Bücherschau

Stollberg-Rilinger, Barbara - Maria Theresia

Die Kaiserin in ihrer Zeit

Anlässlich des diesjährigen 300. Geburtstages Maria Theresias ist die habsburgische Ausnahmeerscheinung (wieder einmal) in das Zentrum der Geschichtsbetrachtung gerückt. Es gibt interessante Ausstellungen über sie und ihre Zeit, eine Reihe von lesenswerten Biographien ist erschienen. Keine Hagiographien, wie das jahrzehntelang üblich war, sondern vielfach Werke mit kritischen Betrachtungen und Urteilen. Unter diesen Werken ragt die umfangreiche Biographie der renommierten, preisgekrönten deutschen Historikerin durch ihre wissenschaftliche Exaktheit, ihre enorme Gestaltungskraft und ihre sprachliche Geschliffenheit deutlich heraus.
Barbara Stollberg-Rilinger beschäftigt sich in 15 Kapiteln eingehend mit der herkömmlichen Thematik: den Kriegen, die die Herrscherin führte oder zu führen gezwungen war, dem großen Reformwerk Maria Theresias in der Staatsverwaltung, der Justiz, der Heeresverwaltung. Sie setzt aber auch deutliche sozialpolitische und familiäre Akzente. Ihre Darstellung fußt auf zeitgenössischen Quellen: dem Briefverkehr mit ihren erwachsenen Kindern, dem Tagebuch ihres langjährigen Obersthofmeisters, Fürst Johann Joseph Khevenhüller, der Korrespondenz mit ihren Ratgebern. Auf die Lesbarkeit des Buches wirkt sich die Quellenbezüglichkeit überhaupt nicht aus. Sie verleiht ihm im Gegenteil höchste Authentizität.
Stollberg-Rilinger begegnet Maria Theresia mit Faktentreue, aber kritischer Distanz. Sie entkleidet die Herrscherin einiger Mythen, die im Lauf der Zeiten um sie gewoben wurden. So war sie keineswegs nur die liebende Landesmutter und Mutter, als die sie üblicherweise dargestellt wird. Wohl war sie auf das Wohl der Untertanen bedacht, doch hatte sie mit ihnen kaum je persönlichen Kontakt. Ihren eigenen Kindern war sie eine fürsorgliche, aber strenge Erzieherin. Ihre Töchter betrachtete sie wie Figuren auf dem Schachbrett der höfischen Diplomatie, mit den Söhnen, vor allem mit Joseph, kam sie nur schwer zurecht. Der Kronprinz hatte ein völlig anderes Herrschaftsverständnis als die auf Tradition pochende, weitgehend dem Barock verhaftete Mutter.
Auch das Bild von der Familienidylle am Wiener Kaiserhof ist eine schöne, unhistorische Mär. Das Verhältnis der großen Regentin zur katholischen Kirche war eben-falls widersprüchlich. Persönlich fromm, wenn nicht sogar bigott, verringerte sie die Zahl der kirchlichen Festtage, untersagte bestimmte Wallfahrten, hob den Jesuitenorden auf und unterwarf die Machtstellung der Kirche der Omnipotenz des Staates. Andersgläubigen gegenüber war sie bedingungslos intolerant. Die (Krypto-)Protestanten mussten auswandern, tausende Prager Juden innerhalb kurzer Zeit ihre Wohnstätten verlassen. Ihr schonungsloser Antisemitismus passte keineswegs in ihr christlich geprägtes Weltbild. Obwohl sie die Aufklärung als gottlose Modephilosophie und aus tiefstem Herzen verabscheute, hatte sie keine Skrupel, Aufklärer in ihre Dienste zu stellen und ihnen zu vertrauen. Maria Theresia war, wie das ganze Zeitalter, eine Persönlichkeit voller Widersprüche und redete in der Korrespondenz mit ihren Kindern mit gespaltener Zunge. So die Autorin.
Insgesamt ist das Buch eine großartige, gewichtige Biographie, die es verdient, aufmerksam gelesen zu werden.
Friedrich Weissensteiner

Stollberg-Rilinger, Barbara - Maria Theresia
Die Kaiserin in ihrer Zeit, Eine Biographie. München: Beck 2017. 1083 S. : zahlr. Ill. (farb.). - fest geb. : € 35,00 (BI)
ISBN 978-3-406-69748-7

 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur