“: Er beginnt, sich schuldig zu fühlen. Die Vergangenheit, die Stein (auch) als Nachfahre der Opfer verdrängt hatte, holt ihn ein. Sensibel geworden, registriert er nun rassistische oder antisemitische Untertöne in den Äußerungen seiner Landsleute, die er früher, bewusst oder unbewusst, überhörte. Am Ende gilt er tatsächlich als pathologischer Fall: „Sicherlich gäbe sowohl die allgemeine Entwicklung der Welt als auch die besondere Österreichs […] zu einer gewissen Besorgnis Anlass. Doch sei ja das eben gerade das Pathologische: dass einer wie Stein in der Interpretation der Wirklichkeit entschieden zu weit gehe.“ Neben tagespolitischen Diskussionen, die in den Roman Eingang gefunden haben, entwirft Henisch eine „Topografie des Grauens“, d.h. er erinnert an Schauplätze nationalsozialistischer Untaten in Wien.

In dem Roman „Der Mai ist vorbei“ (1978) rekapituliert der Ich-Erzähler und der Schriftsteller Paul Grünzweig (beide tragen autobiografische Züge Peter Henischs) den Auf- und Ausbruchsversuch einer ganzen Generation: die Zeit der Studentenrevolte, die sich in der österreichischen bzw. Wiener Spielart vorwiegend auf das Experimentieren mit alternativen Lebensformen beschränkte. „Anderswo lagen die sozialen Gegensätze klarer auf der Hand, die sich daher eher zur Faust bildete […]. Aber wir in Wien, das manche für ein großes Altersheim hielten, […] wir in Österreich, eingelullt von einer Politik […], die noch dazu, eigentlich segensreich, funktionierte, was hatten denn wir?“, formuliert Grünzweig, der den Auftrag bekommen hat, „zehn Jahre danach“ einen authentischen Bericht über die 68er-Bewegung zu verfassen. Seine Recherchen und die Erinnerungsarbeit führen letztlich nur zu dem Ergebnis, dass viele seiner Generation politisch wie privat kläglich gescheitert sind. Peter Henisch verzichtet in dieser subjektiven Bestandsaufnahme auf eine kritische Analyse der Vorgänge, manche Begebenheiten entwickeln sich im Schwung des Erzählens zum Klischee. Einzelne Passagen verweisen etwa leicht verschlüsselt auf die Auseinandersetzungen in der Wiener Gruppe „Wespennest“, die im Roman den Namen „Bienenstich“ trägt.

Der Frage nach möglichen Lebensalternativen geht Peter Henisch in „Bali oder Swoboda steigt aus“ (1981) nach. In diesem Roman beschreibt er das individuelle Bemühen eines Lehrers, die von der Gesellschaft und scheinbaren Sachzwängen vorgegebenen Pfade zu verlassen. Der Protagonist (sein Name Swoboda bedeutet „Freiheit) verlässt die Familie, später die Freundin und gibt seinen Beruf auf, um einen Roman über Bali zu schreiben. „Es ging darin um einen Mann namens Franz, der sein Leben lang nach Bali reisen will, diesen Wunsch aber nach und nach verdrängt. Es ging um Wünsche und darum, wie sie zu Illusionen werden.“ Swobodas Leben wird auf mehreren Erzählebenen reflektiert. Schließlich macht sich der Lehrer tatsächlich nach Bali auf, doch als er nach wenigen Wochen zurückkehrt, hat seine Freundin sein Manuskript unter ihrem Namen bei einem Verlag untergebracht.
Die Figuren Henischs erschließen sich häufig durch Erinnerungen und Schilderungen ihrer fiktiven Freunde. So auch in dem modernen „Schelmenroman“ „Pepi Prohaska Prophet“ (1986), in dem der eher konservative Engelbert über den Werdegang des Nonkonformisten und selbsternannten Propheten Pepi Prohaska chronologisch berichtet. Pepi, der demselben Jahrgang wie der Autor angehört, ist eine exponierte, aber keine exotische Gestalt. Der dubiose messianische Weltverbesserer, der bald zahlreiche Anhänger gefunden hat, möchte am gesellschaftlichen und politischen Geschehen mitwirken, um mit Gleichgesinnten „ein unmittelbareres, ein ehrlicheres, ein einfacheres, ein vergnüglicheres“ Leben zu führen. Die Beschreibung seiner abenteuerlichen Aktionen und seiner privaten Geschichte ist verknüpft mit der kritischen Darstellung sozialer Wirklichkeit von der Nachkriegszeit bis in die Achtzigerjahre.

