Bücherschau

Deniz, Ali Cem - Yeni Türkiye. Die neue Türkei

Von Atatürk bis Erdogan

Der junge Autor dieses Buches ist 1988 in der Türkei geboren, aber in Österreich aufgewachsen und hat in Wien studiert. Als Redakteur der Zeitschrift Biber und des Rundfunksenders FM 4 versucht er die einfachen Gegensatzpaare „laizistisch – islamistisch“ oder“ modern – traditionell“ bei der Betrachtung des Wegs der Türkei durch eine differenziertere Betrachtungsweise zu ersetzen. Kritiker warfen ihm vor, er sei ein „eingefleischter Erdogan-Versteher“. der sich zu muslimisch-autoritären Entwicklungen in der Türkei kaum zu Wort gemeldet habe.
Eine Haltung verstehen, heißt allerdings nicht, sie vollständig zu billigen und wer die Massen von Menschen mit ihren Fahnen gesehen hat, die in der Folge des Putschversuches vom Sommer 2016 für ihr Idol Erdogan demonstriert haben, der wird jeden Beitrag zu einem vertieften Verständnis der neueren türkischen Geschichte befürworten. Und Cem Deniz leistet solche Beiträge.
Er lässt in seinem eher schmalen Buch wahre Fakten- und Personenlawinen auf den Leser los. Er berichtet beispielsweise über Reformen zu Ende des osmanischen Reiches, über den Abbau der privilegierten Rolle der Janitscharen. Er macht deutlich, wie sehr die Reformen Kemal Atatürks, etwa die Einführung der lateinischen Schrift (1928) oder des nicht-arabischen Gebetsrufs des Muezzins tief in die kulturellen Strukturen der Türkei eingriffen und auch nachhaltigen Widerstand provozierten. Cem Deniz traut sich auch, in der „Sache mit den Armeniern 1915“ das Wort Genozid zu verwenden.  Erfreulich ist sein offenes Bekenntnis zu den Lücken seiner Arbeit, etwa im wirtschaftlichen Bereich.
Ein hochinteressantes, aber anspruchsvolles Buch für Menschen mit vertieftem Interesse an der Türkei.
Robert Schediwy

Deniz, Ali Cem - Yeni Türkiye. Die neue Türkei
Von Atatürk bis Erdogan. Wien: Promedia 2016. 215 S. - kt. : € 17,90 (GP)
ISBN 978-3-85371-412-6

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