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Bücherschau

Baumgartner, Armin - Almabtreibung

Ein beunruhigender Blick in die österreichische Seele

In der neuen Buchveröffentlichung von Armin Baumgartner, 2014 mit dem Alois Vogel-Literaturpreis ausgezeichnet, verschlägt es den Protagonisten Schubert auf seiner Urlaubsreise in ein namenloses Dorf am Fuße des Irgendwas. Grund ist eine Panne an seinem Mercedes Benz 220/8, Baujahr 1968. Schubert ist eben erst mit einer frischen Rasierwunde im Gesicht vom Begräbnis seines Onkels zurückgekehrt, das ihn schon verstört, also zumindest beunruhigt hat. Denn er hat von der Tante ein Manuskript erhalten, das ihm der Onkel hinterlassen hat.
Dieses Manuskript berichtet vom Birkenlux, von Sitten und Gepflogenheiten der österreichischen Landbevölkerung und deren Verhaltensweisen. Schubert, der die Lektüre des Manuskripts jener von Tageszeitungen bevorzugt, wird selbst Zeuge von Eigenheiten und seltsamen Verhaltensweisen der Einheimischen jenes Bergdorfs am Fuße des Irgendwas.
Er findet barfüßige Spuren, die in den Wald führen, Knochen, die von Menschen stammen könnten, und ein ehemaliges Sägewerk, das zudem eine Wurstfabrik war, über dem die Schatten der Vergangenheit ruhen. Zudem wird er mit Stickdeckerln konfrontiert, die allerorts zu finden sind. Diese Stickdeckerl enthalten gestickte Sprüche, also Sinnsprüche, Zitate, Halbwahrheiten und Nonsens und sind neben selbstgebranntem Schnaps das Kulturgut des Dorfes. Beides ist in jedem Haushalt vorzufinden und man mag annehmen, dass sowohl der Schnaps als auch die Stickdeckerl primäre Hilfsmittel sind, die das Leben im Dorf erträglich machen.
„Nein, die Gesamtheit der kulturellen Eigenheiten erzeugt trotz ihrer Vielfalt ein gewissermaßen talumgreifendes Zusammengehörigkeitsgefühl, das alle in dem Tal lebenden Menschen und Tiere und Pflanzen gleichermaßen erfasst und nicht mehr auslässt und dabei die einen glücklich macht, die anderen widerstandsfähiger und die nächsten prächtiger. Dies äußert sich in der Musik, in der Tracht, in der Gangart und auch in der Architektur“ (S. 47).
Dieser Blick in die österreichische Seele, in die Methodik von Vergangenheitsbewältigung und Gegenwartsstarre, den Armin Baumgartner in „Almabtreibung“ gewährt, ist beunruhigend, manchmal verstörend, aber durchgehend klar formuliert. Jede noch so kleine Geschichte, die hier fast beiläufig passiert, fügt sich am Ende in ein großes Ganzes, das – wie das Finale des Protagonisten Schubert – nichts Gutes vermuten lässt. Ein gewaltiger Text, voller Donnergrollen und ungestümer Schonungslosigkeit, aber gleichzeitig zart und verletzlich mit feinen poetischen Bildern.
Rudolf Kraus

Baumgartner, Armin - Almabtreibung
Klagenfurt: Kitab 2014. 144 S. - br. : € 16,00 (DR)
ISBN 978-3-902878-32-8


 

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