In „Hoffmanns Erzählungen. Aufzeichnungen eines verwirrten Germanisten“ (1983) hat sich Peter Henisch „erstmals ganz von der Gegenwart und lebenden Personen“, die ihn beeinflusst haben, entfernt. In dem Roman über E.T.A. Hoffmann geht es ihm nicht um literaturgeschichtliche Authentizität, sondern darum, das vermeintliche Hoffmann-Bild, das durch die gleichnamige Offenbach-Oper in der Öffentlichkeit vorherrscht, zurechtzurücken.
Parallel zu seiner Prosa verfasst Peter Henisch auch Gedichte und Lieder, die motivische und thematische Ähnlichkeiten zu den Erzähltexten aufweisen. Der Sammelband „Hamlet, Hiob, Heine“ (1989) enthält etwa elf Gedichtzyklen aus 20 Jahren, in denen sich Henisch, von seiner Umgebung ausgehend, übergeordneten Fragestellungen zuwendet. Wie der Titel andeutet, bezieht er sich auf klassische Traditionen. Durch den poetischen Einsatz der Alltagssprache, die er immer wieder mit literarischen Anspielungen verknüpft, entsteht eine „realistische“, engagierte Lyrik, die Henisch auch als Lieder vorträgt. Die anklagenden, melancholischen, zynischen und auch versöhnlichen Texte vergegenwärtigen die Suche des lyrischen Ichs nach einer inneren Behausung und den „versuch, die eigene identität zu finden“ („Hamlet bleibt“): „Dort, wo ich wohnen möchte / wohne ich nicht.“ Dem beklagenswerten Zustand der Welt zum Trotz, heißt es im „Epilog“ allerdings: „Aber justament / Nichtsdestoweniger / Trotzdem: / Wir hoffen aufs Überlieben / genau wie wir glauben / an die Auferstehung / des Laubes.“

Eine der Symbolgestalten der aufregenden Jahre der 68er-Generation beschwört Peter Henisch in seinem Roman „Morrisons Versteck“ (1991). Es ist eine fiktive Spurensuche über das Leben des einstigen Rockidols Jim Morrison. Darin erhält der Schriftsteller Paul einen geheimnisvollen Brief seiner Jugendliebe Petra aus den USA: sie habe Jim Morrison gefunden und er lebe! Paul wird zufällig zur selben Zeit auf eine Lesereise in die USA eingeladen und macht sich so auf die Suche nicht nur nach dem verschwundenen Jim Morrison, sondern auch nach Petra und seiner eigenen Jugend. Seine Suche führt ihn schließlich auch auf den Pariser Friedhof Pere-Lachaise, wo Morrison, vermutlich, begraben liegt. Der Roman wird so zu einer Reise durch die Staaten, wie Morrison sie erlebte, aber auch zu einer Reise durch das Paris der 70er Jahre und vor allem durch die Songtexte und Gedichte Jim Morrisons.
Henisch zitiert aus „The Celebration of the Lizard“, „Lords and the New Creatures“, „Far Aden“ und anderen Gedichtbänden und Songtexten Morrisons. Das Buch wird so zu einer interessanten Nachlese des Werkes von Morrison und Kenner werden die einzelnen Stellen leicht vom Romantext unterscheiden können. Peter Henisch ist übrigens auch ein Jahrgangskollege von Jim Morrison (1943). Auch wenn er an vielen Stellen dieses Romans abdriftet, verliert der Text doch nie an Spannung und Intensität. Denn in der Tat weist das Leben Morrisons und vor allem auch sein Tod einige Verwirrungen auf, denen Henischs Text eine neue Interpretation verleiht. So wird etwa Morrisons letzte Nacht in Paris, die vom 2. Juli 1971, seiner Todesnacht, im Detail nachgestellt und Henisch stellt verschiedene Vermutungen an, wie Morrison in jener von Oliver Stone in seinem Film über die Doors monumental dargestellten Badewanne in der Pariser Wohnung gelandet ist. Auch Pamela, die langzeitige Lebensgefährtin von Morrison, bekommt zur Genugtuung vieler Morrison-Fans ihr Fett ab. Schließlich war es aller Wahrscheinlichkeit sie, die das reine Heroin, mit der sich Morrison in jener Nacht aus Versehen umgebracht hatte, besorgt hatte und ihn nicht mehr retten konnte. Aber in Wirklichkeit, so legt Henisch in diesem Roman dar, lebt Jim Morrison ja noch, das Grab, davon überzeugt sich auch Paul in vorliegendem Roman, ist natürlich leer.

Der Entwicklungsroman „Schwarzer Peter“ (2000) zeichnet die Lehr- und Wanderjahre eines Wiener Jazz-Musikers nach. Hier fügte Peter Henisch in der Gestalt des Schwarzen Peters seinem Werk einen weiteren Außenseiter hinzu. Als Sohn einer Straßenbahnschaffnerin und eines schwarzen US-Besatzungssoldaten im Nachkriegswien geboren, verschlägt es den 30-Jährigen als Barpianisten nach New Orleans. 20 Jahre später kehrt er nach Wien zurück. Dem heimatlichen Gefühl an den Stätten der eigenen Kindheit steht die abweisende Haltung der Umwelt gegenüber, die ihn seiner Hautfarbe wegen als Ausländer einstuft.
Der Roman einer Selbstfindung beginnt mit der Einsicht, dass ein Kind durch Schaden klug wird, wenn der Schaden nur nicht allzu groß ist: In einer frühen Erinnerung hockt der Fünfjährige auf der Höhe der Erdberger Lände am Ufer des Donaukanals, um sein Holzschiffchen an einem Bindfaden stromabwärts treiben zu lassen. Weil aber der Bindfaden kein Bindfaden ist und richtige Hanfschnüre in den kargen Jahren nach dem Krieg eine Seltenheit sind, weicht der Papierspagat im Wasser auf und das Schiffchen "an dem meine Seele hing", treibt, für das Auge kleiner und kleiner werdend, flussabwärts davon. Die robuste Mutter, "eine ausgesprochen fesche Frau in ihrer tailliert geschnittenen Schaffnerinnenuniform", die das verweinte Kind nach der Heimkehr mit dem Hinweis zu trösten sucht, dass das verlorene Spielzeug unterwegs ins Schwarze Meer sei, gibt ihr Bestes. Aber sie kann den Vater nicht ersetzen, der in der Lage gewesen wäre, ihm die Welt und die Wasserempfindlichkeit von Papierfäden zu erklären. Und die vorübergehenden so genannten Onkel verfügen nicht über den Schlüssel zum Herzen des spröden Kindes. Nach der heiligen Kommunion und als Folge des 1955 unterzeichneten Staatsvertrages kehren die letzten Kriegsgefangenen aus den russischen Lagern zurück. Unter ihnen ein ausgemergelter Mann namens Ferdl, der plötzlich in der Tür steht, mit offenem Mund den in seinem Nest untergeschlüpften dunkelgefiederten Kuckuck bestaunt, und behauptet, der Mann seiner Mutter zu sein.
Ferdl kommt und bleibt und weil der Krieg ihn dünnhäutig hat werden lassen, nähert er sich dem personifizierten Fehltritt seiner Ehefrau mit einer Bedächtigkeit und Behutsamkeit, die ihm eben jenes Maß an Anerkennung und Liebe einträgt, das er dem „Murl“ zu geben vermag. Aus der kurzen Spanne, die den beiden zur Verfügung steht, schöpft der Junge alles, was er für sein Leben braucht: Mut, Augenmaß und vor allem eine filigrane Technik der Ballführung, die ihm später den Ruf einer "schwarzen Perle" in der Jugendabteilung des Erstligisten Admira Wien eintragen wird.
Der Wahlvater Ferdinand, "in dessen grauen Augen eine Ferne war, aus der er niemals zurückfinden sollte", gerät in den Sog seines Kriegstraumas und ertränkt sich in der Donau, die am Tag des Leichenfundes für den streunenden Heranwachsenden den Rest ihrer legendären Bläue eingebüßt hat. Über 600 Seiten schmiedet sodann dieser "ziemlich weiße Neger" sein Glück, das ihm am Ende eine Existenz als Barpianist in New Orleans beschert.

