Bücherschau

Willms, Johannes - Mirabeau

oder Die Morgenröte der Revolution

Graf Mirabeau war die bedeutendste Persönlichkeit in der Frühphase der Französischen Revolution. Er war körperlich wie geistig eine ungewöhnliche Erscheinung. Der auffallend großgewachsene, breitschultrige Mann mit seinem blatternarbigen Kopf und dem ungepuderten Haar fiel überall auf, wo er sich zeigte. Der Spross einer alten Adels-familie war geistreich, hoch intelligent und hatte eine fulminante Rednergabe. Mirabeau führte in jungen Jahren ein ausschweifendes Leben, das seinem Vater gründlich missfiel. Es kam zu einem Dauerzwist mit schwer wiegenden Folgen. Der alte Herr ließ seinen ungestümen Filius sogar ein paarmal in das Gefängnis werfen.
In Frankreich herrschte in den letzten Jahr-zehnten des 18. Jahrhunderts eine vorrevolutionäre Stimmung. König Ludwig XVI. war unfähig das Land zu regieren. Adel und Geistlichkeit, die beiden privilegierten Stände, besaßen riesige Ländereien, bezahlten aber keine Steuern. Die Mehrheit des Volkes, Bürger und Bauern, der sogenannte 3. Stand, waren nicht nur politisch machtlos. Mirabeau kämpfte mündlich und schriftlich gegen die vielen Ungerechtigkeiten. Zunächst erfolglos.
Seine Zeit kam, als der König eine Versammlung der Stände einberufen musste, die die Weichen für eine neue gesellschaftliche Neuordnung des Landes stellen sollte. Er wurde als Vertreter des 3. Standes in die Nationalversammlung gewählt und ergriff sogleich die Initiative. Im Gegensatz zu den meisten anderen Abgeordneten hatte er eine fixe Vorstellung davon, wie der Staat auf ein neues Fundament zu stellen sei. Mirabeau wollte die absolute Monarchie durch verschiedene Maßnahmen in eine konstitutionelle verändern und strebte für sich selbst einen Ministerposten an, den er aber nicht bekam. Er war ein reformatorisch gesinnter Monarchist. An den endlosen Debatten in der Volksvertretung beteiligte er sich bis zur totalen körperlichen Erschöpfung. Er starb völlig erschöpft im Alter von 42 Jahren im April 1791. Sein früher Tod hat ihn wahrscheinlich vor dem Fallbeil bewahrt.
Johannes Willms stellt das komplexe Geschehen der Zeit an Hand von zeitgenössischen Schilderungen, Briefen, Botschafterberichten und überlieferten Reden mit ungeheurer Akribie und immenser Detailverliebtheit dar. Die Lektüre seines tiefschürfenden Buches verlangt Konzentration und Sitzfleisch.
Friedrich Weissensteiner

Willms, Johannes - Mirabeau
oder Die Morgenröte der Revolution. München: Beck 2017. 396 S. : zahlr. Ill. - fest geb. : € 27,80 (BI)
ISBN 978-3-406-70498-7

 

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