Josef Urban, der Protagonist des 2005 erschienenen Romans „Die schwangere Madonna“ ist Produzent von "Hörbildern" beim ORF. Er erzählt seine Geschichte selbst, anfangs holprig, dann zunehmend flüssiger. Er schreibt eine Art Geständnis, das er an einen italienischen Kommissar richtet. Urban wurde in Monterchi verhaftet, direkt vor dem Fresko der "Madonna del Parto". Welcher Verdacht auf welches Verbrechen der Verhaftung zu Grunde liegt, erfährt der Leser allerdings vorerst nicht. Das Sparprogramm der österreichischen Regierung bringt Josefs Existenz ins Wanken. Immer wieder fließen kritische Äußerungen über die Auswirkungen einer neoliberalen Politik und einer globalisierten Welt in die Erzählung ein. Nach seiner Kündigung fährt er in einem gestohlenen Auto und ohne Führerschein nach Italien. Auf dem Rücksitz schläft, zuerst unbemerkt, die Schülerin Maria, die von ihrem Religionslehrer, dem Besitzer des Autos, schwanger ist. Indem sich Urban hinters Lenkrad klemmt, versucht er seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Denn nicht nur das Auto des Religionslehrers eignet sich Urban an, sondern auch dessen Identität – der Führerschein liegt im Handschuhfach bereit. In Florenz trifft das ungleiche Paar auf einen verführerischen Feuerschlucker und Globalisierungsgegner, der "für eine andere Welt" eintritt.
Für Josef Urban gerät alles durcheinander. Er weiß nicht, welcher Tag, ja nicht einmal mehr, welches Jahr ist. Es scheint, als überforderte ihn auch die ungeheure Vielfalt der Medien. Sein Bericht ist zwar ein schriftliches Dokument, aber es ist von anderen Medien durchwachsen. Immer wieder weisen Filme oder Musikstücke auf Geschehnisse voraus oder ergänzen sie. Schließlich bezieht sich der Titel nicht nur auf die Schülerin Maria, sondern auch auf Piero della Francescas Fresko der Madonna del Parto, das Fresko im kleinen toskanischen Ort Monterchi ist dann auch die letzte Station der Reise. Es ist ganz so, als würde die lebende Maria von diesem Bild ersetzt. Maria ist eine Art Leinwand, eine Projektionsfläche, nicht nur für Josef, sondern auch für den Fotografen Carlo, der täglich den Sonnenuntergang fotografiert. Als er Maria kennen lernt, fotografiert er nur mehr sie. Angebetet wie die Heilige Maria Mutter Gottes, stemmt sich die Schülerin allerdings gegen all die romantischen Zuschreibungen; schließlich ist sie eine profane und ganz reale 18-Jährige, die sich den Schwangerschaftstest aus der Apotheke holt und auf diese banale Weise von ihrer Empfängnis erfährt. Immer wieder durchkreuzt sie die Pläne ihrer Bewunderer, gängelt diese und entlarvt sie als Voyeure, die bloß ihre Ideen und Fantasien auf sie projizieren.

Den Vater des Wiener Schriftstellers Peter Henisch kennt manaus „Die kleine Figur meines Vaters“, die Mutter aus „Eine sehr kleine Frau“ (2007) und in „Suchbild mit Katze“ (2016) geht es um das Leben des kleinen Peter, Jahrgang 1943, im Wien der Nachkriegszeit. Aber um Memoiren geht es Henisch nicht. Der ruhige Fluss der Gedanken und Geschichten versetzt einen in eine schöne Melancholie und die Unschärfe der Erinnerung wird durch die Fakten aus der österreichischen Geschichte nur scheinbar ausgeglichen. Zweifel scheinen Henisch seit je angebracht, und so ist es schon zu Beginn nicht sicher, ob die große Frau mit dem Krug auf dem Kopf, die er angeblich am Meer sah, tatsächlich ein schwarzes Kleid trug.
Er erinnert sich nach Art des damals noch sehr kleinen Peter. Da taucht zum Beispiel Onkel Willi auf. Der ist aber erst 18, für den vielleicht Siebenjährigen aber schon ein strammer Typ aus der Erwachsenenwelt. Er hat sieben Schwestern und zwei Brüder. Trotzdem wird in der sehr kleinen Wohnung der Eltern noch ein sogenannter „Bettgeher“ auf einem tagsüber zusammengeklappten Feldbett untergebracht, weil man damals eben auch auf Kleingeld angewiesen war. Und die erste Freundin vom Mietshaus gegenüber? Als sie sich auf die Firmung vorbereitete, bekam sie Schuldgefühle wegen ihrer Petting-Übungen und beendete die Freundschaft. Und dies, während Peters Vater, der Fotograf, lukrativen schamlosen Motiven nachjagte. Der kleine Peter lernt früh, mit diesen Widersprüchen zu leben.
Die Wiener Vorstadtwelt wurde für ihn ein Sprungbrett ins Weite, nach Istanbul, Paris, New Orleans oder Italien. Die kurzen Einsprengsel darüber sind Querverweise auf Peter Henischs spätere Bücher, in denen er dem Popstar Jim Morrison zu begegnen versuchte oder Franz Kafka und Karl May. Für diesen schwärmte schon der kleine Peter, der von Anfang an Schriftsteller werden wollte. Einer der wichtigsten Orte in diesem Buch ist das Fenster. Das Fenster zum Hof, von wo er seine kleine Freundin beobachtet. Das Fenster zur Straße hin, auf der sich in wechselndem Licht das Leben abspielt. Das Fenster zur Welt in den Entwürfen seiner Bücher. Draußen das Leben, drinnen der beobachtende Dichter, der es in Reportagen der Erinnerung bewahrt.
Der kleine Peter, im Schulaufsatz danach befragt, was er einmal werden will, schreibt: „Ich würde gerne eine Katze sein.“ Denn an seiner Seite hat er eine schwarze Katze. Heißt sie Murr? Nein, so hieß sie bei E.T.A. Hoffmann. Murrli heißt sie und führt ihr Leben glückvoll an den bisweilen schwierigen Umständen des Einzelkindes in der Nachnazizeit vorbei. „Suchbild mit Katze“ ist tatsächlich ein dezent ironisches, überaus eindrucksvoll hingetuschtes Stück Leben.
Auch den Protagonisten seines bislang letzten Romans „Siebeneinhalb Leben“ kennen treue Henisch-Leser bereits. Er heißt Paul Spielmann, wie jener aus „Eine sehr kleine Frau“ und wie dieser weist er auch im neuen Roman große Gemeinsamkeiten mit seinem Autor auf. Spielmann ist Schriftsteller, schreibt an seiner Autobiographie, als ein Mann in sein Leben platzt, der behauptet, die Vorlage für die Hauptfigur eines seiner früheren Romane zu sein: Max Stein, aus „Steins Paranoia“. Dieser konfrontiert Spielmann mit seinem eigenen Schreiben und mit seiner Vergangenheit. Mit Stein und mit den autobiographischen Elementen von Spielmann/Henisch kommen der Gegenwarts- wie auch der zeitgeschichtliche Bezug in diesen Roman. Selbst die Paranoia kehrt wieder, aber diesmal bei Spielmann, der mehr und mehr von seiner Romanfigur/deren Doppelgänger unter Druck gesetzt wird. Vom Skurrilen gibt es in diesem Buch genug. Slapstickhaft gestaltet Henisch das merkwürdige Verhältnis des Schriftstellers zum Paranoiker Max Stein. Einer weicht dem anderen aus, und dennoch belauern sie sich durch die Büsche des Parks, und sehen sich einander außerdem ähnlich und sind wie ein Spiegel, so wie sich eben der Roman „Siebeneinhalb Leben“ im Roman „Steins Paranoia“ spiegelt. Vor lauter Anspielungen kommt man sich in diesem trickreichen Roman bald selbst wie in einem Spiegelkabinett vor.
In „Siebeneinhalb Leben“ weiß Peter Henisch wieder Gegenwart und jüngere Geschichte ebenso zu verbinden, wie er Fäden von anderen literarischen Werken aufnimmt und Fährten zu wieder anderen legt. Faktisches und Fiktionales ist gekonnt zu einem spielerischen, aber immer ernsthaften Miteinander verwoben. Keine schlechte Zwischenbilanz nach etwa fünfzig Jahren Schreibarbeit.



 

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